15. Juli 2017

Lorenza Zambon: Gartenphilosophie

Lorenza Zambons Leidenschaft gilt Pflanzen, Gärten und Landschaften. Die Schauspielerin und Regisseurin verknüpft diese schon seit langem mit Festivals, Theaterworkshops und Guerilla-Kunstaktionen. Nun ist noch ein zum Nachdenken anregendes Büchlein hinzugekommen. Nämlich die deutsche Übersetzung von «Lezioni di giardinaggio planetario». Auf rund 120 Seiten philosophiert sie darin in drei Lektionen über «Gärtnern für anonyme Revolutionäre», «Gärtnern für planetarische Gärtner» und «Die Samen der Zukunft». Die Essays selber tragen Titel wie «Blütenteppiche auf Trümmern», «Befreite Samen» und «Ein schlafender Schatz». 

Die Liebe zum Grünen hat die Autorin wohl von ihrer Mutter geerbt. Und dies obwohl sie sich als Kind oft fremdgeschämt hat, wenn sich la Mama unterwegs mit der Tochter dank Hilfe ihrer perfekt manikürten Nägel als Pflanzendiebin betätigt hat oder sich – wenn die höfliche Bitte nach einem Steckling ganz selbstverständlich bejaht worden ist – ziemlich aufdringlich gleich selber im fremden Garten am grünen Buffet bedient hat. Da der Nachwuchs sich seinerzeit aber mehr geschämt hat, als dass er darauf geachtetet hat, was die Mutter mit den Stecklingen angestellt hat, blüht es bei Lorenza Zambon nun leider nicht annähernd so üppig wie seinerzeit rund ums Elternhaus. 

Dafür hat sie um so mehr Ideen, die sie oft mit Unterstützung von anderen verrückten Frauen umsetzt. Als verrückt bezeichnet die Autorin ihre Mitstreiterinnen selber. Initiativ würde aber gemäss meinem Eindruck mindestens so gut passen. Auf ihrer privaten Facebook-Seite lässt sich jedenfalls ausgezeichnet ein erster Eindruck über ihr vielfältiges Engagement verschaffen. Die Italienerin berichtet davon, wie sie unterwegs immer wieder Müll zusammensammelt. Zu diesem Zweck hat sie immer Müllsäcke und Handschuhe im Auto. Die vollen Säcke werden dann beschriftet mit «Erntedatum» und «Ernteort» aufgehoben. Wie lange habe ich nicht mitbekommen oder überlesen. 

Dann schreibt Lorenza Zambon von Männern, die Bäume pflanzen. Und zwar nicht einen oder zwei. Nein, gleich Tausende. Und es gibt ein Wiederlesen mit Novella Carpenter, der Cityfarmerin aus Detroit, deren Buch «Meine kleine Cityfarm» ich hier ausführlich vorgestellt habe. Die Autorin glaubt, dass jenseits des Atlantiks wahrhaftig der Keim für fantastische neue Welten gelegt wird. Das mag zutreffen. Wohl aber nur, wenn man die jüngsten politischen Geschehnisse ausblendet. Mit Genugtuung stellt sie jedenfalls fest, dass jüngst auch hierzulande (oder eben in Italien) immer öfter grössere und auch kleine leere Flächen durch Urban Farmer und/oder Guerilla Gardener in Beschlag genommen werden und verrät ihre eigene Idee von tragbaren Gemüsegärten. 

Gerne würde die Sofagärtnerin noch mehr Geschichten übers Verschönern von Städten lesen, mangels weiterer solchen Seiten erfreut sie sich an den kreativen und teilweise inspirierenden Namen verschiedener Gartenbewegungen, die erwähnt werden: Badili Badola, Piante Volanti, Ammazza che piazza, Effetto Terra, Zena Zapata, Le Ortike oder Friarelli Ribelli. Die philosphischen Betrachtungen enden mit der Einladung, sich genau umzusehen und für sich selber die richtigen Samen zu finden. Und das richtige mit diesen anzustellen. Für eine erfolgreiche Keimung braucht es nur ein wenig Erde und etwas Wasser. 



Lorenza Zambon: 
Gartenphilosophie 
Mosaik Verlag, 2017

8. Juli 2017

Susanne N. Bahro: Abschied am Alpsee

Carina bekommt von ihrem Mann schon lange keine roten Rosen mehr geschenkt. Was aber weniger daran liegt, dass sie eine Floristikausbildung abgeschlossen hat, sondern darauf zurückzuführen ist, dass ihre vierköpfige Familie, zu der neben Carina und ihrem Mann Frank der 16jährige David und die 12jährige Anika gehören, fest im Alltagstrott gefangen ist. Jetzt hat Carina ihren Nächsten einen Urlaub in ihrer Heimat, dem Allgäu, abgetrotzt, ja fast abgenötigt, und Mann und Kinder sind wenig begeistert, auf Meer und Ostseestrand verzichten zu müssen. 

Der erste Ferientag beginnt dann auch wenig vielversprechend und Carina macht sich nach einem Streit alleine auf, um den alten Residenzort Immenstadt zu erkundigen. Nachdem sie sich aus Frust ein wunderschönes, aber eigentlich viel zu teures Kleid gegönnt hat, läuft sie weiter durch die Gassen und die Auslage des Blumenladens «Monis Blumenkiste» erweckt ihre Aufmerksamkeit. Obwohl die Aufmachung bei näherer Betrachtung ihrem kritischen Auge nicht genügt, möchte sie sich das Geschäft gerne anschauen. Doch leider ist die Ladentüre abgeschlossen. Sie bleibt nicht die einzige, die vor der verschlossenen Türe stehen bleiben muss. 

Als Carina während einem Gespräch mit der Bäckersfrau von nebenan erfährt, dass die Inhaberin wegen einem Unfall für ein paar Tage im Krankenhaus bleiben muss, bietet sie ganz spontan ihre professionelle Hilfe an. Die hinzugezogene Tochter der Blumenladenbesitzerin hat keine Einwände und so ergibt sich für die Mutter und Hausfrau ganz plötzlich die Möglichkeit, ihren langjährigen Traum vom eigenen Blumengeschäft wenigstens für ganz kurz auszuleben und nach vielen Jahren wieder als Floristin tätig zu sein. Ihre schlechte Laune ist wie weggeblasen, während sich die Begeisterung ihrer Familie über die Abwesenheit der Mutter in Grenzen hält. 

Wieviel kostet eine einzelne Rose? Welchen Preis kann sie für einen bunten Sommerblumenstrauss verlangen? Um an notwendige Informationen zu gelangen, verschafft sich Carina Einblick in die Bestelllisten. Sie bringt es fertig, einen wichtigen Kunden mit ihrer originellen Tischdekoration, die aus einer Verlegenheit oder genauer mangels vorhandener frischer Blumen entstanden ist, zu begeistern. Aber gleichzeitig überschreitet sie eindeutig ihre Stellvertreterinnen-Kompetenzen, als sie einen eingeschriebenen Brief nicht nur entgegennimmt, sondern auch öffnet, liest und den wichtigen Inhalt nicht einmal weitergibt. Dieser Fauxpas und die Nicht-Information der Inhaberin über ihre Aushilfetätigkeit ziehen Konsequenzen nach sich. 

Als sich nämlich die Blumenladenbesitzerin Moni selber vorzeitig aus dem Krankenhaus entlässt und nichts ahnend von den Abmachungen zwischen ihrer Tochter und Carina im eigenen Geschäft auftaucht und eine fremde Person darin vorfindet, ist sie natürlich gar nicht begeistert. So scheint der Traum vom temporär zu führenden Blumenladen noch schneller zu enden, als durch die kurze Feriendauer sowieso schon absehbar war. 

Immerhin bleibt so wieder etwas Zeit für richtige Familienferien. Doch sie findet heraus, dass ihr Ehemann heimlich in beruflicher Mission unterwegs sein muss. Da die beiden mitten in einer heftigen Ehekrise stecken und sich gegenseitig nicht mehr offen informieren, hat sie keine Ahnung davon, dass das vor dreieinhalb Jahren gegründete Architekturbüro ihres Mannes sehr schlecht läuft und er dringend auf neue Aufträge angewiesen ist. 

Immerhin hat sich Davids Laune etwas gebessert und Anika ist durch die Abwesenheit von Mutter und Vater gezwungenermassen etwas selbständiger geworden. Der Sohnemann hat Anschluss an gleichaltrige einheimische Jugendliche gefunden, so dass seine Enttäuschung darüber, die Klasse wiederholen zu müssen, etwas in den Hintergrund gerückt ist und die Tochter verbringt ihre Tage auf einem Ponyhof. Hat Frank vielleicht mit seinen Vorwürfen doch recht, dass Carina ihre Kinder zu fest bemuttert? Damit sind noch nicht einmal alle aktuellen Probleme aufgezählt. Denn da gibt es noch einen ehemaligen Schulkameraden von Carina, der ziemlich aufdringlich um sie wirbt. Steht die Ehe von Carina und Frank nach siebzehn Jahren tatsächlich vor dem Aus und David muss, wie von ihm befürchtet, als Scheidungskind nach Hause kehren? 



