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15. April 2017

Takashi Hiraide: Der Gast im Garten

Gärtner verstehen sich häufig interessenbedingt ganz gut mit anderen Gärtnern. Allerdings gibt es gewisse Aspekte, die man besser umschifft, sofern man die Ansichten des Gegenübers nicht kennt oder eben gerade, weil man sie kennt. Zu diesen mit Vorsicht zu geniessenden Themen gehören Katzen. Denn Gärtner, die selber keine Katzenbesitzer sind, sind oft keine uneingeschränkten Katzenfreunde. Die völlig unaufgeregte mit Bildern von Quint Buchholz illustrierte Geschichte «Der Gast im Garten» hingegen kann beiden, nämlich Katzen- und/oder Gartenfreunden, zur Lektüre empfohlen werden. Sie haben es bestimmt bemerkt, beim Gast in diesem (autobiographischen) Buchgarten handelt es sich um eine Katze. 

Ein kinderloses Paar, beide gegen Ende dreissig und im Verlagswesen tätig, zieht ausserhalb von Tokyo in ein kleines Haus, das eigentlich der Garten- und Teepavillon des von einer Lehmmauer und einem Zaun umgebenen riesigen Anwesens ist, auf dem es steht. Der Mietvertrag verbietet Kinder und Haustiere. Beide Bedingungen erfüllen sie. 

Schnell lernen sie eine Nachbarskatze kennen, die in der Folge immer öfter bei ihnen vorbeikommt. Das scheue schwarz-weisse Tier schleicht sich zuerst in ihr Leben und dann ganz direkt und fest in ihre Herzen, obwohl weder der Hausherr noch seine Frau eine besondere Vorliebe für Katzen haben. Die Hiraides nennen die Besucherin bald Chibi und richten ihr einen eigenen Schlafplatz ein, den sie nach Belieben und selbständig nutzen kann. 

Der weitläufige Garten dient als Kulisse, in dem der Mieter als Ausgleich zum Schreiben öfters Unkraut jätet oder aufräumt und die Mieterin im Herbst Blumenzwiebeln vergräbt. Damit sind die direkten gärtnerischen Tätigkeiten weitgehend abgehandelt. Und sowieso sind die Tage des Paares im Garten gezählt, da das gesamte Anwesen verkauft werden soll. Wie sich schnell herausstellt, ist dies wegen der beginnenden Wirtschaftskrise zur Zeit der Handlung in den Jahren 1989 und 1990 kein einfaches Unterfangen. Nichtsdestotrotz machen sich die Ersatz-Katzeneltern immer häufiger Gedanken darüber, wie das Leben nach dem bevorstehenden Umzug ohne Chibi sein wird. Längst betrachten sie den täglichen Besucher nämlich als ihr Eigentum und hängen sehr an ihm. Die Lösung dieses Problems erübrigt sich dann auf traurige Weise.

Der Ich-Erzähler berichtet von Alltäglichkeiten und gibt dem europäischen Leser gleichzeitig Einblick in die japanische Kultur – in den respektvollen Umgang miteinander und darüber, wie auf der anderen Seite der Erdkugel mit der Vergänglichkeit der Dinge und Wesen umgegangen wird. 



Takashi Hiraide: 
Der Gast im Garten 
Insel Verlag, 2015 

11. Juni 2014

Carol Wall: Mister Owita’s Guide to Gardening – How I Learned the Unexpected Joy of a Green Thumb and an Open Heart

Carol Wall hat sich nie gerne die Hände beim Gärtnern schmutzig gemacht - es gab immer anderes zu tun, das wichtiger war. Und überhaupt mag sie Blumen nicht und gegen Azaleen hat sie eine spezielle Abneigung. Ausserdem verbringen ihrer Meinung nach viele Eheleute viel zu viel Zeit damit, sich um ihre Häuser (und Gärten?) zu kümmern, statt um ihre Partner. Als sie eines Tages auf den Garten ihrer Nachbarn schaut und diesen mit ihrem eigenen vergleicht, schämt sie sich plötzlich für den Anblick, den ihr eigener Garten bietet und den sie ihren direkten Nachbarn zumutet.

Der Garten der Nachbarin blüht dank der Hege und Pflege von Giles Owita, der sich von diesem Zeitpunkt an auch um Carols Umschwung kümmert. Eine weisse Frau und ein dunkelhäutiger Afrikaner. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen absolut keine Gemeinsamkeiten zu haben. Und doch kommen sie sich immer näher und werden gute Freunde.

Drei Kinder hat Carol Wall grossgezogen und eine Krebserkrankung überstanden. Obwohl sie sich nichts anmerken lässt, überschatten permanent grosse Ängste vor einem erneuten Ausbruch der Krankheit ihr Leben. Die eher introvertierte Frau mag es auch nicht, wenn sie durch ihre Krankheit im Mittelpunkt steht und ihr Gegenüber jegliche Privatsphäre ignoriert. Dass Angst ein Teil des Lebens ist, lernt Carol von Giles Owita, der nach und nach ihren Garten zum Blühen bringt und auch die Ursachen für ihre Abneigung gegen Blumen herausfindet, die in der Kindheit liegt.

Auch Giles Owita selber ist nicht nur der hervorragende Gärtner und starke Felsen, wie es vordergründig den Anschein macht und trägt seine eigenen schweren Lasten mit sich herum. Der elegante Kenianer mit akademischen Titeln hat sich das Leben in den USA anders vorgestellt. Von einer Stelle als Collegeprofessor hat er geträumt, doch er und seine Frau Bienta müssen sich und ihre Söhne mit Gelegenheitsjobs durchbringen. Eine grosse Bürde sind auch die hoffnungslos erscheinenden Bemühungen, ihre Tochter von Kenia nach Amerika nachzuholen, damit die Familie endlich komplett ist. Und zwischen den Eheleuten scheinen sich je länger je mehr Spannungen aufzubauen.

In ihrem berührenden Buch erzählt Carol, wie sie als „inofizielle“ Studentin Freude am Gärtnern findet und durch die Freundschaft und Unterstützung von Giles Owita durch den erneuten Ausbruch ihrer Krebskrankheit und die gesundheitlichen Probleme ihrer Eltern getragen wird und schliesslich nicht nur „Nehmerin“, sondern auch grosszügige „Geberin“ ist. Immer wieder (gelegentlich etwas wiederholend) werden ihr Ängste, Zweifel und Zerrissenheit thematisiert – wenn sie etwa wütend über die vielen Genesungswünsche ist und sich gleichzeitig über die Leute ärgert, die ihr keine solchen schicken.  



Carol Wall: 
Mister Owita’s Guide to Gardening – How I Learned the Unexpected Joy of a Green Thumb and an Open Heart 
Amy Einhorn Books, 2014

19. Mai 2014

Claudia Lanfranconi: Ladys in Gummistiefeln – Noch mehr Damen mit dem grünen Daumen

Schon der Untertitel verrät, dass Claudia Lanfranconis neueste Publikation eine Fortsetzung des vor sechs Jahren erschienenen Buches „Die Damen mit dem grünen Daumen“ ist. Ähnlich ist auch die Aufmachung der Titelbilder, auf denen neben Blumen besonders die dunkelgrüne Kleidung und die die rote Kopfbedeckung auffallen.

Siebzehn Frauenportraits sind hier vereint, thematisch gegliedert nach
- Es wird durchgeblüht! – Gartengestalterinnen mit Stil
- Rund um den Globus – Pflanzenjägerinnen
- Ab in die Vase – Pionierinnen der Blumendekoration
- Inspirationen aus Floras Reich – Blumenmalerinnen

Während ich über die vorgestellten Norah Lindsay, Gabriella Pape, Jeanne Baret, Amalie Dietrich, Jelena de Belder, Valerie Finnis und Constance Spry schon Biografien und / oder fiktive Romane gelesen haben und ich deshalb auf diesen Seiten für mich persönlich nichts oder nur wenig Neues entdecken konnte, interessierten mich die anderen Portraits umso mehr.

Etwa das über die exzentrische Ganna Walska (1887 – 1984), die relativ spät zum Gärtnern kam, sich aber doch über fünfzig Jahre um ihr Tropenparadies in Kalifornien gekümmert hat, und zwar nach dem Motto „mehr ist besser“. Sie konnte keinen Grund finden (und hatte wohl auch keine Veranlassung, überhaupt nach einem solchen zu suchen), wenige Exemplare einer Pflanze zu setzen, wenn sie auch hunderte verwenden konnte. Ein riesiges Gelände und ein grosses Vermögen bildeten eine solide Basis zu dieser Einstellung.

Julia Clements (1906 – 2010) war eine englische Rednerin, die sich für die Entwicklung der Blumenkunst in England einsetze und massgeblich am Aufschwung der Floristik nach dem zweiten Weltkrieg mitbeteiligt war. In floraler Mission reiste sie durch die ganze Welt und verbreitete ihre Ideen etwa in Karachi, Hongkong, Hawai, Thailand und Kalkutta. Ihr Schulzimmer richtete sie einst sogar auf einem Kreufahrtschiff ein und führte die Crew auf dem Seeweg von England nach New York und zurück in die Kunst der Blumendekoration ein

Lelia Caetani Howard (1913 – 1977) eine Künstlerin und gleichzeitig Erbin von Ninfa zählt zu den Blumenmalerinnen unter den portraitierten Gartenladys. Sie bemalte die Leinwand mit dem Garten, wie er vor ihr lag und fügte gleichzeitig Pflanzen ein, die nach ihrem Empfinden fehlten. Falls das Bild stimmig herauskam, wurden die fehlenden gemalten Blumen und Sträucher nachträglich tatsächlich an die entsprechenden Stellen in die Erde gesetzt. Selber hat die Künstlerin nur wenige Änderungen in dem berühmten Garten vorgenommen. In der erwähnten Art und Weise kam auf ihre Anregung hin ein Steingarten mit Iberis, Alyssum, Eschscholzia und Aquilegia zustande, der in der Natur wie zuvor auf der Leinwand einen farbenfrohen Teppich bildete.

Zu den in weiteren Portraits vorgestellten Frauen gehören Alicia Amherst, Giovanna Ganzoni und Rosie Sanders, deren Aquarelle oft über einen Quadratmeter gross sind. In England ist diese Blumenmalerin besonders durch ihre Publikation „The Apple Book“ bekannt, für welche sie sämtliche auf der Insel kultivierten Apfelsorten zeichnete und klassifizierte. Im Anhang dieses grosszügig illustrierten und schön gestalteten Buches finden sich nützliche Adressen und ein interessantes Literaturverzeichnis.

