23. April 2015

Grow your Own - You never know where you’ll find your Roots (DVD)

In einem Schiffscontainer ist ein Kantonese mit seiner Familie aus China nach England gekommen. Seine Ehefrau hat die Strapazen der Reise nicht überlebt. Er selber ist schwer traumatisiert. Seine Kinder kümmern sich so gut wie möglich um ihn und versuchen zu vertuschen, wie schlecht es ihrem Vater wirklich geht. Die zuständige Betreuerin hat bisher vergeblich versucht, den stummen, eigentlich sprachgewandten Chinesen zum Reden und zur Erfüllung seiner Pflichten zu bringen. Nun verschafft sie der Familie eine Gartenparzelle in einer dezentral gelegenen Gemeinschaftsgartenanlage , die mehrheitlich von Engländern beackert wird.

Damit dringt zum wiederholten Mal  unwillkommen die grosse, weite Welt in Form von Asylanten in die eingezäunte, scheinbar heile Welt der Parzellenpächter herein. Sehr zum Missfallen einzelner Gärtner. Geschürt wird das Missfallen und Misstrauen von „Big John“, dem dominanten Vorsitzenden, der meint, gute Zäune machen gute Nachbarn. Er lässt zwar die Gemeinschaft der zahlenden Mitglieder immer wieder abstimmen, doch steuert er subtil und zunächst auch erfolgreich, dass die Resultate seine Meinung widerspiegeln. Und was hat schon ein Querulant zu melden, der nicht einmal sein Gartenhaus in der (garten)politisch korrekten Farbe zu streichen vermag?

Ein Telekommunikationsanbieter plant gleichzeitig das Aufstellen einer Sendeantenne in der Gartenanlage und lockt mit viel Geld. Die Ideen und Wünsche der Pächter für die Verwendung sind vielfältig. Vielleicht lässt sich ja aus dem Verdrängen der ungeliebten ausländischen Nachbarn sogar Profit schlagen?

„Grow your own“ ist kein „how-to-grow-your-own-vegetable“-Film. Hintergrund ist ein ernstes Thema, angesiedelt im Schrebergartenumfeld und obwohl der Film immer wieder witzig ist, würde ich ihn nicht ins Genre Komödie einordnen. Die Geschichte lebt von den unterschiedlichen Charakteren – Angepasste, Mitläufer, Querulant und Möchte-Gerne-Querulanten und behandelt zwischen dem Anpflanzen von Kohl und Co. Themen wie Vorurteile, Rassismus, Respekt und Toleranz.

Parallel mit dem wiederholten Wechsel des Farbanstrichs sämtlicher Gartenhäuser findet ein Umdenken in den Köpfen der Gärtner statt. Dies äussert sich auch darin, dass der jährliche herbstliche Erntevergleich nicht mehr nur ein abgekartetes Spiel ist. Zum ersten Mal lässt sich auch mit dem Heranziehen von Ocra oder speziellen Melonen ein Preis gewinnen. Und sogar „Big Johns“ Sohn lässt sich nicht länger vom überlegenen Vater herumgängeln. Er trägt sein (zu) farbenprächtiges Hemd nicht mehr verschämt, sondern offen und merkt irgendwann sogar, welche „Biene“ ihn umschwärmt.  



Grow your Own (DVD) 
Richard Laxton 
Pathe, 2007

15. April 2015

Peter Würth: Grüne Liebe

Wenn die Lesezeit beschränkt ist, muss besonders genau überlegt werden, zu welcher Lektüre gegriffen werden soll. Da ich dieses vom Verlag als Liebeserklärung an den Garten angepriesene Büchlein bereits in der früheren Ausgabe mit dem Titel „Gärtnern“ gelesen habe, zog ich „Grüne Liebe“ vorerst nicht in Erwägung. Das Inhaltsverzeichnis hat mich dann aber gleich zum Lesen verführt, und so stelle ich es nun doch hier im Sofagarten vor. Verlockend fand ich besonders die folgenden Kapitelüberschriften: „Der Garten meiner Kindheit“, „Englische Leselust“, „Visite bei Jürgen Dahl“, „Digitales Grün“ und „Gartenzwerge sind nicht spiessig“.

Peter Würth lässt die Leserin an seiner Gärtner-Werdung teilnehmen. Gleich zu Beginn offenbart er seine Eifersucht auf den Garten. Denn während er, der Autor, gut für sich selber sorgen kann, ist der grüne Bereich rund ums Haus auf die Liebesdienste der Frau angewiesen und wird gehätschelt und gepflegt, was zum Sinnieren anregt. Ob eine Wiedergeburt als Cosmea vielleicht eine Lösung dieses Problems wäre?

