11. Februar 2014

Elizabeth Musser: Der Garten meiner Grossmutter

Seit seinem achten Geburtstag hat Emile de Bonnery jedes Jahr ein etwas merkwürdiges Geschenk und eine dazugehörige Geschichte von seinem Vater erhalten. Im Jahr 1964 erhält er sein Präsent – eine gebrauchte Armbanduhr - bereits Wochen vor seinem Wiegenfest; ohne Geschichte. Diese soll für viele Jahre unerzählt bleiben. Denn mit seiner Mutter und dreiunddreissig Taschen und Koffern zieht der Junge noch im gleichen Jahr zwei Monate vor seinem vierzehnten Geburtstag Hals über Kopf von Lyon weg nach Atlanta. Gleichzeitig verschwindet sein Vater spurlos aus seinem Leben.

Emiles Vater ist schon wiederholt für ein paar Wochen verschwunden, aber jedes Mal zu seiner Familie ins Chateau nach Lyon zurückgekehrt. Emile versteht nicht, warum es diesmal anders sein soll und erhält von seiner Mutter auch keine befriedigenden Erklärungen. Doch während Emile in Atlanta pausenlos auf das Auftauchen seines Vaters oder eine Nachricht von ihm hofft und wartet, fasst er trotz grossem Heimweh nach Frankreich und seiner französischen Grossmutter Mamie langsam Fuss in der Heimat seiner Mutter. Er lernt seine andere Grossmutter kennen und schätzen und wohnt nun in einem reinen Frauenhaushalt. In der Schule ist er mit seinem französischen Akzent und seiner europäischen Kleidung ein Aussenseiter, findet aber Kontakt zu Griffin und Eternity.

Eternity gilt wie Emile als Sonderling. Doch derweilen Emile von Mutter und Grossmutter behütet wird, lebt Eternity in sehr schwierigen Verhältnissen mit ihren beiden Geschwistern und der Mutter in einem alten Wohnwagen. Jedes der drei Kinder hat einen anderen Vater, die aber alle verschwunden sind. Die Mutter ist eine gewalttätige Alkoholikerin. Deshalb hat Eternity schon früh die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister Jake und Blithe übernommen und beschützt diese so gut sie vermag.

Emile versucht Eternity in ihren Bemühungen zu unterstützen und seine Mutter und Grossmutter helfen ihm dabei. Im Garten der Grossmutter können die Kinder etwas aufblühen. Emile zeigt seiner neuen Freundin die Geschenke seines Vaters und seine Tim und Struppi-Bücher. Er erzählt ihr von seinem Verdacht, sein Vater sei ein Spion, und ahnt nicht, wie nah er damit der Wahrheit kommt. Immer wieder sucht er nach Puzzleteilen, die das Verschwinden seines Vaters erklären und für ihn begreifbarer machen und Eternity, verspricht ihm ihre Mithilfe bei der Lösung dieses Rätsels. Doch dann passiert eine furchtbare Tragödie.

Der Leser begleitet Emile während über zwei Jahrzehnten in seiner Entwicklung vom Schüler, über den Studenten bis zum Professor und versteht seine verwirrten Gefühle. Immer will Emile allen Dingen auf den Grund gehen und muss lernen, dass nicht alles verstanden werden kann und muss. Auch ihm helfen Gespräche im Garten seiner Grossmutter, wo er beim Jäten mithilft und schnell entdeckt, dass der Stil zu gärtnern, mit den eigenen Lebenserinnerungen und der Vergangenheit zusammenhängt. Seine französische Grossmutter Mamie arbeitet im Garten wie eine Generalin, die sämtliches Grünzeug in kürzester Zeit in Reih und Glied zu bringen hat. Seine gläubige Grandma Bridgeman hingegen liebt bunte, farbenfrohe Beete, in denen es auch etwas wild zu und hergehen darf. Sie ist es auch, die Emile lehrt, dass das Leben nicht jede Frage beantwortet und es nicht heissen soll „warum ich?“, sondern „was jetzt“? Denn wie im Garten im Frühling die Pflanzen wieder von neuem spriessen, keimt auch in den Menschen immer wieder Hoffnung auf.

Emile und Eternity verlieren sich aus den Augen, doch die Freundin aus Kindertagen macht ihr Versprechen wahr. In ihrer Tätigkeit als Journalistin recherchiert sie über die französische Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg und entdeckt Verbindungen zwischen Emiles Familie und Klaus Barbie, dem Schlächter von Lyon. Das Buch behandelt noch weitere Themen, wie etwa die Unterschiede zwischen der französischen und amerikanischen Kultur. Was ist schlimmer? Ein Glas Rotwein trinken oder Rassendiskriminierung?

Ein unbedingt lesenswerter Roman, der tief berührt. Die Lektüre ist teilweise niederschmetternd, aber auch traurig-schön und in einer unaufdringlichen Weise immer wieder hoffnungsvoll.  



Elizabeth Musser: 
Der Garten meiner Grossmutter 
Francke-Buchhandlung, 2013

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