20. August 2016

Ava Miles: The Chocolate Garden

Nach der Scheidung von ihrem gewalttätigen Mann versucht Tammy Hollins, für sich und ihre beiden Kinder Rory und Annabelle den Weg in eine unbeschwerte Zukunft zu ebnen. Oberstes Ziel ist dabei, ihr Leben allein und unabhängig von der Männerwelt zu meistern. Die drei leben derzeit bei Tammys berühmten Bruder und seiner Frau, die alles tun, damit sich erstere wohl fühlen. Nichtsdestotrotz möchte die frisch Geschiedene möglichst rasch auf eigenen Füssen stehen und allein für sich und ihre Kinder sorgen.

Schritt um Schritt geht es vorwärts. Eine neue Frisur und neue Kleider unterstreichen den Wandel und die Wiedererlangung ihres Selbstwertgefühls erhält Aufschub, als die eben erfolgte Gründung eines eigenen kleinen Gartengestaltungsunternehmens überraschend erfolgreich anläuft. Auf dem riesigen Gelände, welches das Anwesen ihres Bruders umgibt, hat Tammy in den letzten Monaten verschiedene Beete angelegt, die anlässlich der Hochzeit ihres Bruders bei den Gästen auf grossen Gefallen stossen. Die junge Unternehmerin ergattert für „Visionary Gardening“ gleich ein paar viel versprechende Aufträge, einen davon von John Parker, einem der besten Freunde ihres Bruders.

Da wird eines Nachts ins Haus ihres Bruders eingebrochen, während dieser zusammen mit seiner Frau auf Tournee unterwegs und Tammy mit ihren Kindern alleine im Haus ist. Der siebenjährige Rory und seine jüngere Schwester Annabelle werden durch dieses nächtlichen Erlebnis schwer traumatisiert und können auch nicht begreifen, weshalb Rorys Hund schwer misshandelt worden ist. Annabelle beginnt wieder ins Bett zu nässen und beide Kinder leiden unter einem grossen Vertrauensverlust.

John Parker bietet den Dreien an, in sein Haus zu ziehen und hat schliesslich die Idee, die Anlage des im Rahmen der aktuellen von Tammy durchgeführten Gartenumgestaltung geplanten „Schokoladenblumen-Beets“ mit Pflanzen, die besonders nachts betörend stark nach Schokolade duften, mit einem magischen Märchen rund um Schokolade-Elfen zu verbinden. Die angestrebte Magie wirkt im Roman nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen.

Leider ist der Zauber aber nicht richtig auf die Sofagärtnerin übergesprungen. Rund um Bäume, Farne, Magnolien und farbenfrohen Beete waren mir die Charaktere ein bisschen zu vorbildlich. Die von ihnen zu meisternden Herausforderungen meistern sie mehrheitlich überaus vorbildlich und die Autorin berichtet sehr detailgetreu. Trotzdem wurde ich mit Tammy und ihren Lieben nicht richtig warm. Sie erscheinen mir zu überzeichnet, oft einfach zu perfekt. Vielleicht auch ganz einfach zu Amerikanisch? Sogar die eigentlich Mitleid verdienenden Kinder haben bei mir mit ihren altklugen Reaktionen immer wieder für Stirnrunzeln gesorgt. Die letzten Seiten, die schliesslich im erwarteten Ende einen Abschluss finden, haben mich dann noch ein wenig mit den vorherigen rund 350 Seiten versöhnt.



Ava Miles: 
The Chocolate Garden 
Eigenverlag, 2014

10. August 2016

Jim Crace: In Arkadien

Victors ganzes Leben hat sich rund um den Seifenmarkt abgespielt. Hat er als kleiner Junge die gekochten Eier seiner Tante auf dem Markt verkauft, kann er heute an seinem 80. Geburtstag auf ein ungewöhnliches und erfolgreiches Leben zurück- und vom 27. Stock seines Büros herab auf den städtischen Marktplatz blicken, der Teil seines Imperiums ist.

Zu den Eiern kamen schon bald einmal Früchte, Brot und Käse dazu. So hat sich Victor von ganz unten nach oben gearbeitet und verdient inzwischen in einer Viertelstunde den Wert eines Mittelklassewagens. Zu seinem Imperium gehören landwirtschaftliche Güter, Märkte, Firmenbeteiligungen und Büros. Trotz seinem immensen Reichtum ist er relativ bescheiden geblieben und seine Finanzberater versuchen schon lange vergeblich, seine Mittel gewinnbringender anzulegen. An seinem runden Geburtstag beschliesst er spontan, sein neues Lebensjahrzehnt mit einer neuen Aufgabe zu starten. Der alte offene Markt soll weichen und eine riesige Markthalle an seine Stelle treten. Damit erhält die Stadt ein modernes Zentrum und Victor kann dem "langen Victor" (so wird sein Hochhaus genannt) einen "kurzen Victor" zur Seite stellen.

Der hortikulturelle Anteil im Roman ist relativ bescheiden, wenn man von den Szenen absieht, die rund um das Gewächshaus auf dem Dach des 28stöckigen Gebäudes spielen, wo der alte Herr Blattläuse beobachtet und nicht ganz sicher ist, ob er die Pflanzen lieber mag oder die Insekten. Sogar einen Teich gibt es in luftiger Höhe, dessen Uferbepflanzung mit Sumpfdotterblumen und Schwertlilien gestaltet ist. Einen hölzernen Laubengang umschlingen Kletterhortensien, Geissblatt und wilder Wein. Victor will und braucht keine Familie und Freunde. Alle seine Probleme lassen sich - zumindest vermeintlich - mit Geld lösen und die zurückgezogene Lebensweise verhindert zwischenmenschliche Konflikte.

Der Roman ist in die vier Teile „Der Seifenmarkt“, „Milch und Honig“, „Victors Stadt“ und „Arkadien“ gegliedert und spielt in einer nicht genannten Stadt (oder ich habe den Namen überlesen). Die Geschichte erzählt die Entwicklung zur Grossstadt und wie Joseph mit dem Entscheid, sein Arkadien bauen zu lassen, in das Schicksal zweier Männer eingreift und deren Leben grundlegend verändert. Nämlich das seines Assistenten Rabe, der neben seinem eigentlichen Job den Händlern auf dem Markt regelmässig Honorare abknöpft, die in seinen eigenen Taschen fliessen, und das von Joseph, einem jungen Mann der sein Glück in der Stadt zu hoffen findet.



Jim Crace: 
In Arkadien 
Btb, 2000

1. August 2016

Zuletzt ausgelesen: Gisela Walitzek und Stephan Poost – Morderstedt

Die beiden Autoren Gisela Walitzek und Stephan Poost haben 2008 den Auftrag erhalten, die Bürger mit Newslettern auf die bevorstehende (inzwischen längst wieder geschlossene) Landesgartenschau nördlich von Hamburg einzustimmen. Daraus entwickelte sich ein Krimi-Blog und schliesslich das Buch "Morderstedt" mit dem Untertitel „Eine gartenschaurige Krimi-Groteske“.

Eigentlich dreht sich in diesem Buch alles rund um die seit Monaten verschwundene Ida Kasch und einen Campingstuhl. Ist die nicht besonders beliebte Frau tot oder ist sie einfach auf Reisen? Immerhin trudeln in unregelmässigen Abständen wiederholt Ansichtskarten mit ihrem Absender ein, auf welchen sie Grüsse als Landesgartenschaubotschafterin in die Heimat schickt.

