Aus dem geplanten
Erholungsurlaub von Detective Chief Superintendent Tom Pollard von New Scotland
Yard wird nichts. Wanderer entdecken in einer alten keltischen Grabstätte
entlang des Jakobsweges sterbliche Überreste, die ganz offensichtlich erst
kürzlich dort abgelegt worden sind. Der Todeszeitpunkt liegt ebenso
eindeutig schon länger zurück. Doch wo hat das Skelett vor dieser Entdeckung
gelegen? Und weshalb wurde es genau jetzt an einer gut frequentierten Stelle
so platziert, dass es unmöglich übersehen werden konnte? Und wer überhaupt ist der oder die Tote?
Fragen über Fragen mit denen sich
Tom Pollar und sein Team sowie die örtliche Polizei beschäftigen. Die Beamten sind nicht zu beneiden. Denn welcher
potentielle Zeuge weiss schon nach über einem Jahr noch genau, was er gehört
und allenfalls beobachtet hat? Der
pathologische Bericht datiert den Zeitpunkt des Ablebens auf rund dreizehn bis
sechszehn Monate zurück und kann schliesslich auf Ostern 1975 festgelegt werden.
Und damit erscheint ein anderer Todesfall als Folge eines Sturzes von einer
Leiter während dem Abschneiden von verwelkten Rosenblüten und Aufbinden von
längeren Trieben plötzlich in einem ganz anderen Licht.
Im Text werden immer wieder
botanische Details eingeflochten. So arbeitet die Tochter eines Verdächtigen an
einem „Horticulturel College“ und für die Lösung des Falles ist die Erwähnung
von Bedeutung, dass ein Garten auch bei Ferienabwesenheit und Trockenheit
regelmässig gewässert werden soll. Gärtnerisch zur Sache geht es aber erst
gegen Ende des Buches als die Ermittlungen in die Schlussphase treten.
Ein Krimi ohne blutige Szenen.
Zwar nicht gerade in Miss Marple-Manier, aber es ist doch eine schöne
Abwechslung wieder einmal zu lesen, wie ein Buchkrimi mit Kombinationsgabe und ohne
Hilfe von DNA-Tests, Kameraunterstützung oder anderen modernen Hilfsmitteln
gelöst und der Täter überführt wird.
Elizabeth Lemarchand:
Suddenly while Gardening
Dales Large Print Books, 2008
7. Juli 2012
3. Juli 2012
Gert Loschütz: Die Bedrohung
Loose,
ein ehemaliger Kulturredaktor, bekommt seit seinem Ausscheiden aus dem
einigermassen geregelten Redaktionsalltag keinen Artikel mehr auf die Reihe.
Seine Pläne schaffen es allesamt nicht über die Planungsphase hinaus und es
bleibt bei diffusen Ideensammlungen. Als er eine Einladung zu einer
internationalen Tagung einer Botanischen Gesellschaft erhält, möchte er diese
trotz dem höchst willkommenen und ziemlich verlockenden Honorar zunächst ablehnen.
Eine zufällig gelesene kleine Notiz in der Rubrik „Aus aller Welt“ veranlasst ihn,
den Entscheid umzukrempeln und doch hinzufahren. Sein Interesse wurde von einer
Meldung geweckt, die über eine unerklärliche Serie von Selbstmorden berichtet,
die sich in einem Wald in unmittelbarer Nähe des Tagungsortes ereignet hat und
die Bevölkerung stark beunruhigt, aber gemeinhin als Zufall abgetan wird.
Während
der Tagung der Botaniker erhält Loose das Angebot, die Leitung einer neu
gegründeten Zeitschrift zu übernehmen, deren Aufgabe darin besteht, die Interessen
der Botanischen Gesellschaft publikumswirksam aufzubereiten und zu vertreten. Looses
persönliches Interesse gilt aber weniger dem durchaus attraktiven und
schmeichelhaften Angebot als den Vorkommnissen im und um den Wald, der ihn wie
magisch anzieht.
Er
verlängert den Aufenthalt im Tagungshotel auf eigene Rechnung und als er auch
das bescheidenere Hotelzimmer nicht mehr zu bezahlen vermag, bekommt er Logis
in einer kleinen Kammer gegen Arbeitseinsatz als Hausdiener. Zwischen
Hilfsarbeiten in Küche und Hof treibt er seine Nachforschungen weiter und es
zieht ihn immer wieder Richtung Wald. Je länger je mehr entwickelt er einen
Hang zum Wahnsinn und verliert den Bezug zur Realität. Er meldet sich nicht mehr bei
seiner Freundin und er vermutet überall Verschwörungstheorien.
