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29. August 2020

David Wheeler (Hrsg.): Gartenlektüre – Neue Geschichten englischer Gartenenthusiasten

Bereits wiederholt habe ich hier im Sofagarten über Hortus geschrieben. Seit über einem Vierteljahrhundert erscheint dieses Journal in s/w-Optik, immer vollgespickt mit anspruchsvoller Gartenlektüre, im Jahreszeitenabstand und bereits mehrfach sind Hortus-Anthologien auf Englisch erschienen, die auf meinem Bücherregal prominente Plätze besetzen. Grössten Respekt verdient der Umstand, dass Hortus nota bene auf privater Basis publiziert wird. 

Vor fünf Jahren ist mit "Gartenlektüre - Die schönsten Geschichten englischer Gartenenthusiasten" erstmals eine Auswahl aus früheren Hortus-Publikationen in einer deutschen Übersetzung erschienen, letztes Jahr kam eine Fortsetzung dazu. Beide Bücher verfügen über einen ausserordentlich schönen Umschlag, der in seiner Gestaltung an gefällige alte Tagebücher oder Poesiealben erinnert. (Noch) wichtiger ist aber natürlich der Inhalt. 

Im Journal Hortus werden jeweils auf etwas mehr als 100 Seiten Gärtner und Gärten aus den verschiedensten Blickwinkeln vorgestellt. Nach Impressum und Inhaltsverzeichnis gehören die ersten Seiten immer der Kolumne «»From the Editor’s Desk» und den Abschluss bilden Buchkritiken und die Vorstellung der Textverfasserinnen und -verfasser. Zu meinen bevorzugten Hortus-Beiträgen gehören in der Regel jene über Gärten in der Literatur oder im Film. 

Im zweiten Band der Gartenlektüre-Reihe hat mir gerade die Geschichte «Flora goes Hollywood – hortophiler Filmführer» von Marta McDowell in Erinnerung gebracht, wem (nämlich eben Hortus) ich vor rund zehn Jahren etliche vergnügliche Gartenfilmstunden zu verdanken hatte, von welchen ich vereinzelt in diesem Blog berichtet habe. Zu erwähnen wären da etwa «Willkommen Mr Chance» oder «Eduard mit den Scherenhänden». 

Da ich damals die englische Originalgeschichte gut «abgegrast» habe, war die Ernte aus der deutschen Übersetzung diesmal dürftig bzw. die noch fehlenden potentiell interessanten Filme sind nicht mehr oder nunmehr sehr schwierig erhältlich. «Jean de Florelle» und «Manons Rache» sind wohl nicht mehr zu erwerben, für die Doku «First, Cheap and Out of Control» über einen ehemaligen Gartendirektor mit Verantwortung für eine Menagerie von «Green Animals» muss ich mir gelegentlich familienintern einen alten Laptop mit Regionencode 1 ausleihen. 

Kate Kerrin berichtet über die Risiken in einem Dachgarten im 35. Stock, während an anderer Stelle Gelegenheiten geschaffen werden, damit die Natur sich Flächen zurückerobern kann, so wie ein Rasen, der nicht mehr gepflegt wird und sich in eine Wiese verwandelt. Andere Beiträge tragen Titel wie «David Austin und seine Rosenromanze», «Auf Wildtulpenjagd in Zentralasien» und «Lang lebe die Saat». 

Dekadentes gibt es über neureiche Olivenhainbesitzer an der amerikanischen Westküste zu lesen, welche die Befruchtung der Olivenbäume mit entsprechenden Sprays verhindern. Mit dem Obst derselben können und wollen sie nichts anfangen, und sich schon gar nicht mit dem Schmutz herumschlagen, den die nicht verwendeten, heruntergefallenen Oliven verursachen. 

Im Vorwort schreibt der Herausgeber David Wheeler, dass Hortus an Abonnenten in diversen Ländern, verteilt über den ganzen Globus, verschickt wird. Falls Sie (noch) nicht zu den Empfängern zählen, ist die vielfältige Zusammenstellung der beiden Anthologien «Gartenlektüre» vielleicht eine Gelegenheit, sich eine mentale oder schriftliche Notiz auf dem Weihnachtswunschzettel zu machen. Oder so ähnlich. 

 

David Wheeler (Hrsg):
Gartenlektüre - neue Geschichten englischer Gartenenthusiasten
Prestel Verlag, 2019



Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selbst gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

 

 


15. Juli 2017

Lorenza Zambon: Gartenphilosophie

Lorenza Zambons Leidenschaft gilt Pflanzen, Gärten und Landschaften. Die Schauspielerin und Regisseurin verknüpft diese schon seit langem mit Festivals, Theaterworkshops und Guerilla-Kunstaktionen. Nun ist noch ein zum Nachdenken anregendes Büchlein hinzugekommen. Nämlich die deutsche Übersetzung von «Lezioni di giardinaggio planetario». Auf rund 120 Seiten philosophiert sie darin in drei Lektionen über «Gärtnern für anonyme Revolutionäre», «Gärtnern für planetarische Gärtner» und «Die Samen der Zukunft». Die Essays selber tragen Titel wie «Blütenteppiche auf Trümmern», «Befreite Samen» und «Ein schlafender Schatz». 

Die Liebe zum Grünen hat die Autorin wohl von ihrer Mutter geerbt. Und dies obwohl sie sich als Kind oft fremdgeschämt hat, wenn sich la Mama unterwegs mit der Tochter dank Hilfe ihrer perfekt manikürten Nägel als Pflanzendiebin betätigt hat oder sich – wenn die höfliche Bitte nach einem Steckling ganz selbstverständlich bejaht worden ist – ziemlich aufdringlich gleich selber im fremden Garten am grünen Buffet bedient hat. Da der Nachwuchs sich seinerzeit aber mehr geschämt hat, als dass er darauf geachtetet hat, was die Mutter mit den Stecklingen angestellt hat, blüht es bei Lorenza Zambon nun leider nicht annähernd so üppig wie seinerzeit rund ums Elternhaus. 

Dafür hat sie um so mehr Ideen, die sie oft mit Unterstützung von anderen verrückten Frauen umsetzt. Als verrückt bezeichnet die Autorin ihre Mitstreiterinnen selber. Initiativ würde aber gemäss meinem Eindruck mindestens so gut passen. Auf ihrer privaten Facebook-Seite lässt sich jedenfalls ausgezeichnet ein erster Eindruck über ihr vielfältiges Engagement verschaffen. Die Italienerin berichtet davon, wie sie unterwegs immer wieder Müll zusammensammelt. Zu diesem Zweck hat sie immer Müllsäcke und Handschuhe im Auto. Die vollen Säcke werden dann beschriftet mit «Erntedatum» und «Ernteort» aufgehoben. Wie lange habe ich nicht mitbekommen oder überlesen. 

Dann schreibt Lorenza Zambon von Männern, die Bäume pflanzen. Und zwar nicht einen oder zwei. Nein, gleich Tausende. Und es gibt ein Wiederlesen mit Novella Carpenter, der Cityfarmerin aus Detroit, deren Buch «Meine kleine Cityfarm» ich hier ausführlich vorgestellt habe. Die Autorin glaubt, dass jenseits des Atlantiks wahrhaftig der Keim für fantastische neue Welten gelegt wird. Das mag zutreffen. Wohl aber nur, wenn man die jüngsten politischen Geschehnisse ausblendet. Mit Genugtuung stellt sie jedenfalls fest, dass jüngst auch hierzulande (oder eben in Italien) immer öfter grössere und auch kleine leere Flächen durch Urban Farmer und/oder Guerilla Gardener in Beschlag genommen werden und verrät ihre eigene Idee von tragbaren Gemüsegärten. 

Gerne würde die Sofagärtnerin noch mehr Geschichten übers Verschönern von Städten lesen, mangels weiterer solchen Seiten erfreut sie sich an den kreativen und teilweise inspirierenden Namen verschiedener Gartenbewegungen, die erwähnt werden: Badili Badola, Piante Volanti, Ammazza che piazza, Effetto Terra, Zena Zapata, Le Ortike oder Friarelli Ribelli. Die philosphischen Betrachtungen enden mit der Einladung, sich genau umzusehen und für sich selber die richtigen Samen zu finden. Und das richtige mit diesen anzustellen. Für eine erfolgreiche Keimung braucht es nur ein wenig Erde und etwas Wasser. 



Lorenza Zambon: 
Gartenphilosophie 
Mosaik Verlag, 2017

15. Mai 2017

Vita Sackville-West und Harold Nicolson: Sissinghurst - Portrait eines Gartens

Jeder Gärtner, der schon ein wenig mehr als nur ein paar Meter über seinen eigenen Gartenzaun geschaut hat, ist irgendwann auf den Namen Sissinghurst gestossen oder erkennt den markanten Doppelturm auf Fotos wieder. Verschiedene Bücher sind über diesen berühmten, vielleicht sogar berühmtesten englischen Garten geschrieben worden und je nach Quelle zählt er bis gegen 200'000 Besucher jährlich. Auch wer (wie ich) die verschiedenen Gartenräume nur von Fotos kennt, kann sich unschwer vorstellen, wieviel Arbeit hinter der Anlage und dem Erhalt stecken muss. 

Der Vor- (eigentlich Vorvor-)besitzer hat die Umgebung der Gebäude als Entsorgungsplatz benutzt und mit dessen Räumung waren die Käufer Vita Sackville-West und Harald Nicolson Anfang der 1930er Jahre noch lange beschäftigt. Trotzdem haben sie es geschafft, noch vor Ausbruch des 2. Weltkrieges einen bereits dannzumal über die Grafschaft Kent hinaus bekannten Garten zu schaffen, der von den sogenannten «Schillingen» (ihre etwas despektierliche Bezeichnung für die zahlenden Besucher, zurückzuführen auf den damaligen Eintrittspreis) schon dannzumal bald mitfinanziert worden ist. 

«Portrait eines Gartens» ist eine Zusammenstellung von Tagebucheinträgen, Briefen, Gartenkolumnen und Rundfunkbeiträgen und bietet in dieser Kombination nicht nur eine fundierte Einsicht in die Entstehungsgeschichte rund um das Anlegen der verschiedenen Themengärten von Sissinghurst, sondern gleichzeitig auch Einblick in eine unkonventionelle Ehe. Gemäss den Texten basierte diese auf Respekt, Liebe und Vertrauen, obwohl sie für die Aussenwelt unter anderem durch gleichgeschlechtliche aussereheliche Beziehungen zuweilen anderes wahrgenommen wurde, ja einen gegenteiligen Eindruck erweckte. 

Gemäss erprobter Aufgabenteilung war Harold für den Gartenentwurf zuständig und Vita für die Bepflanzung. Hortikulterelle Differenzen zwischen der Romantikerin und dem Klassiker gehörten zum Alltag, aber sämtlich wichtige Entscheidungen wurden immer gemeinsam getroffen. So entstanden verschiedene Gartenräume wie etwa der Rosengarten, der Lindengang, der berühmte Weisse Garten, der Grabengang und der Kräutergarten, die zu unterschiedlichen Zeiten zur Höchstform auflaufen und dank ihrer jeweiligen Einfriedung konkurrenzlos die Aufmerksamkeit auf sich können. 

