1. Mai 2017

Cecilia Ahern: Das Jahr, in dem ich dich traf

Cecilia Aherns Bücher belegen in vielen Buchhandlungen und in den Bestsellerlisten bevorzugte Plätze. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb habe ich bis jetzt keines davon gelesen. Auf verschlungenen Wegen durchs Internet bin ich über weitgehend eher vernichtende Buchbesprechungen auf  den Roman «Das Jahr, in dem ich dich traf» gestossen. Die Kritiken bezogen sich mehrheitlich auf die als zu grosszügig bemessen empfundenen Textstellen, in denen es ums Gärtnern geht. Gibt es für die Sofagärtnerin einen überzeugenderen Grund, ein Buch zu kaufen?

Doch tatsächlich tat auch ich mich anfangs sehr schwer mit der Lektüre. Bis ungefähr Seite hundert war ich mehrfach versucht, das Buch unbeendet abzuschliessen, aber dann hat mich der Inhalt doch plötzlich zu interessieren begonnen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ich wie häufig, das Ende schon ziemlich früh vorweg gelesen und festgestellt habe, dass das Romanende wohl anders als vermeintlich vorhersehbar ausfallen wird.

Jasmines Grossvater war Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Gärtner und ihm, genauer einem Strauss Jasmin, den er zu ihrer Geburt ins Krankenhaus gebracht hat, hat sie ihren Vornamen zu verdanken. Trotzdem scheint das Gartengen nicht an die Enkelin vererbt worden zu sein. Im Gegenteil, sie hat ihre ganze Nachbarschaft vor den Kopf gestossen, als sie vor ein paar Jahren der Einfachheit halber ihren gesamten Garten mit immens teuren, pflegeleichten Steinen zupflastern liess, um sich den kostspieligen Unterhalt durch den Gärtner zu ersparen.

Bis vor kurzem war die dreiunddreissigjährige Frau hinreichend mit ihrer bis dato perfekt verlaufenden Karriere beschäftigt gewesen und sie lebte nach dem Motto, dass jeder selber für die Nutzung seiner Lebenszeit verantwortlich ist und Zeitverschwendung war ein absolutes No-Go. Vier Jahre hat sie für eine selber mitgegründete Ideenfabrik gearbeitet und alles für ihren Job gegeben. Dementsprechend ungerecht fühlt sie sich behandelt, als sie bei voller Salärzahlung während einem ganzen Jahr entlassen wird. «Gardening leave» ist der englische Begriff für eine solche Freistellung.

Doch Jasmine möchte unter keinen Umständen im «Kopf Moos ansetzen» (herrlicher Begriff aus dem Buch…). Sie hat nun zwar hinreichend Zeit für ihre dreijährige Halbschwester Zara, ambivalente Gefühle gegenüber ihrem Vater und dessen völlig anderen Umgang mit seiner dritten Tochter sowie für Geburtstagseinladungen, Kaffeeklatsch mit Freundinnen und ihre Patenkinder. Doch mit dem Jobverlust hat sie ihre Selbstachtung verloren und sie beginnt an sich selber und ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Ihr gewöhnlich überbordender Terminkalender glänzt durch Lücken. Sogar ihre Schwester Heather, die trotz oder teilweise auch wegen Trisomie 21, einen ausgeklügelt durchgeplanten Alltag hat, weist in ihrer Agenda mehr Einträge auf.

Die viele freie Zeit füllt Jasmine immer öfter mit der Beobachtung ihres Nachbarn Matt Marshall, der vis-à-vis in der gleichen Nord-Dubliner Sackgasse wohnt. Jasmine kann den Radiomoderator nicht ausstehen. Sie verabscheut ihn und er ist ihrer Meinung nach ein schlechter Vater. Nichtsdestrotz führt sie fast ständig fiktive Gespräche mit ihm. Der Anfang Vierziger trinkt zu viel Alkohol und macht ebenfalls eine Krise durch. Seine Frau hat ihn mit den drei Kindern eben verlassen. Ausserdem wird der sogenannte König der Late-Night-Talkshows gerade wegen einer unrühmlichen Sendung in der Presse verrissen und verliert schliesslich ebenfalls seinen Job. Die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden sind offensichtlich die Stellenlosigkeit und dass sie das Durchschnittsalter unter den Nachbarn drücken. Die ausgeprägte Antipathie auf Jasmines Seite geht auf eine rund eineinhalb Jahrezehnte zurück liegende Radiosendung zum Thema Trisomie 21 zurück. Jasmine hat mit siebzehn Jahren ihre Mutter wegen einer schweren Krankheit verloren und fühlt sich seither noch mehr für ihre ältere Schwester Heather verantwortlich.

Plötzlich wird die junge Frau in die Nachbarschaft eingebunden. Es ist nämlich aufgefallen, dass sie häufiger als auch schon daheim ist. Zunächst recht widerstrebend nimmt sie die Aufgabe an, die Nachbarskatze zu füttern und den Reserveschlüssel für Matt aufzubewahren. Parallel zu diesen Geschehnissen kommt der Garten ins Spiel. Barfusslaufen durchs Gras soll einen positiven Einfluss auf den Menschen haben und in Jasmine wächst der Drang, dies auszuprobieren. Doch in ihrem Garten gibt es ja kein Gras mehr.

Kurz entschlossen geht sie dem Bedürfnis nach Erdung nach. Sie beschliesst, das teure Pflaster entfernen und einen Rollrasen anlegen zu lassen und beauftragt einen Kleinbetrieb mit den Arbeiten. Damit aktiviert sie ihr Garten-Gen. Sie lässt Winterjasmin an einer Rankhilfe hochklettern, sät Samenmischungen aus Mohn, Kamille, Margeriten und Kornblumen aus, bestellt ein Anlehngewächshaus und für die Vertreibung von Vögeln mit CD wählt sie extra Scheiben mit sorgfältig ausgewählten passenden Songs aus. Ausserdem wagt sie sich an den Bau eines Springbrunnens. Ihre Gedanken und Sorgen werden zunehmend vom Garten vereinnahmt.

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten macht Jasmine mit einer gehörigen Portion Selbsironie eine grosse Entwicklung durch und lernt sich selber samt ihren Fehlern viel besser kennen und verstehen. Dazu tragen insbesondere (tatsächlich stattfindende) nächtliche Streitgespräche und anregende Diskussionen mit Matt bei. Sie beginnt ihren Umgang mit den Mitmenschen, ihre Erwartungen, die von ihr aufgestellten Regeln und den damit verbundenen Druck zu hinterfragen. Eine Liebesgeschichte gibt es auch noch. Aber eben nicht so, wie frau das erwartet.



Cecilia Ahern: 
Das Jahr, in dem ich dich traf 
Fischer Verlag, 2015/2016

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