Zum Abschluss der Buchvorstellung noch eine Ergänzung zur Bemerkung von Gabriella Pape, dass Engländer von Pflanzen die Namen kennen und Deutsche den Preis - beides ist wichtig. Als regelmässige Kundin in Gärtnereien in Nah und Fern schätze ich es, wenn die Töpfe mit den Pflanzennamen und vielleicht den wichtigsten Pflegehinweisen beschriftet sind und/oder ich selber ein Etikett hineinstecken kann. Und natürlich schätze ich auch, wenn ich zumindest ungefähr weiss oder aufgrund von Farbsystemen erahnen kann, welche Kosten auf mich zukommen. Tendenziell kaufe ich deutlich mehr ein, wenn ich die Preise kenne (und laufend falsch im Kopf addiere) – schon zu oft hat mich an der Kasse bei nicht preisgezeichneter Ware fast der Schlag getroffen…  



Claudia Lanfranconi: 
Ladys in Gummistiefeln – Noch mehr Damen mit dem grünen Daumen 
Elisabeth Sandmann Verlag, 2014

25. Januar 2014

Liz Primeau: My Natural History

Bereits als Kind hatte die Kanadierin Liz Primeau die Gelegenheit, bei ihrem Vater und einem Onkel erste gärtnerische Gehversuche zu unternehmen. In ihrem Buch „My Natural History“ bündelt sie ihre jahrzehntelangen hortikulturellen Erfahrungen und gibt dem interessierten Leser Einblick in die Rolle, die Gärten in ihrem Leben gespielt haben und welche Erfahrungen sie für ihren Lebensweg daraus gezogen hat.

Der Garten oder vielmehr ihre verschiedenen Gärten habe ihr aber auch immer wieder durch schwere Zeiten geholfen. So schreibt sie offen über das Scheitern ihrer ersten Ehe, über gesundheitliche Probleme und auch über viel Familiäres. Neben der praktischen Tätigkeit draussen im Garten hat sie sich viel Wissen durch das Studium von Magazinen und Büchern angeeignet. Vor bald fünfundzwanzig Jahren bekam die Journalistin die Chance, als Herausgeberin des neuen Magazins „Canadian Gardening“ Akzente zu setzten und lernte auf diese Weise unterschiedliche Gärten in den verschiedensten Teilen Kanadas kennen. „Canadian Gardening Television“ war eine weitere Herausforderung, der sie sich stellte und die sie souverän meisterte. So ist aus einem Hobby eine Berufung und berufliche Tätigkeit geworden.

Liz Primeaus persönliche Garten-Evolution ist in die folgenden Kapitel gegliedert: Born to Garden, My First Garden, A Growded Garden, Grenn Onions return, A Hobby becomes a Job, Searching for natural Style, Screening the Garden, Gardening Partners, Searching for Everyman’s Garden, The Italian Connection, The Call oft he Wild und In the Moment.

Die Erinnerungen beginnen mit der Verwendung der kleinen Liz von Bergenien-Blättern als Omelette, während Kiefernzapfen als Chicorée herhalten mussten. Liz Primeau schreibt aber auch vom strikten Befolgen von Kolumnentipps, die nicht immer sinnvoll waren. Das Backen von Erde, um diese für Aussaaten von schädlichen Keimen zu befreien, hatte beispielsweise übelriechende Folgen und mit den Jahren hat sie herausgefunden, dass der Gärtner Zufall oft schönere Resultate erzielt, als der Zweibeiner – trotz vielen vorhergegangen Überlegungen wie und wo was angepflanzt werden soll. Und auch anfängliche Rivalitäten über den Gartenzaun, sprich neidische Blicke, wecken nicht nur den eigenen gärtnerischen Ehrgeiz, sondern aus anfänglich unschönen Gefühlen können sich tolle Freundschaften entwickeln.

Daneben beschreibt die Autorin hortikulturellen Snobismus, berichtet von Gärtnerinnen wie Vita Sackville-West und Emily Whalex und ihren Einflüssen auf sie und von ihrer Hassliebe zu einem im Garten vorgefundenen Baum. Zwar würde sie diesen nie fällen, solange er gesund ist, hat aber schon längst reife Ersatzpläne im Hinterkopf, die umgesetzt werden, sobald die Zeit dafür reif ist. Zwischen den autobiografischen Elementen findet sich auch der eine oder andere Gartentipp, etwa wie man Eichhörnchen von Blumenzwiebeln fernhält.

Und während sich in Europa Neophyten aus Kontinenten wie Amerika und Asien oft als lästig oder schädlich erweisen, erfährt der Leser in diesem Buch die kanadische Sichtweise dieses Problems. Die Autorin hat grundsätzlich eine Abneigung gegen aus Europa eingeführte Gehölze. Besonders der Spitzahorn ist ihr ein Dorn im Auge.

Als reife Frau ist sie rückblickend zum Schluss gekommen, dass (fast) jeder Gärtner die folgenden Stadien durchläuft: Ich will alles, jetzt; das Entdecken von Stauden; die Wichtigkeit der Struktur von Blättern; „richtige“ Gartengestaltung; Gehölze und die Erkenntnis, dass auch der Winter viel Schönes zu bieten hat (hm, an diesem Punkt arbeite ich persönlich nach wie vor und bin froh, dass es bald wieder Frühling wird, hoffentlich).  



Liz Primeau: 
My natural History 
Greystone Books, 2008

17. November 2013

Renate Hücking: Mit Goethe im Garten

Welcher literarisch interessierte Gärtner würde eine Einladung zum Gartenspaziergang mit Johann Wolfgang von Goethe ablehnen? Zeit seines Lebens (1749 bis 1832) hat sich der Dichter und Gartenfreund intensiv mit den Wundern der Natur auseinandergesetzt – als Gärtner, als Dichter und als Botaniker. Die drei „G“ – Goethe, Ginkgo und Gärten - können als Einheit betrachtet werden. Renate Hücking hat die grünen Seiten aus Goethes Biografie zusammengetragen und unter dem Titel „Mit Goethe im Garten“ veröffentlicht.

Zwar verfügte sein Frankfurter Elternhaus über keinen Garten, doch der Knabe Johann Wolfgang konnte aus der Wohnung eine grosse Fläche von Nachbarsgärten überblicken und erste praktische gärtnerische Erfahrungen vermittelte ihm der Grossvater. Gemäss seinem Tagebucheintrag hat er als 27jähriger Mann seinen (ersten) Garten in Besitz genommen. Als Gärtner war Goethe ständig hinter Neuheiten her und hätte am liebsten jede Einführung selber ausprobiert, was die beschränkten Platzverhältnisse aber verhinderten. Er hatte aber genügend Platz, seine eigenen Gestaltungsideen umzusetzen, und experimentierte mit Ditpam und Lupe, und schaffte es, die Pflanzen zu entflammen (mich würden meine Exemplare reuen…). Aus seinen Tagebüchern ist weiter ersichtlich, dass er häufig in fremden Gärten zu Besuch war, sich mit dem englischen Gartenstil auseinandersetzte und auch sein langer Italien-Aufenthalt hat ihn geprägt.

Mit seiner langjährigen Gefährtin und Ehefrau Christiane Vulpius hat er einen intensiven Briefwechsel geführt, in dem hortikulturelle Themen einen wichtigen Platz eingenommen haben. Da zweifelt etwa die versierte Gärtnerin am Erfolg der Gurkenanpflanzung oder ist betrübt über den Misserfolg mit den Bohnen und beklagt sich über gefrässige Schnecken. Und sie hofft, der Gatte komme bald heim, und könne die schönen Levkojen auch selber noch bewundern. Der anspruchsvolle Goethe wiederum will auch auswärts nicht auf die gute heimische Küche verzichten und bittet schriftlich um Spargel oder andere Köstlichkeiten oder er gibt seiner Partnerin Hinweise zu Pflege und Aussaat von Pflanzen, die er ihr hat zukommen lassen.

Der Leser erfährt, welche Pflanzen damals gerade Mode waren und dass sich die Autorin selber hat inspirieren lassen, aus Goldlack, Aurikeln, Nelken und Pompondahlien ein Goethe-Beet anzulegen. Zwischen das grüne Wissen eingestreut sind immer wieder beliebte Rezepte aus der Goethe-Küche wie Eierkuchen, Laubfrösche aus Mangold und eine Thüringer Kartoffeltorte mit sage und schreibe 18 Eiern. Gelernt habe ich während der Lektüre, dass die Rapontika, mir bekannt als zweijährige Nachtkerze (Oenothera biennis), die hier fast an jeder Strassenecke wild wachsend mit ihren Blüten erfreut, als Gemüse verwendet werden kann. Die Wurzeln sind zwar mühsam zu reinigen, sollen aber gut schmecken.

Der Garten ist für den rastlosen und vielseitig interessierten Goethe ein Rückzugsort, um abzuschalten und sich von seinem Amt und vom Hofleben abzugrenzen. Hier erfreut er sich nicht nur an seinen geliebten Rosen, wenn sie wieder bis unters Dach wachsen, hier beschäftigt er sich auch mit der Möglichkeit einer „Urpflanze“ und dem Bauplan der Pflanzen. Sein letztes Studienobjekt war die heute verpönte Herkulesstaude (Heracleum mantegazzianum), auch Riesenbärenklau genannt, für die er wie bereits hier erwähnt eigens ein Podest errichten liess. Viele Themen werde gestreift und der Einblick in den grünen Goethe wäre nicht vollständig mit Hinweisen auf seine umfangreiche Kunst- und Naturaliensammlung und sein Werk über die Farbenlehre.

Dieses Publikation ist verschwenderisch illustriert mit vielen Fotos von Marion Nickig, aber auch mit Scherenschnitten, Gemälden, Zeichnungen und eindrücklichen Silhouetten. Im Anhang findet sich ein ausführlicher Service-Teil mit den wichtigsten Lebensdaten von Johann Wolfgang von Goethe, Hinweisen zu sehenswerten historischen Gärten in und um Weimar, einem Verzeichnis für weiterführende Literatur, ein Pflanzen- und Personenregister und andere Informationen mehr. Ein hortikulturelles Goethe-Potpourri, in dem der Buchgärtner und die Buchgärtnerin immer wieder gerne schmökern wird.



