29. Januar 2014

Marketa Haist: Röslein tot

Wenn den Rosen die Petalen vor Schreck erstarren, wenn nicht die Ohren und Augen, sondern die Stomata aufgesperrt werden und jemandem keine Träne, sondern kein Russtau nachgeweint wird, dann können Leserin und Leser sich dank der Autorin Marketa Haist für einmal so richtig in die Sichtweise der Pflanzenwelt versetzen. Die Redensarten „aus der Nase ziehen“ und „alles Menschenmöglich tun“ heissen dann „aus den unreifen Nasenzwickern ziehen“ und „alles Pflanzenmögliche tun“. Die Kommunikation im Pflanzenreich dreht sich in diesem Landkrimi um die Entlarvung jenes Mörders, der den Gärtner Sepp auf dem Gewissen hat.

Sepp war kein besonders beliebter Zeitgenosse und hat oft und gerne aus Langeweile Streit vom Zaun gebrochen. Heiss geliebt wurde er aber von seinen Rosen, die immer dafür gesorgt haben, dass er sich nicht an ihnen gestochen hat, wenn er mit und an ihnen gearbeitet hat - etwa beim Okulieren oder beim Schneiden von Edelreisern. Und die Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit, denn das Erhalten von seltenen Rosen war Sepp ein grosses Anliegen. Eben hat er ein unschlagbares Angebot für eine praktische ausgestorbene Rose namens „Die Fürstin“ abgelehnt, die nun ihrerseits plötzlich verschwunden ist.

Schwiegersohn Jens hatte es auch nicht leicht mit Sepp. Alle seine Ideen, die Gärtnerei zu modernisieren, prallten am konzeptlosen Seniorchef ab, der neben der üblichen Massenware schon mal für den Förster Buchen vermehrt hat. Als eben dieser Jens den toten Sepp entdeckt, glaubt sogar seine Frau Anni sofort, ihr Mann habe etwas mit dem Tod ihres Vaters zu tun, der erschlagen worden ist. Auch der Holunder, der diesen Krimi erzählt und der ermittelnden Polizei meist einen Schritt voraus ist, hält Jens für einen rücksichtslosen Kerl und kann ihn nicht ausstehen. Doch ist er tatsächlich ein Mörder?

Der Stammplatz des Holunders ist nicht der beste, um wahrnehmen zu können, was alles rundherum passiert. Doch glücklicherweise können sich die Pflanzen bestens untereinander austauschen, womit auch der Nachteil der Unbeweglichkeit bei Seite geräumt ist. Wer hat ein Motiv und profitiert am meisten vom Tod des Gärtners? Ist der Mörder unter den Rosenliebhabern zu suchen und was hat es mit den vom Pfarrer hobbymässig kopierten Urkunden auf sich, die von Beschenkten schon mal illegal als Original verwendet werden? Und dann gibt es noch den langjährigen Streit um ein Stück Land, in den Sepp involviert war, und ganz offensichtlich halten verschiedene Nachbarn bewusst Informationen vor der Polizei zurück.

Nicht alle Pflanzen sind gleichermassen mitteilungsbedürftig, einzelne sind ganz diskret oder zieren sich, dem Holunder ihr Wissen weiterzugeben. Ausserdem herrscht plötzlich Stille und kein Anschluss mehr an die Welt der Blätter, wenn der Gärtner zu viel wegschnippelt und alle Laubbäume werden mit dem Abfallen des Herbstlaubs taub. Wie sich herausstellt, sind auch in der pflanzlichen Kommunikation die richtige Verständigung und minimale Kenntnisse von Fremdwörtern unerlässlich, sonst ist das Ziehen von korrekten Schlüssen unmöglich oder zumindest stark erschwert. Die Sätze in bayerischer Mundart beschränken sich glücklicherweise auf die Aussagen von Anni, sonst wäre die Lektüre für dieses Dialekts unkundige Leser doch recht mühsam.

Die Autorin hat nicht nur den Text verfasst, sondern auch gleich noch die Illustrationen des Krimis beigesteuert. Schon länger gibt es Katzen-, Hunde-, Schafs- und Schweinekrimis und nun also auch einen Pflanzenkrimi. Mal was anderes - letztlich ziehe ich aber nach wie vor die menschlichen Gedankengänge vor.