Was passierte am 3. September 2010 am Ufer des Stadtparksees? Bekannt ist ein Streit um einen Campingstuhl - besetzt von der angeblich simulierenden Ida Kasch, die offensichtlich unter keinen Umständen bereit war, ihren Platz einem erkennbar gesundheitlich stark angeschlagenen älteren Herrn abzutreten. Monate später steht der gleiche Campingstuhl oder zumindest das gleiche Modell der Marke „Malträtö“ wieder am Stadtparksee und weckt in gewissen Personen Erinnerungen. Ein lokaler Journalist wittert die Chance, sich beruflich zu profilieren. Doch gibt es in Norderstedt überhaupt etwas aufzudecken und zu enthüllen?

Der Text ist geprägt von ständigem direktem Dialog mit dem Leser. Allerdings fand ich die vielen, sich oft wiederholenden Belehrungen mit der Zeit immer mühsamer. Hier ein paar Beispiele bzw. Zitate  aus der Lektüre:

  • „Wir möchten ja nicht unhöflich erscheinen, aber ..“
  • „Manche Fragen sind einfach zu gut, um sie mit einer dummen Antwort zu verderben.“
  • „Wir wissen ja nicht, wie Sie das sehen, aber wir halten das für eine …“
  • „Wir sagen es ja nur ungern, …“

Ebenfalls erwähnenswert ist der Wortwitz. Auch dafür zwei Zitate aus dem Buch:

  • "... Putzspur zieht sich durch Ämter und Polizeireviere" 
  • "... ich habe mich vielleicht etwas zu intensiv inspirieren lassen" (die nette Umschreibung für Plagiat, sprich das Klauen eine Artikels)
Mehr Informationen über die Projekte rund um „Morderstedt“ und eine Leseprobe finden sich hier.



Gisela Walitzek und Stephan Poost: 
Morderstedt – Das Beste vom Morden Kadera Verlag, 
2012/13

20. Juli 2016

Ali Mc Namara: The Little Flower Shop by the Sea

In der kleinen Stadt St. Felix an der Kornischen Küste hat Poppy Carmichael zusammen mit ihrem älteren Bruder als Kind immer wieder glückliche Ferien bei der Grossmutter verbracht, die jahrzehntelang den Blumenladen „The Daisy Chain“ geführt hat. Nach einem traumatischen Ereignis leidet die inzwischen dreissigjährige Poppy seit vielen Jahren an einer Blumenphobie und ist nie mehr nach Cornwall zurückgekehrt. Nun ist ihre geliebte Grossmutter gestorben und ausgerechnet Poppy mit ihrem Hass auf Blumen hat deren Laden geerbt.

Die junge Frau, die immer noch ihren Platz auf der Welt sucht, stammt aus einer Blumendynastie, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht, als ihre Urururgrossmutter auf dem Covent Garden Market Blumen verkauft hat. Verschiedene Carmichaels führen selber ein Blumengeschäft oder arbeiten für einen Floristen und alle Kinder tragen genau wie Poppy blumeninspirierte Namen. Sie selber hat sich nie fürs Familienbusiness interessiert. Doch nun muss ausgerechnet sie die Verantwortung für den ältesten familiären Blumenshop übernehmen. Einem Laden, der mit viel mehr Tradion behaftetet ist, als jene, welche von ihren Verwandten in New York, Amsterdam und Paris betrieben werden.

So findet sich die kratzbürstige und fast ausnahmslos schwarz gekleidete Poppy in St. Felix wieder und beabsichtigt, das Geschäft rasch möglichst zu verkaufen und wieder zu verschwinden. Wider Erwarten fühlt sie sich in St. Felix ganz wohl und wird auch von den meisten Bewohnern sehr wohlwollend aufgenommen. Insbesondere mit dem seit fünf Jahren verwitweten Blumenlieferanten Jack verbindet sie bald eine enge Freundschaft.

Poppies Mutter hat ihr die talentierte Floristin Amber aus New York zur Seite gestellt und mit Hilfe von etlichen Nachbarn renovieren die beiden Frauen den Blumenladen und planen die Wiedereröffnung. Eine Blumenphobie weckt keine Sympathien, wie es etwa eine Spinnenangst tut. Das weiss auch Poppy, und ist deshalb ständig darauf bedacht, die Floristik von sich fernzuhalten und sich um die anderen geschäftlichen Belange zu kümmern.

Poppies Grossmutter war für die magische Wirkung ihrer Blumensträusse weit herum bekannt. Als Poppy und Amber alte Notizbücher finden, experimentiert auch die junge Floristin mit der Magie der viktorianischen Blumensprache und bringt damit den Shop zum Florieren. Denn Amber verfügt über ein grosses florales Talent und kennt sich aus mit Blumen und deren Namen, Düften und Bedürfnissen.

Nach ungefähr hundert gelesenen Seiten erwartete ich eigentlich nicht mehr viel Überraschendes oder gar Tiefschürfendes in diesem Roman. Das Ende schien genau vorhersehbar. Letzteres ist auch wie erwartet eingetroffen, aber dazwischen hat sich dann doch noch allerlei Lesenswertes ereignet, so dass sich die Lektüre dann im Grossen und Ganzen doch noch gelohnt hat. So schleppt nicht nur Poppy eine schwere  Last mit sich herum, auch Amber hat eine schmerzliche Vergangenheit. Doch die beiden Frauen - die eine zum Pessimismus neigend, die andere ständig optimistisch - harmonieren gerade wegen ihren Unterschieden erstaunlich gut und auch der zum Erbe der Grossmutter gehörende Hund Basil mit seinen Bedürfnissen ist bald nicht mehr aus Poppies Alltag wegzudenken.

Die Kapitel sind nummeriert und jeweils einer Blume gewidmet:
- Daffodil – New Beginnings
- Camellia – My Destiny in Your Hands
- Columbinde – Desertion
- Heliotrope – Devoted Affection



Ali Mc Namara: 
The Little Flower Shop by the Sea 
Sphere / Little, Brown Book Group, 2015

10. Juli 2016

Ellen Jacobi: Frau Schick macht blau

Die fast 78jährige Frau Schick hat vieles erlebt im Laufe der Jahre. Aktuell muss sich die vife Witwe gegen ihre Entmündigung in der eigenen Firma wehren, von wo hartnäckig Gerüchte betreffend ihrem Geisteszustand gestreut werden. Klar ist sie zuweilen recht vergesslich, aber mit „Eselsbrücken“ kommt sie sehr gut zurecht, denn dement ist sie ganz sicher nicht.

Die vermögende Ostpreussin entstammt dem alten Adelsgeschlecht der von Toddens und ist mit dem britischen Königshaus verwandt. Ihren exzentrischen Vorfahren, die als Geister ihr Unwesen treiben und nachts im Keller herumtrippeln und seufzen, steht sie punkto leichter Überspanntheit wahrscheinlich in nichts nach. Sie liebt viele Menschen um sich und führt solche zusammen, die keine Ahnung zu haben scheinen, wie gut sie zusammenpassen. Ein wenig vermisst sie die täglichen Abenteuer, die sie kürzlich auf dem Jakobsweg erlebt hat, aber sie ahnt ja auch nicht, welche Aufregungen ihr bevorstehen…

Zunächst beginnt sie aber mal mit der Planung der Hochzeit von Nelly und Herberger, obwohl erstere noch gar nicht ja gesagt hat. Und dann erfährt sie, dass ihr die Kleingartenkolonie „Waldfrieden“ im Stadtwald gehört, in die eine Schneise gefräst werden soll. Seit fünf Jahren ist sie anscheinend die Besitzerin dieses unberührten Waldgeländes, ohne dass sie es realisiert hätte. Den Pächtern droht der Verlust ihrer geliebten Gärten und seltenen Pflanzen, Bienen und andere Tieren der ihres Lebensraumes.