Renate Hücking: 
Mit Goethe im Garten 
Callwey Verlag, 2013

21. Oktober 2013

Henriette Krahnstöver: Zwischen Rüben und Güldengossa – Aus den Lebenserinnerungen des Schlossgärtners Reinhold Hofmann im Leipziger Südraum

Die Gartenarchitektin Henriette Krahnstöver erfuhr in den 1980er Jahren von handschriftlichen Aufzeichnungen eines Gärtners. Trotz umfangreicher Bemühungen waren diese nicht zu lokalisieren und die Herausgeberin dieser Publikation hatte sich schon damit aufgefunden, nie in diesen Notizen blättern zu können, als ihr das Schicksal Anfang des 21. Jahrhunderts doch noch eine Kopie der Unterlagen in die Hände spielte.

Ausgewählte Abschnitte aus diesen Texten, der sogenannten „Reinholdeana“, hat sie inzwischen mit weiterführenden Ergänzungen samt Angaben zur historischen Entwicklung von Rüben und Güldengossa erweitert und als Zeitdokument einer Gärtnerdynastie von ca. 1850 – 1950 veröffentlicht. Der Verfasser der mit roter Tinte geschriebenen Handschrift, Reinhold Hofmann, wurde 1875 als letzter Sohn eines Gärtners und Enkel eines ehemaligen Schlossgärtners in Rüben geboren. Seine niedergeschriebenen Lebenserinnerungen hat er einer seiner Töchter zur Silberhochzeit geschenkt.

Die illustrierte Publikation vermittelt einen Einblick in den damaligen Alltag, Arbeitsverhältnisse, Umgangsformen sowie Bräuche und natürlich in die Lebensgeschichte des Reinhold Hofmann vom kleinen Spielgefährten einer Rittersguttochter, seinen Lehrjahren bis zur Pacht eines eigenen Gartenbetriebes mit Weinberg. Die Rede ist von schweren Krankheiten, Unfällen, Jagderlebnissen und gefährlichen Ausflügen auf brüchigem Eis. Rattenbekämpfung und Krähenplagen sind ein Thema, aber auch eher Skuriles wie etwa ein merkwürdiger Skelettfund in einer alten Eiche. Reinhold Hofmann verurteilt das „Scheinleben“ besserer Kreise und berichtet von der Quantität und Qualität des Essens – es gab viel, aber wenig Gutes.

Zusammen mit zwei Knaben hat der Verfasser schon als kleiner Junge ein eigenes Gärtchen bestellt. Nach Abschluss der Schule besuchte er einen Gehilfenkurs in einer Gärtnerlehranstalt, auf den zwei praktische Lehrjahre im Gärtnereibetrieb des Vaters folgten. Hier kam er aber nicht in den Genuss einer Spezialbehandlung. Ganz im Gegenteil, denn der Chef wollte sich nicht nachsagen lassen, er bevorzuge seinen Sohn. Schliesslich muss wer selber Vorgesetzter werden will genau wissen, wie alle Arbeiten erledigt werden müssen, damit er diese auch vorzeigen und delegieren kann.

Am Anfang seines Berufslebens gehörte die Auslieferung von Primeln an Leipziger Blumengeschäfte zu seinen Aufgaben. Beide Händen vollgepackt mit je fünf mit einem Ledergurt zusammengebundenen Kisten machte er sich jeweils zu Fuss und mit dem Zug auf den recht langen Weg. Später arbeitete er an verschiedenen Stellen, so auch in Lörrach, Basel, Zürich, Lausanne und Hamburg bis er schliesslich in Güldengossa den Posten des Obergärtners übernahm. Das Leben des Verfassers war geprägt von Höhen und Tiefen. Seine erste Frau stirbt früh und liess ihn mit vier Kindern als Witwer zurück und sein beruflicher Erfolg weckte auch viel Neid.

Berufe mit Pflanzen und Blumen wurden in dieser Familie scheinbar bevorzugt ausgeübt. Reinholds eigener Urgrossvater war seinerzeit mit seinem Vorgesetzten nach Paris gereist, um die Gartenanlagen von Versailles zu studieren und zu skizzieren und daheim in Sahlis nachzupflanzen. Diese schöne Geschichte wird aber von der Herausgeberin Henriette Krahnstöver anhand anderer Quellen angezweifelt. Nachweisbar richtig ist aber, dass Reinhold Hofmanns Sohn ebenfalls den Gärtnerberuf erlernte und alle drei Töchter Blumenbinderinnen wurden.  



Henriette Krahnstöver: 
Zwischen Rüben und Güldengossa – Aus den Lebenserinnerungen des Schlossgärtners Reinhold Hofmann im Leipziger Südraum 
Pro Leipzig, 2012

1. Juni 2013

Harald Braun: Das Gummistiefel-Gefühl

Harald Braun zieht im August 2003 von Hamburg weg alleine aufs Land. Sein neues Daheim liegt rund 35 km vor der Stadt in einem 5000-Seelen-Ort, auf dessen weitläufigem Gemeindegebiet die Einwohner weit verstreut leben in Häusern und Höfen zwischen viel Wiesen und Wald. Seine Freundin hatte ihn vor der Umsetzung der - oder besser seiner - Umzugspläne verlassen. Und so fühlt sich das neue Leben in der Provinz zunächst einmal völlig falsch an und die geheimen Träume vom romantischen Landleben zu zweit stellen sich im Nachhinein als reichlich absurd heraus. Die melancholischen Gedanken werden aber ziemlich erfolgreich verdrängt, indem die Zeit auf dem Land auf ein Minimum beschränkt wird. Für längere Zeit dient der neue Wohnsitz (wenn überhaupt) vorwiegend als Schlafstätte, die am Morgen Richtung Grossstadt verlassen wird, und in die der Hausherr erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder heimkehrt.

Im ersten Teil des Taschenbuches liest man aber zunächst, wie überhaupt der Wunsch nach einem Häuschen auf dem Land aufkam, die Suche nach einem solchen, dem Kauf, dem Umbau und natürlich über den Schlussstrich unter die langjährige Beziehung zu seiner im Buch Anna genannten Partnerin. In der (vom Autor so bezeichneten) Pampa entpuppt sich bereits die klosterähnliche Stille als gewöhnungsbedürftig. Etwas Leben in die Bude bringt die Katze, die mitsamt dem Kaufvertrag übernommen worden ist.

Aus einem extrem ausgeprägten Kopfmensch mit zwei linken Händen wird auch auf einem Resthof zwischen Wiesen und Weiden nicht automatisch ein Profi-Handwerker, aber doch mehren sich mit der Zeit Erfolgserlebnisse in diese Richtung. So leistet der Hausherr als Handlanger bald brauchbare Dienste, nagelt Decken an die Schuppenwand und streicht den Gartenzaun.

Ein paar wenige Seiten in dieser selbstkritischen und –analytischen Lektüre, die einem vertieft an männlichen Gedankengängen teilhaben lässt, werden dem Garten rund ums Haus gewidmet, der von einem Gärtner betreut wird. Da geht’s um Erdbeeren und Schatten, Ananas in Schleswig-Holstein sowie Giersch und einmal ist die Rede von einem Baumschulist, der einen fast völlig zubetonierten Garten von rund 1'000 m2 sein eigen nennt, weil er privat keine Lust hat, Dreck unter den Fingernägeln zu produzieren.

Und ziemlich am Schluss des Buches erfährt die Leserin auch noch, was es mit dem perfekten Gummistiefelgefühl auf sich hat. Dazu gehören (Zitat aus dem Buch) „Wind, der einem um die Ohren bläst, Regen …“ – aber lesen Sie doch selber in diesem humorigen Buch nach. Dieses wird übrigens gerade remittiert. So hat es als Zufallsfund auf einem Ausverkaufstisch doch noch den Platz in meiner ewigen Wunschliste mit einem auf dem Bücherregal getauscht.  



Harald Braun: 
Das Gummistiefel-Gefühl 
Bastei Lübbe, 2011

13. Mai 2013

Holger Schaeben: Es ist ein hartes Leben in der Provinz – Aber einer musste es tun

In fünfunddreissig Glossen erzählt der Autor Holger Schaeben von seinem Umzug vom Rheinland nach „Down-Under-Deutschland“ sowie dem Abbruch des Selbstversuches und den Gründen, die dazu geführt haben. Schon gleich von Beginn weg fällt bei den konkreter werdenden Umzugsplänen Richtung bayerisches Oberland immer wieder das Wort „Ende“ - ein schlechtes Omen? Jedenfalls scheitert die Verwirklichung der Idee „Träume nicht dein Landleben, lebe den Landtraum!“ schon recht bald und ich konnte mich während der Lektüre des Öfteren nicht des Eindruckes erwehren, dass es gar nicht anders herauskommen konnte mit dieser innerdeutschen Integration. Aber nun schön der Reihe nach.

Mitten in einem Sommer werden die Pläne in die Tat umgesetzt. Der Möbelwagen steht vollgepackt vor der Tür des neu gebauten Hauses. Aber in diesem neuen Daheim ist noch etliches unfertig und so startet das Landleben mit dem Koordinieren, Antreiben, Beaufsichtigen und dem Bezahlen von verschiedenen Handwerkern. Die damalige Lage inklusive finanzieller Sorgen beschreibt der Autor rückblickend kurz und treffend mit den Worten (Zitat): „Wir waren jetzt im Gebirge und hier in ein betriebswirtschaftliches Tal geraten“. Und mit diesen Problemen ging der Sommer zu Ende und der Herbst zog ein.

Die Mängelliste mit einundvierzig Positionen wurde nach und nach kleiner und nicht alle Erlebnisse mit Baufachleuten waren so nervenaufreibend wie jene mit dem Maler, der den nicht gerade schmeichelhaften Übernahmen „Fritz die Pottsau“ erhalten hat. Ebenfalls unter Erfahrungen abgebucht werden können die Bekanntschaften mit den verschiedenen Arten von Fliegen: Stubenfliegen, Pferdefliegen, Dungfliegen, Dasselfliegen, Schwingfliegen und Schwebefliegen.

