20. Dezember 2015

Helga Urban: Mein Garten – ein Geben und Nehmen

In diesem Büchlein lässt Helga Urban ihr Gartenleben unter folgenden Kapiteln Revue passieren:

- Mein Garten und ich – eine besondere Beziehung
- Wie alles anfing
- Entdeckungen
- Etwas für die Seele
- Ein ständiger Lernprozess
- Mut zur eigenen Courage
- Etwas klüger werden

Dabei zieht sie Parallelen zwischen dem Gärtnern und dem Leben – überall sind die Grenzen und Möglichkeiten auszuloten und es muss mit Veränderungen und Verlusten umgegangen werden. Gemeisterte Herausforderungen schaffen Freude und Befriedigung. Nicht immer, aber meistens oder doch häufig. Die Autorin und Gärtnerin beweist viel Durchsetzungsvermögen, um nicht zu schreiben Sturheit, beim Beschaffen von must-have-plants. An einem Tag mit dem ersten Flug nach London und spät abends mit einem der letzten Maschinen zurück in die Heimat, dazwischen der Besuch einer Pflanzenshow – das scheint nicht aussergewöhnlich zu sein. Vielleicht überlege ich mir nochmal, ob es tatsächlich viel zu anstrengend ist und ich langsam zu alt, um an einem Tag von Winterthur über Konstanz nach Frankfurt an die Buchmesse und wieder zurückzufahren (Strecke Konstanz-Frankfurt und retour mit einem organisierten Bus).

Nun zurück zum eigentlichen Thema. Kleine grüne Schätze haben ihren Preis. Diesen vor dem Erwerb abzuklären, gehört zum Lernprozess. Ebenso die Erkenntnis, dass der „Päonienbleistift“ kein Teil des Verpackungsmaterial und die Pflanze wohl bei der Versandvorbereitung vergessen gegangen ist, aber dafür auf der Rechnung ganz bestimmt eine Null zu viel steht. Nichtsdestotrotz empfiehlt die Autorin Gärtnereibesuche als Trost. Meistens sind die Wünsche ja bezahlbar und Pflanzen lassen wenigstens kein Hüftgold wachsen. Und die Belohnung für hortikulturelles Durchsetzungsvermögen ist eine immerwährende oder zumindest jahrelange Freude. Jedenfalls sofern kein Sturm der Freude ein vorzeitiges Ende bereitet. Und Helga Urban bemerkt ganz zutreffend: woran hat man oder frau schon jahrelang ungetrübt Freude?

Zum Thema Durchsetzungsvermögen passen auch das eingegangen Risiko eines Ehekrachs, um einer Kamelie die optimalen Bedingungen bieten zu können, und die Gartenecke, genannt „Offener Vollzug“, wo Pflanzen vorübergehend einen Platz finden, wenn sie nicht wollen wie die Gärtnerin es will. Drastischere Massnahmen hat die Gärtnerin bei jenen Narzissen ergriffen, die nicht ins bevorzugte Farbschema passten. Da ist frau kurz vor dem Aufblühen derselben auf Pflanzenmission unterwegs und freut sich auf der Heimreise auf die sich bereits im Herbst vorher mit Einbuddeln verdiente Blütenpracht, nur um feststellen zu müssen, dass diese weiss statt orange ist. Da nützt dann auch keine Verbannung in eine andere Ecke, aus orange wird kein weiss.

Beim Lesen der Texte entstehen immer wieder bleibende Bilder im Kopf. Etwa wenn die Autorin beschreibt, wie just am Sonntag der ersten Gartenführung ein Klettergerüst zusammengebrochen ist und sie vergeblich versucht hat, dieses mit einem Besen wieder aufzurichten und daraufhin, während sie auf den wenig erfreuten und nicht gerade hinter der nächsten Kurve wohnenden Helfer wartete, das Gerüst mit ihren Armen stemmte. Sie selber ist auch sehr hilfsbereit und arbeitet seit über zwei Jahrzehnten ehrenamtlich im Palmengarten. An anderer Stelle liest man von Risikostreuung, die nämlich nicht nur bei Kapitalanlagen, sondern auch im Garten beachtet werden sollte, über nützliches Basislatein für Botaniker und von launischen Glyzinien. Dann geht es um Zollbeamte, die ihr ein Paket mit wichtigem Inhalt, der schon viel zu lange unterwegs war, zwar zeigen, aber (vor dem Wochenende) nicht aushändigen wollen und die Autorin plädiert für mehr Charme und weniger Perfektionismus im Garten.

Für eine allfällige Nachauflage des Büchleins würde ich mir zur Komplettierung der Bilder in meinem Kopf und zur Ergänzung meines Allgemeinwissens über grenzüberschreitende Gartenkultur einen detaillierten Bericht über den Transport von Pflanzen im Koffer während Flügen und bei der Zollkontrolle wünschen.