Das Ehepaar konnte dabei (zumindest in den ersten Jahren) keineswegs auf unbeschränkte finanzielle Mittel zurückgreifen. Der Garten war eine Extravaganz, die sie während ihrer Freizeit erschaffen haben. Die Anfänge auf Sissinghurst waren geprägt von unregelmässigem Einkommen, hohen Ausgaben und einer unsicheren Zukunft. Vitas Anteil aus der Erbschaft nach dem Tod ihrer Mutter löste die wirtschaftlichen Probleme, änderte aber nichts daran, dass sie Geld lieber für den Garten ausgab als für Kleider. Unabhängigkeit und Privatsphäre waren oberstes Gebot und Übernachtungsgäste waren Vita ein Gräuel. 

Die chronologische Zusammenstellung führt über die ersten Jahre auf Sissinghurst, durch die schwierigen Kriegsjahre 1939 bis 1945 und gibt schliesslich Einblick in das erneute Aufblühen des Gartens Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts und thematisiert schliesslich das Schwinden der Kräfte der beiden Besitzer. Von Harold Nicolson ist ein Zitat zu lesen, in dem er sagt, er habe schon immer gewusst, dass Vita ein Werk schaffen würde, das in England seinesgleichen suchen wird. Wo er recht hat, hat er recht. Ob seine Aussage, Blumenzwiebeln stecken sei verjüngend wahr ist, soll jeder selber beurteilen. Meine Lieblingstätigkeit im Garten ist es jedenfalls nicht. Wie wir alle wissen, haben sich Vitas Zweifel, die sie vor Jahrzehnten geäussert hat («ob sich ich fünf Jahrzehnten überhaupt noch jemand dafür – den Garten – interessieren wird?) nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Der mit untrüglichem Gespür geschaffene Garten – «es gibt Sissinghurst-Pflanzen und es gibt Ascot-Pflanzen, die nicht nach Sissinghurst passen», wird schon lange erfolgreich durch den National Trust geführt. Die Chefgärtner wechselten schon einige Male seit dem Tod der beiden Erschaffer und mit jedem jeder Wechsel ging auch mit einer Änderung der Vorlieben und Prioritäten einher. Doch nach wie vor ist der Geist von Vita Sackville-West und Harold Nicolson deutlich spürbar.

Dieses Buch ist gleichzeitig als Hörbuch erschienen, gesprochen von Marit Beyer. Mittlerweile ist der einzige Ort, an dem ich ein wenig Zeit für ein Hörbuch habe, beim Autofahren. Da unser Auto relativ selten bewegt wird und sich auch längst nicht jeder Mitfahrer für Gartengeschichten interessiert, hat das Anhören derselben entsprechend lange gedauert. Aber es hat sich gelohnt. Jedenfalls für mich. Durch die ausdrucksvolle Aufnahme wird mir das Buch mit Bestimmtheit noch länger in Erinnerung bleiben. Und die Nachwuchs-Sofagärtnerin, die gar keine solche sein will, ist als häufigste Begleitung im Auto über sich selber erstaunt – hätte sie doch nie gedacht, dass sie einmal freiwillig sogar lieber Mutters heissgeliebte sardische Band "Tazenda" anhören würde als das "Angebot" der letzten Wochen (na ja, oder zumindest so ähnlich - schliesslich gibt es auch noch unzählige Radiosender, zwischen denen hin- und her gewechselt werden kann…).

In Vita Sackville-Wests Gartenkolumnen lese ich seit vielen Jahren immer mal wieder gerne einzelne Kolumnen. Oft habe ich mich gefragt, ob ihr immenses Gartenwissen allein auf "Learning by Doing" basierte. In diesem Buch habe ich nun (wieder-?)gelesen, dass sie in (- wenn ich das richtig interpretiert habe - fortgeschrittenem Alter) einen Fernkurs für Gartenbau belegt hat. Das hat mich tatsächlich dazu bewogen, meine identischen oder zumindest ähnlichen Pläne nochmals zu überdenken und die vielen schon lange herumliegenden diesbezüglichen Unterlagen von diversen Anbietern wieder einmal durchzugehen. Bereits vor meiner zweijährigen im letzten Herbst abgeschlossenen beruflichen Weiterbildung hatte ich mit dem Absolvieren eines solchen Kurses geliebäugelt und vor einem halben Jahr einen erneuten Anlauf genommen, um dann doch wieder Abstand von der Idee zu nehmen und Überlegungen hinsichtlich einer Webdesign-Ausbildung anzustellen. Nun habe ich mich tatsächlich für einen Fernkurs "Gartengestaltung" angemeldet und bin gespannt, auf die Unterlagen und die Dinge, die da kommen. 



Vita Sackville-West und Harold Nicolson:
Sissinghurst - Portrait eines Gartens (Buch)
Schöffling Verlag, 2017 

Sissinghurst - Portrait eines Gartens (Hörbuch)
gelesen von Marit Beyer
Der Diwan, Hörbuchverlag, 2017

20. März 2017

Jörg Albrecht: Alles im grünen Bereich – Ein Lesebuch für Gartenfreunde

«Alles im grünen Bereich» ist eine Kolumnensammlung aus dem Wissenschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das Niveau ist dementsprechend hoch, was aber erfreulicherweise überhaupt keinen Einfluss auf das Lesevergnügen hat. Ganz im Gegenteil. Die Lektüre ist gleichzeitig intelligent und kurzweilig. Im Vorwort definiert Jörg Albrecht das Ziel seiner Zeilen. Es geht nämlich nicht wie so häufig darum, immer wieder von Gartenautoren oder -journalisten Wiederholtes noch einmal ungeprüft wiederzukäuen, sondern um Fakten und darum, Urteile und Vorurteile zu überprüfen, zu bestätigen oder eben zu widerlegen. Diese Ergebnisse liessen sich zuweilen wohl durch noch gründlichere Untersuchungen in Frage stellen und nicht sämtlichen grünen Rätsel lassen sich in Kolumnenlänge lösen. 

Wissen setzt Beobachten voraus. Wie die Leserin leicht feststellt, verfügt der Autor über eine enorme hortikulturelle Erfahrung, sowohl theoretisch als auch praktisch, und sein Geschmack entspricht dementsprechend nicht dem eines 0-8-15-Gärtners, der sich je nach Jahreszeit Primeln, Stiefmütterchen, Geranien und Co. besorgt oder den Vorgarten in eine vorgeblich pflegeleichte Steinwüste verwandelt. Das kommt in seinen (negativen) Bemerkungen über den (Un-)Sinn von Thujahecken (sich den Blick auf weitere Thujahecken zu ersparen) ebenso zum Ausdruck, wie bei seinem Zetern über den Kirschlorbeer, der seiner Meinung nach durch Plastikatrappen ersetzt werden könnte. Ich teile diesbezüglich die Meinung des Autors, doch nach meiner eigenen Erfahrung spielen beim Gärtnern neben dem Wissen die wechselnden Vorlieben, die finanziellen Möglichkeiten oder die Pflanzenvermehrungsfähigkeiten der Gärtnerin eine nicht zu unterschätzende Rolle. 

Als wir Haus und Garten bezogen haben, gehörte eine minimale «Grundausstattung» zum grünen Inventar. Obwohl ich die vorgesehene Pflanzung von Tannenbäumen erfolgreich verhindern konnte, waren da einige Pflanzen im Garten, die mir gar nicht gefallen haben. In diese Kategorie fielen etwa Kirschlorbeer und Hibiskus. Einiges hat Frau Sofagärtnerin sofort wieder ausgegraben oder herausgezogen und verschenkt, anderes wurde zähneknirschend toleriert. Inzwischen, über zwei Jahrzehnte später, hat sich mein Geschmack stark verändert und tatsächlich schätze ich heute einige der Pflanzen, die damals bestenfalls geduldet waren (z.B. Sibirischer Hartriegel; damals sah ich diesbezüglich Rot, heute liegt mein Fokus auf roten Pflanzenschätzen) und ich habe sogar einzelne der dannzumal Verschmähten wieder in den Garten geholt (Eiben; Säuleneiben, Kleinformen als Buchsersatz, Eibenkugeln). Wahrscheinlich war mir der (vielleicht zu wenig geschätzte?) Gärtner einfach ein paar Gärtner-Entwicklungsstufen voraus? 

Doch zurück zum Buch. Der Autor selber beackert ein schmales Handtuchgrundstück, das steil in einen Hang ragt, sowie einen Pachtgarten. Die Nachbarn von letzterem haben die Basis für die Betrachtungen dieser Kolumnen geliefert, deren Titel da zum Beispiel lauten:

- Das bringt den Mann zum Rasen 
- Der Gärtner ist immer der Mörder 
- Mieze Schindler darf nicht sterben 
- Stimmungskanonen 
- Schneide nie den Baum zum Scherz 
- Wenn ein Schnitt daneben geht 
- Das Gegenteil vom Paradies 

Die Leserin erfährt, wo vor vielen Jahren in einer Saison hunderttausend Narzissenzwiebeln einbebuddelt worden sind und der Autor hinterfragt den Sinn von Vogelfütterung und die damit verbundenen Konsequenzen in den Eingriff des Naturhaushalts. Dabei es um Verkotung und die daraus resultierenden Hygieneprobleme und die Anpassung der Schnabel- und Flügelformen, da der Futtertisch ständig gedeckt ist und Überwinterungen in südlichen Gefilden mit damit verbundenen langen zurrückzulegenden Flugstrecken nicht mehr notwendig sind. Und haben Sie gewusst, dass jährlich 10 Tonnen Schlüsselblumen als Rohstoff für Heilmittel nach Deutschland importiert werden, einen grossen Teil aus Albanien? 

Dann geht es um die sogenannte Laubrente, den zu erwartenden Gewinn aus forstwirtschaftlichem Verzicht, wozu ein Nelkenmass dient sowie um Geröllflora und die Gemeinsamkeiten von Kunststein und Laminat. Dann fragt der Autor provokativ, ob tatsächlich der Mensch die Pflanzen instrumentalisiert oder nicht vielleicht die Pflanzen die Menschen. Die Rodung von Wäldern liegt doch schliesslich ganz im Sinn von Gräsern und deren Begleitflora. Auch die Kartoffel ist längst nicht so robust, wie gemeinhin angenommen wird. Ihr drohen etwa, um nur einige der potentiellen Gefahren zu nennen, Hohlherzigkeit, Glasigkeit, Gefässbündelverbräunung, Schwarzfleckigkeit und Stippigkeit. 

Die anregende Lektüre führt Querbeet durch den grünen Bereich und informiert auf lustvolle Art und Weise. Zu einzelnen Themen finden sich am Ende des Buches detaillierte Anmerkungen. Die Erwähnung von Hellmut Salzingers Buch «Der Gärtner im Dschungel» aus dem Jahr 1992 hat mich ausserdem inspiriert, wieder öfter in meiner persönlichen Backlist zu stöbern und zu lesen, statt nur oberflächlich mit dem Staubwedel darüber zu fahren. 

Link zu den Kolumnen in der FAZ



Jörg Albrecht: 
Alles im grünen Bereich – Ein Lesebuch für Gartenfreunde 
Bastei Lübbe, 2016 


10. Januar 2017

Paula Almqvist: Und wer giesst bei dir?