Susanne N. Bahro: 
Abschied am Alpsee 
Eigenverlag, 2016

1. Juli 2017

Gina Mayer: Der magische Blumenladen

Teil 1 (von Ende 2016)

Mitten während meiner beruflichen Weiterbildung bin ich auf eine neue Kinderbuchreihe über einen Blumenladen gestossen, in dem mit Blumen gezaubert wird. „Der magische Blumenladen“ ist im letzten Jahr gestartet und umfasst bereits mehrere Bände. Da tut es mir fast ein bisschen leid, dass meine Tochter diesem Alter entwachsen ist und ich eigentlich (fast) keinen Grund habe, mir diese verlockende Reihe anzuschaffen.


Teil 2 (von Mitte 2017)

Nachdem ich kürzlich in einem Supermarkt (!) erneut über diese Buchreihe gestolpert bin, habe ich sie mir doch zugelegt. Bis anhin habe ich fünf Bände der mit ausserordentlich schön gestalteten Buchcovers ausgestatteten Serie gelesen. Alle enthalten ein in sich abgeschlossenes Abenteuer der Nachwuchs-Blumenzauberin Violet, für die es keinen schöneren Ort gibt, als den Blumenladen ihrer Tante Abigail. Mal benötigt jemand eine ordentliche Portion Selbstvertrauen, mal müssen zwei perfekt zueinander passende Menschen zusammengeführt werden, mal muss jemandem die Zunge gelockert werden und ein anderes Mal sind verschwunde Personen aufzuspüren. Mit magischer Unterstützung durch die richtigen Pflanze aus dem Blumenbuch, die meistens im Hexengarten hinter dem Blumenladen wächst, wäre die Lösung jeweils schnell herbeigezaubert. Aber Violet hat ihrer Tante versprechen müssen, das gelbe Buch nicht mehr anzurühren, bis ihre Blumenzauberin-Ausbildung abgeschlossen ist und ihre eigentlich durchaus gut gemeinten magischen Bemühungen zu keinen unbeabsichtigten, völlig verqueren Resultaten mehr führen können...

























23. Juni 2017

Ilke S. Prick: Vergissmeinnicht war gestern

«Eine glückliche Beziehung, ein fester Job, ein gemütliches Sofa… - Alles scheint perfekt in Mariekes Leben – bis sie sich plötzlich allein mit siebzehn Umzugskisten in einer fremden Hinterhauswohnung findet. Zurück auf Start?» Mit diesen Zeilen wird der Roman «Vergissmeinnicht war gestern» auf der Umschlagrückseite beworben. Für gärtnernde Leserinnen lege ich den Fokus dieser Buchvorstellung aber wie üblich auf die hortikulturellen Passagen, die ungefähr ab Seite 100 richtig beginnen. Jedenfalls, wenn die durchweg blumigen oder botanischen Kapitelüberschriften wie «Fette Henne», «Frühblüher», "Asphaltblüten", "Moos-Graffiti" und «Zuchhini-Schwemme» ausser Acht gelassen werden. 

Grund für Mariekes plötzlichen Auszug ist die Untreue von Jochen, ihrem Partner und Arbeitgeber. Die 46Jährige versucht, diesen Schock zu verdauen und wird dabei mehr oder weniger nützlich von Freundin und Schwester unterstützt, deren Ratschläge kaum unterschiedlicher sein könnten. Letztere ist Paartherapeutin mit einem Vorzeigeleben und empfiehlt, die Beziehung zu retten. Doch erst einmal kündigt Marieke ihre Stelle beim Zahnarzt und Ex-Partner und fängt wieder an, Taxi zu fahren und die ehemalige Kunststudentin beginnt auch wieder zu malen. 

Mariekes Übergangswohnung befindet sich in einem Gebäude, wo eine ausgezeichnete Nachbarschaft gepflegt wird und die Neuzuzügerin findet rasch einen guten Draht zu den Mitbewohnern. Im Gegenzug für ihre Unterstützung einer Abiturientin im Fach Kunst erhält sie Zuwachs für ihren Balkon, wo bis jetzt einzig und allein eine Fette Henne die Welt der Botanik vertritt. Schon bald ist Marieke, die den hortikulturellen Eifer ihrer Nachbarinnen zunächst etwas erstaunt belächelt hat, vom grünen Virus infiziert und unterstützt ihre kreative Nachbarschaft tatkräftig beim intensiven Hinterhofgärtnern. Und auf ihren Taxitouren ins Umland macht sie neu schon mal einen Abstecher in eine Gärtnerei, wo sie beispielsweise Malven und Kornblumen kauft. Erst jetzt fällt der Mitvierzigerin auf, dass ihre Stadt überall grüner und bunter wird. Stahl- und Betonkonzepte werden durch Frühblüher in Konservendosen und Gewächse in Milchtüten sowie Bienenkörbe und Ameisenbauten aufgelockert, was die Planer auf dem Reissbrett so nicht vorgesehen haben.

Im Hinterhof selber werden durch die engagierten Bewohner direkt neben dem Biomüll Kartoffeln in alten Reissäcken gezogen, Kräuter und Waldbeeren wachsen in Kästen, die an der Überdachung der Mülltonnen hängen, und das Herzstück des Gemüsegartens sind Hügelbeete. Im Sommer ist der Hinterhof ein Traum in grün und bunt, in dem farbige Blumen um die Wette blühen. Auch die Gemüsevielfalt ist riesig und es können Rote Beete, Mangold, verschiedene Salate, Tomaten, Bohnen, Kürbisse, Zucchetti und anderes mehr geerntet werden. Letztere wie vielerorts üblich in rauen Mengen, so dass trotz entsprechender Versuche niemand mehr für Zucchinipasta, Zucchini-Pizza, Zucchini-Reispfanne, Zucchini-Chutney, gegrillte, gedünstete oder pürierte Zucchini begeistert werden kann.

Zum hortikulturellen Hintergrund gehören ausserdem eine Terrasse mit immergrünen Büschen, Gräsern, Farnen, Ginkgo und Bambus sowie ein interkultureller Gemeinschaftsgarten namens «Flotte Schalotte- Garten für alle» auf einem ehemaligen Industriegebiet und eine wichtige Rolle spielt Guerilla Gardening. 

Um den Roman nicht ganz aufs Gärtnerische zu reduzieren noch ein paar Stichworte zum weiteren Inhalt: es gibt einen interessanten Nachbarn, der scheinbar ein Geheimnis verbirgt und plötzlich hat Marieke einen Mitbewohner, nämlich einen Hund. Ausserdem wirbt ihr Ex wieder um sie. Doch was will eigentlich Marieke? Revanche oder zurück in ihr altes, vertrautes Leben inklusive gepflegter Langeweile? Auch innerfamiliär gibt es einiges zu klären. Etwa die distanzierte Beziehung zu ihrem Vater, die zurückgeht auf die nebulösen Umstände und das aus frühester Kindheit und durch den Tod von Mariekes Mutter ausgelöste Trauma sowie die Feststellung, dass auch im vordergründig perfekten Leben ihrer Schwester nicht alles beneidenswert ist. Für Entspannung im Kopfkino der Leserin sorgt auch die wiederholte Erwähnung eines ganz besonderen Blautons. Ob ich zuviel verrate, wenn ich noch hinzufüge, dass die Übergangslösung bald durch ein anderes Stadium am neuen Wohnort abgelöst wird



Ilke S. Prick: 
Vergissmeinnicht war gestern 
Insel Verlag, 2016

15. Juni 2017

Holly Webb: Return to the Secret Garden

Der zeitlose Jugendbuchklassiker «Der geheime Garten» von Frances Hodgson Burnett ist seit seinem Erscheinen im Jahr 1911 in fast unzählige Sprachen übersetzt und auch mehrfach verfilmt worden. Ich besitze selber eine kleine Sammlung von verschiedensprachigen Buchausgaben (die ich längst nicht alle verstehe), ein Bühnenbilderbuch sowie einige DVDs und Hörbücher. In ausländischen Buchhandlungen versuche ich wenn immer möglich, lokale Ausgaben des Buches zu ergattern. Manchmal klappt es. Letztes Jahr in Slowenien war die Nachfrage leider erfolglos, da die aktuellste Ausgabe vergriffen war. Die Autorin Holly Webb hat sich der Aufgabe gestellt, eine Fortsetzung dieses berühmten Kinderbuchs zu schreiben, die rund dreissig Jahre nach dem Original spielt. Ihre Gründe warum und weshalb sie dies getan hat, lassen sich in einem Interview im Anschluss an das Buch «Return to the Secret Garden» lesen. Zum Inhalt:

Wegen der erwarteten Bombenangriffe müssen sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner das Waisenhaus «Craven Home for Orphaned Children» verlassen. Ein paar Kleider, abgenutztes Spielzeug und eine Gasmaske sind alles, was die Waisen auf sich tragen, als sie 1939 aus London evakuiert werden. Ihr Ziel ist Misselthwaite Manor in Yorkshire. Unter dieser Gruppe von Kindern ist auch Emmie, eine einsame Einzelgängerin. Ihre beste Freundin ist eine abgemagerte Katze, die regelmässig auftaucht, um sich von ihr füttern zu lassen, und hernach wieder verschwindet. Doch davon darf niemand im Heim etwas wissen. Mädchen und Katze sind ähnlich kratzbürstig und passen so recht gut zusammen. Emmies Versuch, die Katze Lucy heimlich aus dem Haus zu schmuggeln und mit auf die Reise zu nehmen misslingt und das Mädchen ist untröstlich. 