Rasch stellt Frau Schick fest, dass die Welt gut bedient wäre, wenn alle Menschen Gärtner wären. Diese können zwar mürrisch und seltsam sein, aber sie sind nicht schlecht. Zwischen Rosenbögen und Tomatenpflanzen entlarvt die rüstige Dame Herzensdiebstähle, die als Verstösse gegen die Schrebergartenregeln getarnt sind, und es kann schon mal vorkommen, dass für eine gute Sache ein Schwindelanfall vorgetäuscht werden muss.

Kann der Exodus noch aufgehalten werden oder haben die prächtigen Rosen dieses Jahr zum letzten Mal geblüht, werden die Johannisbeeren nie reifen und die Apfelbäume umgesägt, bevor sie abgeerntet werden können? Dem Leser werden beiläufig Düngetipps auf den Weg mitgegeben und er liest vom Kampf für echte Bienen und Nistplätze. Die Autorin entschuldigt sich am Ende des Buches beim eigenen Garten für die Vernachlässigung während der Entstehung des Romans, womit auch geklärt ist, dass der hortikulturelle Hintergrund auf eigenen Erfahrungen beruht.

Weder die Handlung selber noch die Charaktere des Buches haben mir speziell gut gefallen. Beide erscheinen mir arg konstruiert und leider empfand ich die Lektüre auch nicht als besonders vergnüglich. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich den Vorgängertitel, auf den immer wieder hingewiesen wird, nicht gelesen habe („Frau Schick räumt auf“).



Ellen Jacobi: 
Frau Schick macht blau 
Bastei Lübbe, 2013

1. Juli 2016

Susan Senator: Dirt – A Story about Gardening, Mothering and Other Messy Business

Die Erzählung „Dirt“ gibt einen mehrmonatigen Einblick in das Leben einer vom Vater getrennt lebenden Familie. Die vierzigjährige Vorstadtmutter Emmy fühlt sich mit der Erziehung ihrer drei Jungs je länger je mehr überfordert und vermisst einen Partner, der sie zuverlässig unterstützt. Insbesondere ihr ältester Sohn Nick und sein Autismus beherrschen ihr Denken und Handeln praktisch ununterbrochen.

Nick mag scharfe Saucen, Chili, Bänder, Seifenblasen und Rasenmähen mit dem Handmäher. Mehr lässt sich über seine Vorlieben nicht sagen. Ein neuer Therapeut hat rasch einen guten Draht zu ihm und entdeckt Nicks grosses Interesse für orange Farben. Gleichzeitig reagiert Dan mit illegalem Drogenkonsum auf den Auszug des Vaters.

Immerhin hat die Familie auch Dank Emmys Teilzeitjob keine grösseren finanziellen Probleme. Anlässlich ihrer Tätigkeit als Maklerin lernt sie dann auch Will kennen. Der potentielle Hauskäufer flirtet mit ihr und Emmy fühlt sich zum ersten Mal seit Jahren wieder begehrt. Die Reaktion ihres Noch-Ehemannes Eric auf diese (noch) harmlose Bekanntschaft fällt unerwartet heftig aus und zeigt, dass auf seiner Seite immer noch grosse Gefühle im Spiel sind.

Im Garten kann Emmy abschalten und die Dinge aus der Distanz reflektieren. Während sie Gemüse aussät, jätet, Phlox und Rittersporn aufbindet oder pflanzt, träumt sie aber auch immer wieder von ihrem eigenen kleinen Gartenbetrieb, für den sie im übrigen schon längst einen Namen hat: „Garden of Eden“. Zwar hat sie einen Studienabschluss in Botanik, aber nach ihrer Heirat mit Eric und der Geburt ihrer drei mittlerweile fünfzehn, vierzehn und acht Jahre alten Söhne Nick, Henry und Dan, hat sie diese Idee nie weiterverfolgt. Ob der richtige Zeitpunkt nun gekommen oder zumindest in die Nähe gerückt ist?

Eine Baustelle nach der anderen muss angegangen werden, analog des Ablaufs der Jahreszeiten im Garten und der Kapitelüberschriften: „Late February – Frozen Ground“, „April – Preparing the Ground“, „June – Blooming“. Hortikulturell mit Unterstützung von Gartenbüchern mit Titeln wie „How to have an English Garden“ und „A Year of Perennials“; im Alltag helfen intensive Gespräche mit Eric, dessen Unterstützung immer wichtiger wird.



Susan Senator: 
Dirt – A Story about Gardening, Mothering and Other Messy Business 
Stellated Books, 2011

20. Juni 2016

Brigitte Janson: Winterapfelgarten

Nach über dreissig Jahren im gleichen Betrieb darf die einundfünfzigjährige Parfümerieverkäuferin Claudia von einem Tag auf den anderen keine Kundinnen mehr bedienen, obwohl sie die umsatzstärkste Mitarbeiterin ist. Der interne Stellenwechsel ist neben der Altersdiskiminierung mit einer empfindlichen Lohnkürzung verbunden. Claudia beendet spontan ihr Arbeitsverhältnis zwischen edlen Düften und Wunder versprechenden Crèmetiegeln, indem sie selber fristlos kündigt. Als sie sich noch etwas benommen von den Ereignissen mitten in Hamburg auf eine Bank setzt, liegt dort ein  gelbgrüner Apfel. Die gepflegte Frau veranschlagt den Kalorienwert und beisst hinein. Schon der erste Biss weckt Erinnerungen an ihre Kindheit, an Omas Obstgarten mit Äpfel-, Birnen – und Pflaumenbäumen und sie möchte unbedingt herausfinden, um welche Sorte es sich handelt. Aber auch als sie nur noch das Gehäuse in der Hand hält, fällt ihr nicht ein, woher sie diese Apfelsorte kennt.

Doch eigentlich hat Claudia genügend andere Probleme als über Apfelsorten nachzugrübeln. Sie ist auf Abruf mit einem italienischen Geschäftsmann liiert – führt also eine nicht ganz einfache Fernbeziehung. Ausserdem plagt sie permanent ein schlechtes Gewissen ihrer vierundzwanzigjährigen Tochter Jule gegenüber, die seit einem schweren Reitunfall ein verkürztes Bein und ständige Schmerzen hat. Claudia, die als alleinerziehende Mutter ihre Leben immer im Griff zu haben glaubte, schafft es einfach nicht ihrer Tochter neuen Lebensmut zu geben.

Um auf andere Gedanken zu kommen, überredet Claudia ihre Freundin Sara zu einem Ausflug ins Alte Land und entdeckt einen völlig heruntergekommenen Bauernhof mit zugehörigem alten Apfelgarten, der zu verkaufen ist. Ungeschnittene Bäume, Schlaglöcher, ein eingebrochenes Dach, blinde Fenster und Risse im Mauerwerk können sie nicht abschrecken. In einer weiteren spontanen Bauchentscheidung entscheidet sie sich, eine kleine Erbschaft für den Kauf des solide gebauten Hauses samt Apfelgarten einzusetzen.