Die Kolumnensammlungen von Paula Almqvist zählen inzwischen zu meinen Gartenlektürefavoriten. Ihre Beobachtungen sind immer treffend formuliert und aus einem Guss - kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Ob die Artikel so leicht verfasst worden sind, wie sie sich lesen? So oder so - hoffentlich dauert es bis zum Erscheinen des nächsten Bandes nicht wieder vier Jahre. Die Wartezeit habe ich mir aber immerhin damit verkürzt (jedenfalls in eine Richtung), dass ich erst jetzt dazu gekommen bin, das Büchlein zu lesen. Aber nun zum Inhalt, der in folgende Kapitel gegliedert ist: 

- Hier wächst ein Trend 
- Wenn Gärtner Fehler machen 
- Quer durch die Beete 
- Die Gartenfrau auf Reisen 
- Was die Idylle trübt 
- Gärten für alle Lebenslagen 

Die schreibende Gärtnerin zieht Vergleiche zwischen Facebook und Gabionen und grübelt über die Imparität in der Höhe der Anzahl von virtuellen, also bloggenden Gärtnern und Gärtnerinnen, und solchen, die nur im echten Leben in der Erde wühlen, und die Leserin erfährt auch gleich, welche Bloggerin die Autorin nicht unbedingt persönlich kennen lernen will. 

Ausserdem verrät sie, welches Objekte ihrer Begierde sind (nicht Schuhe) und denkt nach über Sinn oder eben Unsinn von Aussen-Wohnungen mit Sitzlandschaft sowie Aussendusche und Heizstrahlern anstelle des früheren Obstbaums. Vorgärten wiederum lassen den, der ausserhalb des Zauns vorbeigeht und sich etwas Zeit und Musse nimmt, herrlich Mutmassungen über die Bewohner und (Nicht-)Gärtner anstellen. 

An anderer Stelle liest frau über Schwärmerei und nicht erwiderte Liebe – natürlich nicht zu einem falschen Mann (hier geht’s ja ums Grüne), sondern zu falschen Pflanzen. Nichtsdestotrotz geht es hier um gescheiterte Beziehungen. Solchen, die einen geläutert zurück lassen, und solche, bei denen frau einfach nicht wahr haben will, dass es nie was werden wird. Das Gegenteil sind dann die gerufenen Pflanzengeister, die sich wie Kletten aufführen. 

Dass Gärtnern nicht nur gesund ist, sondern sehr schnell zu irgendwelchen Verletzungen führen kann, weiss jeder, der beispielsweise schon Rosen beschnitten hat. Zum Thema Unfall im Garten weiss die Autorin von Yuccas zu berichten, die ins Auge und ins Ohr gehen und von einem durch Jäten provozierten dreifachen Rippenbruch. Und haben Sie gewusst, dass die Einwanderung der Herkulesstaude auf ein Zarengeschenk anlässlich des Wiener Kongresses im Jahr 1815 zurückzuführen ist? 

Weiter geht es um botanische Volltrottel, Instant Gardening, Geheimtipps zur Umsiedelung von Maulwürfen, die schmale grüne Grenze zwischen Reha und Euthanasie, die Definition des grünen Daumens und um angeblich unverzichtbare Gartenwunderwaffen. Kennen oder verwenden Sie gar noch die einst vielgepriesene Gartenkralle? 

Einen literarischen Einblick in den Vorgarten der Autorin gibt es nicht, dafür verrät sie ihren Traum von dressierten Tieren, die Quecken, Disteln und Co. fressen. Gärtnern verbindet, doch kann die praktisch umgesetzte Antwort auf die Frage „Und wer giesst bei dir“ zu zwischenmenschlichen Konflikten führen. Dann etwa, wenn die blumengiessende Freundin die vordergründig kahlen Blumenkästen mit (ungeliebter) Heide aufpeppt (relativ schlimm) und gleichzeitig die ganze Erde auswechselt (Heide verlangt schliesslich nach saurer Erde) und dabei gleichzeitig Hunderte von Schneeglöckchenzwiebeln entsorgt (Supergau). 



Paula Almqvist: 
Und wer giesst bei dir? 
Schöffling und Co., 2016

10. April 2016

Patsy Collins: Up the Garden Path – Short Stories

„Up the Garden Path“ ist eine Kollektion von vierundzwanzig Kurzgeschichten rund um den Garten – mal überraschend, mal herzerwärmend, mal amüsant.

Hier eine Auswahl aus dem Inhaltsverzeichnis:
- Going Green
- Winter Damage
- Blooming Talent
- Flowers for Milly
- Nice Weather for it
- Strawberry Jam

Da geht es etwa um einen Baum und eine Frau, die parallel eine schwere Zeit durchmachen. Im selben Sturm, in dem ihr Mann bei einem Unfall ums Leben kam, wurde der stolze Baum schwer beschädigt. Für Mensch und Baum gibt es eine Zukunft: die Frau bemerkt ihre Schwangerschaft und gleichzeitig treibt der Baum wieder aus. Eine andere junge und einsame Frau findet nach einer grossen Enttäuschung einen neuen Lebensinhalt in einem Schrebergarten, den sie gar nicht mehr will, und eine dritte Frau entscheidet sich für die erfolgreiche Selbständigkeit, nachdem ihr Vorgesetzter einfach immer alles besser zu wissen glaubt. Zwei andere Frauen, die beide den gleichen Mann lieben, finden durch den Garten (endlich) ein gemeinsames Interesse, als sich die Schwiegertochter durchs Paradies ihrer Schwiegermutter führen lässt.

Eine Mutter glaubt im Nachbarhaus gehe Ungesetzliches vor sich, dabei müsste sie gar nicht aus dem Fenster schauen, sondern in der eigenen Wohnung nach dem Rechten sehen. Ist ein oft lebensmüder Grossvater der richtige Umgang für den kleinen Enkel? Was, wenn Enkel und/oder Grossvater vom Baum fallen? In „Nice Weather for it“ geht es um richtige oder eben unterschiedliche Betrachtungsweisen, während in „Organised“ ein Mann, der kürzlich vom Arbeits- ins Pensioniertenleben gewechselt hat, seine Ehefrau mit der Umstrukturierung des angeblich unorganisierten, aber bisher perfekt funktionierenden Haushalts zur Weissglut treibt.

Die kurzweiligen, einen weiten Themenbogen umspannenden Geschichten, die als Gemeinsamkeit immer einen hortikulturellen Hintergrund haben, erinnern mich an die beiden vor Jahren gelesenen Büchlein von George M. Flynn („Maggie’s Heart and Other Stories“ und „Twilight Journey and Other Stories“) und „Seedfolks“ von Paul Fleischmann. Bei dieser Gelegenheit sei wieder einmal auf Greenprints hingewiesen, ein kleines, aber feines Magazin, das vierteljährlich erscheint und Garten- und Gärtnerkurzgeschichten aus dem wahren Leben veröffentlicht.



Patsy Collins: 
Up the Garden Path – Short Stories 
Alfie Dog, 2013

Link zur Webseite von Greenprints


10. Oktober 2015

David Wheeler (Hrsg.): Gartenlektüre – Die schönsten Geschichten englischer Gartenenthusiasten

Im vierten von mittlerweile beinahe 600 hier im Sofagarten erschienen Posts habe ich Anfang Februar 2009 mit folgenden Worten die Anthologie „Hortus Revisited“ vorgestellt:

Zum 21. Geburtstag des vierteljährlich mit wunderbaren Illustrationen in s/-w-Optik erscheinenden Journals „Hortus“ ist eine Anthologie aus den bisher über 10'000 veröffentlichten Seiten anspruchsvoller Gartenliteratur erschienen. 

Wer Hortus bereits kennt, wird eingeladen, nochmals Mirabel Oslers Ausführungen über Ordnung und Chaos im Garten zu folgen, wer Hortus erst noch entdecken will, findet vielleicht Gefallen an Catherine Umphreys Artikel über Margery Fish und die Leiden und Freuden von partnerschaftlichem Gärtnern oder erfährt von Fergus Garrett näheres über die Gattung Vergissmeinnicht (Myosotis). Die Themenpalette reicht von Farbe, Duft, Pflanzenzucht über Pflanzenjäger zu Gartenportraits. Ebenso unterschiedlich sind die Beiträge abgefasst – mal unterhaltend, witzig oder informativ, dazwischen gibt’s aber auch schwerfälligere Kost. Zu den Autoren gehören Profis und Amateure, Botaniker und Historiker, Gärtner und Gartenfanatiker - vertreten sind etwa Beth Chatto, Ursula Buchan, Roy Strong und Noel Kingsbury.

Infos über Hortus: www.hortus.co.uk. Die ersten beiden Jahrgänge der Hortus-Back-Issues sind bereits früher ebenfalls in Buchform erschienen, aber längst nur noch antiquarisch erhältlich ("By Pen and By Spade" und "The Generous Garden", beide Titel ebenfalls von David Wheeler herausgegeben).

Nun steht (endlich) eine Auswahl dieser Gartengeschichten auch dem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung:
  • Vorwort – Oder: Ein Buch für Gärtner, die lesen, und Leser, die gärtnern 
  • David Wheeler und Hortus 
  • Stephen Lacey : Der Duftgarten 
  • Beth Chatto: Sir Cedric Morris, Künstler und Gärtner 
  • Penelope Hobhouse: Phyllis Reiss in Tintinhull 
  • Alvide Lees-Milne: Lawrence Johnston, der Schöpfer von Hidcote Garden 
  • Mirabel Osler: Bitte mehr Chaos! – Ein sanfter Appell 
  • Nigel Colborn: Zeigt mir eure Hostas! 
  • John Francis: Mein Paradies im Park 
  • Andrew Lawson: Die Kunst und der Garten 
  • Dawn MacLeod: Die Kunst der Pflanzenfärberei 
  • Elizabeth Seager: Das Jahr des Gärtners 
  • Roy Strong: The Laskett: Die Geschichte eines Gartens 
  • Deborah Kellaway: Von Möpsen, Pfauen und Pekinesen: Der Garten von Garsington Manor 
  • Jim Gould: Ein blaues Wunder 
  • Catherine Umphrey: Pflanzpartner, oder: Gärtnern mit Walter 
  • Peter Parker: Die Gärten der Beatrix Potter 
  • Antony King-Deacon: Es war einmal in Sissinghurst 
  • Katherine Swift: Reisenotizen von Orkney 
  • Diana Rosse: Der Waliser Garten Plas Brondanw aus Sicht seines Gärtners 
  • Marta McDowell: Maleficus – In tödlicher Absicht 
  • Alex Dufort: Der Garten Ridler 
  • Graham Gough: Die beste Lehrmeisterin, die ein Gartengestalter sich wünschen kann 
  • Ambra Edwards: Ein Besuch bei Ian Hamilton Finlay
Gartenliteratur vom Feinsten für lange Winterabende!



David Wheeler (Hrsg.): 
Gartenlektüre – Die schönsten Geschichten englischer Gartenenthusiasten 
Deutsche Verlags-Anstalt, 2015

10. September 2015

Andreas Austilat: Vom Winde gesät – Meine Frau, unser Garten und ich

Lässt sich die Vorliebe für Blumen der Ehefrau mit dem Hang zur landwirtschaftlichen Nutzung des Gartens durch den Mann vereinbaren? Andreas Austilat berichtet in dieser Kolumnensammlung aus dem Tagesspiegel in amüsantem Schreibstil über seine diesbezüglichen Erfahrungen.