Für den
Gartenfreund interessant sind die Hinweise auf Vorträge der Botaniker, in denen
es mal um Photosynthese oder die
Gründung der Botanischen Gesellschaft sowie verschiedene Expeditionen geht und die Entdeckung
eines seltenen Grases durch einen (fiktiven?) Forscher namens Walter Backhaus.
An einer anderen Stelle liest man über die Trauerformen von Bäumen
und von insektenfressenden Pflanzenarten, die wie Jäger Fallen stellen. Eine bemerkenswerte Entdeckung vom Remittendentisch!
Gert Loschütz:
Die Bedrohung
Piper Verlag, 2008
30. Juni 2012
Rita Bertolini: Bodengut – Vom Zauber Vorarlberger Gärten
Wenn man
diese rund dreihundertseitige Publikation im Schnelldurchlauf durchblättert,
fallen einem als erstes die vielen unterschiedlichen Nuancen der Farbe Grün
auf. Bei dem vielen Weiss, das diesen Winter während meiner Lektüre dieses Buches
draussen in Form von Schnee vorherrschte, empfand ich diese Grüntöne wie ein Fest
für die Augen.
Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert:
- Villen und historische Gärten
Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert:
- Villen und historische Gärten
-
Architektur
und Gärten
- Klostergärten
- Bauern- und Nutzgärten
- Wiesenmeister
- Bäuerlich anmutende Gärten und Nutzgärten
- Industrie- und Migrantengärten
- Therapiegarten Carina
- Private Gärten
- Gastgärten
- Klostergärten
- Bauern- und Nutzgärten
- Wiesenmeister
- Bäuerlich anmutende Gärten und Nutzgärten
- Industrie- und Migrantengärten
- Therapiegarten Carina
- Private Gärten
- Gastgärten
Das Buch
zeigt viele verschiedene Gärten, aber immer nur einen kleinen Ausschnitt, nie
die gesamte Parzelle oder Anlage. Die Texte sind sehr kurz gehalten, der Fokus
wird eindeutig auf die (in Bezug auf die Druckqualität nicht immer optimalen) Fotos
gelegt. Es werden wie aus den Kapitelüberschriften ersichtlich ist, die
verschiedensten Gartentypen vorgestellt. Sympathisch fand ich, dass die Gärten
nicht übermässig herausgeputzt sind, so sind zum Beispiel Buchspflanzen abgebildet,
die für andere Publikationen wohl erst zurechtgestutzt worden wären.
Gleich
im ersten Kapitel erfährt der Leser, dass in Vorarlberg die meisten als
historisch zu bezeichnenden Gartenanlagen noch recht jung sind. Diese sind
nämlich zumeist während dem Aufschwung der Industrie im 19. Jahrhundert
entstanden. Und welcher Gartenfreund wird nicht ein wenig neidisch auf den
Platz an einem Schreibtisch in Feldkirch, der bei offenen Fensterflügeln direkt
im Waldgarten zu stehen scheint? In Hörbranz wiederum findet sich ein Garten,
in dem als nicht wegzudenkende Elemente eine Steinbibliothek, Arbeitsmaschinen
und Bambus fungieren. An einer anderen Stelle liest man von
Wiesenmeisterschaften, die aufzeigen sollen, dass Lebensräume für Pflanzen und
Tiere nur bewahrt werden können, wenn diese standortgerecht genutzt werden. Es
handelt sich denn auch nicht um einen Mähwettbewerb, sondern um eine Bewertung
und Auszeichnung von naturgemäss gepflegten Mager- und Fettwiesen.
Vor
etlichen Jahren haben wir jeweils die Skiferien im Montafon verbracht. Die Region
Vorarlberg in meinem Kopf ist also hauptsächlich Weiss. Nach der Lektüre von
„Bodengut“ ist nun auf eine eindrückliche Weise eine weitere Farbe dazugekommen
– Grün. Und die Erkenntnis, dass die Gegend auch zwischen Frühling und Herbst
einen Besuch und Blicke hinter die Zäune Wert wäre. Einladend sind ja nicht
zuletzt auch die verschiedenen abgebildeten Gastgärten (Gartenwirtschaften).