In Misselthwaite gibt es ausser zwei gemeinen Jungen keine Kinder in Emmies Alter und an dem riesigen staubigen Gebäude mag sie keinen Gefallen finden. Sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, sich in dieser verlassenen ländlichen Gegend jemals wohl zu fühlen. Der Sohn der Besitzerin seinerseits scheint auch gar nicht begeistert über die vielen Neuankömmlinge aus der Grossstadt zu sein. Aber immerhin sind die Besitzerin des Herrenhauses und das Personal sehr freundlich und besonders zum Gärtner hat Emmie von Beginn weg einen recht guten Draht. 

Rascher als erwartet, gewöhnt sich Emmie an den neuen Tagesablauf, der so ganz anders ist als es der in London war. Nach den Schullektionen findet sie immer wieder Zeit, alleine die verschiedenen riesigen Gärten rund ums Herrenhaus zu erkundigen und sie schliesst eine Art Freundschaft mit einem Rotkehlchen. Schliesslich findet sie in ihrem Zimmer in einem Schrank zufällig die Tagebücher einer Mary Lennox mit Einträgen aus dem Jahr 1910 und erfährt dadurch von der Existenz eines geheimen Gartens, zu welchem sie sogar den Schlüssel und damit den Zugang findet. Als sie herausfindet, dass der Garten gar kein geheimer Garten (mehr) ist, ist sie zunächst jedoch sehr enttäuscht. Es gibt noch ein weiteres Rätsel zu lösen. So nimmt sie eines nachts all ihren Mut zusammen und geht dem verzweifelten Schluchzen auf den Grund, das sie immer wieder durch die dunklen Yorkshirer Nächte hört.

Die vor meiner Lektüre dieser Fortsetzung flüchtig gelesenen englischen Buchkritiken waren fast durchwegs positiv, wenn nicht sogar überschwänglich. Mich selber hat diese Fortsetzung etwas zwiespältig zurückgelassen. Das Vorgängerbuch habe ich schon länger nicht mehr gelesen, aber die Fortsetzung erscheint mir sehr ähnlich. Anderes Jahrzehnt, andere Kinder, aber neben dem identischen Handlungsort sind auch die Handlung samt Entdeckung des geheimen Gartens, der Freundschaft zu einem Rotkehlchen sowie die Charaktere der wichtigen Personen teilweise fast identisch. Ich hätte mir neben dem Auftreten von Mary und Dickon als Erwachsene eindeutig mehr neue Ideen und/oder Überraschungen gewünscht. 



Holly Webb: 
Return to the Secret Garden 
Scholastic Children Books, 2015

8. Juni 2017

Abbie Waxman: Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen

Seit rund drei Jahren ist die vierunddreissigjährige Lili verwitwet, nachdem ihr Mann Dan bei einem schweren Autounfall direkt vor dem gemeinsamen Haus ums Leben gekommen ist. Sein Tod hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Monatelang war sie in einer Klinik, unfähig sich im Alltag zurechtzufinden und sie hat es nur ihrer Schwester Rahel zu verdanken, dass ihre Kinder nicht fremdplatziert wurden. Noch heute trauert Lili tief um Dan und er ist durch ihre ständigen Zwiegespräche mit ihm nach wie vor omnipräsent. Die alleinerziehnde Frau würde den Alltag mit ihren beiden sieben- und fünfjährigen Mädchen Annabell und Clare niemals ohne ihre immer noch jederzeitig tatkräftig unterstützenden Schwester sowie die Babysitterin Leah meistern können. Immer wieder fühlt sich Lili völlig überfordert und obwohl sie ihre Kinder über alles liebt, würde sie ab und an liebend gerne einfach alles stehen und liegen lassen und verschwinden. Doch für die Töchter will und muss sie stark sein - sie sollen nicht durch ihre Trauer (über)belastet werden. 

Wenigstens hat sie keine finanziellen Sorgen. Das kleine Häuschen, in dem die Familie lebt, ist abbezahlt und sie hat einen (vermeintlich) sicheren Job als Illustratorin in einem Schulbuchverlag. Doch nun erfährt sie von ihrer Vorgesetzten, dass es gar nicht rosig um die Finanzen ihres Arbeitgebers steht. Alle Hoffnungen, Entlassungen vermeiden zu können, ruhen auf einem potentiellen Grossauftrag.  Die Bloem Company, ein riesiges Saatgutunternehmen aus Holland, das auch auch Blumen- und Pflanzenratgeber herausgibt, möchte nämlich eine neue Gemüsebuchreihe handgezeichnet illustrieren lassen. Die Bilder sollen künsterisch wertvoll sein, so dass die Bücher das Zeug zu einem Klassiker haben. Ausserdem verlangt der Auftraggeber, dass die Illustratorin vorab an einem Gärtnerkurs teilnimmt. Da Lili diese Verantwortung aufgebürdet wird, sind die nächsten Samstagmorgen verplant. 

Mit Kindern und Schwester nimmt sie an diesem Gärtnerkurs im Botanischen Garten von Los Angeles teil, der von Edward, einem der Bloem-Söhne, geleitet wird. Die verschiedenen Kursteilnehmer samt dem Leiter bilden eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Es sind völlig unterschiedliche Leute mit verschiedenen Interessen und Charakteren, die sich aber im Laufe des Sommers parallel zum Wachstum der Pflanzen in den neu angelegten Beeten trotzdem gut anfreunden. Man unterstützt sich gegenseitig in privaten Gartenbelangen und zwei der jüngeren Kursteilnehme finden zueinander. Auch zwischen Lili und dem Kursleiter Edward knistert es heftig. Die beiden treffen sich auch privat - mit und ohne die anderen Kursteilnehmer - und Edward erobert das Herz der Kinder mit einem Feengarten mitsamt allem Drum und Dran. Doch so einfach geht es dann doch nicht, sich in in der Kleinfamilie einen festen Platz zu ergattern. Lili ist noch nicht bereit, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, obwohl ihr Herz und ihr Verstand unterschiedlich auf Edwards "Sprache durch die Blumen" oder besser "Sprache durchs Gemüse" reagieren. 

Während dem Sommer wird der Schulvorlag umstrukturiert und Lili gehört zu denen, die die ihre Stelle verlieren. Nach reiflicher Überlegung beschliesst sie, den Schritt in die berufliche Selbständigkeit zu wagen. So bekommt neben dem kleinen Hinterhof, der seinen bisherigen einzigen Daseinszweck als Abstellplatz verliert und in eine grüne Oase umgewandelt wird, auch die Garage eine neue Funktion. Was bleibt am Kursende übrig ausser der Ernte von Maiskolben, Kürbissen, Gartenbohnen, Salaten und Edwards Plan, ein Buch über den Lehrgang zu schreiben? 

Ein traurig-schöner Roman voller Selbstkritik, Sarkasmus und Selbstironie. Das Ende bleibt teilweise offen, lässt die Leserin aber postitiv hoffend zurück. Nicht nur die Pflanzen wachsen, auch die einzelnen Kursteilnehmer verändern sich. Wie etwa Lili, die versucht Vorurteile abzustreifen oder erst gar nicht mehr aufkommen zu lassen und die sich daran macht, die schwierige Beziehung zu ihrer nur auf ihre eigene Schönheit bedachten, ich-bezogenen und unangenehm direkten Mutter nicht mehr ständig zu hinterfragen. 

Alle Kapitel werden mit einseitigen Gartentipps eingeleitet, die beispielsweise betitelt sind mit «Die Zusammensetzung von Pflanzenerde», «Wie man Tomaten zieht», «Wie man Brokkoli anbaut», «Wie man Erbsen zieht» und «Partnerpflanzen». 



Abbie Waxman: 
Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen 
Rowohlt Verlag, 2017

1. Juni 2017

Caroline Bernard: Rendezvous im Café de Flore

Lily Marlène, genannt Marlène, ist nicht nur mit ihrem Namen unzufrieden. Die 39jährige Frau hat seinerzeit ihr geliebtes Studium an der Sorbonne in Paris aus familiären Gründen abgebrochen und bald darauf Jean-Louis geheiratet. Die ungewollte Kinderlosigkeit ist nur eine von etlichen Belastungen, unter denen die Beziehung der beiden leidet. Marlènes Leben dümpelt zwischen Arbeit und Verpflichtungen und immer öfter stellt sie sich die Frage, ob sie tatsächlich so weitermachen soll und will. Der zehnjährige Hochzeitstag steht bevor und Jean-Louis lädt seine Frau als Überraschung in ihre Lieblingsstadt ein. Ist in Paris ein Neuanfang für die beiden möglich? 