Helga Urbans Persönlichkeit offenbart sich mit jeder Seite ein wenig mehr. Besonders scheint sie neben weiss blühenden Pflanzen auch Zitate und Sprichwörter zu mögen. Das Quellenverzeichnis im Anhang ist jedenfalls recht umfangreich. Der Serviceteil enthält weiterführende Gartenliteraturtipps, darunter auch ihre eigenen anderen Bücher, von denen ich "Schön, aber gefährlich" vor einiger Zeit vorgestellt habe, sowie Bezugsquellen und „Einige Pflanzen auf die Schnelle (Kurzportraits) - natürlich zumeist weiss blühende.

Die Sofagärtnerin erkennt sich in vielen Geschichten wieder, hat sie doch einige Anekdoten ganz ähnlich oder sogar identisch erlebt oder von Gartenbekanntschaften erzählt bekommen, und sie ist überzeugt, dass es vielen gärtnernden Lesern und lesenden Gärtnern ebenso gehen wird.



Helga Urban: 
Mein Garten – ein Geben und Nehmen 
Eugen Ulmer Verlag, 2015

10. Dezember 2015

Mary Kay Andrews: Ein Ja im Sommer

Cara Kryzik schaut gerne hinter die Zäune in die Gärten anderer Leute. Aus einem überwucherten kleinen Stück Land hat sie sich selber einen kleinen, intimen Rückzugsort geschaffen. Palmen, Bananenstauden, Hortensien, Funkien, Efeu und Farne wachsen neben etlichen anderen Pflanzen in ihrem kleinen Garten, durch den ein Pfad aus gesprenkelten, grauen Backsteinen führt. Da sie als Blumenkünstlerin den ganzen Tag von farbigen Blumen und Bändern umgeben ist, hat sie sich ausschliesslich auf Grünzeug mit weissen Blüten beschränkt, und natürlich blüht auch ihre Lieblingsblume – die Gardenie – in dieser Farbe.

Die junge Frau ist seit einiger Zeit Inhaberin eines eigenen Blumenladens, zu dem sie völlig unerwartet durch ihre Tätigkeit bei der Vorbesitzerin gekommen ist. Neben der Einrichtung und einem schon etwas in die Jahre gekommenen Lieferwagen gehörte auch ein für mehrere Monate vorausbezahlter Pachtvertrag zum Startkapital ihres eigenen Geschäfts. Aktuell wartet sie allerdings immer noch auf die Verlängerung des inzwischen ausgelaufenen Vertrages.

Caras Arbeitstage beginnen meist früh mit einer Runde Jäten im Garten und enden gewöhnlich spät. Der Aufbau einer eigenen Existenz ist hart. Doch der Laden der Quereinsteigerin ohne Floristikausbildung beginnt dank ihrer Kreativität immer besser zu laufen. Ihr Stil ist gefragt und Mundpropaganda bringt immer mehr Bräute in Caras schmucken Laden in Savannah. Unterstützt wird Cara von ihrem Assistenten Bert, einem neunundzwanzigjährigen trockenen Alkoholiker. Die beiden machen sich einen Spass daraus, sich nach den Hochzeiten gegenseitig Tipps abzugeben, wie lange die eben geschlossenen Ehen der Bräute halten werden, für deren Blumenschmuck in Kirche, Restaurant und Brautstrauss sie verantwortlich waren. Wie sich herausstellt, ist aber auch Bert selber nicht vor einer gravierenden Fehleinschätzung gefeit.

Leider wird Cara in ihren Bemühungen, finanziell endlich unabhängig zu werden, immer wieder zurückgeworfen. Ihr Vater, von Anfang an wenig überzeugt von der „Floristenidee“, verlangt gerade immer vehementer sein Darlehen samt Zinsen zurück, als ausgerechnet während einer Hitzewelle die Kühlung im Laden aussteigt und sämtliche Blumen verwelken lässt. Der geplante Gewinn aus der Hochzeit, für welche diese Blumen angeschafft worden waren, geht damit grösstenteils für Ersatzblumen drauf. Und als hätte Cara noch nicht genügend Aufregung, läuft auch noch ihr heiss geliebter Hund Poppy weg.

Das Problem „entlaufener Hund“ lässt sich schnell lösen und der vermeintliche Hundedieb schleicht sich über einen kleinen Umweg direkt in Caras Herz. Aber weitere Herausforderungen stehen an, wie etwa der bösartige Konkurrent, der sie rundherum schlechtmacht. Schliesslich soll sie auch noch ihr Geschäftslokal und ihre darüber gelegene Wohnung samt dem schmucken Garten verlieren.

Das Ende dieses Romans ist schon sehr früh absehbar, aber dazwischen warten in diesem „Seitenumdreher“ etliche Irrungen und Verirrungen auf die Leserin – eingebettet ins Floristikmillieu mit Sträussen und Gestecken für Babypartys, Geburtstagsfeiern, Jubiläen, Pensionierungen, Einladungen und  natürlich dem Schwerpunkt Hochzeitsgestaltung mit anspruchsvollen Bräuten. Ein Sommerroman, der auch im Winter Freude macht - geschwitzt haben wir im Sommer 2015 ja mehr als genug, so dass es völlig ausreicht, über Hitzewellen zu lesen.