Und war der harmlose Gruss „Schönes Wochenende“ in der Stadt ein Synonym für Vergnügen, Erholung und Ruhe entwickelte er sich auf dem Land zu einer Androhung für die Erfüllung von unzähligen Pflichten wie Rasenmähen, Unkraut jäten, Rasenkanten stechen und düngen. Auch Holzhochstapeln will gelernt und vor allem zeitig vor dem ersten Schneefall erledigt sein. So verabschiedete sich der Autor mit seinem Umzug von der Stadt aufs Land ziemlich schnell von seinen Vorstellungen, die eher diffus und insbesondere überaus positiv waren – nämlich so ganz nach dem Motto „malerisches Landleben mit Grillzirpen“.

Bald stellte sich heraus, dass die Zeit, die in der Stadt immer und überall zu knapp bemessen war, auf dem Land zu kriechen schien. Die Entschleunigung war ein paar Takte zu rigoros. Und nicht jeder ist schliesslich dazu geschaffen, bei minus zwanzig Grad zum Bäcker zu stapfen, ohne dass dabei Gedanken aufkommen, was wohl um alles in der Welt Amundsen und Scott Richtung Südpol getrieben hat.

Hortikulturelles gibt es in diesem pointiert formulierten Buch wenig zu lesen. An einer Stelle wird von einem Gemeindeangestellten vom Bauhof berichtet, der mit einer Art Karussellauto schmalspurige Spuren in eine Saatfläche walzt und der Autor forscht über Dahlien nach, weil diese ab 2005 Mittelpunkt einer „Land-der-Ideen-Kampagne“ waren und erwähnt dabei kletternde Dahlien (gibt’s die wirklich?). Holger Schaeben schreibt auch wiederholt über die alle zehn Jahre stattfindende Grossveranstaltung „Passionsspiele“ in Oberammergau samt Hintergrund und verbindet diese mit einem hübschen Wortspiel zum Fazit seiner oberbayrischen Zeit (Zitat): „Für uns gab es keine Passionsfrüchte zu ernten“. Über zwischenmenschliche Beziehungen, Begegnungen, Bekanntschaften oder gar neue Freundschaften schweigt sich der Autor grossmehrheitlich aus, bedankt sich aber am Ende der Nachrichten bei ein paar Männern und Frauen fürs Kennenlernen.

Zum Abschluss dieser als unsachliches Sachbuch bezeichneten Nachrichtensammlung betont der Autor ausdrücklich, dass Oberammergau keine Schuld an den Enttäuschungen aufgrund falscher Erwartungen und Vorstellungen hat, was in den einzelnen Nachrichten zuweilen auch leicht anders interpretiert werden könnte. Immerhin war die Luft besser als im Rheinland.



Holger Schaeben: 
Es ist ein hartes Leben in der Provinz – Aber einer musste es tun 
Edition Octopus, 2013

9. Mai 2013

Beth Chatto und Christopher Lloyd: Dear Friend and Gardener – Ein Briefwechsel über das Leben, das Gärtnern und die Freundschaft

In den Jahren 1996 und 1997 haben die beiden bekannten englischen Gärtner und Gartenbuchautoren Beth Chatto (geboren 1923) und Christopher Lloyd (1921 – 2006) als Grundlage für dieses Buch einen regen Briefwechsel geführt, der nun nach fünfzehn Jahren auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Im Vorwort zur Originalausgabe von 1998 verrät Beth Chatto, dass sich die beiden dannzumal bereits seit rund zwanzig Jahre gekannt haben. Die Freundschaft zwischen den beiden basierte auf einer Meinungsverschiedenheit, die in einer Einladung zum Lunch nach „Great Dixter“ mündete, wo schliesslich viele gemeinsame Interessen und Wertvorstellungen entdeckt wurden. In der Folge blieb man mit gegenseitigen Besuchen und Telefonaten in Kontakt und nahm auch gemeinsam an Konferenzen auf anderen Erdteilen teil.

Christopher Lloyd wurde die Passion fürs Gärtnern bereits in die Wiege gelegt und er absolvierte ein Gartenbaustudium. Er lebte Zeit seines Lebens in einem historischen Erbe und gärtnerte in einem von Edwin Lutyens entworfenen Garten. Bekannt wurde er auch durch seine Tätigkeit als Gartenschriftsteller und Kolumnist. Im Briefwechsel erfährt man, dass er sich sehr diszipliniert dem Schreiben widmet, seine Texte selber tippt und auch ziemlich ungehemmt im Garten mit Gift hantiert bzw. spritzen lässt. Er mochte keine „kopierten“ Gärten ohne eigene Inspirationen und Ideen, und er war bekannt für seine exotischen, oft gewagten (Farb-)Kompositionen. Ausserdem schätzte er den Kontakt, insbesondere auch mit jüngeren Leuten und er war ein ausserordentlich grosszügiger Gastgeber. Er war ziemlich direkt und konnte schon mal die Leute vor den Kopf stossen. Sehr verständlich ist sein Ärger über Gartenbesucher, die uneingeladen ins Haus platzen und dort ohne Hemmungen in privaten Dingen wühlen.

Beth Chatto ihrerseits verfügt über keine gärtnerische Grundausbildung, hatte aber im Künstler und Gärtner Cedric Morris einen ausgewiesenen hortikulturellen Mentor. Ihren Garten in Elmstead Market hat sie von Grund auf selbst angelegt und gestaltet und wurde dabei durch die lokalen Boden- und Witterungsverhältnisse zum Experimentieren gezwunden. Nach wie vor macht sie sich nachts oft Sorgen um ihre Pflanzen, wenn stürmische Winde durch den Garten fegen. Ihr Kies- und ihr Sumpfgarten, aber auch ihre Bücher darüber sind schon lange weit über die englischen Grenzen hinaus bekannt. Ihr Hauptinteresse gilt der Wirkung von Blattformen und Strukturen, während Blüten erst zweitrangig sind und sie gärtnert ökologisch. Bei der Anlage des Gartens konnte sie sich nicht vorstellen, dass dieser jemals von Gartenliebhabern besucht werden könnte und sie hat deshalb auch keine besonderen Vorkehrungen für Wege eingeplant. Dafür bewundert sie umso mehr die Weitsicht von Edwin Lutyens, der auf „Great Dixter“ seinerzeit ein ausgeklügeltes Wegnetz geplant hat, das sich harmonisch in die Anlage einfügt. Zum Schreiben von Briefen und Texten muss sie sich oft aufraffen und ihre handschriftlichen Notizen werden von einer Sekretärin abgetippt.

Die Meinungen zwischen den beiden Gärtnern gehen immer wieder auseinander, etwa auch in der Ansicht, ob der berühmte Kiesgarten nun pflegeleicht ist oder nicht. Ganz offensichtlich sehr aufwendig ist das Herausnehmen der frostempfindlichen Pflanzen aus den Beeten in „Great Dixter“ vor dem Wintereinbruch. In der Korrespondenz kommen aber auch viele Gemeinsamkeiten aufs Tapet und man liest, dass auch grosse Gärtner zuweilen Fehlentscheidungen treffen. Immer wieder trifft man lesend auf bekannte Namen aus der englischen, aber auch der deutschen Gartenszene (Frank Ronan, Alan Bloom, Ewald Hügin, verschiedene Personen aus der Staudengärtnerei Gräfin Zeppelin). Beide kochen gerne und schätzen eine gute Küche mit frischen Produkten aus dem eigenen Garten. Sie besuchten auch gerne und wiederholt gemeinsam Konzerte.

Beth Chatto war zur Zeit dieses Briefwechsels wegen ihrem schwer kranken Mann Andrew ans Haus gebunden und vermisste deshalb zuweilen das Reisen und die Impulse aus fremden Gärten. In ihren Briefen erfährt man auch von ihren Gedanken, die sie sich über die Zukunft von grossen komplexen Gärten macht. Mit Billiglöhnen und einem Manager ohne Herz für die Anlage funktioniert der Unterhalt wohl eher nicht. Sie träumt aber auch von einem Gen, das unschöne Überbleibsel von verblühten Blüten selbständig sauber ablöst.

Aus der Lektüre geht hervor, dass der Frühling im Jahr 1996 wie dieses Jahr recht lange auf sich warten liess. Das Wetter ist allgemein regelmässig Thema in den Briefen und die unterschiedlichen Regenmengen in Elmstead Market und „Great Dixter“ werden laufend miteinander verglichen. Fotos aus den beiden Gärten und ein separates Pflanzen- sowie ein Personen- und Sachregister runden diese faszinierende Publikation für alle Garten- und Gartenbuchliebhaber ab.



Beth Chatto und Christopher Lloyd: 
Dear Friend and Gardener – Ein Briefwechsel über das Leben, das Gärtnern und die Freundschaft Deutsche Verlags-Anstalt, 2013

26. Januar 2013

Barbara Paul Robinson: Rosemary Verey – The Life and Lessons of a Legendary Gardener

Die Amerikanerin Barbara Paul Robinson führt den Leser in dieser Biografie in dreizehn Kapiteln durch das Leben von Rosemary Verey (1918 – 2001). Die Autorin selber arbeitete im Frühling 1991 während einem Sabbatical für einen Monat im Garten der damals 72jährigen legendären englischen Gärtnerin und aus diesem kurzen Arbeitsverhältnis ohne Bezahlung resultierte eine Freundschaft.

Rosemary Verey selber kam erst relativ spät zum Gärtnern. Ihr diesbezügliches Interesse wurde durch ihren Mann David geweckt, der ihr in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts alte Gartenbücher von seinen Reisen mitbrachte. Ihr Hauptinteresse galt aber weiterhin in erster Linie Pferden und der Jagd, während David selber erste gärtnerische Veränderungen rund um den 1697 erbauten Familienwohnsitz Barnsley vornahm. Er provozierte seine Frau und stachelte deren gärtnerischen Ehrgeiz an, als er den dannzumal bekannten Gartendesigner Percy Lane engagierte. In der Folge wurde der Profi wieder unverrichteter Dinge nach London zurückgeschickt und Rosemary Verey hatte eine ihrer ersten wichtigen hortikulturellen Lektionen gelernt: Der Garten gehört dem Kunden, nicht dem Gestalter. Zusammen mit ihrem Mann, der über einen architektonischen Leistungsausweis verfügte, begann sie daraufhin ernsthaft, den Garten von Barnsley und bald einmal auch weitere Gärten umzugestalten.