Paris mit Jean-Louis fühlt sich jedoch vom ersten Moment an falsch an. Die unterschiedlichen Interessen der beiden prallen hier mit voller Wucht aufeinander. Als Marlène feststellt, dass der eigentliche Grund für das Wochenende in der französischen Hauptstadt der Besuch einer Automesse ist, bricht ein weiterer heftiger Streit aus und die beiden verbringen den Hochzeitstag getrennt; er mit einer anderen Frau an der Messe, sie im Museum. 

Im Raum mit Malerei aus der Vorkriegszeit des Musée d’Orsay glaubt Marlène unvermittelt, vor einem Spiegel zu stehen. Auf einem Gemälde ist eine Frau zu sehen, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sogar der Leberfleck ist am gleichen Ort. Die zufällige Entdeckung wühlt sie auf. Während sie überlegt, wer die Frau sein könnte und dass sie eine Vorfahrin väterlicherseits sein muss, wird Marlène von einem anderen Museumsbesucher angesprochen, dem die frappante Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Bild ebenfalls aufgefallen ist. Er stellt sich als Auktionator Etienne Viardet vor und lädt sie ein, in seinem Büro nach Informationen über den Maler und das Modell zu suchen. Und Marlène geht ganz spontan mit. 

Ende der 20er Jahre im letzten Jahrhundert ist eine andere Frau mit ihrem Leben unzufrieden. Die siebzehnjährige Vianne träumt davon Botanikerin zu werden. Ihre Leidenschaft gehört Blüten, Knospen, Blättern und Wurzeln. Auf unzähligen Streifzügen durch die Umgebung ihres Heimatdorfes hat sie sich ein beeindruckendes Wissen angeeignet. Sie fertigt botanische Zeichnungen an und hat ein eigenes Herbarium angelegt. Doch für eine junge Frau schickt es sich nicht, mit der Botanisiertrommel Wald und Wiesen zu erkunden. Vianne mag sich aber nicht weiter einengen lassen und ständig rechtfertigen müssen. Sie verlässt heimlich ihre Familie, um in Paris ihr Glück zu suchen. 

Ihr erster von vielen weiteren Besuchen im botanischen Garten ist ein prägendes Erlebnis. Sie ist tief beeindruckt von den zu Alleen geschnittene Hecken und den Wintergärten mit verschiedenen Klimazonen, aber ins Innere des Instituts schafft sie es nicht. Vorläufig. Sie arbeitet seit rund zwei Jahren hart als Wäscherin, als sich durch einen Zufall ihr Traum, in einem botanischen Garten zu arbeiten, tatsächlich erfüllt - sie ergattert eine Stelle als Assistentin im Jardin des Plantes. Ihr Tätigkeitsgebiet umfasst alles, was sonst keiner macht, wozu Katalogisieren, Pflanzen vorbereiten, Briefe schreiben und das Labor reinigen gehören. 

Privat verliebt sie sich in den englischen Maler David, dem sie häufig Model steht, und sie verkehrt in den Pariser Künstlerkreisen. Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs und die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen stellt Viannes Leben auf den Kopf. David hat in seine Heimat zurückkehren müssen und die geborene Kämpferin schliesst sich der Résistence an. 

Die Erzählung wechselt zwischen zwei Ebenen und verknüpft historische Elemente mit Fiktion. Die Entdeckung ihrer unbekannten Vorfahrin holt in Marlène die längst vergessene Freude am Recherchieren wieder an die Oberfläche. Von ihrem Vater erhält sie einige wenige Hinweise und beginnt ihre Suche in Kirchenarchiven. Doch nicht nur das Rätsel um die Herkunft der geheimnisvollen Frau auf dem Bild beschäftigt Marlène. Die Begegnung mit dem kultivierten, verwitweten Etienne, der ganz offensichtlich um sie wirbt, veranlasst sie, endlich ganz konkret darüber nachzudenken, auf ihrem Lebensweg eine andere Richtung einzuschlagen. 



Caroline Bernard: 
Rendezvous im Café de Flore 
Aufbau Verlag, 2016

23. Mai 2017

Barbara Pfeifer – Alraunen am Galgenbuckel: Ein Stuttgarter Kräuterkrimi

Die einundzwanzigjährige Studentin Angela Andersen führt an der Volkshochschule Stuttgart gelegentlich Kräuterführungen durch. Die Teilnehmer sind meistens deutlich älter als die junge Frau, die noch bei ihren Eltern wohnt. Efeu, Hopfen und Wein schmücken die Fassade des Elternhauses. Die horizontale Ebene des Grundstücks wird unter anderem durch einen kleinen Garten belegt, in dem viele Kräuter wachsen und derzeit sowohl eine Frühlings- als auch eine Herbstalraune. Die angehende Botanikerin und Medizinethnologin würde nämlich gerne persönlich die Wirkung der Pflanzen ausprobieren, obwohl sie natürlich in ihren Führungen eingehend genau davor warnt und ausdrücklich von Selbstversuchen abrät. Und natürlich wissen ihre Eltern auch nichts von ihren Gedankenspielereien. 

Alraunen sind sind giftig und gelten wegen ihrer menschenähnlichen Wurzelform als Heil- und Zaubermittel. Gemäss mittelalterlichen Überlieferungen sollen sie meisten unter Galgen wachsen. Als auf einem Stuttgarter Friedhof unter der Leiche eines erhängten Selbstmörders eben eine solche (offensichtlich frisch eingegrabene) Pflanze gefunden wird, versucht Angela, einen allfälligen Zusammenhang herzustellen und zu enträtseln. Während die Polizei die Akte rasch schliesst, vermutet sie bald, dass es sich gar nicht um eine Selbsttötung, sondern um einen Mord handelt und beginnt eigene Nachforschungen anzustellen. Nachdem sie auf dem Friedhof einen toten Hund entdeckt hat, besucht sie die Witwe des Verstorbenen, die sehr froh wäre, ihr Mann hätte sich nicht selber das Leben genommen. 

Angela findet heraus, dass verschiedene Teilnehmer ihrer letzten Kräuterführung durch einen Immobilienfonds eine Verbindung zu dem Toten auf dem Friedhof haben. So wie der krebskranke Blumenfotograf, den sie mit einem eigentlich überhaupt nicht geplanten angeblichen Pflanzenbuchprojekt näher kennen lernen will. Und plötzlich wird es für die junge Studentin lebensgefährlich. Und damit haben dann keine in welcher Form auch immer konsumierten Alraunen zu tun. 

Mit diesem Kräuterkrimi habe ich zum ersten Mal ein Buch vollständig auf meinem E-Reader gelesen. Ich habe die Vorteile (Lesbarkeit in Sonne und im Dunkeln, Buchpreis, kein Platzproblem auf dem Regal) schätzen gelernt. Ich werde sicher wieder Bücher auf meinem Kindle lesen – aber nur solche, über die ich nicht im Blog berichten werde. Den Zugriff auf die während der Lektüre erstellten Notizen empfinde ich als mühsam und ungenügend. Zwar lassen sich diese ganz einfach exportieren, aber nur einelne Worte als Basis für einen Artikel sind etwas dürftig und die Positionssuche im Buch dünkt mich sehr aufwendig. Vielleicht kapiere ich auch ganz einfach, nicht wie es bedienerfreundlich funktioniert? Es lebe das gedruckte mit Post-it-Zetteln geschmückte Buch… So oder so. «Alraunen am Galgenbuckel» gehört zu den nach meiner Erfahrung eher wenigen Eigenproduktionen, die lesenswert sind, was wohl auf den beruflichen Hintergrund der Autorin zurückzuführen ist. 

Wer mehr über Alraunen erfahren will, als er vielleicht bisher aus den Harry Potter-Büchern weiss, ist gemäss Leseempfehlungen im Internet mit "Die Alraune - Pflanze der Liebe, Pflanze des Todes" von Angela Fetzner gut bedient.




Barbara Pfeifer:
Alraunen am Galgenbuckel - Ein Stuttgarter Kräuterkrimi
Kindle Edition

15. Mai 2017

Vita Sackville-West und Harold Nicolson: Sissinghurst - Portrait eines Gartens

Jeder Gärtner, der schon ein wenig mehr als nur ein paar Meter über seinen eigenen Gartenzaun geschaut hat, ist irgendwann auf den Namen Sissinghurst gestossen oder erkennt den markanten Doppelturm auf Fotos wieder. Verschiedene Bücher sind über diesen berühmten, vielleicht sogar berühmtesten englischen Garten geschrieben worden und je nach Quelle zählt er bis gegen 200'000 Besucher jährlich. Auch wer (wie ich) die verschiedenen Gartenräume nur von Fotos kennt, kann sich unschwer vorstellen, wieviel Arbeit hinter der Anlage und dem Erhalt stecken muss. 

Der Vor- (eigentlich Vorvor-)besitzer hat die Umgebung der Gebäude als Entsorgungsplatz benutzt und mit dessen Räumung waren die Käufer Vita Sackville-West und Harald Nicolson Anfang der 1930er Jahre noch lange beschäftigt. Trotzdem haben sie es geschafft, noch vor Ausbruch des 2. Weltkrieges einen bereits dannzumal über die Grafschaft Kent hinaus bekannten Garten zu schaffen, der von den sogenannten «Schillingen» (ihre etwas despektierliche Bezeichnung für die zahlenden Besucher, zurückzuführen auf den damaligen Eintrittspreis) schon dannzumal bald mitfinanziert worden ist. 

