14. November 2010

Aus der Sicht eines Gewächshauses …

Man sagt, alte Häuser hätten viel zu berichten, falls sie reden könnten. Dann mag dies wohl auch für Gewächshäuser zutreffen. Spielen Sie mit dem Gedanken, im Garten ein solches aufzustellen? Dann ist es vielleicht eine Überlegung wert, vorher über das allfällige Seelenleben solcher Bauten nachzudenken. Susan Hillmore hat ein sehr spezielles Buch geschrieben, und zwar eine Geschichte aus der Sicht eines Gewächshauses. Kein Kleingewächshaus ist es zwar, von dem berichtet wird - nein, es ist etwa dreimal so hoch wie ein Mann und wirkt trotz der symmetrischen Struktur sehr zerbrechlich.

Das Gewächshaus erlebt den Wechsel der Jahreszeiten hautnah oder genauer „glasnah“ mit. Nach dem Blühen der Lenzrosen im frühen Frühling folgt die Fliederblüte, bald darauf die warmen Sommerabende, dann das Reifen und Ernten im Herbst und die Winterruhe. Es steht auf Land, das zu einem Bauernhof gehört und hat schon viele Männer in den Krieg ziehen sehen, die nicht mehr zurückkamen.

Aktueller Besitzer ist ein Vater, der jahrelang versucht, seine Unzulänglichkeiten durch die perfekte Pflege von tropischen Pflanzen – insbesondere Orchideen -, die er im Gewächshaus hegt, zu kompensieren. Schliesslich begibt er sich auf eine lange botanische Exkursion nach Südost-Asien und stirbt auf der Rückreise an einem Fieber. Alle Orchideen werden verkauft. Und das kein Geld mehr für Heizmaterial vorhanden ist, hat selbstredend einen direkten Einfluss auf das Gewächshaus.

Melancholische, poetische Lektüre, aber keinesfalls verrückt oder langweilig.



Susan Hillmore:
The Greenhouse
New Amsterdam Books, 1988