Zum Zeitpunkt des Erwerbs des Reiheneinfamilienhauses vor etlichen Jahren war der Garten bereits komplett bepflanzt, und zwar im Stil der 1960er Jahre mit Forsythie, Konifere, Rosen und Rasen. Über die Grösse des Gartens habe ich keine Angaben entdeckt (oder diese überlesen). Ich liege aber wohl nicht falsch mit meiner Vermutung, dass die Parzelle einiges grösser ist, als zwei- oder dreihundert Quadratmeter, ist doch an einer Stelle die Rede davon, dass zwanzig Leute gleichzeitig auf dem Rasen herumspringen. Die bisherigen gärtnerischen Erfahrungen des Autors beschränkten sich jedenfalls dannzumal mehrheitlich auf das seinerzeitige gelegentliche Rasenmähen mit einem Spindelmäher als Kind.

Die nicht chronologisch, sondern thematisch geordneten Kapitel geben erste Hinweise auf die geplanten, verworfenen und durchgeführten Veränderungen innerhalb von Zaun und Hecke:
  • Wie wir Gärtner wurden
  • Grenzen setzen
  • Mein Freund, der Baum
  • Exotische Träume
  • Ich wäre so gern ein Farmer
  • Eindringlinge, gewollt und ungewollt
  • Der Garten ist eine Baumstelle

Während der Lektüre stellt die Sofagärtnerin schnell fest, dass der Autor gewohnt ist, Sachverhalte zu hinterfragen und zu recherchieren. Wiederholt sind es Monokulturen, über die er sich schlau macht, und die Leserin detailliert an seinem Wissen teilhaben lässt. Einmal berichtet er diesbezüglich über Kiefern, ein andermal über Bananen. Haben Sie gewusst, dass fast alle in unseren Breitengraden verkauften Bananen zur Sorte "Cavendish" gehören und dass eine frühere Sorte, ebenfalls eine Monokultur, in den 1960er Jahren durch einen Pilz ausgerottet worden ist?

Weiter berichtet Andreas Austilat über die von Schneeglöckchen erzeugte Bodenwärme und darüber, weshalb unter Kiefern nur Maiglöckchen und Walderdbeeren wachsen. Dann sinniert er über Geheimnisse und Rätsel des Gartens - etwa jenes, warum das Tränende Herz in einem Jahr durch seine Blütenfülle den Neid von Besuchern weckt und im nächsten Jahr nur vor sich hin kümmert.

Während der Autor herausfindet, dass im Garten zwei verschiedene Sorten Liguster stehen, nämlich eine immergrüne und eine laubabwerfende, und auch Forsysthien völlig verschnitten, sprich mit der falschen Schnitttechnik oder Vernachlässigung verunstaltet werden können, liest man wiederholt über das grosse grüne Herz der Ehefrau für verstossene und ungeliebte Pflanzen, die niemand (kaufen) will und im Austilatschen Garten ein Asyl finden. In diesem Zusammenhang fällt im Buch auch der schöne Begriff „botanische Fremdenfeindlichekeit“. Denn der Ehemann mag keine Exoten oder sonst wie komplizierte Pflanzen im Garten, für die er seine Gewohnheiten anpassen muss. Ausser er kann mit schwerem Geschütz auffahren (Stichwort Kettensäge).



Andreas Austilat: 
Vom Winde gesät – Meine Frau, unser Garten und ich 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2015

10. August 2015

Zuletzt angefangen zu lesen: Jens F. Meyer - Beetgeflüster

Statt viele Worte über den Inhalt dieses Buches zu machen, lasse ich doch vielsagend eine Auswahl von Kapitelüberschriften sprechen:
  • … wenn ich es recht bedenke, leben Gartenträume vom Tun – und vom Nichtstun… 
  • Von der hohen Kunst, die wahre Schönheit zu entdecken 
  • Von himmlischen Wassern und teuflischen Giessern 
  • …mein Handy ist alt, mein Auto aus der Mode, aber ich habe Goldmohn-Samen von Ahmed aus La Chatonnière; viel mehr kann ich vom Leben nicht verlangen… 
  • …aber nach einiger Zeit des Sinnierens muss eine definitive Entscheidung stehen, spatenhieb- und stichfest vor dem Hintergrund, der statischen Gefahr erfolgreich zu begegnen… 
  • und im Altweibersommer ist aus dem Schwert ein Degen geworden, aber immerhin … 
Die Zeilen verraten eindeutig die Liebe des Schreiberlings zur Botanik und er lässt die Leserin grosszügig an seinen Erfahrungen und (Garten-)reisen teilhaben. So räumt er auf mit dem Ammenmärchen, dass Rhododendron und Azaleen nach der Blüte ausgeputzt werden müssen. Denn wer erledigt diese Arbeit im Himalaya an den dort auf bis 4'300 Metern über Meer wachsenden Exemplaren?

Jens F. Meyer berichtet von der Hassliebe zu seinem Geldbaum, von besonderen Frost-Spannern und freut sich, dass das Stehlen (mit den Augen) von Pflanzenkompositionen aus fremden Gärten nicht strafbar ist. Er sinniert über Paradoxa (sich über Sonne freuen und Regen vermissen und sich über Regen freuen und Sonne vermissen) und über irreführende Pflanzennamen wie etwa „Kuhschelle“. Dann verrät er, keine zu perfekt gestaltete Langeweile zu mögen und dass er die Blumen in seinem Garten sich versamen und wachsen lässt. Das Herausrupfen wird vorläufig vertagt und oft auch ganz unterlassen.

„Beetgeflüster“ ist eine Kolumnensammlung von Artikeln, die in der Deister- und Weserzeitung Hameln erschienen sind. Im World Wide Web bin ich auf verschiedene Lesungstermine gestossen – leider auf keinen, der hier in der Nähe stattfinden würde.

Die Umschlaggestaltung trifft nicht gerade meinen Geschmack, aber am Inhalt habe nichts zu mäkeln und besonders die teilweise ungewohnten, unbekannten Wortkreationen geschätzt und ich lauere immer noch auf weitere, während ich das Buch fertiglese. Zum Verständnis ein paar Beispiele: „Mohnarch“ statt „Monarch“, „Im Grünen und Ganzen“ statt im „Grossen und Ganzen“ , "spatenhieb- und stichfest" statt "hieb- und stichfest" sowie die Worte „Pflanzlyrik“ und „Blütenvöllerei“.



Jens F. Meyer: 
Beetgeflüster 
CW Niemeyer Buchverlage, 2015

23. Mai 2015

Gabriele Tergit: Der glückliche Gärtner

Vor Jahresfrist habe ich die Buchvorstellung "Der alte Garten" von Gabriele Tergit abgeschlossen mit der Hoffnung, dass der zweite Teil auch bald neu erscheinen möge. Das Warten war diesmal von kurzer Dauer, denn „Der glückliche Gärtner“ enthält nun die Fortsetzung des 1958 unter dem Titel „Kaiserkron und Päonien rot. Kleine Kulturgeschichte der Blumen“ erstmals erschienen Buches.

So geht es nun also weiter mit Blumengeschichten und Geschichtlichem über die Blume. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis verrät, über welche hortikulturellen Schönheiten dieses Mal berichtet wird:

- Ein Leben für Veilchen und ein Tod wegen einer Kamelie
- Die Arbeiterblume
- Herkunft und Verbreitung der Rose
- Blumen aus Asien: Päonien, Hortensie
- Dahlienwut
- Die geheimnisvolle Reseda
- Eine brillante Karriere durch die Victoria regia
- Die Erfindung des Staudengartens

Arbeiterblumen wurden seinerzeit nur von Arbeitern gezogen und weitergezüchtet. Hier ist von Textilarbeitern und ihrer Blumenzüchterleidenschaft die Rede, die zur Gründung von Blumenzüchterclubs und Blumengesellschaften führte. Zu den züchterischen Höhepunkten zählten die Blumenausstellungen mit Preisverteilung. Was sind denn aber Arbeiterblumen? Aurikeln, Anemonen, Hyazinthen, Tulpen, Ranunkeln, Nelken, und Primeln zählten zu dieser Spezies. Die intensive Beschäftigung der Arbeiter mit ihren Pflanzen und ihre Erfahrung führten zu ausgezeichneten Resultaten, sprich Züchtungen. Züchtungen, die sogar jene von gelernten Gärtnern übertraf.

An anderer Stelle wundert sich Gabriele Tergit darüber, dass in öffentlichen Anlagen immer wieder die gleichen Blumen verwendet werden. Während in England Geranien, Lobelien und weisser Duftsteinrich häufig Verwendung finden, werden in Frankreich Sedum und Begonien bevorzugt und in Deutschland Stiefmütterchen, Petunien sowie Geranien. Diese Zeilen hat die Autorin vor Jahrzehnten geschrieben und seither hat sich auch in den europäischen Blumenrabatten einiges verändert. In grossen französischen Städten wie Lyon, Nancy, Metz, Calais und Paris habe ich mich in den letzten Jahren immer wieder an wunderschönen, farblich harmonisch abgestimmten Staudenbeeten in öffentlichen Parkanlagen erfreut. Auch entlang des hiesigen ehemaligen Versicherungshauptsitzes, der nun in eine französischen Firma integriert ist und den Namen der Stadt nicht mehr in die Welt herausträgt, sind die farbenfrohen Stiefmütterchen längst einer abwechslungsreicheren Staudenbepflanzung gewichen, indessen die Stadtgärtnerei in ihren Pflanzschemen immer noch häufig auf riesige Mengen der gleichen Blumen setzt.

Haben Sie übrigens gewusst, dass Goethe gerne durchgesetzt hätte, dass das Stiefmütterchen als “Gedenke mein“ bezeichnet wird, sich aber damit nicht durchsetzen konnte? Ich schliesse das Thema Stiefmütterchen damit ab, während Gabriele Tergit dazu noch mehr zu erzählen hat. Sie wusste aber auch zu berichten, dass Napoleon ständig eine goldene Kapsel mit zwei getrockneten Veilchen auf sich trug und dass Josephines Rosen auch zu Kriegszeiten sämtliche feindlichen Linien überwunden haben, um in Malmaison zu blühen.

In einer Blumengeschichten-Sammlung darf natürlich auf die Geschichte von Commerçon und Baret bzw. Hortense nicht fehlen und auch weitere Pflanzenjägerschicksale werden erwähnt. Dann geht es um die Chrysanthemenzüchtung, Spekulationen rund um die Kamelienwut, die erste wilde Blume - eine blaue Orchidee -, die per Gesetz vor der Ausrottung geschützt wurde und darüber, woher die Nerinen stammen. Ein aus Japan kommender holländischer Kahn erlitt im Kanal Schiffbruch. Die an Bord mitgeführten Pflanzen und Zwiebeln der Nerinen oder Guernsey-Lilien fühlten sich auf der gleichnamigen Kananlinsel sehr wohl und waren in London äusserst beliebt, aber erst viele Jahrzehnte später wurde herausgefunden, dass die Pflanzen gar nicht wie angenommen aus Japan stammen, sondern vom Tafelberg in Südafrika. Gabriele Terigit weiss auch, wie zufälligerweise das Herstellen von Rosenöl entdeckt wurde und sie berichtet von einem Zwiebelparfum, dank welchem auf Kommando Tränen fliessen und warum zur Lilienblütenzeit in irischen Gärten ausgemacht werden kann, ob ein katholischer oder ein protestantischer Gärtner am Werk ist.