Rosemary Verey tauchte genau zu der Zeit in der englischen Gartenszene auf, als sich die englische Wirtschaft endlich von den Folgen von zwei Weltkriegen erholt und das Volk genug hatte von “low-maintenance-gardens“. Ihr Geschmack lehnte sich an alte Gartentraditionen und klassische Gärten an und sämtliche von ihr entworfenen Gärten waren sehr pflegeintensiv. Zu ihren Kunden zählten auch Elton John und Prinz Charles. Ganz besonders aber wurde sie von den Amerikanern geschätzt und sie fungierte als eine Art Brückenbauerin zwischen England und Amerika.

Ende 1968 verfasste Rosemary Verey ihre ersten Artikel und schrieb später regelmässig Beiträge für „The Countryman“. 1980 erschien ihr erstes Gartenbuch "The Englishwoman's Garden" (in Zusammenarbeit mit Alvilde Lees-Milne), dem noch sechzehn weitere Publikationen (z.B. „Rosemary Verey's Garden Plans“, „Good Planting“ und „Classic Garden Design - How to Adapt and Recreate Garden Features of the Past“) folgten. Ihre Botschaft lautete: Jeder kann nach der Lektüre meiner Bücher oder nach dem Besuch meiner Vorträge einen Garten planen und gestalten. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1984 war die Witwe zeitlebens von Geldsorgen geplagt und gezwungen, mit Gartengestaltung, Buchverkäufen, Vorträgen, Gartenführungen und dem Öffnen ihres privaten Gartens für das Publikum Geld zu verdienen.

Barbara Paul Robinson zeichnet ein detailliertes Bild der vielschichtigen Persönlichkeit Rosemary Vereys. Diese verfügte über einen ansteckenden Enthusiasmus. Sie war hart zu sich selber und verlangte von den Menschen in ihrer Umgebung das gleiche Engagement. Dabei war und blieb aber immer sie selber die Chefgärtnerin. Die Engländerin war ausgesprochen kontaktfreudig und hatte viele Bewunderer. Sie war sehr hilfsbereit und eine ausgezeichnete Networkerin. Auf Facebook hätte sie heute wohl unzählige Freunde. Ihre hortikulturelle Karriere wurde aber auch von Rückschlägen und Enttäuschungen geprägt, etwa wenn „ihre“ Gärten ohne ihr Wissen wieder verändert wurden oder ihre einzige Teilnahme an der Chelsea Flower Show „nur“ eine Silbermedaille einbrachte. Auch charakterbedingte negative Seiten der Gartendesignerin, teilweise auf ihre Einsamkeit zurückzuführen, werden im Buch immer wieder betont. Ausserdem fühlte sich Rosemary Verey oft minderwertig, weil sie keine fachliche gärtnerische Grundausbildung vorweisen konnte.

Helen Mirren, die Hauptdarstellerin im Film „Greenfingers“ hat sich übrigens vor den Dreharbeiten mit Rosemary Verey getroffen, um für ihre Rolle im Film über die Gefängnisgärtner zu recherchieren und sich inspirieren zu lassen. Rosemary Vereys eigener Garten Barnsley wirkt gemäss Anmerkung im Epilog heute vernachlässigt. Das Gebäude ist nicht mehr im Familienbesitz und zu einem Hotel mit Spa umgebaut worden.  


Barbara Paul Robinson: 
Rosemary Verey – The Life and Lessons of a Legendary Gardener 
David R. Godine Publisher, 2012

20. April 2012

Erika Mayr: Die Stadtbienen – Eine Grossstadt-Imkerin erzählt

Nach einer Lehre im Landschaftsbau besucht die Bayerin Erika Mayr (Jahrgang 1973) im Sommer 1997 ihre in Berlin lebende Schwester. Ihre Vorurteile von wegen Hektik, Lärm und Anonymität wirft die junge Frau rasch über den Haufen. Die Grossstadt übt eine solch grosse Faszination und Anziehungskraft auf sie aus, dass sie sich entschliesst, ihren Wohnsitz in die Hauptstadt zu verlegen – sofern sie dort eine Arbeitsstelle findet. Bei ihrem nächsten Besuch in Berlin schafft sie dieses Hindernis mir nichts, dir nichts aus der Welt und da sie vorläufig bei ihrer Schwester wohnen kann, steht der Organisation ihres baldigen Umzuges nichts mehr im Weg.

Erika Mayr lebt sich rasch in Berlin ein. Sie absolviert zusätzlich ein Gartenbaustudium und ergattert einen Nebenjob in einer Bar. Nach ihrem Studium beabsichtigt sie, nach Kanada umzusiedeln, wo sie bereits ein paar Monate gelebt und gearbeitet hat. Als sich ihr überraschend die Gelegenheit bietet, Miteigentümerin der Bar zu werden, legt sie die Ausreisepläne ad acta. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich nun als selbständig Erwerbende mit der Pflege von Privatgärten und ihrer Nachtschicht in der Bar. Dieses Leben ist zwar durchstrukturiert, doch irgendetwas fehlt.

Ein Stammgast motiviert sie, mit ihm zusammen am Wettbewerb „Shrinking Cities“ mitzumachen. Ihr gemeinsames Projekt befasst sich mit riesigen Bienenhäusern – mit „Urban Beekeeping“ in Detroit. Das Interesse an Bienen ist geweckt. In der Folge beginnt Erika Mayr, sich intensiv über Bienen zu informieren und besucht regelmässig die Versammlung eines Imkervereins. Sie erhält schliesslich einen Imkerpaten, der sie detailliert in die Geheimnisse rund ums Imkern einweiht, und schon bald ist sie Besitzerin von 20‘000 Tieren. Ihr erstes Bienenvolk stellt sie auf das Dach eines Altbaus am Heckmannufer.

Spontan verbinde ich Bienen mit den immer wieder zu lesenden Schreckensmeldungen über die vielen toten Völker, die auf mysteriöse Weise verenden und im Rückblick auf Kinderjahre natürlich mit der Biene Maja sowie einem imkernden Onkel, bei dem bei einem Besuch mitten im Wohnzimmer eine Transportpalette voll Zucker in Kilosäcken stand. Meine Ordnungsliebe war zu dieser Zeit sicher noch nicht dermassen ausgeprägt wie heutzutage, aber ich fand diesen Aufbewahrungsort schon dannzumal etwas seltsam. Jedenfalls habe ich mir durch die Erzählungen von Erika Mayr ein umfangreicheres Wissen rund um die Bienenhaltung angelesen.

Die Autorin berichtet ausführlich vom Schritt von der Theorie zur Praxis, erläutert die Wichtigkeit von Gegenpolen zur Globalisierung, berichtet über ihre eigene Marke „Stadtbienenhonig“, die sie oft zum Tauschen gegen andere Ware anbietet. Sie geht auch auf den Bienenfeind, die Varroa-Milbe, ein und erklärt die Folgen der von Pflanzenschutzmitteln abhängigen Monokultur in der Landwirtschaft sowie die industrielle Bienenhaltung zur Bestäubung von riesigen Monokultur-Flächen. Weiter schwärmt sie von den unterschiedlichen Geschmacksrichtungen ihres Honig, die von der Blütezeit und den Bienenweiden abhängt. Haben Sie gewusst, dass die Erntemenge in der Stadt deutlich höher ist als auf dem Land? In urbanen Gebieten ist nämlich im Gegensatz zum Land vom Frühling bis zum Herbst, quasi vom Krokus bis zur Goldrute (hat die doch was gutes!), Bienennahrung vorhanden...

Für den lesenden Gärtner interessant ist die Anmerkung, dass der berühmte Staudengärtner Karl Foerster seinerzeit für die Baumauswahl in der Berliner Innenstadt verantwortlich war. Seine Zusammenstellung an Trachtbäumen (Kastanie, Ahorn, Robinie, Linde) bietet noch heute eine solide Grundlage für die Berliner Stadtbienen und deren Halter.

Durch die Bienen ist Erika Mayr stark mit Berlin verwurzelt. Sie engagiert sich nicht nur als Vorsitzende ihres Imkervereins, sondern schickt auch monatlich Bilder von aktuell blühenden Bienenweiden an ihre Freunde, um diese an ihrer Leidenschaft teilhaben zu lassen und vielleicht sogar deren Interesse daran zu wecken. So führt ein Projekt zum nächsten. Und da sie auf keine Erträge angewiesen ist, betrachtet die naturverbundene Imkerin das Beschäftigen mit der Landwirtschaft im urbanen Raum als Luxus.

Ein passioniertes Plädoyer, die direkte Umgebung genauer wahrzunehmen. Nach der Lektüre werden Sie Ihr Umfeld bestimmt auch genauer anschauen und Blumendüfte mit der Nase verfolgen.



Erika Mayr:
Die Stadtbienen – Eine Grossstadt-Imkerin erzählt
Knaur Taschenbuch-Verlag, 2012

29. Januar 2012

Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

Zu den Büchern, deren Lektüre letztes Jahr einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht haben, zählt ganz bestimmt der Titel „The Sound of a Wild Snail Eating“, den ich am 13. Juli 2011 vorgestellt habe. Die ans Bett gefesselte Journalistin Elisabeth Tova Bailey erzählt darin ihre Geschichte über die Freundschaft zu einer Schnecke. Das Buch erscheint nun Anfang Februar unter dem Titel „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ auch auf Deutsch. Unbedingt lesenswert!

Nachstehend nochmals meine damalige ausführliche Buchvorstellung:

Gärtner sind meistens nicht besonders gut auf Schnecken zu sprechen. In Zeitschriften, Büchern und Gartenforen findet man fast unzählige Tipps, wie man (Nackt-)Schnecken davon abhält, Salat, Hostas und andere ihrer Lieblingsfresspflanzen zu vertilgen. Wie kommt es also dazu, dass eine junge Amerikanerin sich intensiv mit „Hüüsli-Schnägge“ beschäftigt und schliesslich ein Buch darüber schreibt?

Zu diesem Zeitvertreib kam Elisabeth Tova Bailey nicht ganz freiwillig. Die sportliche und aktive Frau erkrankte im Alter von 34 Jahren nach einer Europareise durch einen mysteriösen Erreger schwer und blieb in der Folge für lange Zeit ans Bett gefesselt. Jeder Augenblick fühlte sich an wie eine unendliche Stunde. Die Gedanken kreisten immer wieder um die W-Fragen: warum, was, wann und wie? Und immer wieder, wenn sie sich vom Rest der Welt abgeschnitten fühlte, wünschte sie sich, ihren chronisch an Zeitmangel leidenden Freunden von ihrer nutzlosen Zeit abgeben zu können.