Sie weiss inzwischen auch, dass es sich beim Kindheitserinnerungen weckenden Apfel um den Winterglockenapfel handelt, eine alte grüngelbe, säuerlich-erfrischend schmeckende Sorte, die nicht mehr angebaut wird, nach dem Pflücken im Oktober erst gelagert werden muss und erst ab Dezember geniessbar ist. Lassen sich hier ihre geheimen Träume von selber produzierter Naturkosmetik mit Äpfeln und Kräutern verwirklichen und wäre hier vielleicht sogar ein Neuanfang für Jule möglich? Der ehemalige angehende Star im deutschen Dressurreiten sieht nämlich keine lohnenswerte Zukunft mehr, hat die Physiotherapie abgebrochen und wird immer verbitterter. Was Jule beschäftigt, ist die Rettung des unfallverursachenden Pferdes Carina vor dem Schlachthof. Aber sie kriegt ja schon ihr verändertes Leben nicht auf die Reihe. Wie soll sie da einem Pferd helfen, das seine Leistung nicht mehr bringt?

Zusammen mit der frisch geschiedenen Sara macht sich Claudia voll Enthusiasmus an die Renovierung des alten Bauernhauses. Nicht alles läuft rund. Da gibt es etwa einen ruppigen Nachbarn, dem Claudia den Apfelgarten vor der Nase weggeschnappt hat und der nicht Müde wird, sie zum Weiterverkauf desselben zu überreden. Sara macht sich im Dorf bei den Frauen unbeliebt, weil sie hemmungslos mit allen einigermassen gut aussehenden Männern flirtet. Sie verdrängt damit ihre Unzufriedenheit, weil sie immer deutlicher merkt, dass sie nicht unschuldig an ihrer gescheiterten Ehe ist.

Mit der seit kurzem nach über vier Jahrzehnten Ehe verwitweten Elisabeth strandet eine gute Seele auf dem Apfelhof. Eigentlich möchte sie die Welt entdecken, doch ihr Auto bleibt schon bald nach dem Start in Hamburg vor Claudias Hof stehen und mit ihren Kochkünsten und ihrem Gespür für zwischenmenschliche Probleme ist sie schon bald unentbehrlich.

Ein einfühlsam geschriebener Frauenroman über vier völlig unterschiedliche Charaktere aus drei Generationen, die auf dem Apfelhof eine unkonventionelle Lebensgemeinschaft bilden, zu der bald auch etliche behinderte Tiere gehören. Natürlich sind Männergeschichten ebenfalls ein Thema, aber man erfährt auch ein wenig über Pomologie und Apfelsorten wie Vierländer Blutapfel, Finkenwerder Herbstprinz und den Altländer Pfannkuchenapfel.




Brigitte Janson: 
Winterapfelgarten 
List Taschenbuch/Ullstein Buchverlage, 2014

10. Juni 2016

Joyce and Jim Lavene: Lethal Lily - A Peggy Lee Garden Mystery

Privatdetektiv Harry Fletcher möchte den zwanzig Jahre zurückliegenden Tod seiner Frau Ann nochmals untersucht haben. Der Todesfall ist seinerzeit als Unfall ad acta gelegt worden. Zwar hat sich Ann dannzumal intensiv mit Heilpflanzen und Giften beschäftigt und hat auch selber mit Gift manipuliert, doch der Witwer glaubt weder an einen Selbstmord noch an einen Unfall. Da er seinerseits angeblich Informationen über den nie geklärten Tod von Peggy Lees erstem Ehemann John besitzt, wendet er sich an die umtriebige forensische Botanikerin und schlägt ihr ein Gegengeschäft vor. Hilft sie ihm, so hilft er ihr und vielleicht finden sich für die beiden schon lange zurückliegenden Todesfälle plausible und begründete Erklärungen.

Diesem verlockend erscheinenden Angebot kann Peggy nicht widerstehen, denn das ungelüftete Geheimnis um Johns Tod hängt nach wie vor wie ein dunkler Schatten über ihrem grundsätzlich glücklichen Leben. Die Zusammenarbeit von Peggy und Fletcher ist von kurzer Dauer, denn als der Detektiv eine Verabredung versäumt, findet die Botanikerin ihn tot in seiner Wohnung liegen. Die äusseren Umstände lassen die Expertin vermuten, dass er vergiftet worden ist.

Da sie nun von Seiten des Detektivs keine Hilfe mehr für den Zugriff auf die versprochenen Unterlagen, die in einem Lagerhaus aufbewahrt werden, erwarten kann, sucht sie nach einer anderen Möglichkeit Einblick in die Dokumente zu bekommen. Als Fletchers Nachlass aus dem Lager versteigert wird, bietet sie deshalb mit, muss sich aber geschlagen geben, als ein hartnäckiger Gegenbieter sie laufend übertrumpft und den Preis in die Höhe treibt.

Parallel mit der Ermittlung um den Mord an Harry Fletcher wird auch der Tod seiner Frau Ann nochmals neu aufgerollt und die Untersuchung der exhumierten Leiche bringt erstaunliche Ergebnisse an den Tag. Die angebliche Tote ist gar nicht diejenige, die im Sarg liegen sollte, und beide Todesfälle sind auf eine Vergiftung mit Convallatoxin aus Maiglöckchen zurückzuführen.

Obwohl Peggy sich auf die unmittelbar bevorstehende Geburt ihres ersten Enkelkind freut, verzichtet sie nicht darauf, ihre Nase in lebensgefährliche Angelegenheiten zu stecken und wird bereits ganz zu Beginn dieses Buches attackiert, als sie Hausfriedensbruch begeht. Doch die bald sechzig Jahre alte Frau liebt zwar ihre Tätigkeit in ihrem Blumengeschäft und den Kundenkontakt, aber die Pflanzenpflege allein genügt ihr nicht und keinesfalls möchte sie die Abwechslung missen, welche die forensische Botanik mit sich bringt.

Und so wird auch dieser Fall von der Polizei und dank ihrer tatkräftigen Mithilfe gelöst werden. Die vielen nach wie vor offen bleibenden Fragen rund um Johns Ableben lassen auf eine baldige Fortsetzung hoffen, in der bestimmt auch das aufkeimende Misstrauen zwischen Peggy und Steve er- und geklärt wird.  



Joyce and Jim Lavene: 
Lethal Lily 
Eigenverlag , 2014

1. Juni 2016

Valérie Gans: Lorraine und die Entdeckung des Glücks

Blumen sind schon seit längst vergangenen Kindertagen die Passion von Lorraine. Ihr Vater züchtet Rosen und hat seiner jüngeren Tochter die „Rousse de Lorraine“ gewidmet. Sie selber kultiviert sogar im Badezimmer Orchideen und Seerosen. Weder ihr Sohn noch ihre Tochter scheint dieses Gen geerbt zu haben. Seit ihrer Scheidung zieht Lorraine ihre beiden Kinder alleine gross und arbeitet im Blumenladen ihrer Freundin Maya. Besonders gefragt sind ihre Sträusse aus Duftpflanzen und Blumen aus dem Gemüsegarten. Dafür reisen nicht wenig Pariser durch die halbe Stadt. Nächstes Ziel der Anfang Vierzigerin ist das Monopol auf Brautsträusse. Und ein neuer Mann an ihrer Seite wäre auch nicht zu verachten, kommt sie doch im hektischen Alltag oft zu kurz.

Lorraines fünfzehnjähriger Sohn Bastien übernimmt immer häufiger selbständig Aufgaben im Haushalt. Die vierzehnjährige Schwester Louise und ihre schlechten Launen hält er mit Bestechungsversuchen in bar und in Form von Nutella in Grenzen. Richtig in seinem Element ist er, wenn er kochen kann. Während einer  Blumenauslieferung anlässlich einer Beerdigung glaubt Lorraine ihre Jugendliebe gesehen zu haben. Und tatsächlich steht einige Tage später Cyrille im Blumenladen. Hals über Kopf stürzt sich Lorraine in eine Affäre mit dem verheirateten Mann und Vater von drei Kindern, der kurz vor seinem Karrierehöhepunkt im Familienunternehmen seiner Frau steht.