Rita Bertolini:
Bodengut – Vom Zauber Vorarlberger Gärten
Bertolini Verlag, 2009
26. Juni 2012
Eva Almstädt: Ostseefluch
Die
Bemühungen der achtzehnjährigen Gärtnerstochter Milena, im Garten
Gemüse anzuziehen, entpuppen sich als Energie-, Zeit- und
Wasserverschwendung. Die schon fast endlos andauernde Hitzeperiode in
Schleswig-Holstein tut das ihre dazu, dass auch die zähesten Pflänzlein
vertrocknen. Und dann wird die junge Frau tot im Garten des
heruntergekommenen Anwesens auf Fehmarn gefunden, wo sie die letzten
Monate in einer Wohngemeinschaft gelebt hat. Wieso ist Milena umgebracht
worden? Wer hat ein Motiv? Liegt tatsächlich eine Fluch auf dem
„Mordkuhlen“ genannten Gelände seit sich hier vor rund einem
Vierteljahrhundert eine schreckliche Familientragödie ereignet hat?
Ein
angeblich herumirrender Geist, eine bigotte Mutter und ein Vater, der
als Gärtnerei-Tycoon von Ostholstein gilt, sowie eine Organisation, die
Fälle von illegalem Pflanzenschutzmittelverbrauch aufdeckt und es sich
zum Ziel gesetzt hat, die Bevölkerung über den massiven Einsatz von
gesundheitsgefährdenden Pestiziden zu informieren sind Puzzleteile in
der Lösung dieses Verbrechens.
Während
den Ermittlungen befallen die ermittelnde Kommissarin und
alleinerziehende Mutter Pia Korritki immer wieder persönliche Zweifel.
Sie kann nichts mit Geistergeschichten anfangen, aber sie kommt nicht
umhin, Parallelen zwischen dem angeblichen erzieherischen Versagen von
Milenas Mutter und ihren eigenen diesbezüglichen Bemühungen bei ihrem
Söhnchen Felix anzustellen. Leider lassen sich nicht alle Probleme so
einfach aus der Welt schaffen, wie die schlechten Gerüche in einem
Secondhandgeschäft, die ein gewisser Aleister mit einer Reinigung aus
Salbei oder Asafoetida vertreiben will...
Ostseefluch
Bastei Lübbe, 2012
22. Juni 2012
Janice Marriott und Virginia Pawsey: Common Table – An uncommon tale of friendship and food
In
dieser zweiten gemeinsamen Publikation von Janice Marriott und Virginia Pawsey
in Form von Briefwechseln stehen Küche und Kochen im Vordergrund. Doch was wäre
gesundes Essen ohne frisches Gemüse aus dem Garten? So geht es auch zwischen
Rezepten und Alltagsgeschichten aus Farmleben und Bürobetrieb immer mal wieder
ums Gärtnern. Beide Frauen betonen denn auch immer wieder, wie wichtig ihnen
gärtnern und kochen ist.
Küche
und Garten können auf vielfältige Weise miteinander verbunden werden. Gemäss
einem Tipp im Buch sollen stark verbrannte Kochtöpfe für eine Weile im Garten
vergraben werden. Anschliessend soll die Reinigung mühelos möglich sein.
Vielleicht ist dieser Ratschlag ja einen Versuch wert? Als wahres Wundermittel
wird an einer anderen Stelle Natron (baking soda) angepriesen. Es erfüllt nicht
nur vielfältige Aufgaben im Reinigungsbereich, sondern soll sich angeblich sogar in der
Krebsbehandlung bewähren. Da aber damit kein Geld zu verdienen ist, wird laut
der Korrespondenz dieses Wissen nicht allgemein verbreitet.
Der
briefliche Rezeptaustausch wird von einer Erkrankung in Virginias familiärem
Umfeld überschattet, die eine komplette Ernährungsumstellung notwendig macht.
Ab sofort darf aus gesundheitlichen Gründen nur noch völlig ungesalzenes Essen
konsumiert werden. Janice aufmunternde Worte und vor allem das Schreiben von
Briefen sind Virginia eine willkommene Abwechslung und Unterstützung in dieser
schwierigen Zeit ohne Parmesan, Speck, Oliven und mit fadem Risotto. Die Leserin freut sich schliesslich mit der
Farmerin mit, als die Ärzte Entwarnung geben und sie die Familienspeisen wieder
zurückhaltend mit Salz würzen darf.
Als Europäerin
schätze ich an diesem Briefwechsel besonders den Einblick in den
neuseeländischen Alltag. In der Korrespondenz liest man von einem Wettbewerb um
das sinnvollste Erdbeben-Set. Da gibt es beispielsweise einen
„Nachbarschaftspreis“ für das einzige Set, das einen Deodorant enthält und
einen „Mission Impossible Award“ für ein Set voller Büchsennahrung - aber ohne
Büchsenöffner. Beim Lesen dieser Erdebebenvorbereitungs-Massnahmen erinnert man sich unwillkürlich an die
verschiedenen Naturkatastrophen, die sich in jüngster Zeit in Neuseeland
ereignet haben und fragt sich, wie weit wohl die beiden Frauen und ihre
Familien davon betroffen sind.