Eine Freundin stellt ihr in dieser schweren Phase einen Topf mit einem Ackerstiefmütterchen ans Bett. Zwischen die Blätter hatte sie eine gewöhnliche Waldschnecke (Neohelix albolabris) platziert. Elisabeth Tova Bailey freute sich über diese etwas ungewöhnliche Aufmerksamkeit und wunderte sich gleichzeitig, was sie damit anfangen sollte. Im Gegensatz zu den üblichen Mitbringseln aus Schnittblumen, waren die Stiefmütterchen voll Leben. Die bettlägerige Frau, die früher zeitweise als Gärtnerin gearbeitet hatte, freute sich an dem kleinen Stück Garten neben ihrem Bett, das sie mit ihrem Trinkglas bewässern konnte.

Wie still muss ein Raum sein, dass man eine Schnecke fressen hört? In ihrem berührenden Buch „The Sound of a Wild Snail Eating“ erzählt die Autorin wir ihr eben dieses Geräusch das Gefühl von Gesellschaft und gemeinsam geteilten Raum vermittelte. Dank dem Blumentopf samt Bewohner konnte sie soweit es ihr eben möglich war, Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen. Der Topf wurde bald durch ein artgerechtes Terrarium ersetzt und entspannendes „Snail watching“ liess die Stunden schneller verstreichen. Parallel zu ihrer Weichtier-Beobachtung begann die Patientin, sich intensiv mit Schnecken in der Literatur auseinanderzusetzen, was auch Ausdruck im umfangreichen Quellenverzeichnis im Anhang des Buches findet. Elisabeth Tova Bailey entdeckte, dass Schleim nicht nur eklig ist, sondern auch interessant. Und die Amerikanerin fand schliesslich sogar heraus, dass sie wohl die erste Person ist, die ihre Beobachtungen über die Hege und Pflege des Eiergeleges durch eine Schnecke schriftlich festgehalten hat.

Die Schnecke nahm einen wichtigen Platz im eingeschränkten Leben der Autorin ein. So wichtig, dass sie annähernd panisch reagierte, als sie ihren kriechenden Mitbewohner eines Tages nicht mehr im offenen Terrarium entdecken konnte. Während sich diese Sorgen nach dem Auffinden des Ausreissers – er hatte sich für die ans Bett gefesselte Frau unerreichbar versteckt – als unbegründet herausstellten, ist die Autorin auch mehr als fünfzehn Jahre nach ihrer Erkrankung gesundheitlich nach wie vor sehr stark eingeschränkt. Ihre Genesung ist aber soweit fortgeschritten, dass eines Tages der Zeitpunkt kam, an welchem die Schnecken-Beobachtung plötzlich ihre Geduld (über)strapazierte.

Im Rückblick schreibt die Autorin, dass die Schnecke ihr die beste aller Kameradinnen gewesen ist. Sie stellte nie Fragen, die nicht beantwortet werden konnten und sie stellte keine unerfüllbaren Ansprüche. Eine sehr eindrückliche Lektüre, die ganz nebenbei viel Interessantes und Wissenswertes über Schnecken vermittelt! Elisabeth Tova Baileys Schnecke ist übrigens samt Nachkommen längst wieder in der Natur freigelassen worden.
  



Elisabeth Tova Bailey:
Das Geräusch einer Schnecke beim Essen
Nagel & Kimche Verlag, 2012

27. Dezember 2011

Ulla Lachauer: Magdalenas Blau – Das Leben einer blinden Gärtnerin

In ihrem aktuellen Buch „Magdalenas Blau – Das Leben einer blinden Gärtnerin“ gibt Ulla Lachauer der 1933 mit „schlechten Äugle“ geborenen Enkelin eines Freiburger Malermeisters eine Stimme. Der kleine Wildfang Magdalena konnte trotz schwerer Sehbehinderung bereits im Alter von vier Jahren viele verschiedenen Farben Blau unterscheiden. Die starke Trübung der Augenlinsen liess bei Magdalena andere Sinne viel ausgeprägter entwickeln. Ihr guter Hörsinn war ihr beispielsweise in den Kriegsjahren eine Hilfe, da sie die anfliegenden Bomber jeweils als erste vernahm und auch mit der Verdunkelung hatte das ans Dunkle gewohnte Mädchen weniger Mühe als Sehende. Trotz ihrer starken Sehbehinderung konnte Magdalena mit dem linken Auge zunächst lesen, wenn sie das Gedruckte direkt ans Auge hielt. Später erblindete sie vollständig.

Schon als Kleinkind half Magdalena gerne im Garten und spielte auch häufig dort. Sie roch an Blüten, streichelte über Blätter und entwickelte eine Vorliebe für den Genuss von sauren Begonienblüten. Zu ihren ersten gärtnerischen Tätigkeiten gehörte das Einpflanzen ihrer Lieblingspuppe in einen Hortensientopf. Diese sollte nämlich durch ordentliches Giessen auch so gross werden wie die Puppe ihrer Cousine. Das Vorhaben war leider nicht von Erfolg gekrönt. Pflanzenkunde wurde ihr vom Grossvater beigebracht und mit einer Klassenkameradin streifte sie auf dem Schulweg durch eine stillgelegte Baustelle, um dort Blumen zu sammeln und zu essen. Viele Jahre später hat sie einen eigenen Garten – häufig eine Quelle der Freude, aber oft auch von Enttäuschung und Wut, etwa wenn sie beim Jäten den Salat nicht vom Unkraut unterscheiden kann.

Die Biografie gibt einen detaillierten Einblick ins Leben der blinden Gärtnerin. Der Leser erfährt von Magdalenas vom Krieg überschatteter Kindheit, ihren Jahren in einem Marburger Internat, ihrer beruflichen Tätigkeit im Büro bei der Post und von der Heirat und Ehe mit ihrem Mann, einem Dorfschullehrer. Neben Anekdoten aus Schulzimmern lesen wir vom schwierigen, zeitintensiven Führen eines Haushalts mit Sehbehinderung, von Magdalenas ausgeprägtem Kinderwunsch und der Angst davor, die Krankheit zu vererben, vom Hadern mit der katholischen Kirche, von Fernweh und nicht zuletzt von einer russischen Adligen namens Galina, die Magdalena eine unschätzbar wertvolle Lehrerin in Sachen Garten war.

In die Erzählung eingebettet sind zumeist doppelseitige Beiträge aus dem aktuellen Leben der blinden Gärtnerin; einem ausgesprochen schwierigen Gartenjahr. Denn die Frau muss sich wegen einer bevorstehenden Herzoperation schonen und die bewährte Arbeitsteilung zwischen ihr und ihrem Mann – sie fürs Feine, er fürs Grobe – muss entfallen. Kein Pikieren von Tomatenpflänzlein. Was bleibt sind das Zurückschneiden der Clematis und nächtliche Aufenthalte im Garten. Auf dem Liegestuhl die Ohren gross machen und lauschen was nachts im Garten abgeht: Kämpfe zwischen rivalisierenden Katzen, knistern, rascheln, krabbeln…

Noch mehr interessanten Lesestoff mit hortikulturellem Hintergrund gibt’s in Ulla Lachauers Buch „Der Akazienkavalier – Von Menschen und Gärten (2008).



Ulla Lachauer:
Magdalenas Blau – Das Leben einer blinden Gärtnerin
Rowohlt Verlag, 2011



Die blinde Gärtnerin - Das Leben der Magdalena Eglin (TB-Ausgabe)
rororo, 2013

16. September 2011

Mirabel Osler: The Rain Tree – A Memoir

Ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Gatten hat Mirabel Osler 1989 ihr erstes Buch „A Gentle Plea for Chaos“ über ihre Erfahrungen aus dem gemeinsam mit ihrem Mann angelegten und gehegten Garten veröffentlicht. In der Folge schrieb sie weitere Titel wie „A Breath from Elsewhere“, „A Spoon for every Course“ und andere mehr. In „The Rain Tree“ bietet die mittlerweile über Achtzigjährige Einblick in verschiedene Abschnitte ihres erfüllten Lebens, in Erlebnisse mit Familie und Freunden, berichtet über ihre Jugendjahre und erzählt vom Älterwerden und den damit verbundenen Beschwerden und endgültigen Abschiede.

Die gemeinsame Liebe zum Gärtnern entwickelte sich zu einem wichtigen Bindeglied in der Beziehung zwischen Mirabel und Michael Osler, als die beiden nach langen Jahren im Ausland nach England zurückkehrten. Je prächtiger und üppiger ihr Garten wurde, desto leichter fiel ihnen das Verreisen. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil es bei der Rückkehr viele Veränderungen zu entdecken gab. Häufiges Wegfahren ist also ein guter Grund, dieses Vergnügen möglichst oft auskosten zu können. Übrigens sollte Michael Osler als junger Mann in die Familienfirma F. + C. Osler eintreten. Diese Firma hat 1851 den „Crystal Fountain“ für die „Great Expedition“ im Crystal Palace gebaut.

Gärtnerisches spielt in diesen Erinnerungen eine eher untergeordnete Rolle. Mehr Platz in den nicht chronologisch geordneten Erzählungen nehmen beispielsweise Berichte über die mehrjährigen Aufenthalte in Thailand und Griechenland sowie Reisen und Erlebnisse aus der frühesten Kindheit der Autorin ein. Eine Zeit, die Mirabel Osler nur aus Erzählungen von anderen kennt – sie war nämlich erst zwei Jahre alt, als ihre Mutter sie, ihre etwas ältere Schwester und den todkranken Vater wegen einem anderen Mann verliess. Im Schlusskapital berichtet sie von ihrem Bedauern, nie mehr auf einem Pferd reiten zu können und sinniert darüber, dass ihre Hände wohl demnächst dermassen viele Altersflecken aufweisen werden, dass man glauben könnte, sie käme direkt aus dem Garten, obwohl sie diese Tätigkeit schon lange aufgegeben hat.

Die offene und kontaktfreudige Frau freut sich auch im hohen Alter darüber, neue Menschen kennenzulernen und es entwickeln sich immer noch neue Freundschaften. So verbindet sie zum Beispiel seit einiger Zeit eine schöne Kameradschaft mit Katherine Swift. Letztere ist Autorin der Bücher „The Moreville Hours“ und „The Moreville Year“ und schreibt regelmässig für das englische Journal Hortus. An anderer Stelle gesteht Mirabel Osler, es nicht wie Prinz Charles zu halten. Der spricht ja wie allgemein gemunkelt wird mit seinen Blumen, während sie mit ihren Organen spricht. Wenn ein Körperteil Probleme macht, fordert sie diesen unmissverständlich auf, sich zusammenzureissen.