Gabriele Tergit: 
Der glückliche Gärtner 
Schöffling und Co., 20015

15. November 2014

Jörg Pfenningschmidt: Pfenningschmidts Gartenschätze

Bei den meisten wöchentlichen oder monatlichen Publikationen, die ich mir zu Gemüte führe, beginne ich von hinten nach vorne zu blättern und lese mich zuhinterst fest, weil ich dort gleich meinen neuesten Lieblingsartikel finde. Sei es im Beobachter, der Tina, der Gardens Illustrated oder der Gartenpraxis – in vielen Zeitschriften finden sich anregende Kolumnen ganz hinten im Heft.

Neben Susanne Rückerts "Szenen aus dem Leben" gefallen mir ganz besonders die hortikulturellen Zeilen von Jörg Pfenningschmidt. Deshalb musste ich auch nicht lange überlegen, welches Mitbringsel vom kurzen Abstecher in die Königliche Gartenakademie in Berlin nach Hause gebracht werden sollte. Grünzeug kam wegen der Anreise per Flugzeug sowieso nicht in Frage, so dass die Wahl auf das Heft Nummer 6 der Schriftenreihe der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur fiel: „Pfenningschmidts Gartenschätze".

Die pointiert formulierten Glossen des Hamburger Gartengestalters sind zuvor bereits im „Blätterrauschen“ erschienen und mindestens eine glaube ich in der Gartenpraxis mal gelesen zu haben („Verzichtbar“). Nur schade, ist das Büchlein so dünn. Ich hätte gerne noch mehr über diese Gartenschätze gelesen. Wenn es während dem Rückflug wegen heftigen Winden nicht so stark geschüttelt hätte, was doch stark vom Lesen ablenkte, wäre das Vergnügen wohl schon über den Wolken zu Ende gewesen.

Da ich nach Ende der Ferien meine hortikulturelle Lektüre wieder durch Manuals, Gesetzestexte und Verordnungen ersetzt habe, fehlt mir die Zeit und Musse detailliert auf den Inhalt der Kolumnen einzugehen. Wer meinem Geschmack nicht traut, kann sich im Forum "Garten Pur" in den Schreibstil des Autors "einlesen". Und unter der Rubrik „Kolumnenbücher und Essays“ finden Sie im Blog bekanntlich Lesetipps zu weiteren diesbezüglichen Lesetipps aus dem riesigen grünen Blätterwald.

PS: Ich weiss nicht, wie viele Pfenningschmidtsche Artikel ich schon gelesen habe. Aber erst beim Schreiben dieser Zeilen habe ich festgestellt, dass der Autor nicht Pfennigschmidt, sondern Pfenningschmidt heisst…



Jörg Pfenningschmidt: 
Pfenningschmidts Gartenschätze 
Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur, 2012

24. Juni 2014

Harold Koopowitz: Orchid Tales

Der Botaniker und Orchideenspezialist Harald Koopowitz nimmt für diese Orchideengeschichten bekannte und weniger bekannte Begebenheiten aus Pflanzenjägerbiografien als Grundlage und bettet diese in einen passenden Rahmen. Die Erzählungen tragen Titel wie „Chocolate slippers“, „A Red Feather Night“, „Tea, Tigers and Spice“, „At the End of the Day“, „Mrs. Spicer’s Orchid“ und „A Known Fact“ und handeln von verschiedenen Orchideen wie etwa „Cattleya labiata“, „Vanda coerulea“ und „Vanilla planifolia“.

Die Vanille-Orchidee konnte lange Zeit nur an ihrem angestammten Ort angepflanzt werden, weil sie zur Bestäubung auf ganz spezielle Bienen- und Kolibriarten angewiesen ist. Im Jahr 1841 entdeckte schliesslich ein zwölfjähriger Sklave namens Edmond Albius auf der kleinen Insel Réunion im Indischen Ozean, wie die Gewürz-Vanille manuell bestäubt werden kann. Durch diese Entdeckung konnte die Pflanze gezielt vermehrt werden, was dem Land einen gewissen Wohlstand verschaffte. Diese Methode der Bestäubung wird auch heute noch angewendet.

In einer anderen Kurzgeschichte soll 1925 die sogenannte "Shakespeareana", die damals grösste private Sammlung in Europa, ins Ausland verkauft werden, um mit dem Erlös finanzielle Mittel für den Kauf von kostbaren Orchideen zu generieren. Da ein Export mit hohen Zollkosten verbunden ist, wurde die kostbare Büchersammlung mit einem Trick ausser Land geschafft.

Bei Harold Koopowitz ist es nicht Edmond Albius, sondern William, dem die folgenreiche Beobachtung des Ablaufs in der Bestäubung der Vanille-Orchidee gelingt. Denn in sämtlichen Kurzgeschichten spielt dieser William zusammen mit George, Matilda und Grosstante Bertha die Hauptrolle. Mal ist das Quartett mit Frank Kingdon-Ward auf der Suche nach grünem Gold in Asien unterwegs, mal leben sie im Wilden Westen, mal im Mittelalter und eine Erzählung führt die Vier sogar in die Zukunft.

Diese Kurzgeschichten sind vorab in der Zeitschrift „Orchid Digest“ erschienen und werden mit dieser Publikation nun als Sammlung einer grösseren Lesergemeinde zugänglich gemacht. Die Geschichten sind meistens spannend, aber ich empfand es als Leserin der Buchform befremdend, dass sämtliche Hauptrollen - egal, in welchem Jahrhundert diese spielen, und wo auf der Welt sie angesiedelt sind – immer durch die gleichen vier Charaktere eingenommen werden. Diese Tatsache ist wahrscheinlich weniger auffällig und störend, wenn man die Erzählungen in der periodisch erscheinenden Publikation „Orchid Digest“ liest.

Im Anschluss an jede Orchideen-Kurzgeschichte erläutert der Autor kurz die wichtigsten Details zu den tatsächlichen Fakten, auf denen diese beruht.  



Harold Koopowitz: 
Orchid Tales – The Adventures of George and Matilda, William and Great-Aunt Bertha 
Orchid Digest Corporation, 2013

1. Mai 2014

Dominique Ghiggi: Baumschule – Kultivierung des Stadtdschungels

Als private Hobbygärtnerin habe ich wenig direkten Kontakt zu Baumschulen. Meine eigenen Berührungspunkte in der näheren Vergangenheit beschränken sich auf das regelmässige Vorbeiwalken an einer kleinen Baumschule im Nachbardorf, den noch nicht lange zurückliegenden Direktkauf von verschiedenen Eiben in einer Baumschule sowie das Buchgoogeln nach dem Stichwort „Baumschule“, das zum interessanten Buch "Exerzierplatz" von Siegfried Lenz geführt hat. Und schon im Vorwort der hier vorzustellenden Publikation lese ich die Bestätigung für meinen Eindruck. Denn dort führt Günther Vogt aus, dass im Zusammenhang von Verbindungen zwischen Mensch und Pflanzen Baumschulen tatsächlich oft vergessen gehen.

Nach Vorwort und Einleitung folgen geordnet in die folgenden Kapitel die einzelnen Essays:

- Kartografie des Waldes: Wildnis und Kultur
- Jäger und Sammler: Neugier und Ambition
- Werkstätte: Fabrikation und Ästhetik
- Sahel Vert: Migration und Refugium
- Better City: Städtebau und Zukunft

Nach dem ersten Durchblättern des grossformatigen Buches erwartete ich eine eher trockene Lektüre. Schnell habe ich dann aber festgestellt, dass es dem nicht so ist und auch der wissensdurstige Laiengärtner auf seine Kosten kommt. Der Leser erfährt beispielsweise, dass in Europa seit etwa fünfhundert Jahren Baumschulen existieren, während auf anderen Kontinenten die Baumproduktion und der Baumhandel schon viel länger praktiziert werden; in China etwa seit rund 4000 Jahren. Einen Aufschwung erfuhren die europäischen Baumschulen im 19. Jahrhundert parallel mit den Expeditionen und Einfuhren von Pflanzenentdeckungen durch die erfolgreichen Jäger des grünen Goldes. Thematisiert wird auch die aus heutiger Sicht zuweilen verwerflich erscheinende oft zügellose Sammeltätigkeit der Pflanzenjäger, die sich noch an keinerlei Naturschutzabkommen zu halten hatten.

Unterschiedliche Kundenbedürfnisse und Erwartungen prägen die Sortimente der Baumschulen. Während für die Strassenbepflanzung genormtes Grün gefragt ist, sollen Ziergehölze für Parks eindrucksvolle Silhouetten aufweisen. In einem der Essays wird detailliert die Bepflanzung der Masoala-Halle im Zoo Zürich geschildert – vom Inventar und Einkauf der Bäume im Ursprungsland über die Verladung der Gehölze in Container, die Verschiffung nach Rotterdam, die Akklimatisierung in Baumschulen in den Niederlanden und Belgien bis zum Weitertransport nach Zürich und der Einpflanzung am Bestimmungsort. Mit „Scent Seeker – Reisetagebuch eines Duftforschers“ ist der Bericht über die Suche nach Duftpflanzen auf und über den Baumwipfeln von Französisch Guyana überschrieben. Als Tranportmittel diente hier ein zeppelinartiger Heissluftballon mit Dieselmotor.

Ferner erhält der Leser Einblick in die Geschichte des Baumzuchtgebiets Boskoop in Holland. Der Name steht nämlich nicht nur für eine bekannte Apfelsorte, sondern in erster Linie für das dichteste Baumschulzentrum in Europa, wo seit fünfhundert Jahren junge Gehölze geschult werden und heutzutage viele der spezialisierten Familienbetriebe mit Nachfolgeproblemen kämpfen. Für viele Tätigkeiten stehen zwar inzwischen kraftsparende Maschinen zur Verfügung, aber  trotzdem ist die mehrfache Verpflanzung von Forstpflanzen nach wie vor mit viel Handarbeit verbunden.

Andere Artikel beschäftigen sich mit der Rhododendronmanie, der Waldnutzung, der Geschichte der Phaleonopsis von der teuren Orchideenrarität zur Massen- und Wegwerfpflanze und einem Bankschliessfach für Pflanzensamen in der Arktis sowie einem Relief der Urschweiz, dem ersten Geländemodell aufgrund Triangulation und barometrischen Höhenmessungen mit unterscheidbaren Nadel- und Laubbäumen. Die Vorteile und Probleme rund um die urbane Landwirtschaft werden an einem Beispiel in Tansania aufgezeigt - grüne Lungen in der Stadt verbessern die Luft, werden aber immer mehr an den Stadtrand verdrängt, weil das entsprechende Land für Immobilien benötigt wird - mit der Folge, dass sich die Luftqualität für die Einwohner verschlechtert.

Zwischen ehemaligen Industriegebieten und Baumschulen existieren diverse Gemeinsamkeiten. An beiden Orten wurde der Boden von Menschen über längere Zeit stark verändert und oft nicht nur verdichtet, sondern auch mit als Sonderabfall zu klassifizierenden Stoffen kontaminiert. Für (gesäuberte) städtische Brachen wird die Idee verfolgt, Baumschulen den Platz zur vorübergehenden Nutzung zur Verfügung zu stellen. Wenn die Areale später einem neuen Zweck zugeführt werden, kann ein Teil des Bedarfes an Bäumen aus direkter Nähe gedeckt werden.