Für eine andere Herausforderung bietet sich der Studentenschnelldienst als Mittel und Weg an, schliesslich soll die (eigene) körperliche Belastung beim Gärtnern nicht überborden. Und die Aufgabe, den ganzen Garten umzugraben, kann oder besser muss wohl dieser Kategorie zugeordnet werden. Je nach Sichtweise eine klassische win-win-Situation – der eigene Rücken wird nicht überbelastet und dafür werden die Wirtschaft oder eben Studenten unterstützt.

Jedenfalls weist der neue Garten mit deren tatkräftiger Unterstützung überraschend schnell Ähnlichkeiten mit dem zuvor am Computer ausgetüftelten Plan aus. Dafür sorgen nicht zuletzt die frisch eingepflanzten Rhododendron, verschiedene Rosen, ein Jasminstrauch, eine Zaubernuss, ein Johannisbeer-Halbstamm und andere Neuerwerbungen. Wie viele ungeduldige Gärtner vor ihm muss auch dieser erfahren, dass zu eng bepflanzte Beete bereits nach relativ kurzer Zeit kaum mehr zu bändigen sind. Denn sehr schnell hat sich der Garten von der ursprünglichen Wüste in einen Dschungel und - nachdem der Mensch wieder für Ordnung gesorgt hat - in ein Schlachtfeld verwandelt.

Weitere Stationen im Gärtnerleben sind die Rosenkrise, ausgelöst durch die persönliche Entdeckung von Alten Rosen und damit der wahren Stachelschönheiten und das Hadern mit dem Birnenüberfluss – warum können nicht stattdessen ein paar Himbeeren mehr wachsen? Wenn Nachbars Katze erfolgreich ihre Jagdtriebe auslebt, wird das dann doch als etwas gar zu viel Natur im Garten erlebt. Wieso sich der fleissige Gärtner in Anbetracht der genussfreudigen Mitbenutzer gelegentlich vorkommt, als sei er aus dem eigenen Paradies vertrieben worden, und welche Schneckenbekämpfungsmethode er bevorzugt, lesen Sie besser gleich selber nach.

Meine Lieblingskapitel handeln von der Leselust und der Wiederbegegnung mit dem 2001 verstorbenen Jürgen Dahl. Die Bücher dieses neugierigen Gärtners, Ökologen und Philosophen habe ich seinerzeit mehrfach gelesen. Wieso glaubt der Autor, das englische Journal "Hortus"„ sei nur noch antiquarisch erhältlich? Meint er die zusätzlich in Anthologien veröffentlichten Essays aus „Hortus“? Ich erneuere nach wie vor jährlich mein Abo (das wegen dem starken Franken heutzutage viel günstiger ist als vor zehn Jahren…) und die Ausgaben erscheinen heutzutage bedeutend jahreszeitgerechteter als früher. So ist die aktuelle Frühlingsausgabe bereits Anfang April im Briefkasten gelegen.

Nach fast zwei Jahrzehnten habe ich mich natürlich nicht mehr im Detail an die erste Lektüre dieser im Übrigen vollständig neu überarbeiteten Texte erinnert. Nichtsdestotrotz liebe ich solche kenntnisreichen und vergnüglich verfassten Gärtnergeschichten. Dies gilt umso mehr, wenn sie in einer so hübschen Verpackung (sprich Umschlag) daherkommen, wie die jederzeit lesenswerten Gartenklassiker aus dem Schöffling Verlag.  


Peter Würth: 
Grüne Liebe 
Schöffling und Co., 2015

8. April 2015

Herbert Frei-Schindler: Der Hanggarten eines passionierten Pflanzensammlers

Von (beinahe) Null auf fünfzig Arten und Sorten von Rosen in fünfzehn Jahren ist nur eine von verschiedenen beeindruckenden Erwähnungen, die sich in diesem Buch über einen Stadtzürcher Hanggarten nachlesen lassen. Neugierig auf den Inhalt machen nämlich schon Kapitelüberschriften wie „England in Hirslanden“, „Von Königinnen und Fussvolk“ und eben „Gärtnern in Steillage“. Die Innenseiten des Buchumschlags zeigen die skizzierten Höhenprofile Nord-Süd der West- und  der Ostseite, auf denen die wichtigsten strukturgebenden Gehölze eingezeichnet sind und vermitteln der ortsunkundigen Leserin einen ersten Eindruck von der Hanglage dieses Gartens.