Mirabel Osler:
The Rain Tree – A Memoir
Bloomsbury Publishing, 2011

24. August 2011

Annette Diekmann-Müller: Blicke ins Grüne – Schreibende Frauen und ihre Gärten von Bettina von Arnim bis Virginia Woolf

In diesem Buch erfährt der Leser, was Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, George Sand, Emily Dickinson, Kaiserin Elisabeth von Österreich, Frances Hodgson Burnett, Selma Lagerlöf, Edith Wharton und Virginia Woolf miteinander verbindet. Alle diese verstorbenen Frauen sind nämlich nicht nur wichtige Puzzleteile der Literaturgeschichte, sondern alle neun hatten eine mehr oder weniger intensive Beziehung zu ihrem Garten und zum Gärtnern.

Die Kapitel des Buches „Blicke ins Grüne“ sind allesamt nach dem gleichen Schema aufgebaut. Nach einem Bild oder Foto folgt ein fiktiver Dialog. In diesem Interview wird aus dem literarischen Vermächtnis der entsprechenden Schriftstellerin oder Dichterin die Antwort gegeben auf Fragen zu Lieblingsblumen im Garten und im Haus, Lieblingsplatz im Garten und im Haus und was vollkommenes irdisches Glück bedeutet. Eine Kurzbiografie („Retrospektive“) stellt die Schreiberin und ihr Umfeld vor und im „Herbarium“ werden ausgewählte Texte aus deren Werk passend zum gärtnerischen Hintergrund und zum Blick ins Grüne zitiert. In „Was bleibt?“ wird schliesslich der Frage nachgegangen, was aus dem Garten der schreibenden und gärtnernden Frauen geworden ist.

Von Emily Dickinsons selbstgewählter 35 Jahre andauernder Einsamkeit mögen Sie schon gehört haben. Dass sie für ihre beinahe unzähligen Topfpflanzen sogar ein Bewässerungssystem konstruiert hat, dürfte weniger bekannt sein. Und falls Ihnen bei der Erwähnung von Kaiserin Elisabeth von Österreich unweigerlich Romy Schneider und die Sissi-Filme einfallen, können Sie mit dieser Lektüre ihr Wissen über diese bemerkenswerte Frau vertiefen. Die Liebe zur Natur der Monarchin stammte aus Jugendtagen und kommt in ihren Gedichten immer wieder zum Ausdruck. Haben Sie gewusst, dass die Figur Colin aus dem Buch „Der geheime Garten“ dem früh verstorbenen Sohn der Autorin Frances Hodgson Burnett gewidmet ist? Diese erfolgreiche Schriftstellerin entwickelte sich in den letzten fünfzehn Jahren ihres Lebens zu einer leidenschaftlichen Gärtnerin mit erheblichem Knowhow. Diese und viele weitere Begebenheiten lassen sich in diesem informativen Buch von Annette Diekmann-Müller nachlesen.



Annette Diekmann-Müller:
Blicke ins Grüne – Schreibende Frauen und ihre Gärten von Bettina von Arnim bis Virginia Woolf
Jan Thorbecke Verlag, 2010

13. Juli 2011

Elisabeth Tova Bailey: The Sound of a Wild Snail Eating

Gärtner sind meistens nicht besonders gut auf Schnecken zu sprechen. In Zeitschriften, Büchern und Gartenforen findet man fast unzählige Tipps, wie man (Nackt-)Schnecken davon abhält, Salat, Hostas und andere ihrer Lieblingsfresspflanzen zu vertilgen. Wie kommt es also dazu, dass eine junge Amerikanerin sich intensiv mit „Hüüsli-Schnägge“ beschäftigt und schliesslich ein Buch darüber schreibt?

Zu diesem Zeitvertreib kam Elisabeth Tova Bailey nicht ganz freiwillig. Die sportliche und aktive Frau erkrankte im Alter von 34 Jahren nach einer Europareise durch einen mysteriösen Erreger schwer und blieb in der Folge für lange Zeit ans Bett gefesselt. Jeder Augenblick fühlte sich an wie eine unendliche Stunde. Die Gedanken kreisten immer wieder um die W-Fragen: warum, was, wann und wie? Und immer wieder, wenn sie sich vom Rest der Welt abgeschnitten fühlte, wünschte sie sich, ihren chronisch an Zeitmangel leidenden Freunden von ihrer nutzlosen Zeit abgeben zu können.

Eine Freundin stellt ihr in dieser schweren Phase einen Topf mit einem Ackerstiefmütterchen ans Bett. Zwischen die Blätter hatte sie eine gewöhnliche Waldschnecke (Neohelix albolabris) platziert. Elisabeth Tova Bailey freute sich über diese etwas ungewöhnliche Aufmerksamkeit und wunderte sich gleichzeitig, was sie damit anfangen sollte. Im Gegensatz zu den üblichen Mitbringseln aus Schnittblumen, waren die Stiefmütterchen voll Leben. Die bettlägerige Frau, die früher zeitweise als Gärtnerin gearbeitet hatte, freute sich an dem kleinen Stück Garten neben ihrem Bett, das sie mit ihrem Trinkglas bewässern konnte.

Wie still muss ein Raum sein, dass man eine Schnecke fressen hört? In ihrem berührenden Buch „The Sound of a Wild Snail Eating“ erzählt die Autorin wir ihr eben dieses Geräusch das Gefühl von Gesellschaft und gemeinsam geteilten Raum vermittelte. Dank dem Blumentopf samt Bewohner konnte sie soweit es ihr eben möglich war, Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen. Der Topf wurde bald durch ein artgerechtes Terrarium ersetzt und entspannendes „Snail watching“ liess die Stunden schneller verstreichen. Parallel zu ihrer Weichtier-Beobachtung begann die Patientin, sich intensiv mit Schnecken in der Literatur auseinanderzusetzen, was auch Ausdruck im umfangreichen Quellenverzeichnis im Anhang des Buches findet. Elisabeth Tova Bailey entdeckte, dass Schleim nicht nur eklig ist, sondern auch interessant. Und die Amerikanerin fand schliesslich sogar heraus, dass sie wohl die erste Person ist, die ihre Beobachtungen über die Hege und Pflege des Eiergeleges durch eine Schnecke schriftlich festgehalten hat.

Die Schnecke nahm einen wichtigen Platz im eingeschränkten Leben der Autorin ein. So wichtig, dass sie annähernd panisch reagierte, als sie ihren kriechenden Mitbewohner eines Tages nicht mehr im offenen Terrarium entdecken konnte. Während sich diese Sorgen nach dem Auffinden des Ausreissers – er hatte sich für die ans Bett gefesselte Frau unerreichbar versteckt – als unbegründet herausstellten, ist die Autorin auch mehr als fünfzehn Jahre nach ihrer Erkrankung gesundheitlich nach wie vor sehr stark eingeschränkt. Ihre Genesung ist aber soweit fortgeschritten, dass eines Tages der Zeitpunkt kam, an welchem die Schnecken-Beobachtung plötzlich ihre Geduld (über)strapazierte.

Im Rückblick schreibt die Autorin, dass die Schnecke ihr die beste aller Kameradinnen gewesen ist. Sie stellte nie Fragen, die nicht beantwortet werden konnten und sie stellte keine unerfüllbaren Ansprüche. Eine sehr eindrückliche Lektüre, die ganz nebenbei viel Interessantes und Wissenswertes über Schnecken vermittelt! Elisabeth Tova Baileys Schnecke ist übrigens samt Nachkommen längst wieder in der Natur freigelassen worden.



Elisabeth Tova Bailey:
The Sound of a Wild Snail Eating
Algonquin Books of Chapel Hill, 2010

27. Mai 2011

Meine kleine Cityfarm – Landlust zwischen Beton und Asphalt

Können Sie sich vorstellen, dass ihre Nachbarn plötzlich Schweine im Garten halten? Da würden Sie vermutlich nicht nur die Nase rümpfen. Novella Carpenter mutet ihren Nachbarn mit ihrer Cityfarm - die zugegebenermassen nicht gerade in einer feinen Gegend liegt - einiges zu, verteilt aber gleichzeitig auch ihre Ernte grosszügig („Hey, mein Garten ist auch dein Garten“) unter Nachbarn und Passanten bzw. diese bedienen sich bei Bedarf auch ungefragt und ungestraft selbst. Und schliesslich ist das Aufziehen von zwei Schweinen der (vorläufige?) Höhepunkt in Sachen Landlust zwischen Beton und Asphalt, begonnen hat das Projekt im Jahr 2005 in kleineren Dimensionen.

Direkt neben der neuen Mietwohnung im Ghetto von Oakland annektiert Carpenter eine Brache und beginnt mit der Urbarmachung von rund 4000m2 Land, das von Gestrüpp zugewuchert ist. Henry David Thoreau schrieb in „Walden“, dass er den Wert des von ihm besetzten Land steigerte, indem er es besetzte. Diese Aussage ist identisch mit Novella Carpenters Motto. Den Startschuss zur Aufwertung markiert die Aussaat von Tomaten, Basilikum, Kopfsalat, Gurken und Mais. Ein Jahr später lernt die junge Frau zufällig den Grundstückeigentümer kennen und erhält von diesem das O.k., auf dem Land einen Garten anzulegen und legt richtig los. Als Angestellte in einer Gärtnerei kann sie Pflanzen mit Rabatt kaufen und so stehen bald ein Apfel-, ein Feigen- und ein Zitronenbaum sowie eine Agave neben den schon uralten Pflaumenbäumen. Damit letztere bestäubt werden, sind Bienen samt Imkerausrüstung die nächste Anschaffung.

Da ein Grossteil des Grundstücks auf einer Betondecke liegt, werden aus Holzabfall Hochbeete konstruiert. Ein paar Hochbeete und Bienen machen aber noch keine Farm und so zieht als nächstes allerlei Gefiedertes in Ghost Town ein. Und da Kaninchenmist Manna für den Garten bedeutet, ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Beginn einer entsprechenden Kleintierzucht.