Im Anhang der überaus informativen Lektüre finden sich Kurzportraits mit Fotos und wichtigen Eckdaten aus den Lebensläufen der Autoren und Akteure, die an dieser Publikation mitgewirkt haben. Verschiedene der teilweise recht dunkel gewählten Texthintergründe und die bei Legenden sehr klein gewählten Schriftarten sind dem Lesegenuss leider etwas abträglich. Das Buch ist übrigens auch in einer englischen Ausgabe erhältlich.



Dominique Ghiggi: 
Baumschule - Kultivierung des Stadtdschungels 
Lars Müller Publishers, 2010

24. März 2014

Gabriele Tergit: Der alte Garten

Von der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert in Holland liest man immer mal wieder, wenn diese etwa im Zusammenhang mit Turbulenzen an den Börsen als erstes Börsencrash-Beispiel herangezogen wird. Aber haben Sie gewusst, dass im 18. Jahrhundert in England eine Ranunkelmanie herrschte? Im Jahr 1792 waren tausende Sorten im Umlauf, 1820 wurden noch deren 800 angeboten. Aber auch für Hyazinthenzwiebeln wurden einst beeindruckende Geldbeträge hingeblättert. Gab es 1597 erst vier Sorten, waren es 1725 schon rund 2000 und ein Preis von 4‘000 Mark galt als üblich. Da erscheint der Preis für eine Aurikel im 17. Jahrhundert mit 400 Mark ja fast günstig. In dem kleinen Büchlein „Der alte Garten“ führt Gabriele Tergit (1894 – 1982) durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende in der Kulturgeschichte der Blumen - gespickt mit  Anekdoten, Kuriositäten, Sitten und Bräuchen und paralleler Vermittlung von Einblicken in wichtige historische Ereignisse.

Nach einer als sentimental betitelten Einleitung über die Freude an der Natur folgen Abschnitte mit Titeln wie „Die Päonie der Chinesen und die Lotusblume der Ägypter“, „Die sakrale Lilie“, „Rosennarretei“, „Le Notre und die Verbannung der Blumen in den Küchengarten“ und „Englischer contra französischer Garten“. Die Autorin hält fest, dass es natur- oder garten-gemäss ist, dass Gärtner ein hohes Alter erreichen und setzt das menschliche Leben in Zusammenhang mit dem Gartenjahr. Stark zusammengekürzt bedeutet dies, dass das Leben im Februar mit der Geburt anfängt; der Monat Juli steht für das Alter vierzig, August und September für die Ernte des Lebens und November und Dezember repräsentieren die Menschenjahre zwischen siebzig und neunzig, in welchen Geist und Körper vertrocknen und sowohl Mensch als auch Natur enden im Januar im weissen Totenhemd.

Im Text erfährt man weiter, dass im alten Ägypten der Gastgeberin keine Blumen mitgebracht wurden, dafür aber die Gäste Kränze aus Lotusblumen erhielten. Letztere galten auch in Indien als wichtiges Symbol. Die Zeiten haben auch in Sachen Namensgebung einen Wandel erfahren. Während römische Familien den Namen von Blumen annahmen, wurden in den letzten Jahrhunderten umgekehrt Blumen nach ihren Entdeckern oder nach Botanikern benannt. Auch Blüten auf dem Teller sind keine Erfindung unserer Zeit. Bereits im Mittelalter wurden Speisen mit Blumen gesüsst und Braten mit Blumen gewürzt.

Weiter berichtet Gabriele Tergit von Zeiten, in der die Natur verdächtig war und es sogar päpstlich verboten war, sich mit ihr zu beschäftigen. Mindestens so seltsam mutet die Passage an, an der die Autorin davon erzählt, dass sich eine Darmstädter Freundin von Goethe zuweilen in ein offenes Grab unter einer Rosenlaube legte, um (Zitat) „die Empfindung des Sterbens vom Hauch und Duft der Natur umweht, auszukosten“. Thematisiert werden auch die Aufs und Abs der Nelke in der Gunst der Blumenliebhaber, die Autorin geht auf die Begründung der Chemie durch die Araber ein, erzählt über das Leben des Albert Magnus und davon, dass im 17. Jahrhundert 33 Medizinen aus Rosen bekannt waren, mit denen Krankheiten geheilt wurden.

Waren Blumen lange Jahre (fast) ausschliesslich wegen ihrer Heilwirkung, ihres Nährwerts und der zugesagten Zauberwirkung geschätzt, fiel der Fokus in der Renaissance im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Buchdrucks und von Blumenentdeckern oder Pflanzenjägern auf die Schönheit derselben. Thema ist schliesslich auch der Übergang vom Sammeln möglichst vieler verschiedener Pflanzen im Garten zu ersten architektonisch gestalteten Anlagen.

Im Juli 1991 habe ich in der Zeitschrift „Mein schöner Garten“ ein Inserat mit folgendem Text aufgegeben: „Unterhaltsame Gartenbücher – Zu meiner Lieblingslektüre gehören Gartenbücher, die in Romanform geschrieben sind. Meisterhaft verstanden dies beispielsweise Richard Katz, Karel Capek und Jo Hanns Rösler. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen unterhaltsamen Titeln. Wer verhilft mir zu weiteren vergnüglichen Lesestunden?“

Sie fragen sich, was diese Anzeige mit dieser Buchvorstellung zu tun hat? Nun, in der Folge habe ich verschiedene Gartenliteraturtipps erhalten, darunter eben auch Hinweise auf das Buch „Kaiserkron' und Päonien rot“ von Gabriele Tergit, das aber schon dannzumal längst vergriffen bzw. nur noch antiquarisch erhältlich war. Meine Büchergestelle platzen auch ohne (oder mit nur wenigen) Büchern aus zweiter Hand aus allen Nähten, so dass dieses Buch über zwanzig Jahre einen Stammplatz auf meiner ewigen Wunschliste hatte.

Dank der aktuellen Neuauflage des ersten Teils der Originalausgabe des Buches, kann ich es dort nun herauslöschen  - nicht ohne nach der Lektüre festzustellen, dass sich das lange Warten gelohnt hat. Ein nicht unbedeutender Teil des Charmes dieses Büchleins ist nach meinem Empfinden darauf zurückzuführen, dass es vor über fünfzig Jahren verfasst worden ist. Und zuletzt hoffe ich, dass der zweite Teil der Ausgabe aus dem Jahr 1958 demnächst auch noch neu aufgelegt und die Reihe der immer wieder bemerkenswerten Gartenlesebücher vom Schöffling Verlag noch lange weitergeführt wird.



Gabriele Tergit: 
Der alte Garten 
Schöffling und Co., 2014

13. Oktober 2013

Anette Gräfe: Der Gärtner war’s (Anthologie)

Woran soll der Gärtner wieder schuld sein? Für diese Anthologie wurden Geschichten von Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Altersstufen zusammengetragen. Falls Ihnen beim Titel gleich die etwas abgedroschene Redewendung „Der Gärtner ist immer der Mörder“ in den Sinn gekommen ist, so sind Sie (wenigstens grösstenteils) auf der falschen Fährte. Denn auf diesen rund 250 Seiten ist der Gärtner der Held, der Liebhaber, der Retter in Not oder er übernimmt auch mal detektivische Aufgaben und stellt psychologische Überlegungen an. Und ja, ab und zu hat er auch die Rolle des Mörders inne. Dazwischen widmet er sich aber natürlich auch seinem Beruf und kümmert sich um Rosen, Tulpen, Bonsais und anderes Grünzeug.

Die meisten Geschichten spielen in der Gegenwart, doch auch die Zeit der Tulpenmanie bildet die Kulisse für einen Kurzkrimi. An anderer Stelle sorgt der Gärtner mit etwas Magie und Zauber nicht nur für das Wohlergehen der Pflanzen, sondern auch für notwendige Veränderungen im Leben der Gartenbesitzerin. Und wenn der Gärtner für einen geringen Lohn wertvolle Blumen züchtet, welche die Kasse seines eher undankbaren Arbeitgebers klingeln lassen, könnte man ihn in der betreffenden Geschichte beinahe als Werkzeug und Handlanger desselben bezeichnen.

Einer meiner Lieblingsbeiträge ist „Lateinischer Sommer“. Hier geht es um die subtile Rache einer Gärtnerin an einer gartenschändenden Nachbarin mittels eines Diavortrages im lokalen Gartenbauverein. Der Anlass trägt den sinnigen Titel „Vicina flava maligna – ein singulärer Gartenschädling“. Nicht allen Teilnehmern ist schon vor dem Besuch der Veranstaltung bewusst, dass es sich dabei um die Bewältigung von gemeinen Attacken handelt. Und zwar nach dem Motto: „Herausforderung annehmen, alles ist irgendwie umnutzbar!“

Die Geschichten mit Titeln wie „Des Rätsels Lösung“, „Lange Schatten“, „Rote Rosen“, „Die Hymne ans Gras“, „Das Mörderspiel“ und „Minigeschichte“ sind inhaltlich komplett verschieden. Die einzige Gemeinsamkeit ist die Leitparole „Der Gärtner war’s“. Und so verschieden wie die Altersgruppen der Verfasser sind, so unterschiedlich ist auch das Niveau der einzelnen Beiträge. Will heissen, Spannung und Leselust schwanken etwas je nach Schreibstil des jeweiligen Verfassers.

Doch diese nicht immer ausschliesslich positive Vielfalt sollte Sie nicht davon abhalten lassen, selber über den Gärtner zu lesen, der (angeblich) zerstört statt zu pflegen, giessen und zu düngen, damit sich die erwünschte Blütenpracht einstellt. Und vielleicht lassen Sie sich trotzdem zum Nachdenken anregen durch die "Minigeschichte" über Nacktschnecken und erschrecken über die Folgen von Rasendünger-Missbrauch.


Anette Gräfe (Hrsg.): 
Der Gärtner war’s 
net-Verlag, 2013

17. August 2013

Elsemarie Maletzke: Wenn ich in den Garten geh – Ein Lesespaziergang durch Gärten und Parks

Haben Sie Lust auf einen angenehmen Lesespaziergang durch Gärten und Parks? Vielleicht auf einer bequemen Bank im kühlen Schatten eines Baums sitzend? Der Garten und die Sehnsucht nach dem verlorenen Eden waren schon immer ein beliebtes Thema für Dichter und Schriftsteller. Und so führt die Herausgeberin Elsemarie Maletzke in diesem Buch in sechs Kapiteln durch verschiedene Gärten und Parks in unterschiedlichen Jahrhunderten und steuert jeweils am Kapitalanfang eigene Gedanken bei.

Gegliedert ist die grosszügig mit Gemälden und Fotos illustrierte Publikation mit Texten von Bettina von Arnim über Christian Morgenstern und Walahfrid Strabo bis Caroline Wolzogen in die folgenden Abschnitte:

- Formale Gärten
- Englische Landschaftsgärten
- Kraut und Rosen
- Geliebte Bäume
- Willkommen und unerwünscht
- Jenseits der Gartenmauer

Wer hat wohl als Erster Rosen neben Lauch gepflanzt? Mit dieser Frage beginnen die einleitenden Sätze zum Kapitel „Formale Gärten“, in dessen Beiträgen hernach Eduard Möricke in ein Labyrinth, Karl-Philipp Moritz auf einen Ausflug nach Vauxhall und Heinrich Heine in die Tuilerien einladen. An anderer Stelle plaudert Karel Câpek über das Gefühl von Freiheit beim Laufen über Wiesen und welchen Einfluss auf den Charakter und die Weltanschauung diese Möglichkeit eröffnet, während er im „Gebet eines Gärtners“ seine Anweisungen für die perfekten Niederschlagsmengen in höhere Sphären weitergibt.