Vor knapp zwanzig Jahren hat das Ehepaar Schindler damit begonnen, sich mit dem Garten, dessen Anlage auf das Jahr 1927 zurückdatiert, auseinanderzusetzen. Die Initiative lag zunächst bei der Frau. Der Autor zeigte dannzumal wenig Interesse an gärtnerischen Aktivitäten und schätzte die ihm als Hilfsgärtner zugedachten Tätigkeiten gar nicht. Schon bald gab es einen Wechsel in den Zuständigkeiten und damit einher ging der Beginn der intensiven Grundstückbepflanzung.

Die oben angedeutete Passion für Rosen schlich sich erst auf Umwegen ein, und zwar nicht durch ein wohlriechendes, blühendes Exemplar in situ, sondern durch das Betrachten des Fotos eines solchen in einem im Kew Garden Bookshop aufgelegten Buch. Überhaupt stammen etliche der unzähligen Pflanzenschätze aus Grossbritannien. Die Reisen dorthin werden ausgiebig zu Pflanzeneinkäufen genutzt und auf der Rückfahrt überquillt nicht nur der Kofferraum mit Grünzeug, jeder andere verfügbare Quadratzentimeter des Transportmittels (kein Kleinwagen) wird ausgenutzt. Das Ehepaar findet aber tatsächlich trotzdem noch Platz fürs Gepäck – davon kann man sich auf seiner Internet-Seite selber überzeugen.

Neben Kletterrosen, Persischen Rosen, Strauchrosen und historischen Rosen liegt das Augenmerk der Pflanzensammler auf interessanten Gehölzen und Stauden. Nicht immer lässt sich genau definieren, warum man eine bestimmte Pflanze nun unbedingt haben muss, aber neben „speziell“ ist „Klimasurfen“ ein wichtiges Stichwort. Der Begriff umschreibt hortikulturelle Versuche mit Pflanzen, die eigentlich nicht in hiesigen Breitengraden gedeihen, wegen der Klimaerwärmung die Winter zwar nicht verlässlich, aber doch immer öfter ohne grosse Verluste überstehen Und neben den Aspekten „rar“ oder zumindest „ungewöhnlich“ müssen Neuerwerbungen natürlich auch den hohen ästhetischen Ansprüchen genügen. Den Kaufentscheid des Historikers können aber auch geschichtliche Faktoren beeinflussen.

Dieses Buch aus der DVA-Gartenportrait-Reihe ist grosszügig mit Fotos illustriert, von denen die meisten vom Autor selber stammen, der seit Jahrzehnten fotografiert. Besonders schön ist die Gegenlicht-Aufnahme auf dem Titelbild, auf der die Rinde des Zimtahorns rot zu brennen scheint. Obwohl die wiederholten Erwähnungen von Pflanzeneinkaufstouren und Internetbestellungen einen fast unbeschränkten Platz vermuten lassen, ist dem nicht so. Die Wünsche sind nicht immer kompatibel mit den vorhandenen Unterbringungsmöglichkeiten und Neuanschaffungen verlangen oft gleichzeitig nach Opfern. Entweder müssen Funkien öfter ihre äussersten Blätter lassen, damit sie ihre Nachbarn nicht völlig be- und verdrängen, oder es muss erst eine Pflanze ausgegraben werden, damit eine andere die frische Lücke füllen kann. Asiatische Gehölze wie Ahorne und der japanische Schneeball werden mit einer besonderen Rückschnitt-Technik à la Prinzessin Greta Sturdza geformt, welche Durchblicke erlaubt.

Als eher ungewöhnlich zu bezeichnen ist die Tatsache, dass die Schindlers weitgehend auf Terrassierung und Mauern verzichten und auf die Stabilisierung des Hangs durch Pflanzen vertrauen. Warme Farbtöne werden nur zurückhaltend eingesetzt, der Schwerpunkt liegt auf kühlen und zarten Farben. Ein Hanggarten hat seine Vor- und Nachteile. Letztere sind hier gekonnt zu Gunsten von ersteren ausgenutzt worden und so haben, wie der Autor vermerkt, inzwischen Pflanzen aus vier Kontinenten in Zürich ein Zuhause gefunden.

Noch vor Abschluss meiner Lektüre hatte ich Gelegenheit, an der Buchvernissage mit kommentiertem Bildervortrag teilzunehmen. Der Autor plauderte kenntnisreich und launig über seinen beeindruckenden Garten, von Gartenreisen und seinen persönlichen Erfahrungen. Die Sofagärtnerin und ihre Kollegin hätten gerne noch länger zugehört. Ganz minim getrübt wurde mein Vergnügen allein dadurch, dass mir während der Veranstaltung zwei-, dreimal die anfängliche Bemerkung von wegen altem Haus, grossem Besucheraufmarsch und Statik in den Sinn gekommen ist.