Die
lesende Gärtnerin mag die Briefe interessieren, die vom verzwickten Aufbau eines
Kleingewächshauses handeln, der (beinahe) eine Ehekrise auslöst. Stichworte
sind da beispielsweise das Nichtlesen von Anleitungen, Instabilität, Teile, die nach dem Aufbau
noch herumliegen …
Janice
Marriott und Virginia Pawsey:
Common
Table – An uncommon tale of friendship and food
Harper Collins Publishers, 2010
18. Juni 2012
Audur Ava Olafsdottir: The Greenhouse oder Weiss ich, wann es Liebe ist?
Der 22jährige Ich-Erzähler
Arnljótur macht sich mit drei in Zeitungspapier gewickelten Rosenstecklingen
einer seltenen Achtblattrose mit Stielen ohne Dornen auf den Weg von Island
nach Europa. Die Stecklinge stammen aus dem Treibhaus seiner vor einiger Zeit
bei einem Autounfall verstorbenen Mutter. Arnljóturs Ziel ist ein Kloster mit
dem „grossartigsten Garten himmlischer Rosen“ mit einer jahrhundertealter
Geschichte. Diesen aus dem Mittelalter stammenden Garten hat er als
kleiner Junge in einem Gartenbuch seiner Mutter entdeckt und ist immer wieder
auf diesen gestossen, denn er wird in sämtlichen Publikationen über Rosengärten
erwähnt. Und zwar immer mit den genau gleichen Worten, weil die Autoren mangels
neuer Informationen und Fakten einander nur abschreiben. Arnljótur möchte die
lange vernachlässigten Rosen dieses Gartens wieder zum Blühen bringen.
Zurück in Island bleiben sein autistischer Zwillingsbruder, der in einem Heim lebt, und Flora Sol, seine kleine Tochter – ungeplante Frucht eines One-Night-Stands mit Anna, der Freundin seines Freundes. Ebenfalls zurück in Island lässt der junge Mann seinen trauernden und fürsorglichen Vater, der es lieber sähe, wenn sein Sohn ein Studium in Angriff nähme, statt in der Erde herumzuwühlen und an Rosenstöcken herumzuschneiden und der fest an eine spezielle Bedeutung glaubt, weil seine verstorbene Frau und Flora Sol am gleichen Tag Geburtstag haben und dieser Tag auch gleichzeitig der Todestag von ersterer ist. Doch der quasi im Treibhaus aufgewachsene Arnljótur möchte weder die Schulbank drücken noch in einem Labor arbeiten, sondern er sucht und braucht den Kontakt mit der Erde.
Der Start in Europa beginnt wenig verheissungsvoll. Heftige Bauchschmerzen entpuppen sich als Blinddarmentzündung, die eine Operation und einen Spitalaufenthalt nötig machen. Doch dann steht der Weiterreise zum Rosengarten nichts mehr im Weg. Das Kloster befindet sich auf einem Felsen. Arnljótur bekommt von den Mönchen freie Hand, den Garten neu zu organisieren und nutzt die einsamen Stunden beim Unkrautjäten und beim Zurückschneiden der Rosenstöcke, um über seine Wünsche und unerfüllten Sehnsüchte nachzudenken. Er lernt eine für ihn neue Sprache und verbringt die Abende häufig mit dem 49jährigen Pater Thomas und die beiden schauen sich gemeinsam Filme an. Als Arnljótur sich eben in sein neues europäisches Leben eingewöhnt hat, tauchen seine Tochter und deren Mutter auf.
Arnljótur wird damit unvermittelt in eine neue Rolle, nämlich die des Vaters, kataputliert und lernt auch Anna (endlich) näher kennen. Der Leser begleitet den jungen Mann durch diese Entwicklung, während der aus der stets als „Mutter meiner Tochter“ bezeichneten Anna fast unmerklich die Freundin wird und schon einmal Eifersucht aufkommen kann. Gleichzeitig werden die fast omnipräsenten Gedanken über Sex, Liebe und Tod durch die neue Verantwortung für seine Tochter etwas in den Hintergrund gedrängt. Schliesslich gilt es kochen zu lernen, sich mit der Kinderbetreuung auseinanderzusetzen und eine Frau zu verstehen und zu begreifen. Die Problemlösung erfolgt zumeist etwas unorthodox durch Filmtipps und das Ausleihen von DVDs von Pater Thomas.
