7. März 2012

Barbara Constantine: Kleiner Tom, was nun?

Der elfjährige Tom und seine alleinerziehende fünfundzwanzigjährige Mutter Jocelyne, genannt Joss, wohnen vorübergehend in einem Wohnwagen. Das Geld ist knapp, weil Joss die Schule vorzeitig abgebrochen und keinen Beruf erlernt hat und deswegen von schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs abhängig ist. Sie möchte aber unbedingt das Abitur nachholen und eine Ausbildung im Pflegebereich absolvieren. Alle ihre Verpflichtungen wachsen ihr zuweilen über den Kopf und sie ist oft etwas gereizt. Ausserdem hat sie den Eindruck, nur über ihre imposante Oberweite wahrgenommen zu werden, weshalb sie zusätzlich für eine Brustverkleinerungs-OP jeden Cent auf die Seite legt. Tom ist für sein Alter bereits sehr selbständig und oft vernünftiger als seine Mutter und die Leserin bekommt zuweilen den Eindruck, Mutter und Sohn steckten in den falschen Rollen.

Fürs gesunde Essen der Kleinfamilie ist Tom verantwortlich. Er durchkämmt täglich die Gärten der Umgebung und bedient sich an reifen Tomaten, Karotten, Kartoffeln und anderem Gemüse. Er legt grossen Wert darauf, nie mehr mitzunehmen, als er und seine Mutter gerade brauchen, um satt zu werden, obwohl sein Magen häufig noch deutlich mehr Nahrung vertragen würde. Ausserdem steckt er das Kraut der Kartoffeln jeweils wieder sorgfältig zurück in die Erde, stampft alles gut fest, giesst pflichtbewusst die Pflanzen und hofft natürlich fest, dass diese wieder weiterwachsen.

Eines Abends, auf der Suche nach neuen Gärten, stolpert Tom beinahe über die 93jährige Madeleine, die seit mehr als einem Tag hilflos zwischen ihrem Gemüse am Boden liegt und verzweifelt weint. Obwohl Tom zunächst befürchtet in Erklärungsnotstand zu geraten, kümmert er sich vorbildlich um die geschwächte alte Frau. Er organisiert einen Transport ins Spital und füttert während Madeleines Abwesenheit deren Haustiere und er kümmert sich um ihren Garten.

In Toms Lieblingsgarten, dort wo er abends auch gerne im Liegestuhl sitzt und von draussen das Fernsehprogramm im Wohnzimmer verfolgt (ohne zu ahnen, dass die Bewohner Odette und Archibald genau wissen, was er in ihrem Garten so treibt und sogar ihre Fernsehgewohnheiten an Kinderinteressen anpassen) holt Tom überzählige Obststräucher und Tomatenpflanzen. Diese buddelt er sorgfältig in Madeleines Garten etwas unordentlichen Garten ein.

Auch als die alte Frau wieder daheim ist, kümmert er sich weiter um Madeleine. Er erledigt ihre Einkäufe und pflegt den Garten. Im Gegenzug bringt sie ihm das Gärtnern bei. Sie dirigiert ihn auf einem Stuhl sitzend herum: „Nacktschnecke im Anmarsch!“ oder „da, ein Wildtrieb…“. Und unter Madeleines Anleitung lernt er sogar Gemüse einzumachen und er kreiert die „Tom Tomatensauce“.

Wer sich nicht vom Titelbild abschrecken lässt, wo ein Junge seine Muskeln spielen lässt, entdeckt einen schönen Familienroman mit passendem offenen Ende für eigene Spekulationen, wie sich wohl die Dinge um den plötzlich aufgetauchten Vater entwickeln und was es mit der Verbindung von alten Comic-Heften und Madeleines Vergangenheit auf sich hat. Das Cover dünkt mich unpassend, da Tom sich doch hauptsächlich durch überlegtes Handeln und sein Mitgefühl qualifiziert.



Barbara Constantine:
Kleiner Tom, was nun?
Blanvalet, 2012

1 Kommentar:

  1. Liebe Sofagärtnerin,

    Konnte vor einigen Tagen das bei Amazon.com bestellte "Gardening from the Heart" abholen - endlich. Inspirierend, sich einmal Gedanken über das "Warum" zu machen....

    Gruß,
    Clara

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