Marketa Haist: 
Röslein tot 
Hermann-Josef Emons Verlag, 2013

25. Januar 2014

Liz Primeau: My Natural History

Bereits als Kind hatte die Kanadierin Liz Primeau die Gelegenheit, bei ihrem Vater und einem Onkel erste gärtnerische Gehversuche zu unternehmen. In ihrem Buch „My Natural History“ bündelt sie ihre jahrzehntelangen hortikulturellen Erfahrungen und gibt dem interessierten Leser Einblick in die Rolle, die Gärten in ihrem Leben gespielt haben und welche Erfahrungen sie für ihren Lebensweg daraus gezogen hat.

Der Garten oder vielmehr ihre verschiedenen Gärten habe ihr aber auch immer wieder durch schwere Zeiten geholfen. So schreibt sie offen über das Scheitern ihrer ersten Ehe, über gesundheitliche Probleme und auch über viel Familiäres. Neben der praktischen Tätigkeit draussen im Garten hat sie sich viel Wissen durch das Studium von Magazinen und Büchern angeeignet. Vor bald fünfundzwanzig Jahren bekam die Journalistin die Chance, als Herausgeberin des neuen Magazins „Canadian Gardening“ Akzente zu setzten und lernte auf diese Weise unterschiedliche Gärten in den verschiedensten Teilen Kanadas kennen. „Canadian Gardening Television“ war eine weitere Herausforderung, der sie sich stellte und die sie souverän meisterte. So ist aus einem Hobby eine Berufung und berufliche Tätigkeit geworden.

Liz Primeaus persönliche Garten-Evolution ist in die folgenden Kapitel gegliedert: Born to Garden, My First Garden, A Growded Garden, Grenn Onions return, A Hobby becomes a Job, Searching for natural Style, Screening the Garden, Gardening Partners, Searching for Everyman’s Garden, The Italian Connection, The Call oft he Wild und In the Moment.

Die Erinnerungen beginnen mit der Verwendung der kleinen Liz von Bergenien-Blättern als Omelette, während Kiefernzapfen als Chicorée herhalten mussten. Liz Primeau schreibt aber auch vom strikten Befolgen von Kolumnentipps, die nicht immer sinnvoll waren. Das Backen von Erde, um diese für Aussaaten von schädlichen Keimen zu befreien, hatte beispielsweise übelriechende Folgen und mit den Jahren hat sie herausgefunden, dass der Gärtner Zufall oft schönere Resultate erzielt, als der Zweibeiner – trotz vielen vorhergegangen Überlegungen wie und wo was angepflanzt werden soll. Und auch anfängliche Rivalitäten über den Gartenzaun, sprich neidische Blicke, wecken nicht nur den eigenen gärtnerischen Ehrgeiz, sondern aus anfänglich unschönen Gefühlen können sich tolle Freundschaften entwickeln.

Daneben beschreibt die Autorin hortikulturellen Snobismus, berichtet von Gärtnerinnen wie Vita Sackville-West und Emily Whalex und ihren Einflüssen auf sie und von ihrer Hassliebe zu einem im Garten vorgefundenen Baum. Zwar würde sie diesen nie fällen, solange er gesund ist, hat aber schon längst reife Ersatzpläne im Hinterkopf, die umgesetzt werden, sobald die Zeit dafür reif ist. Zwischen den autobiografischen Elementen findet sich auch der eine oder andere Gartentipp, etwa wie man Eichhörnchen von Blumenzwiebeln fernhält.

Und während sich in Europa Neophyten aus Kontinenten wie Amerika und Asien oft als lästig oder schädlich erweisen, erfährt der Leser in diesem Buch die kanadische Sichtweise dieses Problems. Die Autorin hat grundsätzlich eine Abneigung gegen aus Europa eingeführte Gehölze. Besonders der Spitzahorn ist ihr ein Dorn im Auge.