Es ist berührend zu lesen, wie sich Arnljótur um seine Tochter und deren Mutter kümmert, beiden immer näher kommt und sein Herz immer mehr öffnet, bis es auf einmal auch für den Leser beinahe gar nicht mehr so verkehrt scheint, zunächst ungeplant ein (perfektes) Kind zu zeugen und sich erst hernach als Paar kennenzulernen. Das Romanende ist dann aber eher unerwartet, wenn auch überaus passend. Bis zuletzt unklar blieb mir, wo das beschriebene Land und der Rosengarten liegen sollen, hunderte Kilometer vom nächsten Flughafen entfernt. Konkrete Hinweise für den Leser beschränken sich auf die Augen- und Haarfarbe der Einwohner. Sehr lesenswert!
Audur Ava Olafsdottir:
The Greenhouse
Amazon Crossing, 2011
Weiss ich, wann es Liebe ist?
Suhrkamp Verlag, 2011
Zurück in Island bleiben sein autistischer Zwillingsbruder, der in einem Heim lebt, und Flora Sol, seine kleine Tochter – ungeplante Frucht eines One-Night-Stands mit Anna, der Freundin seines Freundes. Ebenfalls zurück in Island lässt der junge Mann seinen trauernden und fürsorglichen Vater, der es lieber sähe, wenn sein Sohn ein Studium in Angriff nähme, statt in der Erde herumzuwühlen und an Rosenstöcken herumzuschneiden und der fest an eine spezielle Bedeutung glaubt, weil seine verstorbene Frau und Flora Sol am gleichen Tag Geburtstag haben und dieser Tag auch gleichzeitig der Todestag von ersterer ist. Doch der quasi im Treibhaus aufgewachsene Arnljótur möchte weder die Schulbank drücken noch in einem Labor arbeiten, sondern er sucht und braucht den Kontakt mit der Erde.
Der Start in Europa beginnt wenig verheissungsvoll. Heftige Bauchschmerzen entpuppen sich als Blinddarmentzündung, die eine Operation und einen Spitalaufenthalt nötig machen. Doch dann steht der Weiterreise zum Rosengarten nichts mehr im Weg. Das Kloster befindet sich auf einem Felsen. Arnljótur bekommt von den Mönchen freie Hand, den Garten neu zu organisieren und nutzt die einsamen Stunden beim Unkrautjäten und beim Zurückschneiden der Rosenstöcke, um über seine Wünsche und unerfüllten Sehnsüchte nachzudenken. Er lernt eine für ihn neue Sprache und verbringt die Abende häufig mit dem 49jährigen Pater Thomas und die beiden schauen sich gemeinsam Filme an. Als Arnljótur sich eben in sein neues europäisches Leben eingewöhnt hat, tauchen seine Tochter und deren Mutter auf.
Arnljótur wird damit unvermittelt in eine neue Rolle, nämlich die des Vaters, kataputliert und lernt auch Anna (endlich) näher kennen. Der Leser begleitet den jungen Mann durch diese Entwicklung, während der aus der stets als „Mutter meiner Tochter“ bezeichneten Anna fast unmerklich die Freundin wird und schon einmal Eifersucht aufkommen kann. Gleichzeitig werden die fast omnipräsenten Gedanken über Sex, Liebe und Tod durch die neue Verantwortung für seine Tochter etwas in den Hintergrund gedrängt. Schliesslich gilt es kochen zu lernen, sich mit der Kinderbetreuung auseinanderzusetzen und eine Frau zu verstehen und zu begreifen. Die Problemlösung erfolgt zumeist etwas unorthodox durch Filmtipps und das Ausleihen von DVDs von Pater Thomas.
Es ist berührend zu lesen, wie sich Arnljótur um seine Tochter und deren Mutter kümmert, beiden immer näher kommt und sein Herz immer mehr öffnet, bis es auf einmal auch für den Leser beinahe gar nicht mehr so verkehrt scheint, zunächst ungeplant ein (perfektes) Kind zu zeugen und sich erst hernach als Paar kennenzulernen. Das Romanende ist dann aber eher unerwartet, wenn auch überaus passend. Bis zuletzt unklar blieb mir, wo das beschriebene Land und der Rosengarten liegen sollen, hunderte Kilometer vom nächsten Flughafen entfernt. Konkrete Hinweise für den Leser beschränken sich auf die Augen- und Haarfarbe der Einwohner. Sehr lesenswert!
Audur Ava Olafsdottir:
The Greenhouse
Amazon Crossing, 2011
Weiss ich, wann es Liebe ist?
Suhrkamp Verlag, 2011
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