«Portrait eines Gartens» ist eine Zusammenstellung von Tagebucheinträgen, Briefen, Gartenkolumnen und Rundfunkbeiträgen und bietet in dieser Kombination nicht nur eine fundierte Einsicht in die Entstehungsgeschichte rund um das Anlegen der verschiedenen Themengärten von Sissinghurst, sondern gleichzeitig auch Einblick in eine unkonventionelle Ehe. Gemäss den Texten basierte diese auf Respekt, Liebe und Vertrauen, obwohl sie für die Aussenwelt unter anderem durch gleichgeschlechtliche aussereheliche Beziehungen zuweilen anderes wahrgenommen wurde, ja einen gegenteiligen Eindruck erweckte. 

Gemäss erprobter Aufgabenteilung war Harold für den Gartenentwurf zuständig und Vita für die Bepflanzung. Hortikulterelle Differenzen zwischen der Romantikerin und dem Klassiker gehörten zum Alltag, aber sämtlich wichtige Entscheidungen wurden immer gemeinsam getroffen. So entstanden verschiedene Gartenräume wie etwa der Rosengarten, der Lindengang, der berühmte Weisse Garten, der Grabengang und der Kräutergarten, die zu unterschiedlichen Zeiten zur Höchstform auflaufen und dank ihrer jeweiligen Einfriedung konkurrenzlos die Aufmerksamkeit auf sich können. 

Das Ehepaar konnte dabei (zumindest in den ersten Jahren) keineswegs auf unbeschränkte finanzielle Mittel zurückgreifen. Der Garten war eine Extravaganz, die sie während ihrer Freizeit erschaffen haben. Die Anfänge auf Sissinghurst waren geprägt von unregelmässigem Einkommen, hohen Ausgaben und einer unsicheren Zukunft. Vitas Anteil aus der Erbschaft nach dem Tod ihrer Mutter löste die wirtschaftlichen Probleme, änderte aber nichts daran, dass sie Geld lieber für den Garten ausgab als für Kleider. Unabhängigkeit und Privatsphäre waren oberstes Gebot und Übernachtungsgäste waren Vita ein Gräuel. 

Die chronologische Zusammenstellung führt über die ersten Jahre auf Sissinghurst, durch die schwierigen Kriegsjahre 1939 bis 1945 und gibt schliesslich Einblick in das erneute Aufblühen des Gartens Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts und thematisiert schliesslich das Schwinden der Kräfte der beiden Besitzer. Von Harold Nicolson ist ein Zitat zu lesen, in dem er sagt, er habe schon immer gewusst, dass Vita ein Werk schaffen würde, das in England seinesgleichen suchen wird. Wo er recht hat, hat er recht. Ob seine Aussage, Blumenzwiebeln stecken sei verjüngend wahr ist, soll jeder selber beurteilen. Meine Lieblingstätigkeit im Garten ist es jedenfalls nicht. Wie wir alle wissen, haben sich Vitas Zweifel, die sie vor Jahrzehnten geäussert hat («ob sich ich fünf Jahrzehnten überhaupt noch jemand dafür – den Garten – interessieren wird?) nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Der mit untrüglichem Gespür geschaffene Garten – «es gibt Sissinghurst-Pflanzen und es gibt Ascot-Pflanzen, die nicht nach Sissinghurst passen», wird schon lange erfolgreich durch den National Trust geführt. Die Chefgärtner wechselten schon einige Male seit dem Tod der beiden Erschaffer und mit jedem jeder Wechsel ging auch mit einer Änderung der Vorlieben und Prioritäten einher. Doch nach wie vor ist der Geist von Vita Sackville-West und Harold Nicolson deutlich spürbar.

Dieses Buch ist gleichzeitig als Hörbuch erschienen, gesprochen von Marit Beyer. Mittlerweile ist der einzige Ort, an dem ich ein wenig Zeit für ein Hörbuch habe, beim Autofahren. Da unser Auto relativ selten bewegt wird und sich auch längst nicht jeder Mitfahrer für Gartengeschichten interessiert, hat das Anhören derselben entsprechend lange gedauert. Aber es hat sich gelohnt. Jedenfalls für mich. Durch die ausdrucksvolle Aufnahme wird mir das Buch mit Bestimmtheit noch länger in Erinnerung bleiben. Und die Nachwuchs-Sofagärtnerin, die gar keine solche sein will, ist als häufigste Begleitung im Auto über sich selber erstaunt – hätte sie doch nie gedacht, dass sie einmal freiwillig sogar lieber Mutters heissgeliebte sardische Band "Tazenda" anhören würde als das "Angebot" der letzten Wochen (na ja, oder zumindest so ähnlich - schliesslich gibt es auch noch unzählige Radiosender, zwischen denen hin- und her gewechselt werden kann…).

In Vita Sackville-Wests Gartenkolumnen lese ich seit vielen Jahren immer mal wieder gerne einzelne Kolumnen. Oft habe ich mich gefragt, ob ihr immenses Gartenwissen allein auf "Learning by Doing" basierte. In diesem Buch habe ich nun (wieder-?)gelesen, dass sie in (- wenn ich das richtig interpretiert habe - fortgeschrittenem Alter) einen Fernkurs für Gartenbau belegt hat. Das hat mich tatsächlich dazu bewogen, meine identischen oder zumindest ähnlichen Pläne nochmals zu überdenken und die vielen schon lange herumliegenden diesbezüglichen Unterlagen von diversen Anbietern wieder einmal durchzugehen. Bereits vor meiner zweijährigen im letzten Herbst abgeschlossenen beruflichen Weiterbildung hatte ich mit dem Absolvieren eines solchen Kurses geliebäugelt und vor einem halben Jahr einen erneuten Anlauf genommen, um dann doch wieder Abstand von der Idee zu nehmen und Überlegungen hinsichtlich einer Webdesign-Ausbildung anzustellen. Nun habe ich mich tatsächlich für einen Fernkurs "Gartengestaltung" angemeldet und bin gespannt, auf die Unterlagen und die Dinge, die da kommen. 



Vita Sackville-West und Harold Nicolson:
Sissinghurst - Portrait eines Gartens (Buch)
Schöffling Verlag, 2017 

Sissinghurst - Portrait eines Gartens (Hörbuch)
gelesen von Marit Beyer
Der Diwan, Hörbuchverlag, 2017

8. Mai 2017

Jennifer Gooch Hummer: Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam

Vor ein paar Monaten ist die Mutter von Apron nach langer Krebskrankheit gestorben. Nun hat ihr auch noch ihre langjährige einzige Freundin die Freundschaft gekündigt. Und als hätte sie noch nicht genug Probleme, ist die neue Partnerin ihres Vaters eingezogen und die beiden Erwachsenen wollen wegen des Babys, das unterwegs ist, rasch möglichst heiraten. Ebenfalls wegen dem erwarteten Familienzuwachs soll Apron sich von Boss, ihrem geliebten Meerschweinchen, trennen. Dieses Jugendbuch wird aus der Sicht von Apron erzählt und spielt in den 1980er Jahren, zur Zeit von Ronald Reagans Präsidentschaft in Amerika und den Anfängen der Krankheit Aids, die dannzumal noch unweigerlich zum Tod führte. 

Die dreizehnjährige Apron nennt die neue Frau an Vaters Seite konsequent nur M. Letztere ist eine von den Krankenschwestern im Spital von Maine, die sich um ihre Mutter gekümmert hat. M hat sich das Vertrauen des Vaters erschlichen und zwingt ihn mit der Schwangerschaft zur Heirat. Sie will eigentlich gar kein Kind. Ihr einziges Ziel ist nämlich,  eine Aufenthaltsbewilligung für Amerika zu ergattern, da ihr Visum abläuft und sie keinesfalls in ihre Heimat Brasilien zurückkehren will. Als M sich in gesetzlich abgesicherten Verhältnissen glaubt, kommen ihr wahrer Charakter und ihre Gemeinheit, die sie zunächst nur heimlich gegenüber Apron gezeigt hat, immer deutlicher zum Vorschein. Die werdende Mutter unternimmt denn auch verschiedene Versuche, die verhasste Schwangerschaft vorzeitig zu beenden. 

Die bevorstehenden langen Sommerferien versprechen richtig unerfreulich für das nachdenkliche, ernste und zwischendurch sehr ungeschickte Mädchen Apron zu werden, als sie zufällig Mike und Chad kennenlernt, ein schwules Paar, das gemeinsam den Blumenladen "Scent Appeal" führt. Aus der Bekanntschaft zwischen den Dreien resultiert zunächst ein Ferienjob für Apron und schliesslich eine tiefe, freundschaftliche Beziehung. Denn während das Verhältnis zwischen Apron und ihrem Vater, einem Professor für Latein, immer distanzierter wird, stellt der Blumenladen schon bald eine Art zweites Zuhause für die Dreizehnjährige dar. Die beiden Männer fungieren einmal sogar als Ersatzonkel und -tante für einen Schulanlass und Chad formuliert für Apron ein Gedicht für die Schule, das von der Lehrerin zur Teilnahme an einem Wettbewerb eingereicht wird. 