Johann Peter Hebel wiederum macht sich in einem engagierten Plädoyer für Maulwürfe stark. Er räumt mit Hilfe von detaillierten und eher unappetitlichen Details zum Mageninhalt derselben mit Vorwürfen auf, die den Insektenfresser als Wurzelfrevler verdammen. Der Nicht-Gärtner Gerald Durech seinerseits verfügt über eine ausgeprägte Schwäche für Schnecken und glaubt, diese auch lieben zu können, wenn sie seine Pflanzen fressen würden. Er ist sogar der Meinung, es sei eine Ehre, wenn sich welche im Garten tummeln. Na ja, es gibt erfreulichere Ehrbezeugungen. Mehr Verständnis bringt die Sofagärtnerin für die 76jährige Sidonie Colette auf, die eine eine Einladung ihres Schwiegersohnes ausschlägt, weil sie das unmittelbar bevorstehende Ereignis einer nur alle vier Jahre aufgehenden rosa Blüte an ihrem Kaktus nicht verpassen will.

Johann Christoph Heppe stellt verschiedene Gehölze von der Aalkirsche bis zur Quitschbeere und von der Hagebuche bis zum Machandel (Wacholder) vor, während Jane Austen auf die lästigen Seiten von Gemüsegärten hinweist, zu denen sie das Verfaulen der Vegetation, speziell von Kohlgewächsen im Oktober, zählt. Weiter liest man über Heilige Hallen (den ältesten deutschen Buchenwald), die architektonischen Narreteien namens „Follies“, von mit Ölfarbe angestrichenen Gebirgen aus Brettern und erfährt, dass die Anlagen von Wörlitz als Hintergrund für Goethes Wahlverwandtschaften dienten. Und derweilen in einem 1897 in der „Gartenwelt“ publizierten Artikel die Rede ist von der Vollkommenheit der Natur und von gelb blühenden Wiesen geschwärmt wird, weist die Herausgeberin auf die ausgeklügelten Strategien von Ranunculus und Co. hin, die schon manchen Gärtner an den Rand der Verzweiflung gebracht haben.

In „Willkommen und unerwünscht“ erfährt der Leser ein wenig über die persönlichen Vorlieben und Abneigungen von Elsemarie Maletzke selber. So missfallen ihr beispielsweise Eisbegonien und Heidekraut. Sie rät jedoch gleichzeitig, nie die Pflanzen anderer Gärtner zu beleidigen. Schliesslich lässt sich über Geschmack nicht streiten und sie vermerkt zugleich, dass der Natur aber tatsächlich nicht alle Blumen gleich gut gelungen sind.  



Elsemarie Maletzke: 
Wenn ich in den Garten geh – Ein Lesespaziergang durch Gärten und Parks 
Gerstenberg Verlag, 2013

5. Juli 2013

Elsemarie Maletzke (Hrsg.): Leidenschaftliche Gärtner

Unter dem Titel „Leidenschaftliche Gärtner“ hat Elsemarie Maletzke ein weiteres Potpourri an ausgewählten Gärtnergeschichten der Literatur veröffentlicht. Und zwar solche, die zumeist nicht bereits wiederholt in entsprechenden Anthologien aufgetaucht sind. Die Auszüge aus verschiedenen Büchern und einzelne Gedichte sind nach den folgenden Begriffen geordnet:

- Lieblingsgärten
- Leidenschaftliche Gärtner
- Passionsblumen
- Gärtner auf verlorenem Posten

Die Herausgeberin selber hat einen Beitrag mit dem Titel „Heiliger Rasen“ verfasst, der vom schweren Vergehen des Betretens von perfekt gepflegten und getrimmten universitären Grünflächen handelt. Sie verrät, wie die raffinierten temporären Streifen- und Schachbrettmuster – nichts anderes als ein Lichtspiel – zustande kommen, die man im Fernsehen täglich während irgendwelchen Fussballmatchs auf solchen Feldern bewundern kann. Der richtige Mäher (Spindelmäher) macht’s. Der köpft nämlich nicht nur taufrische Halme, sondern legt diese mit der Walze auch gleich in Fahrtrichtung um.

Weiter liest man über die Verpflanzungsaktionen von riesigen Bäumen des Fürst Pückler-Muskau und dessen Kassenbücher mit fast unzähligen Schadenersatzzahlungen für zerbrochene Fensterscheiben oder kaputte Hausfassaden. Ganz andere Sorgen beschäftigen Bill Bryson, ein mit einer Engländerin verheirateter Amerikaner, der lernen muss, wie ernst das Inselvolk Themen wie echter und falscher Mehltau oder den optimalen pH-Wert nimmt. Er selber bevorzugt eher unorthodoxe Methoden des Gärtnerns und erzählt von neuartigen Mutationseffekten, wie etwa einem früchtetragenden Zaunpfahl.

Eine Stadtgärtnerin mit einem Lebeblümchenpfad von ungefähr dreiviertel Meter Länge wiederum schwärmt davon, wie sie stundenlang in ihrem Garten herumlaufen kann und in diesem trotz minimaler Gesamtfläche ständig etwas Neues entdeckt. Besonders eindrücklich ist auch die Geschichte rund um einen unterirdischen Garten mit dem Namen „The Forestiere Underground Garden“ vor den Toren von Fresno, angelegt von einem armen Einwohner, dessen Land sich kurz nach dem Kauf als praktisch unfruchtbar erwiesen hat. In Tiefen von bis zu sieben Meter unter dem Boden hat Baldassare Forestiere (1879 – 1946) im Laufe von vierzig Jahren ein Labyrinth angelegt und brunnenartige Schächte gezogen, in denen Obstbäume stehen und gut gedeihen. Leider hat er aber Zeit seines Lebens nie Gelegenheit bekommen, sein imposantes Werk seiner Jugendliebe zu zeigen.

Philiippina Migeot ihrerseits schreibt über das Orchideenfieber. In diesem interessanten Text geht es auch um das spannende Buch „The Orchid Thief - A true Story of Beauty and Obsession“ von Susan Orlean, das leider nie auf Deutsch übersetzt worden, aber mit Nicolas Cage unter dem Titel „Adaption“ verfilmt worden ist. Dann geht es um Päonienfamilien, die auf Abstand bedacht sind und Gertrude Jekyll ärgert sich über die oft ungenauen Definitionen von Blütenfarben, während es im Abschnitt „Gartenpflege“ von Ralf Sotschek um Sprachbarrieren geht und die doch recht signifikanten Unterschiede von "No-Maintenance-Gärten" und "Low-Maintenance-Gärten". Ersterer hat zumindest den einen Vorteil, dass nur noch Staub gewischt werden muss…

Im Gerstenberg Verlag hat Elsemarie Maletzke in diesen Tagen übrigens bereits wieder ein weiteres Buch mit hortikulturellem Hintergrund herausgegeben: "Wenn ich in den Garten geh - Ein Lesespaziergang durch Gärten und Parks". Mehr darüber nach der baldigen Sommerpause.



Elsemarie Maletzke (Hrsg.): 
Leidenschaftliche Gärtner 
Insel Verlag, 2012

30. Januar 2013

Katja Walder: Abgefahren! Im Zug mit Katja Walder - Pendlergeschichten

Gleich vorweg: Botanisches, Florales oder Hortikulturelles gibt’s in dieser Kolumnensammlung nicht zu lesen. Katja Walders Zeilen über ihre Beobachtungen von Mitreisenden in den Montags- und Donnerstagausgaben im „Blick am Abend“ lese ich jeweils immer als erstes in der abendlichen Gratiszeitung. Und letzthin habe ich an einem Stadttalk die sympathische Autorin persönlich erlebt und bei dieser Gelegenheit etliche, ja fast beängstigend viele Parallelen zwischen ihr und der Sofagärtnerin im Zusammenhang mit Pseudonymen und auch anderem festgestellt.

Die Autorin nimmt sich selber nicht so wichtig und steht nicht besonders gerne im Rampenlicht. Dieser Eindruck hat sich bei mir noch verstärkt beim Anschauen der Schlussmomente beim Verlassen der Glasbox anlässlich der letzten Aktion von „JRZ – Jeder Rappen zählt“. Das zeigt sich aber auch in der Kolumne „Von Worten und Wörtern“ wenn die Beobachterin lapidar schreibt, dass an dieser Stelle eben ans Licht kommt, warum es Dürrenmatt in die grossen Bibliotheken geschafft hat und Katja Walder nur in eine Pendlerzeitung.

Die kurzen Kolumnen lösen wiederholt Kopfschütteln und Erstaunen aus, etwa der Sofatransport mit Bus und Zug oder eigene Kindheitserinnerungen werden wach und die Erkenntnis, dass auch anderen die Worte „Milch-Lait-Latte“ auf der Milchverpackung in Fleisch und Blut übergegangen sind. Eine kleine Verbindung zur Sofagärtnerin gibt’s im Beitrag „Der Mann aus Istanbul“, in der das Buch „Herr Adamson“ von Urs Widmer eine Rolle spielt, das ich hier vorgestellt habe. Am besten lesen Sie  aber selber nach, wer eine Affäre mit Grosi Rosi hatte, womit sich wahre Freundinnen auszeichnen oder eben auch nicht und was es mit dem Bratwurst-Massaker auf sich hat. Eingebettet zwischen die Kolumnen sind s/w-Pendler-(Schoss)aufnahmen von Markus Maurer alias @kusito.

„Abgefahren“ ist die perfekte Pendlerlektüre - kurz und oft sehr witzig. So witzig, dass man aufpassen muss, beim Lesen der Kolumnen nicht glucksend erwischt zu werden. Zum einen wegen den komischen Blicke der Sitznachbarn und ausserdem weiss man ja nie, wer mitfährt und unbemerkt die Ohren spitzt. Manchmal – beispielsweise in den Kolumnen „Pendler-Quiz“ oder „Pendlertraum - habe ich mir aus lauter Neugierde mehr Hintergrundwissen à la Stadttalk zu den einzelnen Geschichten gewünscht, um zu erfahren, ob die eine oder andere Episode tatsächlich sogenanntes „Pendler-Real-Life“ ist oder was ausgeschmückt worden ist.

In den letzten Wochen habe ich praktisch alle Donnerstagkolumnen verpasst. Nicht zuletzt deshalb hoffe ich auf weitere Kolumnen in Buchform. Wenn dannzumal die Geschichten „Der Mann mit der Rose“ und „Sorry Kurt“ drin sind, gibt es überhaupt keinen Grund, auf die Lektüre zu verzichten. Nun verbleibt mir nur noch, bei der nächsten Sportrunde oder beim nächsten Spaziergang die Augen ganz weit aufzumachen. Mal schauen, ob ich dann vor der Haustüre noch etwas vom ländlichen Hegi aus der „Kriegerklärung an Effretikon“ finden kann.