Schon bald träumt Lorraine von einer gemeinsamen Zukunft. Doch wie meist lässt sie sich von der Ereignissen überrollen und ist auch ganz gut darin, Unangenehmes auszublenden. Cyrille denkt gar nicht daran, seine Frau zu verlassen, denn damit würde er kurz vor Erreichen seiner beruflichen Ziele alles, was ihm bisher wichtig war, aufs Spiel setzen. Die beiden frisch Verliebten haben sich zwar nach Jahrzehnten wieder gefunden, aber ihr diametral unterschiedliches Verhältnis zur Wahrheit ist kein Brückenbauer. Lügen sind aber nicht nur zwischen diesen zwei Protagonisten ein Thema. Da gibt es auch noch ein gut gehütetes Familiengeheimnis in Lorraines Elternhaus, das plötzlich aufgedeckt wird, und ihre Schwester lässt sich scheinbar willenlos von ihrem Partner zerstören, was unbedingt verhindert werden muss. Wenigstens kann sich die Blumenkünstlerin jederzeit auf ihre lebenskluge Freundin Maya verlassen, von der sie vorbehaltslos unterstützt wird und die auch Dinge aufs Tapet bringt, die Lorraine nicht hören will.

„Lorraine und die Entdeckung des Glücks“ beginnt wie ein leichter Liebesroman, dessen Ende vorprogrammiert ist. Die Autorin packt aber im Verlauf der Erzählung immer mehr Themen und Klischees herein und überlädt die Geschichte. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Lorraine und Cyrille ist durchaus nachvollziehbar und plausibel, aber das (zwar) überraschende Ende des Romans doch etwas übertrieben. Irgendwie passt auch der deutsche Titel nicht zum Buch (Original: Le bruit des silences).

Ein floraler Romanhintergrund ist noch lange kein Garant auf lesenswerte Lektüre. Blumiges kommt nämlich tatsächlich recht häufig vor. Da geht es etwa wiederholt um die in Belgien aufgestöberte alte Rose „Constance Printy“ oder neue Blumenbeete, die im Innenhof des Ladens angelegt werden dürfen, auf denen bald die Zutaten für raffinierte und zarte Sträusse wachsen. Und die Beschreibung der Familienferien in der Dordogne weckte in der Sofagärtnerin Erinnerungen an lange zurückliegende Kanu- und Veloferien in der Gegend.  



Valérie Gans: 
Lorraine und die Entdeckung des Glücks 
Diana Verlag, 2015

20. Mai 2016

Carolee Snyder: Herbal Blessings

Den Grundstein für ihre erfolgreiche Kräutergärtnerei hat Callie Gardener Franklin einst mit dem Kauf von verschiedenen Sämereien und der ersten Aufzucht von Kräutern und anderen Pflanzen, die sie auf Märkten verkauft hat, gelegt. Später ergänzte sie ihr Sortiment um aus Kräutern hergestellte Produkte und wagte schliesslich den Sprung in die Selbständigkeit. Mit dem Gartenroman „Herbal Blessing“ begleitet die Leserin Callie durch ihr turbulentes viertes Jahr als Eigentümerin und Geschäftsführerin der „Joyful Heart Herb Farm“.

Auch nach ihrer Heirat und den vielen Einschränkungen, wie etwa permanenten peniblen Sicherheitskontrollen, die das Leben mit einem Multimillionär anscheinend mit sich bringen, betreibt Callie weiterhin mit viel Freude ihre Kräuterfarm. Hunderte Duftkissen muss sie verkaufen, um eine einzige Stromrechnung bezahlen zu können. Nichtsdestotrotz bedeutet der jungen Frau die mit ihrer beruflichen Selbständigkeit hart erarbeitete finanzielle Unabhängigkeit mindestens so viel wie ihrem Mann seine riesigen Industriebetriebe - auch wenn die erzielten Umsätze nicht vergleichbar sind.

Kaum hat sich Callie von dem Anschlag auf ihr Leben und der daraus resultierenden Fehlgeburt etwas erholt, ist sie das Ziel einer gemeinen Verleumdungskampagne und ihr Name und ihre Gärtnerei sorgen wochenlang für negative Schlagzeilen, worauf die Umsätze völlig einbrechen. Als Konsequenz muss die Unternehmerin ihre Kosten drastisch reduzieren und kann weniger Personal beschäftigen. Auch ihre Freundin Lou Ann macht eine schwere Zeit durch. Sie verheimlicht ihre schwere Krebserkrankung und minimiert durch ihren Entscheid gegen eine Operation und für eine experimentelle Chemo ihre Chancen auf Genesung.

Das vierte Jahr bringt aber nicht nur Tiefschläge, sondern auch hortikulturelle und private Höhepunkte, zu denen auch eine Reise nach Paris mit Besuchen von Rosengärten und Monets Giverny gehört. Wie in den Vorgängertiteln wird nach jedem Monat und Kapitel eine Pflanze thematisiert, und die Autorin vermittelt Hintergrundwissen über Herkunft, Geschichte sowie Hinweise zu Pflege. Zu den portraitierten Gewächsen gehören Wacholder, Ingwer und Stevia. Der Zuckerersatz mit gegenwärtig grosser Nachfrage wurde in Kalifornien vor dem zweiten Weltkrieg in grossen Mengen angebaut. Nicht wegen des gleichen Zwecks wie heutzutage. Dannzumal waren die weissen Blüten eine beliebte Zugabe in Sträussen mit langstieligen roten Rosen.

Das Buch „Herbal Blessings“ gibt detaillierte Einblicke in das Führen einer Kräutergärtnerei im Ablauf eines Jahres mit Säen, Pikieren, Wässern, Pflege, Schädlingsbekämpfung und Verkaufen. Neben diesen alltäglichen Tätigkeiten gehören regelmässige Vorträge und Präsentationen zu Callies Aufgaben; sei dies im Rahmen von Messen und Märkten oder anlässlich von speziellen Gärtnerei-Events wie „Name the Puppies Contest“, „Fairy Day“, „Rose Day“, „Garlic Festival“, "Lavender Daze“, „Herbal First Aid-Workshop“ oder der „National Herb Week“. Callie verabschiedet sich auf Initiative und mit Unterstützung einer engagierten Angestellten von ihrer „Zettelwirtschaft“ und verlässt sich vermehrt auf EDV-Programme und sie staunt über die Wirkung von Social Media.

Die Autorin packt für meinen Geschmack übertrieben viel „Action“ in diese Garten-Novellen. Wieso eigentlich? Erscheint ihr der Alltag, der vermutlich ihren eigenen weitgehend widerspiegelt, zu wenig unterhaltsam? Zu der doch recht unglaubwürdigen Ansammlung von Unglücksfällen gehören dieses Mal zwei (oder besser 1 ½ Entführungen), die bereits erwähnten Verleumdungen, Internet-Stalking, Eingriff in die Computer durch Dritte, Diebstähle und ein schwerer Terroranschlag.

Gemäss Angaben im Vowort zur Publikation ist dies die letzte Folge aus der Herbal-Serie, in der im Anhang unter anderem Rezepte für einen "Hummingbird Cake", "Ribbon Cookies", "Calendula Cookies", "Anise Hyssop Cookies" und "Lavender-Lime Blueberry Bars" zu finden sind.