Als reife Frau ist sie rückblickend zum Schluss gekommen, dass (fast) jeder Gärtner die folgenden Stadien durchläuft: Ich will alles, jetzt; das Entdecken von Stauden; die Wichtigkeit der Struktur von Blättern; „richtige“ Gartengestaltung; Gehölze und die Erkenntnis, dass auch der Winter viel Schönes zu bieten hat (hm, an diesem Punkt arbeite ich persönlich nach wie vor und bin froh, dass es bald wieder Frühling wird, hoffentlich).  



Liz Primeau: 
My natural History 
Greystone Books, 2008

20. Januar 2014

Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Der kürzliche Start der Verfilmung der Literaturvorlage „Der Geschmack von Apfelkernen“ hat mich dazu bewogen, dieses schon vor längerer Zeit gekaufte Buch endlich mal zu lesen. In den letzten Wochen habe ich gleich zwei weitere Romane rund um Äpfel gelesen, und zwar „Eva und die Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar und „Im Licht von Apfelbäumen“ von Amanda Coplin. Diese Buchvorstellung ist also gleichermassen der Start einer Miniserie über „Apfelromane“.

Es gibt Äpfel, die süss schmecken und solche, die säuerlich sind. Die einen sind saftig, andere weisen eine mehlige Konsistenz auf. Apfelkerne esse ich persönlich gewöhnlich nicht, sondern diese landen zusammen mit dem „Bitschgi“ im Grünabfall. Die Geschichte „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist bittersüss – ob richtige Apfelkerne auch so schmecken oder tatsächlich nach Marzipan, wie an einer Stelle im Roman nachzulesen ist? Eigentlich wäre das ja schnell ausprobiert… Zum Inhalt:

Die Ich-Erzählerin Iris, eine Bibliothekarin an der Freiburger Uni-Bibliothek, die selber keine Bücher mehr liest, fährt für ein paar Tage in den Norden an die Beerdigung ihrer Grossmutter und um deren Nachlass zu ordnen. Die verstorbene Bertha Lünschen hat sich schon vor Jahren in ihre eigene Welt zurückgezogen, während ihr Mann deren Demenz mit Zorn und Scham erfüllte und diese Krankheit als peinlich und unehrlich empfand.

Im Garten verblühen gerade die Vergissmeinnicht und eine Hitzewelle hat das Land im Griff. In alten Kleidern durchforstet Iris das alte Haus und streift durch den Garten. Vorbei an Brombeergestrüpp, Johannisbeeren, durch die Obstbaumwiese und das Kiefernwäldchen und an den Ort des ehemaligen Wintergartens, genannt „Dat Palmhuus“. Bertha hatte alle ihre Pflanzen mit Namen gekannt und wenn Iris an ihre Grossmutter denkt, sieht sie diese als Gärtnerin vor sich.

Immer mehr längst verblasste und verdängte Erinnerungen und auch Familiengeheimnisse kommen an die Oberfläche - ausgelöst durch den Ort, durch Gerüche aus der Kindheit und nicht zuletzt durch Begegnungen mit Dorfbewohnern. Dazu gehören Erinnerungen an schöne Sommerferien und an ein tragisches Ereignis, das die ganze Familie für immer geprägt hat und noch heute Schatten auf die Lebenswege der Hinterbliebenen wirft. Und da ist der ebenfalls erwachsen gewordene Max, der jüngere Bruder einer früheren Freundin, den Iris als kleines Mädchen gar nie richtig wahrgenommen hat. Wie soll Iris sich entscheiden? Soll sie das geerbte Haus behalten oder sich definitv von der Vergangenheit und allen Erinnerungen trennen?

Ein traurig-schöner Roman über das Schicksal der Frauen aus der Familie Lünschen, über das Erinnern und Vergessen, über Unverzeihliches und den Einfluss auf vor langer Zeit getroffene Entscheidungen auf das weitere Leben. Besonders ansprechend ist das Titelbild des Buches: Apfelblüten und aufgeschnittene Äpfel, die als Metapher für das Leben und die Entwicklung von Iris‘ Leben gesehen werden können.