Gleichzeitig stellt sich Apron als überaus talentierte Blumenkünstlerin heraus. Bald weiss sie aus dem Effeff, wie schlappe Blumen mit Draht wieder aufgerichtet werden und ihre mit lateinischen Sprüchen und Übersetzung versehenen Blumenanhänger kommen bei der Kundschaft ausgezeichnet an. Da die beiden Blumenladenbesitzer homosexuell sind, werden immer wieder die Schaufensterscheiben eingeschlagen. Die Zeit mit ihrer Ersatzfamilie wird aber auch anderweitig überschattet, weil sich immer deutlicher das Ende derselben abzeichnet. Denn während M’s Bauch wächst und der Blumenladen dank Aprons tatkräftiger Unterstützung floriert, wird der an Aids erkrankte Chad immer schwächer. 

So wird für Apron im Verlauf des Sommers ihre wirkliche Aufgabe immer deutlicher klar. Es geht nicht in erster Linie um ihren Ferienjob. Viel wichtiger ist die gemeinsam mit ihren neuen Freunden, besonders aber die mit Chad verbrachte Zeit. Apron und Chad stehen sich schnell sehr nahe. Sie erzählen sich gegenseitig Witze und das Mädchen liest dem todkranken Mann seine Lieblingsbücher vor, die einst auch dessen Lieblingsbücher waren. 

Ein traurig-schöner Jugendroman, der die Leserin tief berührt, während sie mit Apron mitleidet und mitfühlt. Auch Aprons weniger positiven Handlungen (die immer durchaus nachvollziehbar sind) sind von der Autorin sehr authentisch ausgearbeitet worden. Der Sommer ist für Apron emotional eine Achterbahnfahrt, doch trotz der vielen Tiefs lässt sie sich nicht dauerhaft herunterziehen, sondern blickt hoffnungsvoll vorwärts. Wer Daisy ist, lesen Sie am besten selber nach. Auch wenn Sie bereits erwachsen sind, lohnt sich die Lektüre. 



Jennifer Gooch Hummer: 
Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam 
Carlsen Verlag, 2017

1. Mai 2017

Cecilia Ahern: Das Jahr, in dem ich dich traf

Cecilia Aherns Bücher belegen in vielen Buchhandlungen und in den Bestsellerlisten bevorzugte Plätze. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb habe ich bis jetzt keines davon gelesen. Auf verschlungenen Wegen durchs Internet bin ich über weitgehend eher vernichtende Buchbesprechungen auf  den Roman «Das Jahr, in dem ich dich traf» gestossen. Die Kritiken bezogen sich mehrheitlich auf die als zu grosszügig bemessen empfundenen Textstellen, in denen es ums Gärtnern geht. Gibt es für die Sofagärtnerin einen überzeugenderen Grund, ein Buch zu kaufen?

Doch tatsächlich tat auch ich mich anfangs sehr schwer mit der Lektüre. Bis ungefähr Seite hundert war ich mehrfach versucht, das Buch unbeendet abzuschliessen, aber dann hat mich der Inhalt doch plötzlich zu interessieren begonnen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ich wie häufig, das Ende schon ziemlich früh vorweg gelesen und festgestellt habe, dass das Romanende wohl anders als vermeintlich vorhersehbar ausfallen wird.

Jasmines Grossvater war Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Gärtner und ihm, genauer einem Strauss Jasmin, den er zu ihrer Geburt ins Krankenhaus gebracht hat, hat sie ihren Vornamen zu verdanken. Trotzdem scheint das Gartengen nicht an die Enkelin vererbt worden zu sein. Im Gegenteil, sie hat ihre ganze Nachbarschaft vor den Kopf gestossen, als sie vor ein paar Jahren der Einfachheit halber ihren gesamten Garten mit immens teuren, pflegeleichten Steinen zupflastern liess, um sich den kostspieligen Unterhalt durch den Gärtner zu ersparen.

Bis vor kurzem war die dreiunddreissigjährige Frau hinreichend mit ihrer bis dato perfekt verlaufenden Karriere beschäftigt gewesen und sie lebte nach dem Motto, dass jeder selber für die Nutzung seiner Lebenszeit verantwortlich ist und Zeitverschwendung war ein absolutes No-Go. Vier Jahre hat sie für eine selber mitgegründete Ideenfabrik gearbeitet und alles für ihren Job gegeben. Dementsprechend ungerecht fühlt sie sich behandelt, als sie bei voller Salärzahlung während einem ganzen Jahr entlassen wird. «Gardening leave» ist der englische Begriff für eine solche Freistellung.

Doch Jasmine möchte unter keinen Umständen im «Kopf Moos ansetzen» (herrlicher Begriff aus dem Buch…). Sie hat nun zwar hinreichend Zeit für ihre dreijährige Halbschwester Zara, ambivalente Gefühle gegenüber ihrem Vater und dessen völlig anderen Umgang mit seiner dritten Tochter sowie für Geburtstagseinladungen, Kaffeeklatsch mit Freundinnen und ihre Patenkinder. Doch mit dem Jobverlust hat sie ihre Selbstachtung verloren und sie beginnt an sich selber und ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Ihr gewöhnlich überbordender Terminkalender glänzt durch Lücken. Sogar ihre Schwester Heather, die trotz oder teilweise auch wegen Trisomie 21, einen ausgeklügelt durchgeplanten Alltag hat, weist in ihrer Agenda mehr Einträge auf.

Die viele freie Zeit füllt Jasmine immer öfter mit der Beobachtung ihres Nachbarn Matt Marshall, der vis-à-vis in der gleichen Nord-Dubliner Sackgasse wohnt. Jasmine kann den Radiomoderator nicht ausstehen. Sie verabscheut ihn und er ist ihrer Meinung nach ein schlechter Vater. Nichtsdestrotz führt sie fast ständig fiktive Gespräche mit ihm. Der Anfang Vierziger trinkt zu viel Alkohol und macht ebenfalls eine Krise durch. Seine Frau hat ihn mit den drei Kindern eben verlassen. Ausserdem wird der sogenannte König der Late-Night-Talkshows gerade wegen einer unrühmlichen Sendung in der Presse verrissen und verliert schliesslich ebenfalls seinen Job. Die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden sind offensichtlich die Stellenlosigkeit und dass sie das Durchschnittsalter unter den Nachbarn drücken. Die ausgeprägte Antipathie auf Jasmines Seite geht auf eine rund eineinhalb Jahrezehnte zurück liegende Radiosendung zum Thema Trisomie 21 zurück. Jasmine hat mit siebzehn Jahren ihre Mutter wegen einer schweren Krankheit verloren und fühlt sich seither noch mehr für ihre ältere Schwester Heather verantwortlich.

Plötzlich wird die junge Frau in die Nachbarschaft eingebunden. Es ist nämlich aufgefallen, dass sie häufiger als auch schon daheim ist. Zunächst recht widerstrebend nimmt sie die Aufgabe an, die Nachbarskatze zu füttern und den Reserveschlüssel für Matt aufzubewahren. Parallel zu diesen Geschehnissen kommt der Garten ins Spiel. Barfusslaufen durchs Gras soll einen positiven Einfluss auf den Menschen haben und in Jasmine wächst der Drang, dies auszuprobieren. Doch in ihrem Garten gibt es ja kein Gras mehr.

Kurz entschlossen geht sie dem Bedürfnis nach Erdung nach. Sie beschliesst, das teure Pflaster entfernen und einen Rollrasen anlegen zu lassen und beauftragt einen Kleinbetrieb mit den Arbeiten. Damit aktiviert sie ihr Garten-Gen. Sie lässt Winterjasmin an einer Rankhilfe hochklettern, sät Samenmischungen aus Mohn, Kamille, Margeriten und Kornblumen aus, bestellt ein Anlehngewächshaus und für die Vertreibung von Vögeln mit CD wählt sie extra Scheiben mit sorgfältig ausgewählten passenden Songs aus. Ausserdem wagt sie sich an den Bau eines Springbrunnens. Ihre Gedanken und Sorgen werden zunehmend vom Garten vereinnahmt.

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten macht Jasmine mit einer gehörigen Portion Selbsironie eine grosse Entwicklung durch und lernt sich selber samt ihren Fehlern viel besser kennen und verstehen. Dazu tragen insbesondere (tatsächlich stattfindende) nächtliche Streitgespräche und anregende Diskussionen mit Matt bei. Sie beginnt ihren Umgang mit den Mitmenschen, ihre Erwartungen, die von ihr aufgestellten Regeln und den damit verbundenen Druck zu hinterfragen. Eine Liebesgeschichte gibt es auch noch. Aber eben nicht so, wie frau das erwartet.



Cecilia Ahern: 
Das Jahr, in dem ich dich traf 
Fischer Verlag, 2015/2016

23. April 2017

Beverley Nichols: Der Garten ist geöffnet und Einmal Gärtner – immer Gärtner

Vor bald fünfzig Jahren ist dieser in der aktuellen deutschen Übersetzung in zwei Bücher aufgeteilte Gartenklassiker erstmals unter dem Titel «Garden Open Tomorrow» erschienen. Für mich selber habe ich Beverley Nichols vor rund drei Jahrzehnten entdeckt. Dannzumal war meine Gartenbibliothek noch überschaubar und die meisten Titel habe ich mehrfach gelesen, während heutzutage fast unzählige ungelesene Bücher herumstehen. 