Katja Walder: 
Abgefahren! Im Zug mit Katja Walder – Pendlergeschichten 
Limmat Verlag, 2012

14. Januar 2013

Thomas C. Cooper (Hrsg.): The Roots of my Obsession – Thirty Great Gardeners Reveal why they Garden

Gründe zu gärtnern gibt es deren viele. In diesem Buch erzählen dreissig Gärtnerinnen und Gärtner, aufgrund welcher Erlebnisse sie geerdet worden sind. Ob das sogenannte Drama vor dem Fenster, wo Bambus so schnell wächst, dass man dabei (fast) zusehen kann, tatsächlich vergleichbar spannend ist wie eine informative TV-Sendung, mag jeder für sich selber entscheiden. Es gärtnert auch nicht jedermann aus Liebe zu Pflanzen. Auch das Interesse an Tieren, die im Grünen kreuchen und fleuchen, können ein Grund dafür sein. Amy Stewart („Gemeine Gewächse“) wiederum wundert sich, warum Leute für das Beobachten von Walen (Whale Watching) viel Geld ausgeben, wenn sie im Garten Springschwänze und andere Tierchen ganz umsonst in ihrem Lebensraum betrachten können.

Tony Avent ("So you want to start a nursery") erzählt von seiner Enttäuschung beim Besuch einer Versand-Gärtnerei. Zusammen mit seinem Vater hat er dort als kleiner Junge nach einer vierstündigen Anreise ausser ein paar Beeten mit einjährigen Pflanzen keinen Garten ausmachen können. Jedenfalls hatte er aufgrund der von ihm geschätzten tollen Kataloge dieses Unternehmens etwas ganz anderes erwartet. Aber genau in diesem Moment hat er beschlossen, eines Tages seine eigene Versandgärtnerei mit einem daran angeschlossenen Garten aufzuziehen. Und zwar einem Garten, der keinen Besucher enttäuscht. Ob ihm das gelungen ist, sehen Sie (wenigstens virtuell) hier.

Dann gibt es den Neunjährigen, der schon für den gesamten Familiengarten verantwortlich war oder die Landschaftsdesignerin, die erst nach Jahrzehnten „Bäume verschieben“ für sich selber die Freuden an der direkten Beschäftigung entdeckt, die zu Dreck unter den Fingernägeln führt und ausführlich den Unterschied erklärt zwischen dem „pure mind gardener“ und dem „dirt gardener. Das Budget des erwähnten Nachwuchsgärtners für Samen und Setzlinge war seinerzeit sehr stark eingeschränkt und stand in einem krassen Missverhältnis zu den farbenfrohen Träumen von Frühlingsblühern. Demzufolge umfasste die jährliche Blumenzwiebelbestellung halt jeweils nur gerade bescheidene drei Exemplare.

Geständnisse können auch eine jahrelange Freundschaft auf die Probe stellen und das Vertrauen in den Grundfesten erschüttern. Diese Erfahrung machte ein anderer Gärtner, der sich als kleiner Junge regelmässig ohne schlechtes Gewissen in den Nachbarsgärten wie in Selbstbedienungsläden (natürlich solchen ohne Kasse) fühlte und aufführte und viele Jahre später sein Gewissen erleichterte. Immerhin ist er heutzutage vielleicht gerade deswegen umso grosszügiger im Teilen seiner eigenen grünen Schätze und der Ernte von denselben.

In weiteren Kapiteln geht es etwa um den fast aussichtslosen Kampf gegen Rehe, Eisstürme und Überschwemmungen, Strassenarbeiter, die im Vorbeigehen Büsche abhacken, und Grossmütter, die den Samen zu Gartenliebe pflanzen oder an und für sich mehrjährige Stauden, die sich witterungsbedingt regelmässig als Einjährige entpuppen. Aufzeichnungen finden sich im Buch unter anderem von Helen Dillon, Fergus Garrett, Daniel J. Hinkley, Roy Lancaster, Anna Pavord, Margaret Roach, Penelope Hobhouse, Ken Druse und David Wheeler.

Der Schlusssatz in Claire Sawyers Essays passt auch ausgezeichnet ans Ende dieser Buchvorstellung: Die wirklich interessante Frage ist nämlich nicht, warum gärtnere ich, sondern warum gärtnert nicht jedermann.



Thomas C. Cooper (Hrsg.): 
The Roots of my Obsession – Thirty Great Gardeners Reveal why they Garden 
Timber Press, 2012

18. November 2012

Stefan Leszko: Gärtner – Der schönste Beruf der Welt

Planen Sie, in nächster Zeit Aufträge an Gärtner zu vergeben? Dann sollten Sie sich quasi zur Einstimmung dieses humorige Büchlein zu Gemüte führen. Aus den genauen Beobachtungen des Autors können Sie erfahren, wie Berufsgärtner wirklich ticken und sich entsprechend auf das Abenteuer Gartenumgestaltung einstellen.

Stefan Leszko schreibt und zeichnet seit 2009 für das Landschaftsgärtner-magazin DEGA GALABAU. Seine unterhaltsamen Kolumnen – von einem Kollegen etwas despektierlich als Gefälligkeitsjournalismus abgetan – sind nun einer kleinen Publikation zusammengefasst worden. Die auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen basierenden Artikel stehen beispielsweise unter dem Motto „Telefonpsychologie“, „Eindringliche Warnung eines Geläuterten“, „Selig, die reinen Herzens sind“, „Nein, mein Merkblatt les‘ ich nicht!“ oder „Verhaltensregeln für einen schlechten Auftraggeber“. Die 41 Alltagsgeschichten sind mit spitzer Feder verfasst und werden immer wieder aufgelockert durch Formulierungen wie jener, dass sich in Wirtschaft und Politik viel Totholz im Kronenbereich finden lässt und regen zum Nachdenken an.

Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und über sie lässt sich nicht streiten. Und warum soll sich der Gärtner wundern oder gar ärgern, wenn dem Kunden Cotoneaster gefällt, der praktisch den ganzen Garten überwuchert, aber das stachelige Grünzeug, das dazwischen noch tapfer gedeiht, entfernen lassen will? Grünzeug, bei dem es sich um bedauernswerte Rosen handelt. Interessant sind auch die Überlegungen hinsichtlich der Vorteile von dummen Schülern, dank denen schliesslich ganze Wirtschaftszweige florieren. Man denke nur an all die Nachhilfelehrer, Therapeuten und anderen Berufsleute, die gut an diesen verdienen.

Und wozu soll sich der Berufsgärtner mit den Bedürfnissen von Pflanzen abplagen, wenn der Kunde mit Kies, Stahl und Beton im Garten zufrieden ist? Denn schliesslich (und glücklicherweise) handelt es sich dabei nur um eine Modeströmung, die bald wieder von der nächsten abgelöst wird. Und spätestens in ein paar Jahren kommt alles Nicht-Grüne wieder aus dem Garten raus. Schliesslich sind wechselnde Trends gut für das Geschäft und die Wirtschaft wird dadurch genauso angekurbelt wie von den oben erwähnten weniger intelligenten Schülern.

Den Titel „Wirtschaftswachstum“ trägt der Artikel, in dem der Autor über einen leistungsstarken dreiachsigen LKW berichtet, den ein Chauffeur mit schweisstreibender Präzision in Milimeterfortschritten rückwärts zum Ziel manövriert, das in einer nicht ungewöhnlich schmalen Wohnstrasse liegt. Wichtiges nicht zu vernachlässigendes Detail bei dieser Beobachtung ist der Grund für den Kauf des Riesenvehikels durch den Chef des Lastwagenfahrers. Mit dem Riesenteil soll nämlich Geld gespart werden, weil grössere Lasten auf einmal transportiert und damit die Anzahl Fahrten reduziert und Zeit eingespart werden kann (oder besser soll).

Wir haben in unserem Garten diesen Frühling grössere Umgestaltungsarbeiten durch einen kleinen Fachbetrieb erledigen lassen. Nun, auch nach der Lektüre dieses ausgesprochen unterhaltsamen Büchleins – ich musste immer wieder laut lachen – kann ich etliche Vorkommnisse, die während dieser Arbeiten vorgefallen sind, nicht besser nachvollziehen, geschweige denn verstehen.

Wieso schmeisst ein Gärtner seine Rechen und Schaufeln auf ein Blumenbeet mit Astrantien und Tradescantien (live durchs Fenster beobachtet), wenn sich direkt daneben ein leergeräumter Sitzplatz befindet? Liegt dieses Werkzeug lieber etwas weicher? Oder warum werden sämtliche Schrauben an den Zaunpfählen nicht angeschraubt, wenn hernach für den Transport der Bodenfräse in den nur schwer zugänglichen hinteren Gartenteil der Zaun nicht wieder geöffnet wird, sondern die schwere Maschine dem Haus entlang auf einem viel zu schmalen Weg transportiert wird und dabei sämtliche Minifunkien, Bergenien und andere Stauden zur schönsten Gartenjahreszeit plattgewalzt werden? Der Ersatz für eine bei dieser Aktion ebenfalls in Mitleidenschaft gezogene Echinacea wird dann zuvorkommend, aber leider ohne Rücksprache in einer zuvor als Tabuzone bezeichneten Rabatte direkt vom Fachmann eingebuddelt. Er kann ja schliesslich nicht ahnen oder gar wissen, dass genau dort Herbstzeitlosen und Cyclamen versteckt auf ihren nächsten Auftritt warten.

Das ist (leider) nur eine minimale Auswahl der bei der Umgestaltung eines klar bezeichneten Bereiches erlebten Zwischenfälle. Als leidenschaftlicher Hobbygärtner werden Sie sicher verstehen, dass ich mich schon jetzt sehr auf den nächsten Frühling freue, wenn die Stauden (hoffentlich!) in neuer Frische austreiben werden und ich mich wieder nunmehr über meine eigenen gärtnerischen Unzulänglichkeiten ärgern muss und ein paar tierische Störenfriede. Aber jedenfalls nicht über Zweibeiner, die am Schluss auch noch teuer bezahlt werden müssen … Und natürlich werde ich mich auch hüten, letzterem zu erzählen, dass die neu ausgetriebenen Bergenien ohne Frassspuren von Dickmaulrüsslern eigentlich viel schöner aussehen als die älteren Exemplare, die den unsachgemässen Maschinentransport unbeschadet überlebt haben.



Stefan Leszko: 
Gärtner – Der schönste Beruf der Welt / 40 und ein Abenteuer aus dem Alltag eines Gartengestalters 
Ulmer Verlag, 2012


PS: Die Gartenumgestaltung ist trotz dem schlechten Bei- und Nachgeschmack gut gelungen und macht Freude. Als qualifizierte Buchgärtnerin gehört frau wahrscheinlich auch nicht gerade zur Traumkundschaft des Berufsgärtners!

Aber nun sollte ich wirklich endlich den fehlenden Drahtspanner am Zaun anbringen, der nach dem Kauf  einer Dreierpackung (einzeln leider nicht erhältlich) vor einem halben Jahr immer noch herumliegt. Aus mir unerklärlichen Gründen wurden vom Gärtner nämlich nur ungefähr 15 dieser Teile angebracht und eines fehlt nach wie vor. Aber irgendwann mag man sich als Auftraggeber einfach nicht noch „pinggeliger“ vorkommen und nimmt die Dinge besser selber in die Hand und/oder schreibt sich den Frust im Gartentagebuch, einem (auf Anraten des Ehemannes schliesslich doch nicht abgeschickten) Email oder einem Blogbeitrag von der Seele!