Katharina Hagena: 
Der Geschmack von Apfelkernen 
Verlag Kiepenheuer und Witsch, 2011

15. Januar 2014

Sylvia Lott: Die Rose von Darjeeling

Die sogenannte „Rose von Darjeeling“, ein Rhododendron mit duftenden roten Blüten, ist ein richtiges Prachtstück. Doch wenn seine Besitzerin, die sonst überaus grosszügige Kathryn, um Samen oder Ableger gebeten wird, vertröstet sie die Interessenten stets auf einen späteren Zeitpunkt, der nie eintrifft. Experten und Rhododendron-Sammler rätseln immer wieder, um welche Sorte es sich handelt und woher sie wohl stammt. Dies ist ebenfalls eine Frage, auf welche die Besitzerin die Antwort schuldig bleibt. Die Engländerin verbringt während der Blütezeit ihres Lieblings-Rhododendron möglichst viel Zeit auf dem Sessel direkt daneben. Dabei lässt sie ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit schweifen.

Im April 1930 erwartet die damals neunzehnjährige Kathryn im Teegarten „Geestra Valley“ ungeduldig zwei Deutsche, die auf der Durchreise zu einer Forschungsexpedition ins nahe Sikkim auf der Teeplantage ihres Vaters einen Halt einlegen wollen. Ihr Vater ist der verwitwete britische Teepflanzer Aldous Whitewater, der seit längerem wegen der Weltwirtschaftskrise mit finanziellen Sorgen und gleichzeitig gegen die Angst vor der ungewissen Zukunft kämpft, weil Indien die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht anstrebt.

Kathryn hat die Aufgabe, den beiden jungen Deutschen die Gegend zu zeigen. Carl Jonas ist auf der Suche nach Rhododendron, die er für die Zucht und Vermehrung in der heimischen Baumschule verwenden kann. Die bevorzugten Suchobjekte, respektive die Züchtungen daraus, sollen winterhart, blühfreudig, kleinwüchsig und möglichst duftend sein und sie müssen dank attraktiver Wuchsform, spezieller Rinde oder schönen Blättern auch ausserhalb der Blütezeit einen Blickfang darstellen. Carls bester Freund Gustav ter Fehn stammt aus einer Familie, die seit Generationen im Teehandelt tätig ist und verfolgt mit der Asien-Reise den Zweck, neue Handelsbeziehungen aufzubauen. Die beiden Flachländer haben sich gründlich auf die Expedition vorbereitet. Denn da die Blütezeit einiger Wildarten in niedrigen Lagen schon vorbei ist, ist die Gegend um den Zemu-Gletscher am Fuss der höchsten Gebirge der Welt der angestrebte ehrgeizige Zielort.

Als die beiden jungen Männer bereits Richtung Sikkim aufgebrochen sind, erfährt Kathryn zufällig, dass ihr gerade abwesender Vater seit Jahren eine nepalesische Geliebte hat. Die junge Frau fühlt sich verraten, weil sie selber nach dem frühen Tod der Mutter jahrelang von einem Internat ins andere geschoben wurde. Gleichzeitig mit der aufwühlenden Entdeckung spielt ihr der Zufall ein Visum für die Einreise nach Sikkim in die Hände. Ohne einen Gedanken an Schicklichkeit und einen etwaigen Skandal zu verschwenden, packt Kathryn das Nötigste und reitet der Forschungsgruppe hinterher.

Kathryns Plan sieht vor, die Teilnehmer der Expedition nach Grenzübertritt zu überraschen und sich diesen anzuschliessen. Ihre Idee löst keinen freundlichen Empfang, sondern grosse Verärgerung aus. Doch schliesslich kann die junge Britin die beiden Deutschen überzeugen, sie mitzunehmen. Schon in Darjeeling haben beide Männer Gefallen an Kathryn gefunden.

Die stellenweise überaus gefährliche Reise wartet in der Folge nicht nur mit Balanceakten über riesigen Abgründen auf, sondern auch solchen in den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den drei jungen Leuten. Die bei Himalayavölkern anscheinend übliche Vielmännerei ist für die Europäer keine Option. Indessen sind drei einer zuviel und die schöne Kameradschaft zwischen den Ammerländern kriegt erste Risse. Zusätzlich wird die zu Melancholie neigende Kathryn in ein Unglück verwickelt, das verdrängte Erinnerungen an den Tod ihrer Mutter und ihres kleines Bruders an die Oberfläche spült. Für welchen der beiden um sie werbenden Deutschen soll sich die verwirrte junge Frau entscheiden? Wie soll sie die Weichen für ihre Zukunft richtig stellen?