Der britische Humor in Kombination mit einem umfangreichen hortikulturellen Wissen sowie die gelegentlich recht unorthodoxen Ideen dieses Autors vermögen mich nach wie vor zu begeistern. Jedenfalls meistens. Je älter ich werde, desto kritischer betrachte ich gewisse Textstellen. Insbesondere sein Frauenbild lässt mich zuweilen leer schlucken, denn seine verschiedenen eigentlich nicht der Mode unterworfenen Gartenbücher können zuweilen nicht verleugnen, dass Beverley Nichols Ende des 19. Jahrhunderts geboren worden ist. Auch seine Ansichten über Babies sind gewöhnungsbedürftig und frischgebackene Eltern werden an diesen eher wenig Freude haben. Dem Leser bleibt auch nicht verborgen, dass dem Autor Katzen eindeutig lieber sind als Kleinkinder – konzentrieren wir uns also lieber auf die eher unverfängliche hortikulturelle Ebene. 

Nichols schreibt über Lerchensporne (Corydalis lutea), die Mauern zum Bröckeln bringen und über blauen und mohnigen Mohn und (fast) ebenbürtigen gelben Ersatz. Andere Gedankengänge führen zur Veränderung in der Verbreitung von Un- und Fremdkräutern parallel mit der Entwicklung von Mensch und Technik. Erfolgte diese einst geografisch relativ beschränkt durch die mit Nägeln beschlagene römische Militärsandale, sind heutzutage etwa Flugzeugreifen viel effektiver. Florale Diskussionen zwischen Rottönen werden geführt und für die Annektierung der nicht zum eigenen Land gehörenden Maueraussenseite wird eine verdrehte Rechtfertigung samt anscheind gut funktionierender Anleitung geliefert. 

Ein ganzes Kapitel («Musik und Rosen») widmet der verhinderte Komponist Nichols dem Thema, den Garten in musikalischen Begriffen zu sehen. Ebenfalls um Kunst geht es bei den gedachten Plänen für einen Gemüsengarten à la Cezanne. Dieser ist in Rechtecke und Dreiecke in verschiedenen Grüntönen gegliedert. Der Autor sinniert über das Fehlen eines Gartenministeriums und er denkt nach über das Gärtnern im Alter sowie die damit verbundenen Probleme des Kletterns, Bückens und des Schwitzens. Dabei kommt er zum Schluss, dass das Ausputzen von Verblühtem in einem Kamillerasen nicht anstrengender sein kann, als stricken. 

Dann erfährt der Leser, wie Nichols zu seinem eigenen Erstaunen einen exzentrischen Millionär dazu gebracht hat, auf der halben Welt Kapuzinerkresse in Samenform zusammenzukaufen. Das Saatgut wurde dann – sicher nicht den Unfallverhütungsvorschriften entsprechend – auf schwindelerregenden Kraxeltouren in den Klippen über dem Mittelmeer mit einer Hand grosszügig verteilt, während die andere Hand sich an Ginsterstrünke klammerte. Das Ergebnis muss ein eindrückliches Erlebnis gewesen sein. Später im gleichen Sommer hat sich nämlich ein Blüten-Niagarafall über die Klippen ergossen, der weit ins Meer leuchtete. 

Die botanischen Namen und die Pflanzensorten mögen sich ändern, aber auch der heutige gärtnernde Leser wird sich bestimmt selber in der einen oder anderen dieser zeitlosen Gartengeschichten erkennen. Und hoffentlich auch die Rückseite des Buchcovers von "Einmal Gärtner - immer Gärtner" lesen, das ein Zitat aus diesem Blog ziert. 



Beverley Nichols: 
Der Garten ist geöffnet
Schöffling Verlag, 2016 

Einmal Gärtner – immer Gärtner 
Schöffling Verlag, 2017

15. April 2017

Takashi Hiraide: Der Gast im Garten

Gärtner verstehen sich häufig interessenbedingt ganz gut mit anderen Gärtnern. Allerdings gibt es gewisse Aspekte, die man besser umschifft, sofern man die Ansichten des Gegenübers nicht kennt oder eben gerade, weil man sie kennt. Zu diesen mit Vorsicht zu geniessenden Themen gehören Katzen. Denn Gärtner, die selber keine Katzenbesitzer sind, sind oft keine uneingeschränkten Katzenfreunde. Die völlig unaufgeregte mit Bildern von Quint Buchholz illustrierte Geschichte «Der Gast im Garten» hingegen kann beiden, nämlich Katzen- und/oder Gartenfreunden, zur Lektüre empfohlen werden. Sie haben es bestimmt bemerkt, beim Gast in diesem (autobiographischen) Buchgarten handelt es sich um eine Katze. 

Ein kinderloses Paar, beide gegen Ende dreissig und im Verlagswesen tätig, zieht ausserhalb von Tokyo in ein kleines Haus, das eigentlich der Garten- und Teepavillon des von einer Lehmmauer und einem Zaun umgebenen riesigen Anwesens ist, auf dem es steht. Der Mietvertrag verbietet Kinder und Haustiere. Beide Bedingungen erfüllen sie. 

Schnell lernen sie eine Nachbarskatze kennen, die in der Folge immer öfter bei ihnen vorbeikommt. Das scheue schwarz-weisse Tier schleicht sich zuerst in ihr Leben und dann ganz direkt und fest in ihre Herzen, obwohl weder der Hausherr noch seine Frau eine besondere Vorliebe für Katzen haben. Die Hiraides nennen die Besucherin bald Chibi und richten ihr einen eigenen Schlafplatz ein, den sie nach Belieben und selbständig nutzen kann. 

Der weitläufige Garten dient als Kulisse, in dem der Mieter als Ausgleich zum Schreiben öfters Unkraut jätet oder aufräumt und die Mieterin im Herbst Blumenzwiebeln vergräbt. Damit sind die direkten gärtnerischen Tätigkeiten weitgehend abgehandelt. Und sowieso sind die Tage des Paares im Garten gezählt, da das gesamte Anwesen verkauft werden soll. Wie sich schnell herausstellt, ist dies wegen der beginnenden Wirtschaftskrise zur Zeit der Handlung in den Jahren 1989 und 1990 kein einfaches Unterfangen. Nichtsdestotrotz machen sich die Ersatz-Katzeneltern immer häufiger Gedanken darüber, wie das Leben nach dem bevorstehenden Umzug ohne Chibi sein wird. Längst betrachten sie den täglichen Besucher nämlich als ihr Eigentum und hängen sehr an ihm. Die Lösung dieses Problems erübrigt sich dann auf traurige Weise.

Der Ich-Erzähler berichtet von Alltäglichkeiten und gibt dem europäischen Leser gleichzeitig Einblick in die japanische Kultur – in den respektvollen Umgang miteinander und darüber, wie auf der anderen Seite der Erdkugel mit der Vergänglichkeit der Dinge und Wesen umgegangen wird. 



Takashi Hiraide: 
Der Gast im Garten 
Insel Verlag, 2015 

10. April 2017

Bernd Flessner: Morden wie gedruckt – Tod im Gartenbuch-Verlag

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich anlässlich der Buchvorstellung von Bernd Flessners  "Der Radieschenmörder" auf eine Fortsetzung dieses Gartenkrimis gehofft. Et voilà,- schon liegt sie vor. Die beiden bereits bekannten Charaktere, der Frühpensionär Walter Dollinger sowie der inzwischen in München ermittelnde Kriminalkommissar Schwertfeger, treffen sich in der bayrischen Hauptstadt wieder, wo beide mit ihren ganz eigenen Methoden und schliesslich zusammen versuchen, einen Mord im Gartenbuchverlagsmillieu aufzuklären. 

Dollinger wird ans Telefon gerufen, als er gerade in seinem Garten frisches, vitaminreiches Gemüse für das Abendessen erntet. Fürs Zubereiten der Mahlzeit bleibt dann aber keine Zeit mehr. Denn am anderen Ende des Telefons ist seine in Tränen aufgelöste Tochter Farina, Die junge Frau arbeitet seit kurzem als Lektorin in einem Gartenbuchverlag, der gerade mit viel Prominenz aus Politik, den Medien und der Bücherwelt sein 70jähriges Bestehen gefeiert hat. 

Mitten während der Rede der Verlagsleiterin ist Hektor Beetschneider tot zusammen gebrochen. Und auf einem der vielen am Anlass aufgenommenen Fotos, die unmittelbar vor dem tödlichen Zusammenbruch des Starautors entstanden sind, ist just Farina Dollinger direkt hinter diesem zu sehen und deshalb in den Fokus der Polizeiermittlungen geraten. Ihr Vater lässt deshalb alles Gemüse stehen und liegen, setzt sich ins Auto und fährt gleich nach München, um seine Tochter zu unterstützen. 