Die Autorin Carolee Snyder verschickt regelmässig ausführliche Newsletters mit Informationen rund um ihre eigene Herb Farm. Thema sind neben Neuigkeiten aus der Gärtnerei auch Gartenreisen und Rezepte. Falls die Gartenromane rund um Callie Gardener Franklin doch eine Fortsetzung erfahren sollten, wird dies auch auf diesem Weg zu erfahren sein.

Links zu den früheren Buchvorstellungen: "Herbal Beginnings", "Herbal Choices" und "Herbal Passions"



Carolee Snyder: 
Herbal Blessings – A Gardening Novel with Herbal Recipes 
Authorhouse, 2014

10. Mai 2016

Gabriele Diechler: Ein englischer Sommer

Die dreissigjährige Annett hat nach ihrem Rechtswissenschaftsstudium nicht auf eine sichere Juristenkarriere gesetzt, sondern eine Ausbildung als Mediatorin abgeschlossen und sich in Berlin selbständig gemacht. Als ihr Freund ihr endlich seine schon länger bekannten und unumstösslichen Pläne für ein Auslandsjahr eröffnet, soll sie sich begeistert anschliessen. Doch warum hat er sie nicht eingeweiht und stellt sie vor vollendete Tatsachen? Das Paar trennt sich noch am selben Abend. Damit ist ein schlechter Tag noch nicht zu Ende, denn Annett erfährt noch in der gleichen Nacht vom unerwarteten Tod ihrer geliebten Grossmutter Jetta.

Annett reist bereits am nächsten Tag nach Stow-on-the-Wold. In diesem englischen Städtchen in den Cotswolds hat Jetta seit Jahrzehnten ein gut gehendes kleines Hotel geführt. Neben der Organisiation der Beerdigung muss festgelegt werden, wie der Hotelbetrieb vorerst aufrecht erhalten werden kann. Die Hinterbliebenen wie auch die Angestellten gehen davon aus, dass Jettas Tochter (also Annetts Mutter) Anne das Hotel erbt und letztere leitet auch unmittelbar nach ihrer Ankunft in England erste Schritte ein, um das Haus samt Umschwung zu verkaufen.

Gemäss Testament erbt jedoch Annett das Hotel. In dieser überraschenden Tatsache widerspiegeln sich die schwierigen Familienverhältnisse. Jetta hatte ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Vater und auch die Beziehungen zwischen Jetta und ihrer Tochter Anne sowie jene zwischen Anne und Annett sind und waren schwierig, während sich Annett und Jetta immer sehr nahe gestanden sind. Anne fühlt sich übergangen, während Annett versucht, den Entscheid ihrer Grossmutter nachzuvollziehen. Gibt es allenfalls eine Möglichkeit, ihre Arbeit in Deutschland mit dem Hotelbetrieb in England zu kombinieren?

Jetta hat ihre Enkelin vor einiger Zeit gebeten, rasch möglichst nach England zu kommen, doch der Besuch hat nicht mehr stattgefunden. Beim Aufräumen findet Annett nun ein altes Tagebuch und stellt während der Lektüre fest, dass vieles, was sie über Jetta zu wissen glaubte, in Frage gestellt wird. Hat Jetta diese Zeilen je gelesen und wenn ja, warum hat sie nie darüber gesprochen?

In die Vorbereitungen zur Beerdigung mischt sich der bekannte Landschaftsarchitekt Edward Warrender ein, der unbedingt die Grabgestaltung übernehmen will. Wer ist dieser attraktive Mann, der schon als kleiner Junge den Duft von geschnittenem Gras und aufgeworfener Erde geliebt hat und welche Rolle hat er neben der gelungenen Umgestaltung des Innenhofs des Hotels in Jettas letzten Monaten gespielt?

Ein zweiter Erzählstrang führt immer wieder in die Vergangenheit. Die Autorin hat in diesem Roman die Problematik der gestohlenen Biografie der Kinder der Widerstandskämper im zweiten Weltkrieg und das Tabuthema Suizid eingearbeitet. Für Sofagärtnerinnen interessant ist der hortikulturelle Hintergrund rund um den Landschaftsarchitekten. Da gibt es etwa Probleme mit der Anordnung von Hecken im Rahmen eines Projekts, das Edward mit dem Gewinn einer europaweiten Ausschreibung für den Entwurf eines Labyrinths aus Buchsbaumhecken gewonnen hat, es werden Reportagen in Gartenzeitschriften erwartet, Rosen zurückgeschnitten und ein imposanter und Neid erweckender Dachgarten erwähnt.

Ein lesenswerter Roman mit zumeist sympathischen Charakteren, der Lust macht, das beschriebene Hotel selber zu entdecken, und trotz den ernsten Hintergrundthemen ein schöner Lesegenuss. Das Ende ist zwar wenig überraschend, aber durch die eingeschobenen Zeitsprünge wird die Spannung gehalten.



Gabriele Diechler: 
Ein englischer Sommer 
Insel Verlag, 2015

1. Mai 2016

Katharine Swartz: The Lost Garden

Der erste Weltkrieg ist seit ein paar Tagen vorbei und die Familie Sanderson wartet ungeduldig auf die Heimkehr des Sohnes und Bruders. Doch ein Telegramm macht alle Vorfreude und Hoffnungen zunichte – Walter ist just in den letzten Kriegstagen gefallen. Die ganze Familie trauert und auch die Rückkehr des künftigen Schwiegersohnes kann den tiefen Schmerz nur bedingt mildern. Besonders hart trifft Eleanor den Verlust ihres geliebten Bruders und sie hadert mit der Tatsache, dass nicht Walter statt der Schwager in spe heimkommen durfte.

Die spontane Eleanor, die häufig handelt ohne erst nachzudenken, ist kaum den Kinderschuhen entwachsen. Während den Kriegsjahren hat sie sich keine grossen Gedanken über das Leben nach den Feindseligkeiten gemacht. Sie ist einfach davon ausgegangen, dass der Alltag bald wieder so unbeschwert sein werde wie früher. Doch gar nichts ist mehr wie zuvor. Fast jede Familie hat Tote zu beklagen und jene Männer, die den Krieg körperlich mehr oder weniger unversehrt überlebt haben, sind wie ihr Schwager seelisch für immer gezeichnet. Als nach Monaten der Trauer ein neuer Frühling ins Land zieht, schlägt Eleanors Vater vor, sie solle zusammen mit einem angeheuerten Gärtner einen Erinnerungsgarten für den verstorbenen Bruder anlegen.

Die junge Frau hat bis anhin keine hortikulturelle Erfahrung, doch sie findet nicht nur eine Aufgabe, sie freundet sich auch mit Jack, dem jungen Gärtner, an. Die Zeiten und die Ansichten über Sitte und Moral ändern sich, doch auch nach dem Krieg ist eine Freundschaft geschweige denn eine Heirat der Vikarstochter mit einem ungelernten Gärtner gänzlich undenkbar und indiskutabel. Da spielt es auch keine Rolle, wenn Eleanor halt allein bleiben sollte, weil praktisch eine ganze Generation an jungen Männern ausgelöscht worden ist.