Die Auslobung eines grosszügigen Preisgeldes für die erfolgreichste Nachzüchtung eines verloren geglaubten Rhododendrons führt durch einen zweiten Erzählstrang in die Gegenwart. Hier wird das Rätsel um die Verbindungen zwischen den Nachkommen von Kathryn, Carl und Gustav schliesslich aufgelöst und langjährige Familienfehden, deren Ursprung keiner mehr kennt, endlich begraben.

Dieser Roman zählt zu den beeindruckendsten Büchern, die ich letztes Jahr gelesen habe. Die Autorin hat in die über sechshundert Seiten völlig verschiedene Elemente gepackt und zu einer stimmigen und gut durchdachten Erzählung geschnürt: authentische Charaktere, Liebesgeschichten, Weltgeschichte, Teehandel, etwas Übersinnliches (ganz wenig), ein Verbrechen und nicht zuletzt für Gartenfreunde besonders erwähnenswert die detaillierten Schilderungen über die Pflanzenjagd nach Rhododendren, die Züchtung samt geschichtlichen Informationen und den Baumschulbetrieb. Die Geschichte lässt einen auch nach der Lektüre nicht gleich wieder los – Kopfkino vom feinsten! Neugierig wäre ich einzig auf Informationen zur persönlichen Verbindung der Autorin zu Rhododendren.



Sylvia Lott: 
Die Rose von Darjeeling 
Blanvalet, 2013 


Nachtrag aufgrund eines Hinweises der Autorin: die vermissten Informationen finden sich hier.

10. Januar 2014

Schweiz. Gesellschaft für Gartenkultur (Hrsg.): Gartenbiografien – Orte erzählen (Topiaria Helvetica 2014)

Das aktuelle Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Gartenkultur (SGGK) blättert in Gärten wie in Büchern – zurück zu den Anfängen der jeweiligen Anlage, in Umgestaltungen und wirft einen Blick in die Zukunft, die zuweilen mutige Entscheidungen verlangt. Etwa wenn eigene Ideen vom Erfolg überholt werden und durch grosse Nachfrage sowie andere Einflüsse natürliche Ersatzmaterialien immer teurer werden. So passiert in der französischen Prieuré d’Orsan, deren Konzept in der SGGK-Vitrine erläutert wird. Im zweiten Artikel der gleichen Rubrik wird die Geschichte des botanischen Alpengartens Schynige Platte zusammengefasst – von den ersten Ideen und Versuchen über die Gründung eines Trägervereins, der Eröffnung im Jahr 1929 und Erweiterungen bis zu den Zielen der heutigen Anlage.

„Vom bescheidenen Pflänzchen zum eleganten Formschnitt“ heisst der erste Artikel und bezieht sich auf das 30-Jahr-Jubiläum der SGGK und die Entwicklung vom ersten Mitteilungsblatt bis zur vierten (aktuellen) Serie als Topiaria Helvetica ab 2009. Thomas Freivogel blickt zurück und er regt an, frühere Rubriken wie die Samenofferte wieder einzuführen, während Brigitt Sigel unter dem Titel „In den Archiven graben und in der Erde wühlen“ die Aufbauarbeit der langjährigen SGGK-Präsidentin Eeva Ruoff mit Fokus auf die wichtige Verbindung von Gesellschaft und Mitgliedern in Form einer Zeitschrift würdigt.

Auf einer Schifffahrt von Zürich nach Rapperswil zieht in Horgen ein beeindruckendes Gebäude mit altem Baumbestand die Aufmerksamkeit auf sich. Roland Raderschall schildert in seinem Artikel die zum Anwesen gehörende Gartenbiografie, in der von einem Gartenkunstwerk und geschmiedeten floralen Meisterwerken die Rede ist. Von letzterem sind nur noch ein Nebentor und ein kurzes Zaunstück am Originalstandort vorhanden. Beide wurden 2004 in ein Umgestaltungsprojekt integriert und sind zusammen mit dem (fast) weissen Garten ein guter Grund, bei einer nächsten Schiffreise in Horgen von Bord zu gehen.