Todesursache ist eine Injektion mit Druckerschwärze. Mit ein Grund, weshalb Kriminalkommissar Schwertfeger davon ausgeht, dass der Mörder aus dem Verlagswesen stammt. Wer hat ein Motiv? Was für ein Motiv? Was ist dran an den Gerüchten über einen angeblich geplanten Verlagswechsel von Beetschneider? Die Gartenbücher des Mordopfers verkauften sich ausgezeichnet und die Buchtitel «Intime Gespräche – das geheime Nachtleben von Broccoli, Zucchini, Rhabarber + Co.» und «Berührte Blätter, berührende Blätter – Fühlen mit Pflanzen» hätten vielleicht sogar die Sofagärtnerin zur Lektüre verführt. 

Hektor Beetschneider selber konnte eine Primel nicht von einer Sonnenblume unterscheiden, galt aber als DER Blumenversteher schlechthin. Ein Titel, der früher notabene einem anderen Gartenbuchautor zugedacht war. Sogar Reinhold Messner werden noch ein paar Worte in den Mund gelegt. Er meint, der Verstorbene sei ein komischer Vogel gewesen, ein Erfinder von fantastischen Geschichten, die halt nicht in Mittelerde, sondern eben in Gartenerde angesiedelt waren. Der Gartenkrimi «Morden wie gedruckt» enthält nämlich neben Fiktion auch etliche reale Sachverhalte. 

Dollinger ist der Polizei meist einen halben Schritt voraus und bringt sich auch mal in ungemütliche Situationen, die nach ungewöhnlichen Massnahmen verlangen. Und seine Vermutungen führen keinesfalls immer auf direktem Weg in Richtung Aufklärung. Und bevor ein Täter dingfest gemacht werden kann, ereignet sich ein zweiter Mord. 



Bernd Flessner: 
Morden wie gedruckt – Tod im Gartenbuch-Verlag 
BLV Buchverlag, 2016

1. April 2017

Eveline Dudda: Spriessbürger – Handbuch für den Anbau von Gemüse und Salat in der Schweiz

Obst und Gemüse vom Grossverteiler, das womöglich durch halb Europa oder fast rund um den Globus gekarrt oder geflogen und mit nicht zu verleugnender Wahrscheinlichkeit vor dem Kauf von verschiedenen anderen potentiellen Käufern atapet und mehr oder weniger sanft zurück ins Gestell befördert worden ist, weckt nicht bei jedem in gleichem Masse die Lust, auf diese Weise, seine täglichen Vitaminportionen zu besorgen. Die einen weichen aus, indem sie direkt beim Produzenten kaufen, andere wählen die Alternative mit dem grünen Daumen und Dreck unter den Fingernägeln. 

So spriesst und grünt es seit einigen Jahren aus immer mehr Ritzen und von Fenstersimsen und Balkonen. Selber Gemüse anbauen ist trendy und tatsächlich ist schnell ein Anfang gemacht – probieren geht schliesslich über studieren –, denn für diesen genügen bereits ein paar dem Pflanzenbedarf angepasste Blumentöpfe oder sonstige Behälter mit einem Abzugsloch. Wenn einem aber der Sinn nach Hintergrundwissen steht, bietet sich das Handbuch von Eveline Dudda an. Doch auch wer schon ein paar hortikulturelle Schritte zurückgelegt hat, ist mit dem auf fundiertem, erprobten Wissen basierenden Handbuch «Spriessbürger» ausgezeichnet bedient. 

Das umfangreiche Werk, übrigens ausschliesslich in schwarz/weiss gehalten, ist in vier Teile gegliedert: «Vorneweg» gibt eine kurze Einführung und darin Erklärungen zum Wetter, zur Fruchtfolge, zu Pflanzenfamilien sowie Mischkultur und geplantem Anbau. Der zweite Teil enthält, geordnet nach ihrer Zugehörigkeit zu Doldenblütlern, Korbblütlern, Kreuzblütlern oder Gemüse ohne enge Familienbande, ausführliche Pflanzenportraits von Asia-Salat über Kohlrabi und Peperoni bis zum Zuckermais. Auf jeweils mehreren Seiten werden allgemeine Information etwa über Geschmack und Verwandtschaft und über Geschichte, Standortansprüche, Fruchtfolge, Aussaat, Pflanzung, Abstände, Pflege, Pflanzenschutz, Ernte, Lagerung und Sorten gegeben. Optisch unterstützt und aufgelockert werden die Texte durch vergrösserte Fotos von Samen, von Sämlingen und durch oft witzige Schnappschüsse und Zeichnungen. Hier wird mit viel Herzblut Wissen aus eigener praktischer Erfahrung weitergeben – kompetent, aber nicht verbissen. Der immer wieder durchblitzende Humor zeigt sich bereits auf dem Umschlagbild, das eine Gärtnerin mit Salatperücke ziert. 

Es gibt Tipps zur Selbstversorgung, zum Pflanzenschutz und man erfährt, wie und wozu eine Unkrautkur durchgeführt wird und welche Lebewesen sich im Boden tummeln, die den Pflanzen und Wurzeln guttun oder eben auch nicht. Ganz nebenbei wird mit verschiedenen Mythen aufgeräumt oder deren Sinn wird bestätigt und immer wieder werden passende Zitate mit hortikulturellem Bezug eingestreut. Welches Gemüse zählt zu den Flachwurzeln, welches zu den Schwachzehrern, wie steht’s mit den Ansprüchen an Temperaturen und an den Nährstoffbedarf? Und haben Sie gewusst, dass die Kohlrabiblätter gesünder sind als die Knolle selber und Microgreen- und Babyleaf-Salatmischungen ganz einfach selber im Blumenkistli angebaut werden können? 

Der lesende Gärtner erfährt vom Einfluss des richtigen Aussaattermins auf die Erfolgsquote beim Ernten. Die Schweiz ist zwar flächenmässig klein, aber die klimatischen Bedingungen variieren je nach Region und Höhenlage. Ein Walliser gärtnert nicht unter den gleichen Bedingungen wie ein Rheintaler, was gezwungenermassen gleichbedeutend ist mit der Unzuverlässigkeit der Angaben auf den Samenpäckli. Verlässlicher sind die Natur und die Wechselwirkungen, die sich im phänologischen Kalender widerspiegeln. Die Huflattichblüte etwa zeigt an, dass die Bodentemperatur rund sechs Grad beträgt. Die Pastinakenanzucht beginnt nach der Forsythienblüte und sobald der schwarze Holdunder blüht, können auch wärmebedürftigere Gemüse ins Freiland, weil dann die Frostperioden vorbei sind. Detaillierte Informationen liefert der dem Buch beiliegende Gemüse- und Salatplaner, der sich auch im Internet finden lässt. 

Zur Gartenarbeit im Lauf der Jahreszeiten gehört auch das Wissen über die richtigen Anzuchtmethoden. Wann lohnt sich die die Aussaat im Zimmer oder Gewächshaus, welches Gemüse kauft der Gärtner besser in Form von Setzlingen oder welche Samen können direkt ins Freiland? Das Buch liefert auch die Antwort auf die Frage, wie viele Samen und Keimlinge pro Zelle oder Topf in welcher Tiefe ausgebracht werden sollen und wie lange die Zeitspanne zwischen Aussaat und Pflanzung ist.

Ein Gartenbuch ausschliesslich in s/w-Optik polarisiert. Eine nicht repräsentative Umfrage unter einigen Nahestehenden endet mit dem Resultat, dass die Idee als eher gewöhnungsbedürftig empfunden wird. Als langjährigen Leserin von Hortus und Greenprints, die beide in visueller Hinsicht (und nur in dieser) ausschliesslich farblos daherkommen, habe ich persönlich keine Mühe damit. Für mich sind Texte wichtiger als farbige Bilder. Mit ein Grund weshalb ich seit Jahren nahezu uneingeschränkt ohne Bildunterstützung blogge. Der Sofagarten-Hintergrund ist schlicht und einfach in Grüntönen gehalten, weil die verwendete Blogger-Vorlage so ist und diese beim Einrichten am besten zum Bloginhalt gepasst hat und ich immer noch keine Zeit und Lust gefunden habe, mich endlich mit einem moderneren Layout auseinanderzusetzen. Und nebenbei: meine neueste Filmentdeckung ist eine ältere Schrebergarten-Serie in schwarz/weiss; im Internet entdeckt mit dem Stichwort Laubenpieper.

Für eidgenössische Leserinnen und Leser sind die Helvetismen erfrischend. Wo liest man schon mal Floskeln wie «ist Hans was Heiri» oder eben Mundartausdrücke wie herumplämperle, Gluscht oder Gutsch? Für Schweizerdeutsch-Unkundige ist im Anhang ein Vocabulaire eingefügt (atapen = betatschen). Bleibt noch zu erwähnen, dass das inhaltlich und umfangmässig stattliche Buch neben einem Saatkalender-Umrechner durch ein Inhaltsverzeichnis, Glossar, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie eine Liste von Saatgutanbietern in der Schweiz und ein Register ergänzt wird. Und selbstverständlich finden auch Nicht-auf-Schweizer-Boden-Gärtnernde in dem Buch nützliche Tipps und Tricks.



Eveline Dudda: 
Spriessbürger – Handbuch für den Anbau von Gemüse und Salat in der Schweiz Spriessbürger Verlag, 2015