Mary Kay Andrews: 
Ein Ja im Sommer 
S. Fischer Verlag, 2015

1. Dezember 2015

Bernd Flessner: Der Radieschenmörder - Ein perfider Garten-Krimi

Der Frühpensionär Walter Dollinger hält nichts von Ertragsmaximierung in seinem Garten. Sein Ziel sind nicht Ernterekorde in Menge oder Grösse. Jahrzehntelang hat er in der Geschäftswelt Höchstleistungen erbringen müssen, bevor er von einem Tag auf den anderen aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit aufgeben musste. Seinen Naturgarten sieht er nicht zuletzt deshalb in erster Linie als Lebensraum, in den er nur unterstützend eingreift. Sein direkter Nachbar, der eine ganz andere Gartenphilosophie vertritt, spricht denn auch von Verwilderung.

Ebenfalls einen anderen Zugang zum Garten als Dollinger hatte Johann Kunrath, das Opfer des "Radieschenmörders". Der unauffällige Mann hat völlig zurückgezogen gelebt und niemand hat näheren Kontakt mit ihm gepflegt. An den Jahresversammlungen des Gartenbauvereins Biberach ist er jeweils mit Anträgen aufgefallen, die eine Harmonisierung der Gärten zum Inhalt hatten - wohl mit dem Ziel, einen regionalen Gartenwettbewerb zu Gunsten von Biberach zu entscheiden. Die Satzung des Gartenbauvereins sieht vor, sich gegenseitig zu unterstützen. Als Vorstandsmitglied wird Dollinger deshalb an einer eilig einberufenen ausserordentlichen Vereinszusammenkunft ins Zweierteam berufen, dem die Pflege von Kunraths verwaistem Garten anvertraut wird, bis die noch unbekannten Erben diesen übernehmen.

Schon bei seinem ersten Einsatz beginnt der Frühpensionär an dem von der Polizei errechneten Todeszeitpunkt zu zweifeln. Die Höhe des nicht gemähten Rasens, die Anzahl Raupen, die sich auf den Weisskohlköpfen tummeln, Radieschen, die ausschiessen und auch die nicht ausgegeizten Seitentriebe an den Tomaten lassen ihn vermuten, dass die Natur schon einige Tage vor dem angeblichen Tattag das Zepter im üblicherweise perfekt gepflegte Kunrath-Garten übernommen hat. Mit seinen aus hortikultureller Erfahrung gewonnen Erkenntnissen macht sich Dollinger beim ermittelnden Hauptkommissar Schwerdtfeger nicht nur unbeliebt, sondern er gilt daraufhin auch gleich als tatverdächtig und mit ihm die anderen Gartenbauvereinsmitglieder.

In der Folge erhält er von diesen ganz offiziell den Auftrag, Licht ins Dunkle rund um den mysteriösen Mordfall zu bringen, damit wieder Ruhe im Ort einkehrt. Der Amateurdetektiv prüft parallel zu den polizeilichen Mordermittlungen die Alibis der Vereinsmitglieder und versucht mit einer Beziehungsgrafik Zusammenhänge zu erstellen und zu verstehen. Als ein Landstreicher als Tatverdächtiger verhaftet wird, zweifelt er an dessen Schuld. Walter Dollinger ist gewohnt zu agieren, damit andere reagieren müssen, und so schreckt er auch vor zuweilen illegalen und gefährlichen Aktionen nicht zurück und entwickelt seine ganz eigenen Methoden zur Sicherung von Beweismitteln. Er ist der Polizei immer einen Schritt voraus und wird von seiner Frau Karin tatkräftig unterstützt.

Dollinger scheint tatsächlich auf der richtigen Spur zu sein, denn er selber gerät ins Visier des Täters, doch auch ein als Drohung in seinem Garten platziertes Radieschen kann ihn nicht aufhalten. Neben seinen privaten Ermittlungen bleibt ihm aber auch immer wieder Zeit fürs Gärtnern und für Diskussionen mit anderen Gartenbauvereinsmitgliedern, etwa über den exakten Abstand zwischen Grashalmen im perfekt manikürten Rasen. Diesen Krimi habe ich hier schon einmal erwähnt kann abschliessend feststellen, dass sich die Lektüre unbedingt gelohnt hat. Ob man auf eine Fortsetzung im Rahmen einer Gartenkrimi-Serie hoffen darf? Während sich im englischen Sprachraum problemlos (Soft-)Krimis mit gärtnerischem Hintergrund finden lassen, sind deutsche Übersetzungen oder Originalausgaben doch als Mangelware zu bezeichnen.



Bernd Flessner: 
Der Radieschenmörder - Ein perfider Garten-Krimi
BLV Buchverlag, 2015