Die nicht mit viel Bargeld gesegnete Hobbyfarmerin berichtet in ihrem interessanten Buch des weiteren von Werkzeugneid, ihren Lektionen in Sachen Salamiproduktion und von einem (langen) Monat, in welchem sie sich nur von Produkten aus eigener Herstellung ernährte. Immer wieder thematisiert werden die nächtlichen Touren zu den Mülltonnen in der Umgebung, um die ständig hungrigen Schweine satt zu kriegen. Letzteres eine Tätigkeit, die vom Aufwand her bald einem Teilzeitjob entsprach. Dazwischen erzählt sie auch von Tragödien und tödlichen Zwischenfällen bei Zusammenstössen zwischen Geflügel und Beutelratten oder Hunden.

Noch in Erinnerungen an einen kürzlichen Ausflug in die Staudengärtnerei Gaissmayer in Illertissen schwelgend, lautet mein Fazit: es geht weniger um Kraut, aber mehr um Krempel - es gibt praktisch keinen (von anderen weggeworfenen) Gegenstand, der von der Autorin und ihrem Lebenspartner nicht einer neuen Verwendung zugeführt werden kann. Und natürlich sehr viel über Tiere. Beeindruckend zu verfolgen, welches Wissen sich die Cityfarmerin anhand von einschlägiger Literatur (umfangreiche Bibliographie im Anhang des Buches) aneignet und wie sie soweit immer möglich auch vor dem eigenhändigen Schlachten der von ihr aufgezogenen Tiere nicht zurückschreckt.



Novella Carpenter
Meine kleine Cityfarm – Landlust zwischen Beton und Asphalt
Bastei Lübbe, 2010

1. Mai 2011

And I shall have some Peace there

Nachdem sie schon längere Zeit Zweifel über ihren Lebensstil gehegt hat, trifft Margaret Roach im Jahr 2008 eine Entscheidung, die ihre Zukunft in eine völlig neue Richtung lenkt. Wie für viele andere auch waren die Ereignisse vom 11. September 2001 der Auslöser für diese Entwicklung. Die Führungskraft kündigt ihre Stelle im Imperium von Martha Stewart, weil sie nicht mehr länger beruflichen Erfolgen nachjagen und ihr Glück von jährlich höheren Bonuszahlungen abhängig machen will. Ihr neues Ziel ist ein Leben im Einklang mit der Natur und ihrer allerersten Leidenschaft – dem Garten. Margaret Roach zieht sich in ihr Haus auf dem Land zurück. Es liegt tief in den Wäldern und sie hat im Laufe von zwei Jahrzehnten viele Wochenenden dort verbracht hat, kennt aber trotzdem keinen Nachbarn.

Freunde und Kollegen warnen die Frau vor einer Depression in der selbstgewählten Isolation. Die kinderlose Singlefrau mit einem Hang zur Einzelgängerin lässt sich aber nicht beirren. Doch womit identifiziert sich frau, wenn sie nicht mehr unter der Email-Adresse „margaretroach@marthastewart dot com“ erreichbar ist? Das Nichtstun, das Umgehen mit dem fehlenden Termindruck und der Mangel an einer konkreten Zukunftsperspektive sorgen für einen harzigen Start ins Abenteuer. Frustrationen können nicht mehr mit dem Ausgeben von mehreren tausend Dollars innert einer Viertelstunde kompensiert werden. Designerklamotten haben ihre Anziehungskraft verloren und die Autorin verbringt oft Tag und Nacht in den gleichen Kleidern.

In ihrem sehr persönlichen Buch „and I shall have some peace there“ erzählt Margaret Roach von der Überwindung dieser Anfangsschwierigkeiten und wie sie schliesslich neue Projekte anpackt, darunter die Gestaltung ihres Gartens, ihr Gartenblog (awaytogarden.com) oder ihr soziales Engagement. Sie schildert auch, wie sie schliesslich Zufriedenheit findet im „genügend“ und nicht ständig nach „noch mehr“ strebt. Und wie sie endlich definitiv im Landleben angekommen ist – nämlich zu dem Zeitpunkt, als sie erstmals die Haare nicht mehr beim Coiffeur in der Grosstadt schneiden lässt…



Margaret Roach:
And I shall have some Peace there
Grand Central Publishing, 2011

27. Januar 2011

Erinnerungen an Christopher Lloyd

Als ich gerade mit der Lektüre dieser Erinnerungen an Christopher Lloyd (1921 – 2006) begonnen hatte, bin ich in der Zeitschrift "Gardens Illustrated" auf eine Auflistung gestossen, in welcher dieses Buch unter den zehn bemerkenswertesten Gartenbuch-Neuerscheinungen 2010 aufgeführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt erschien mir diese Bewertung ziemlich übertrieben. Jetzt, wo ich das Buch zu Ende gelesen habe, kann ich der Auszeichnung beistimmen und finde sie gerechtfertigt.

Christopher Lloyd wird nachgesagt, Leute „gesammelt“ zu haben. Etliche Personen, die dieser speziellen „Kollektion“ angehörten, haben im Buch „Dear Christo“ ihre Erlebnisse und Anekdoten niedergeschrieben. Das Ergebnis ist wohltuender Weise keine Lobhudelei auf einen der einflussreichsten englischen Gärtner der letzten Jahrzehnte, sondern vielmehr eine Lektüre, die aus verschiedenen Blickwinkeln, die vielen verschiedenen Facetten von Christopher Lloyd beleuchtet. Zu dessen riesigem Freundeskreis gehörten Journalisten, Musiker, Komponisten ebenso wie Gärtner, die teilweise gerade durch die Lektüre von Lloyds immer wieder aufgelegtem Standardwerk „The Well-Tempered Garden“ auf diesen Beruf, diese Berufung gestossen sind.

Beiträge für das Buch abgeliefert haben unter vielen anderen Anna Pavord, Alan Titchmarsh, Dan Pearson, Helen Dillon und das Vorwort hat Beth Chatto verfasst. Christopher Lloyd wird als vielschichtige Persönlichkeit mit Ecken und Kanten beschrieben. Wer seine Gunst einmal verspielt hatte, konnte diese nicht mehr zurückerobern. Legendär sind seine grosszügigen Wochenendeinladungen nach Great Dixter ebenso wie seine ungeschminkte Kritik und seine Kochkünste. Mehr als ein Gast nahm von Lloyds geliebten Hunden ein bissiges Andenken mit nach Hause.



Rosemary Alexander und Fergus Garrett (Hrsg.):
Dear Christo – Memories of Christopher Lloyd at Great Dixter
Timber Press, 2010

3. Januar 2011

Endlich geht’s weiter – Teil 2 des Wunscherbes ist da!

Haben Sie auch ungeduldig darauf gewartet, zu erfahren wie die Begegnung zwischen Lieselotte und Deboo verlief? Da diese Buchvorstellung aus dem Sofagarten stammt, dünkt es mich passend, die Fortsetzung mit dem schönen Absatz aus einem der letzten Briefe von Hans an seine reisende Ehefrau Lieselotte zu beginnen. Deboo hatte einmal erklärt, mit Lieselotte die schönste Rose der ganzen Welt erhalten zu haben. Ihr Ehemann Hans sieht sich als Gärtner, der dem Inder diese Kostbarkeit zur Freude an Duft und Anblick überlassen hat. Hans selber ist sich bewusst, dass ihn nach der Rückkehr seiner Frau von dieser mehrmonatigen Reise durch Indien Dornen stechen werden, er hofft aber gleichzeitig, dass seine Rose im norddeutschen Klima nicht zu welken beginnt. Diese Befürchtungen haben durchaus ihre Berechtigung - aber nun zurück an den Anfang von Teil 2 des Wunscherbes.

Das Buch beginnt mit einem Auszug aus Lieselottes Tagebuch vom September 1956. Die 37jährige Mutter von vier Kindern ist mit ausdrücklicher Unterstützung ihres Ehemannes Hans inzwischen im Zug unterwegs von Bombay nach Kalkutta, um endlich ihre grosse Liebe Deboo wiederzutreffen.

Zunächst scheinen die Rollen zwischen Hans und Deboo vertauscht. Während der indische Botaniker seine Lieselotte nun in physischer Nähe hat, muss Hans sich mit der Aufgabe als Korrespondent begnügen. Der rege und sehr offene Briefwechsel zwischen den Eheleuten erscheint mir als Aussenstehenden mit einer speziellen Form einer Ehetherapie vergleichbar. Auf Papier werden Dinge ausgesprochen, für die im Alltagstrott Zeit und Worte fehlen. Und immer wieder wunderte ich mich als Leserin über die Stärke von Hans, seine Frau ziehen zu lassen. In seinen Briefen kommt allerdings auch die weiche Seite dieses Strategen ausdrücklich zum Vorschein.

Trifft Deboos Aussage zu, dass Lieselotte die glücklichste Frau der Welt sein muss? Sie, die von zwei Männern derart heftig geliebt wird, ohne dass die beiden eifersüchtig aufeinander sind? Und wie ist in diesem Zusammenhang Hans‘ Wortkonstruktion „Neben-De-booler“ zu werten? Lesen Sie selber diese deutsch-indische Liebesgeschichte und erfahren Sie, welche Tragödie dazu führte, dass aus Deboos Familie niemand mehr einen Fuss in den Botanischen Garten von Kalkutta setzen wollte.

Teil 2 ist in Sachen Spannung dem ersten Band ebenbürtig und hat mir mindestens gleich gut gefallen. Die biografische Dokumentation lässt einem auch nach der Lektüre nicht ganz los, und ich habe mir schon ein paarmal überlegt, in welchen Bahnen das Leben von Dietlinde Hachmann und ihrer Familie wohl verlaufen wäre, wenn die im Frühling 1957 geschmiedeten Pläne umgesetzt worden wären. Und wieviele solche oder ähnliche erzählenswerte Geschichten gehen tagtäglich ungeschrieben verloren?

Den gärtnerisch interessierten Leserinnen und Lesern möchte ich nicht vorenthalten, dass Lieselotte in einem Brief einen Besichtigungsgang durch Garten und Pflanzungen von D.S. Pradhan erwähnt und anmerkt, dass aus dessen Winteraster- und Chrysanthemen-Züchtungen zwei Sorten ausgewählt wurden, die ihren Namen tragen sollen. Ob es diese wohl noch gibt?



Dietlinde Hachmann:
Mein Wunscherbe – Teil 2: Im Land meiner Träume
Acabus Verlag, 2010


PS: Falls Sie sich nochmals in die Rezension zum Teil 1 vertiefen wollen, klicken Sie hier.

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