Im zweiten Erzählstrang übernimmt die siebenunddreissijährige Marin von einem Tag auf den andern die Verantwortung für ihre fünfzehnjährige Halbschwester Rebecca. Erstere hat zuletzt in Boston gelebt und in der IT-Branche gearbeitet. Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Vaters und dessen zweiter Frau, kehrt sie nach England zurück, um sich um die elternlose Rebecca zu kümmern, die ihr völlig fremd ist. Marins eigene Mutter ist an Krebs gestorben, als sie selber acht Jahre alt war und sie wurde danach von ihrem Vater in ein Internat abgeschoben. Da sie ihm die erzwungene Distanz nie verziehen hat, hat sich der Kontakt schon seit vielen Jahren auf ein Minimum beschränkt. Insofern ist sein Tod keine grosse Änderung in Marins Leben. Doch ihr macht zu schaffen, dass die Unstimmigkeiten zwischen ihr und ihrem Vater nun definitiv nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind.

Auf Wunsch von Rebecca ziehen die beiden Halbschwestern ziemlich spontan nach Goswell in West Cumberland, wo sie zusammen im Bouwer House einen Neuanfang wagen wollen. Als sie den verwilderten Garten durchstreifen, entdecken sie eine verschlossene Türe, hinter die sich Marin mit Hilfe des Gärtners Joss Zugang verschaftt. Überreste eines Gebäudes mitten im verlorenen Garten geben ein Rätsel auf. Als Marin zusätzlich auf ein altes Foto stösst, das in eben diesem Gartenteil aufgenommen worden ist und eine junge Frau mit Schmetterling zusammen mit einem Gärtner zeigt, macht sie es sich zur Aufgabe herauszufinden, wer die beiden waren und was es mit dem Gebäude auf sich hatte. Unterstützung findet sie auch hier bei Joss, während sie sich revanchiert, indem sie für dessen kleines Gartenbauunternehmen eine Homepage gestaltet und und mit ihm zusammen einen Blog zu führen beginnt, in dem sie über die Entdeckung und Entwicklung des wiedergefundenen Gartens berichten.

In zwei Erzählsträngen führt Katharine Swartz durch diesen einfühlsamen und alles andere als oberflächlichen Roman. Zwar sind die Zeiten, in denen die Protagonisten leben und gärtnern verschieden, aber die Figuren sind nicht nur örtlich durch etliche Parallelen verbunden. Da sind etwa in beiden Geschichten ungleiche Schwestern sowie Gärtner mit Geheimnissen zu finden und schwere Verluste sind zu verarbeiten. Die Funktion des nicht mehr vorhandenen Gebäudes in der Mitte des verlorenen Gartens entpuppt sich als nette und nicht vorhersehbare Idee der Autorin. Und um das Lesevergnügen perfekt abzurunden, entsprach das Ende des ersten Erzählstrangs erfreulicherweise nicht meinen Erwartungen und Prognosen!



Katharine Swartz: 
The Lost Garden 
Lion Fiction, 2015

20. April 2016

Andreas Laudan: Das Geflecht

Für eine Schulabschlussparty mit seinen Freunden hat sich Justin etwas Spezielles einfallen lassen. Er hat seinem Vater die Schlüssel für ein still gelegtes Bergwerk aus einer Schublade entwendet und sich so Zugang verschafft. Aus Spass wird schnelle bitterer Ernst, als zwei der vier jungen Leute in einen tiefen und dunklen Schacht abstürzen. Justin bleibt nichts Anderes übrig, als seinen Vater zu informieren. Dieser erinnert sich, dass die bekannte blinde Höhlenforscherin Tia Traveen zufälligerweise am selben Abend in der Nähe einen Vortrag gehalten hat und bittet sie um Hilfe.

Die siebenundzwanzigjährige Geologie- und Biochemiestudentin Tia Traveen ist seit einem Autounfall in ihrer Kindheit, bei welchem ihre Mutter ihr Leben verloren hat, blind. Ihre Sinnesorgane sind aussergewöhnlich ausgeprägt und sie findet unter Tag durch Gerüche, Echo, Gehör und vor allem die Sinneseindrücke, die sie über ihre Haut aufnimmt, ihren Weg. Gleichzeitig verfügt sie über ein enormes praktisches und theoretisches Wissen rund um Höhlen und deren unterirdische Bewohner, den Pflanzen, Tieren und Pilzen.

Justins Vater Jörn Bringshaus hat noch andere Gründe, die Geschehnisse im alten Bergwerk möglichst zu vertuschen, als die unmittelbaren Konsequenzen der unüberlegten Handlung seines Sohnes. Er erklärt sich einverstanden, dass sein Geschäftspartner Böttcher parallel zur verlaufenden Rettungsaktion unbemerkt einen Wassertank öffnet, um ein altes Geheimnis für immer geheim bleiben zu lassen. Doch die Rettung zieht sich länger hin, als zunächst gehofft werden konnte, und forciert durch den zusätzlichen Wasserzufluss stürzt der Schachteingang ein.

Zusammen mit Tia Traveen, ihrem Assistenten Leon und der in einem Felsspalt eingeklemmten Dana steckt auch Justin fest, der wieder in den Stollen gestiegen ist, um seine Freundin zu retten. Der vermeintlich relativ einfache Rückweg ist somit versperrt, und ausserdem droht die eingeklemmte Dana zu ertrinken, wenn sie nicht rasch möglichst aus ihrer gefährlichen Lage befreit werden kann. Es beginnt ein Rennen nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen einen skrupellosen Geschäftsmann, der sogar die Rettungskräfte in eine falsche Richtung lotst. Mangels Licht sind die die drei Sehenden in der Dunkelheit unbeholfener als Tia Traveen. Eine zusätzliche Herausforderung stellt ein Pilz dar, der die Höhle durchwuchert und rasant wächst rasant, auch auf Menschen. Gleichzeitig dient er aber auch als Wegweiser nach Draussen.

Vor dem Eingang des stillgelegten Bergwerks steht auch Carolin Frey, eine Lokaljournalistin mit hohem Anspruch an Würde, aber Mangel an nötigem Biss. Sie hat den Vortrag von Tia Traveen persönlich verfolgt und ist auf dem Heimweg auf Geheiss ihres Vorgesetzten den Blaulichtern der Feuerwehr gefolgt und vor dem Stolleneingang wieder auf Tia gestossen. Bruchstücke von Funksprüchen veranlassen sie, nach Pilzen zu recherchieren.

Die über 350 Seiten des Thrillers spielen sich mehrheitlich in wenigen Stunden ab. Stunden, in denen sich das Leben der beteiligten Personen für immer verändert. Die hyperängstliche Dana, die nichts mehr fürchtet als Dunkelheit, lernt ihre Stärken kennen, Jörn Bringshaus macht reinen Tisch und auch Leon findet endlich den Mut, zu seinen Gefühlen zu stehen und über allen schwebt ein gesundheitliches Risiko.

Der Autor beschreibt die Szenen dermassen detailliert, dass man sich das Geschehen deutlich vorstellen kann. Unterstützt wurde mein Vorstellungsvermögen durch den letztjährigen Besuch im ebenfalls stillgelegten Röhrigschacht in der Rosenstadt Sangerhausen. Dort sind wir zwar keinen Fässern mit dreieckigen Gefahrensymbolen und anderen schauerlichen Dingen begegnet, aber spannend war es trotzdem.

Der Roman hat nicht nur ein beeindruckendes Cover, das mich hauptsächlich zum Kauf animiert hat, er ist vor allem sehr spannend geschrieben, obwohl mich die an einem Helfersyndrom leidende Tia etwas gar perfekt dünkt, und vermittelt auch einiges Wissen rund um Pilze. Wie etwa die Information über ein Exemplar in einem amerikanischen Nationalpark, dessen Myzel etwa neun Quadratkilometer Waldboden durchzieht, 500 Tonnen schwer und mindestens 2000 Jahre alt ist sowie interessante Zeilen über strahlenabsorbierende Pilze.