Der Immunologe und Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel zeigt sich in einem Gespräch von seiner privaten Seite als praktischer Gärtner. Er erzählt von seinem in einem Kälteloch liegenden Zier- und Nutzgarten, in dem er eine stattliche Sammlung von bevorzugt blauen Stauden zusammengetragen hat. Diese hat zumeist selber herangezogen, damit sie dem kalten Kleinklima gewachsen sind. Wenn er beruflich unterwegs ist, hat er oft Gelegenheit sich mit anderen Gärtnern über die gemeinsame Passion auszutauschen und botanische Gärten zu besuchen.

Die Künstlerfamilie Dix, die in der dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts aus politischen Gründen nach Hemmenhofen am Bodensee ziehen musste, auferlegte sich in ihrem Garten keinerlei Beschränkung, sondern erfreute sich einer fröhlichen Mischung aus unterschiedlichen in vielen Farben blühenden Pflanzen. Den finanziellen Möglichkeiten entsprechend wurde entweder mehr Gemüse oder mehr Blumen angepflanzt. Johannes Stoffler berichtet in seinem Artikel über das Leben der Familie im und um den Garten, den altersbedingt einsetzenden Verfall, das Engagement eines Fördervereins und die kürzliche denkmalgerechte Wiederinstandsetzung von Haus und Garten.

Unter dem Jahresthema „Gartenbiografien“ finden sich neben den bereits erwähnten Themen die folgenden Artikel:
  • Die Gabe des Vertumnus oder : Von der Lust am Wandel im Garten von Brigitt Sigel 
  • Was historische Gärten zu erzählen haben von Wenzel Bratner 
  • La Gara: un jardin en mouvement von Verena Best-Mast 
  • Der Belvoirpark in Zürich – Chronik des Wandels von Judith Rohrer-Amberg 
  • Le jardin du manoir de Weck à Villars-sur-Marly von Catherine Waeber 
Zwei dieser Beiträge sind in französischer Sprache verfasst und nur eine kurze Zusammenfassung auf Deutsch, während es bei den übrigen Artikeln umgekehrt ist.

Den Abschluss der Publikation bilden wie üblich ausgewählte Buchvorstellungen. Reszensiert werden unter anderem die Titel „Äpfel und Birnen“ Das Gesamtwerk von Kombinian Aigner und „Kunst – Garten – Kultur“ herausgegeben von Stefanie Hennecke und Gert Gröning.

Am Ende dieser Vorstellung über ein anregendes Jahrbuch zitiere ich aus dem Résumé des Artikels „La Gara“, in dem die Verfasserin festhält, "dass sie ihre Gärten nicht als Eigentümer planen will, sondern als Treuhänderin eines Ortes handelt, der sein eigenes Leben hat". Diese Aussage lässt sich hervorragend als Leitmotiv übernehmen. Gärtner und Gestalter sind dazu aufgerufen, sich den Herausforderungen des ständigen Wandels zu stellen, so dass dem Garten oder eben dem Buch weitere Seiten angefügt werden können.  



Schweiz. Gesellschaft für Gartenkultur SGGK (Hrsg.): 
Topiaria Helvetica 2014 – Gartenbiografien – Orte erzählen 
Vdf Hochschulverlag, 2014

5. Januar 2014

Andreas Giger: Rosenrot ist mausetot

In einer finsteren Nacht wird der Ich-Erzähler Franz Eugster auf dem Heimweg entlang des geschlossen wirkenden Landgasthofs Hirschen „Ohrzeuge“ eines Mordes. Der Knall und das verdächtige An- und Ausblenden einer Taschenlampe in einem der Gästezimmer veranlassen ihn, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Und während eine nicht zu erkennende Gestalt im einsetzenden Gewitter rasch davon rennt, versucht Eugster mit dem spärlichen Licht seines I-Phones Licht ins Dunkel zu bringen. Er verschafft sich über eine offene Balkontüre Zutritt in ein Zimmer, wo er auf dem Bett einen leblosen Körper entdeckt.