Nach wie vor nicht definitiv in den Sinn gekommen ist mir hingegen, ob ich vor ein paar Jahren bei strömendem Regen anlässlich eines Tages der offenen Gartentür in diesem Garten war (kann bzw. könnte man den Besuch in einem solchen Garten vergessen?) Als Entschuldigung für diese Erinnerungslücke mag oder muss neben dem schlechten Wetter meine damalige junge Begleitung herhalten, die sich mehr auf die geplante Shoppingtour nach den erpressten beiden Gartenbesuchen (der zweite Besuch war in einem Blindengarten und das Wetter schon deutlich freundlicher) freute, als sie sich für Gärten interessierte...

Den Link zur Internetseite finden Sie hier.



Herbert Frei-Schindler: 
Der Hanggarten eines passionierten Pflanzensammlers 
Deutsche Verlags-Anstalt, 2015

1. April 2015

Ernesto Ferrero: Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen

In einem lombardischen Bergdorf wohnt die über achtzigjährige Quirina. Seit vielen Jahren ist sie verwitwet und lebt allein. Und zwar gar nicht ungern, weil so Kompromisse und Streitigkeiten auf ein Minimum reduziert sind. Sie liebt das Lösen von Kreuzworträtseln und pflegt täglich ihren Garten. Wenige Nutzpflanzen wie Rosmarin, Salbei, Schnittlauch, Tomaten und Basilikum haben hier ihren Platz neben vielen Blumen und Blütensträuchern wie Zinnien, Pfingstrosen und Hortensien und in der Mitte des Rasens steht ein hundertjähriger Birnbaum.

Quirinas Alltag ist geprägt von langweiligen (aber das weiss sie noch gar nicht) Ritualen und langjährigen Gewohnheiten. Zu diesen gehört auch der morgendliche Kontrollgang durch den Garten. Hat der nächtliche Wind eine unerwartete Störung verursacht? Ordnung ist schliesslich ein Zeichen von geistig-moralischer Disziplin und hat nach Quirinas Meinung auch im Garten ihre Richtigkeit.

Die sparsame Dame empfindet bereits vom Birnbaum auf den Rasen heruntergefallene Blätter als persönlichen Affront und so verwundert sich die Leserin keinen Moment über Quirinas heftige Reaktion auf das plötzliche Erscheinen von kleinen Hügeln auf der gepflegten Grünfläche, die sich in der Folge jede Nacht vermehren. Umgehend soll wieder der "Vor-Maulwurf-Zustand" hergestellt werden. Doch die Erreichung dieses Ziels entpuppt sich als sehr schwierig.

Tatkräftig unterstützt wird Quirina in ihren Maulwurf-Vergrämungsversuchen von ihrer Tochter Maria Piera, einer passionierten Botanikerin, die zwar hinreichend erprobt ist im Kampf gegen des Gärtners Feinde wie Schildläuse, Spinnmilben, Mehltau, Nacktschnecken und Blattwickler, mit Maulwürfen bis anhin aber keine persönlichen Konfrontationen hatte. Diese Wissenslücke füllt sie mit nächtelangen Internet-Recherchen, in denen sie über die verschiedenen Methoden liest, wie Maulwürfe aus dem Garten zu vertreiben sind. Verschiedene Tipps werden ausprobiert, wie etwa jenen, Knoblauchzehen in die Gänge zu streuen, die Bekämpfung mit Wasser, Lärm und Metallröhren und die Verwendung von Fallen. Alle diese Versuche haben eines gemeinsam – sie verfehlen ihren Zweck.

Man muss seinen Feind kennen. Wie und wo spielt der Maulwurf eine Rolle? Quirina beginnt sich intensiv mit Maulwürfen auseinanderzusetzen und so erfährt man nebenbei von einer Literaturbeilage „Der Maulwurf“ und dass diese Tier in einem Buch von John le Carré eine wichtige Funktion innehat, aber auch in etlichen anderen literarischen Druckerzeugnissen.

Der Kampf gegen den Maulwurf ist zwar nicht zu gewinnen, aber dafür andere wichtige Erkenntnisse. Auf dem Umschlagrücken des illustrierten Büchleins steht perfekt formuliert (Zitat): „Eine bezaubernde philosophische Fabel über den Feind, der uns am Leben hält, indem er uns vor Perfektion bewahrt“.  



Ernesto Ferrero: 
Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen 
Verlag Antje Kunstmann, 2015