Andreas Laudan: 
Das Geflecht 
Rowohlt Taschenbuch-Verlag, 2012

10. April 2016

Patsy Collins: Up the Garden Path – Short Stories

„Up the Garden Path“ ist eine Kollektion von vierundzwanzig Kurzgeschichten rund um den Garten – mal überraschend, mal herzerwärmend, mal amüsant.

Hier eine Auswahl aus dem Inhaltsverzeichnis:
- Going Green
- Winter Damage
- Blooming Talent
- Flowers for Milly
- Nice Weather for it
- Strawberry Jam

Da geht es etwa um einen Baum und eine Frau, die parallel eine schwere Zeit durchmachen. Im selben Sturm, in dem ihr Mann bei einem Unfall ums Leben kam, wurde der stolze Baum schwer beschädigt. Für Mensch und Baum gibt es eine Zukunft: die Frau bemerkt ihre Schwangerschaft und gleichzeitig treibt der Baum wieder aus. Eine andere junge und einsame Frau findet nach einer grossen Enttäuschung einen neuen Lebensinhalt in einem Schrebergarten, den sie gar nicht mehr will, und eine dritte Frau entscheidet sich für die erfolgreiche Selbständigkeit, nachdem ihr Vorgesetzter einfach immer alles besser zu wissen glaubt. Zwei andere Frauen, die beide den gleichen Mann lieben, finden durch den Garten (endlich) ein gemeinsames Interesse, als sich die Schwiegertochter durchs Paradies ihrer Schwiegermutter führen lässt.

Eine Mutter glaubt im Nachbarhaus gehe Ungesetzliches vor sich, dabei müsste sie gar nicht aus dem Fenster schauen, sondern in der eigenen Wohnung nach dem Rechten sehen. Ist ein oft lebensmüder Grossvater der richtige Umgang für den kleinen Enkel? Was, wenn Enkel und/oder Grossvater vom Baum fallen? In „Nice Weather for it“ geht es um richtige oder eben unterschiedliche Betrachtungsweisen, während in „Organised“ ein Mann, der kürzlich vom Arbeits- ins Pensioniertenleben gewechselt hat, seine Ehefrau mit der Umstrukturierung des angeblich unorganisierten, aber bisher perfekt funktionierenden Haushalts zur Weissglut treibt.

Die kurzweiligen, einen weiten Themenbogen umspannenden Geschichten, die als Gemeinsamkeit immer einen hortikulturellen Hintergrund haben, erinnern mich an die beiden vor Jahren gelesenen Büchlein von George M. Flynn („Maggie’s Heart and Other Stories“ und „Twilight Journey and Other Stories“) und „Seedfolks“ von Paul Fleischmann. Bei dieser Gelegenheit sei wieder einmal auf Greenprints hingewiesen, ein kleines, aber feines Magazin, das vierteljährlich erscheint und Garten- und Gärtnerkurzgeschichten aus dem wahren Leben veröffentlicht.



Patsy Collins: 
Up the Garden Path – Short Stories 
Alfie Dog, 2013

Link zur Webseite von Greenprints


1. April 2016

Annette Dutton: Das Geheimnis jenes Tages

In diesem in zwei Erzählsträngen aufgebauten Roman finden sich zwischen den beiden Ebenen etliche Parallelen: schwierige Mutter-/Tochterbeziehungen, deutsche Frauen in Australien, Verbrechen und ein naturwissenschaftlicher Hintergrund.

Deutsche Forscher sollen im 19. Jahrhundert unrechtmässig Skelette von Aborigines an sich gebracht und nach Deutschland geschickt haben. Eines dieser Gebeine weist ein Schussloch auf. Wurde der Ureinwohner um der Forschung willen ermordet? Die Archäologie-Professorin Nadine bringt ein Artefakt zurück nach Australien. Zusammen mit ihrer Tochter fliegt sie auf den fünften Kontinent, wo Alina mit einer Freundin ein paar Monate herumreisen will, während die Mutter wieder heimkehrt.

Nach ein paar Tagen gehen Mutter und Tochter wie geplant getrennte Wege. Doch noch vor Nadines vorgesehenem Rückflug nach Europa bricht der Kontakt zu Alina ab. Weder deren Freundin noch sie selber können sie erreichen. Die junge Frau scheint wie vom Erdboden verschluckt und die eingeschaltete Polizei will erst nach vier Wochen Nachforschungen unternehmen.

Wo steckt Alina? Ist sie entführt worden oder hat sie sich, wie die Polizei vermutet, einfach für eine Weile zurückgezogen? Nadine kann und will nicht einfach tatenlos herumsitzen, und plötzlich bietet sich ihr völlig unerwartete Hilfe an. Als Jugendliche hat sie schon einmal einen nahestehenden Menschen verloren und trägt noch heute schwer an ihrer Schuld. So nimmt sie das Angebot als rettenden Strohhalm an, ohne zu ahnen, dass sie sich dahinter eine gemeine Falle verbirgt.

Bereits rund 150 Jahre früher hat sich eine Deutsche auf den Weg nach Australien gemacht, nämlich die Pflanzen- und Tierforscherin Amalie. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Frau hat zwar keine akademische Ausbildung, aber ein immenses Wissen, das ihr von ihrem Mann, dem Apotheker und Botaniker Wilhelm Dietrich, vermittelt worden ist. Obwohl die beiden eine kleine Tochter, Charitas, haben, ziehen sie regelmässig wochen- und monatelang herum; einerseits um ihre Sammlungen zu verkaufen und anderseits um neues Pflanzen- und Insektenmaterial zu beschaffen.

Der Vater kann mit Charitas nichts anfangen. Er hat sich immer einen Sohn gewünscht. Amalie unterrichtet die Tochter von klein auf und bringt ihr die Namen, Klassen und Ordnungen im Pflanzen- und Tierreich bei, aber der Samen keimt nicht richtig in dieser nächsten Generation. Wilhelm selber ist hauptsächlich mit sich selber beschäftigt und um seine eigenen Bedürfnisse und seinen guten Ruf besorgt. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, lässt er seine Frau schuften und die Verantwortung tragen.

Nach der Trennung des Ehepaars erhält Amalie die Chance, für ein Hamburger Privatmuseum während zehn Jahren in Australien Pflanzen und Tiere zu sammeln, zu präparieren und zu verschiffen. Einmal mehr muss Charitas abgeschoben und ein Platz für das Mädchen gesucht werden. Während einem langen Jahrzehnt besteht der einzige Kontakt in gegenseitigen Briefen. Charitas berichtet über ihren Trennungsschmerz, ihre Ausbildung, während die Mutter und Forscherin detailliert über ihre Tätigkeit sowie über Flora und Fauna berichtet und ihre Tochter.

Ein Roman, in den die Autorin geschichtliche Elemente mit dichterischer Freiheit eingebaut hat, und zwar sowohl den Lebenslauf von Amalie Dietrich als auch die grausamen Verbrechen eines Australiers, der als Rucksackmörder bekannt und verurteilt wurde. Den Handlungsablauf fand ich teilweise unlogisch, doch hat dies der Spannung im Teil rund um Nadine nicht wirklich geschadet. Während der aktuelle Erzählstrang eher kurz abgefasst ist, hat die Autorin den historischen Teil mit seiner Korrespondenz sehr ausführlich gehalten. Interessierte finden im Anhang weitere Informationen aus den „richtigen“ Leben der Amalie Dietrich und des Rucksackmörders.



Annette Dutton: 
Das Geheimnis jenes Tages 
Knaur Taschenbuch, 2015