Bereits zum vierten Mal hat es der Autor Andreas Giger so eingerichtet, dass Franz Eugster über eine Leiche stolpert. Deshalb wird letzterer von der an den Tatort gerufenen Kriminalpolizei auch nicht als Tatverdächtiger eingestuft. Eugsters Schreck über die erneute Entdeckung einer Leiche wird allerdings noch grösser, als er die Identität des Mordopfers erfährt: es handelt sich um die bekannte Gartengestalterin Dr. Graziella Rosengarten.

Eugster hat genau diese selbstbewusste Frau kürzlich zufällig beim Sonntags-Brunch im Restaurant Hirschen als interessante Gesprächspartnerin kennengelernt und bei dieser Gelegenheit von deren erfolgreichen Tätigkeit im Gartenbau und ihrem familiären Hintergrund erfahren. Eugster selber besitzt nur einen kleinen pflegeleichten Garten, hat aber gespannt den Plänen der attraktiven rothaarigen Graziella Rosengarten zugehört, zu denen im Rahmen eines Kooperationsvertrages mit dem bekannten Gartenbauunternehmen Spross die Übernahme von Gartengestaltungsaufträgen und die Entwicklung eines Weiterbildungskonzepts für Gartengestalter gehörten.

In Rücksprache mit der Polizei beginnt der im siebten Lebensjahrzent stehende Eugster zusammen mit seiner deutlich jüngeren Freundin Adelina eigene Ermittlungen anzustellen. Der Schreiberling und die IT-Spezialistin, die früher zur Hacker-Szene gehört hat und immer noch gute diesbezügliche Kontakte pflegt, sind bereits ein eingespieltes Schnüfflerpaar. Eine erste Spur vermuten die beiden im Song „Rosenrot“ der deutschen Band „Rammstein“ und die beiden Hobbyermittler versuchen zu ergründen, ob sich in diesem und im Märchen „Schneeweisschen und Rosenrot“ versteckte Botschaften finden lassen. Weitere Stichworte sind Datendiebstahl und der Zugriff auf das digitale Tagebuch der ermordeten Gartengestalterin sowie die spektakuläre Neuzüchtung Platahorn, eine Kreuzung aus Ahorn und Platane.

Weisheiten aus verschiedenen Kulturkreisen leiten jeweils die neuen Kapitel ein. Darunter sind kurze Texte von Gabriella Pape, Rabindranath Tagore, Mark Twain und Karl Foerster. Die Handlung selber wird immer wieder unterbrochen durch Erpresserbriefe, mit denen eine gewisse Amanda Raggenbass im Auftrag der Aceracea dreiste Forderungen stellt. Diese untermalt sie mit von Woche zu Woche mehr Aufmerksamkeit erregenden rufschädigenden Handlungen gegenüber dem Unternehmen Spross wie etwa ein Anschlag auf die Baumschule, das in Umlauf bringen von falschen Gerüchten und eine Mahlzeitenvergiftung. Erreicht die Erpresserin ihr Ziel, einen Liegenschaftenkomplex in einem aufstrebenden Quartier in Zürich erwerben zu können?

Teilweise sind die Lebensläufe von Personen in diesem Krimi mit Appenzeller Lokalkolorit aus "richtigen" Biografien entlehnt. So spielen das bekannte Gartenbauunternehmen Spross und dessen aktuelle Geschäftsführerin eine wichtige Rolle. Und der der berufliche Hintergrund der ermordeten fiktiven Gartengestalterin weist starke Parallelen mit der Vita eine bekannten Frau aus der Gartenszene aus. „Rosenrot ist mausetot“ ist eine anregende Verknüpfung von Fiktion und Tatsachen. Und obwohl die Leserin recht früh auf eine Fährte geführt wird, die sich schliesslich als die richtige entpuppt, macht sich am Ende der Lektüre keine Enttäuschung breit. Hingegen überlegt man sich während des Krimis immer wieder, welche Bausteine der Erzählung der Wahrheit entsprechen und welche gut erfunden sind. Um einige dieser „Rätsel“ aufzulösen, habe ich inzwischen als Nachlektüre die interessante Lebensgeschichte von Werner H. Spross, dem 2004 verstorbenen Gärtner der Nation, gelesen.  



Andreas Giger: 
Rosenrot ist mausetot Hermann-Josef 
Emons Verlag, 2013