Auf einem
schmalen gepachteten Streifen Acker ausserhalb München wollen die beiden Städter
ihre Ernteträume schliesslich Realität werden lassen. Für 40 Euro steht ihnen
das Land von April bis November zur Verfügung – hernach wird vom Bauer das
ganze Feld wieder umgepflügt. Das Experiment „Feldversuch“ startet damit, dass
endlich der Inhalt der in einer Art Rauschzustand schon vorsorglich gekauften
Samentütchen nun guten Gewissens zum Keimen gebracht werden kann. Und im
letzten Urlaub vor der Übernahme des Ackers wird eifrig Gartenlektüre gewälzt.
Auf etwas mehr
als 200 Seiten berichtet der Autor nun in seinem Buch „Feldversuch“ detailliert über die
ersten Gehversuche als Gemüsegärtner und der Leser erfährt, wie sich die Wochenendbeziehung zwischen dem
Münchner Paar und den Pflänzchen und natürlich auch letztere sich selber im rund
zwanzig Autominuten von daheim entfernten Garten entwickeln. So erzählt Max Scharnigg von
der jeweils stürmischen Wiedersehensfreude (auf Seite der Zweibeiner), wegen
der schlechten Ökobilanz durch den Anfahrtsweg per Auto allerdings mit leicht
schlechtem Gewissen im Hinterkopf. Weiter geht es um Minderwertigkeitskomplexe angesichts von geometrisch perfekten und
aufgeräumten Nachbarschaftsstreifen, werden kleine Unkrautdepressionen nicht
verschwiegen oder die gelegentliche Unlust auf Bückarbeit und ganz nebenbei
gibt’s auch einiges über den Gemüseanbau zu lesen und vielleicht sogar zu
lernen.
Es gibt ja
inzwischen fast unzählige Erfahrungsberichte von Städtern, Gärtnern und
Hobby-Landwirten, die ihr Glück im Wühlen in der Erde suchen und die Leser
teilhaben lassen an ihren Erfolgserlebnissen, Ernteschwemmen und Wetterplagen.
Dank dem humorigen, selbstironischen Schreibstil des Autors ist dieser Titel ein
besonderes Lesevergnügen, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten. Sie
lernen hier beispielsweise Ausdrücke wie ackerfrei oder Ackereltern und lesen von Überlegungen,
wie Tomaten wohl vor der Erfindung von Abdeckhüllen in pflanzlicher Urzeit reifen
konnten und von Überraschungserfolgen, die beinahe die Idee aufkommen lassen,
dem Nachwuchs den Namen Dill zu geben (in Anlehnung an Till Schweiger). Ein weiterer
Seitenhieb in Richtung Schauspieler geht an Christine Neubauer, zu welcher der
Autor eine Verbindung herstellt im Zusammenhang mit dem geplanten Erntedankfest
mit (fast) ausschliesslich auf eigenem Acker produzierten Esswaren, der
Wichtigkeit von Kartoffeln und von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern.
Obwohl die
ausgeklügelte und durchdachte Pflanzung (Stichworte "gute Nachbarn, schlechte
Nachbarn") bei der praktischen Umsetzung völlig untergegangen ist, können im
Laufe des Sommers verschiedene Ernteerfolge vorgewiesen werden und das Bild des
Ackerstreifens und die Stadtwohnung werden positiv aufgewertet durch die
blumigen Ergebnisse des lieben Fräuleins. Und bestimmt sind nicht sämtliche
Ernteerfolge auf Anfängerglück zurückzuführen.
Mit dieser
Buchvorstellung stelle ich das (Vor-)bloggen bis ungefähr Mitte August ein und
wünsche allen Leserinnen und Lesern einen schönen Hochsommer!
Max Scharnigg:
Feldversuch – Unser Stück Land vor den
Toren der Stadt
Fischer Taschenbuch Verlag, 2012