31. August 2014

Nadja Bucher: Die wilde Gärtnerin

Ihr dreistöckiges Stadthaus im 8. Bezirk an der Lerchengasse in Wien fungiert seit zwei Jahren als Schneckenhaus für die Mitdreissigerin Helen Cerny. Auf wenigen Quadratmetern hat sie sich eingerichtet. Die restliche Fläche ist vermietet, sorgt für ein regelmässiges Einkommen und bietet ihr gleichzeitig den Luxus, sich den Lebensunterhalt nicht mit Arbeiten verdienen zu müssen. Seit dem Unfalltod ihres langjährigen Lebensgefährten Leo widmet sie ihre Zeit vollumfänglich ihrem Stoffwechsel und ihrem grossen Garten samt Komposttoilette.

Helen, von einer Schamanin grossgezogen, die mit Mitte Vierzig an Krebs gestorben ist, hat die beiden vergangenen Jahre im wahrsten Sinne des Wortes der Produktion von Scheisse oder schöner ausgedrückt ihrem Stoffwechsel gewidmet. Eine ganz eigene Philosophie verbirgt sich dahinter, die perfekten Dünger für den Garten liefert. Die Kontakte zur Umwelt beschränken sich weitgehend auf den Umgang mit ihrer Freundin Toni, die im gleichen Gebäude wohnt und unermüdlich versucht, Helen die Aussenwelt wieder näher zu bringen.

Doch Helen vermisst in ihrer selbst gewählten Einsamkeit nichts, schätzt aber doch die Ablenkung, die ihr der Blick in die Wohnung direkt gegenüber bietet. Nachdem diese wochenlang leer gestanden hat, scheinen plötzlich dort stehende Umzugskartons die Ankunft neuer Bewohner anzukünden. Und tatsächlich zieht eine junge Frau alleine dort ein.

Immer wieder beobachtet Helen diese Frau, die häufig stundenlang vor dem Laptop sitzt. Als gegenüber tagelang das Fenster offen ist, aber niemand zu sehen ist, verlässt Helen ihre eigene Wohnung und schaut nach, ob sie Hilfe anbieten kann. So kommt es zum ersten direkten Kontakt mit Berta und in der Folge grüssen sich die beiden Nachbarinnenn immer wieder von Fenster zu Fenster oder treffen sich gelegentlich auch persönlich. Die unregelmässigen Gespräche zwischen Helen und der Berta, die sich als engagierte Systemkritikerin entpuppt, führen dazu, dass sich erstere plötzlich für das Weltgeschehen zu interessieren beginnt. Als ein Waffenlobbyist einen Jagdunfall erleidet und Pensionsvorsorgefonds gehackt werden, stellt Helen Verbindungen zwischen den langen Abwesenheiten von Berta her, untersagt sich aber selber, diese Vermutungen weiterzuspinnen.

Die wichtigsten Menschen in Helens Leben begleiten sie seit ihrer Schulzeit. Nun scheint sie endlich bereit, sich zu öffnen und geht neue Bekanntschaften ein. Doch als ihre lebhafte Freundin Toni zusammen mit ihrem neuesten jungen Freund ein esoterisches Sommerfestival auf die Beine stellt, findet sich Helen plötzlich in einem nicht selbst gewählten Gefängnis wieder und Probleme um die Geschmeidigkeit des Stuhlgangs treten in den Hintergrund. Was hat sich hinter Helens Rücken und direkt vor ihren Augen abgespielt?

Die Idee der Komposttoilette geht übrigens auf Leo zurück und Helen war gar nicht begeistert als sie zum ersten Mal davon hörte und Leo versuchte, sie mit einem Amazonas-Märchen von der Permakultur zu überzeugen. Dass auf dem Titelbild des Buches eine WC-Schüssel auf einer Distel abgebildet ist, habe ich erst nach einiger Zeit festgestellt. Anscheinend habe ich das Cover bis zur Hälfte der Lektüre nie richtig angeschaut. Die detaillierten Beschreibungen über Helens Stoffwechsel sind zunächst etwas befremdlich, doch rasch wird man von den verschiedenen Themen (Garten, Komposttoilette, Wirtschaft, Schlagzeilen, anarchische Aktionen, Generationengeschichte, Menu-Tipps) des Buches vereinnahmt und will wissen, wie die einzelnen Stränge zusammenpassen.

Diese Familiengeschichte der Helen Cerny setzt sich aus verschiedenen Strängen zusammen. Helens Journal wird ergänzt durch die Verhörprotokolle von Toni und chronologischen Erzählungen aus dem Leben von Helens Urgrosseltern, Grosseltern und der Mutter sowie Helens eigener Kindheit und Jugendzeit und beginnt 1915 mit dem Warten auf den Kaiser. Ein Staummbaum erleichtert dem Leser die Orientierung.

Helens Journaleinträge handeln zu einem wesentlichen Teil von ihrem Garten und ihren Tätigkeiten im Laufe der Jahreszeiten. Obstbäume, Kräuter, eine Blumenwiese und grosse Gemüsebeete prägen die konsequent biologisch bearbeitete Anlage, die eine ideale Brutstätte für Wildbienen und Solitärwespen darstellt. Das Problem der Schneckenplage wird gelöst, indem die Gärtnerin die Schleimer über die Gartenmauer katapultiert. Der bedeutende hortikulturelle Hintergrund lässt vermuten, dass die Autorin eigene gärtnerische Erfahrungen in den Text hat einfliessen lassen.



Nadja Bucher: 
Die wilde Gärtnerin 
Milena Verlag, 2013

24. August 2014

Craig Pittman: The Scent of Scandal - Greed, Betrayal and the World’s Most Beautiful Orchid

Die Orchideen bilden eine riesige, faszinierende Pflanzenfamilie. Während ich im Garten gerne welche ansiedeln würde, aber mangels auch nur annähernd optimaler Bedingungen und zur Vermeidung von kostspieligen Enttäuschungen darauf verzichte, gefallen mir die Wegwerf-Zimmerpflanzen zum Discountpreis zwar, aber ich kann gut und gerne auf diese verzichten.

Besonders gefallen mir hingegen Bücher, die Einblick in die Welt von Orchideenverrückten geben. Diese Publikationen lesen sich oft spannender als mancher Roman. In dieses Genre gehören beispielsweise „Orchideenfieber – Die Geschichte einer Leidenschaft„ von Eric Hansen (Klett-Cotta Verlag, 2002), „The Orchid in Lore and Legend“ von Luigi Berliocchi und „The Orchid Thief“ von Susan Orlean. Die beiden letzteren wurden nie auf Deutsch übersetzt, aber „The Orchid Thief“ diente als Grundlage für den Film „Adaption“ mit Nicolas Cage und Meryll Streep in den Hauptrollen. Das Oscar-gekrönte Werk hat es seinerzeit auch in die hiesigen Kinos geschafft und die DVD ist nach wie erwerbbar.

Meine aktuelle Lektüre trägt den vielversprechenden Titel „The Scent of Scandal“ und handelt von Gier, Betrug und der angeblich schönsten Orchidee der Welt. Schon im Prolog heisst es, dass bereits Adam und Eva bezeugen können, dass im schönsten Garten irgendwo eine Schlange steckt. Wer ist hier die Schlange? Am Anfang der Geschichte steht der Kauf einer unbekannten, grossblumigen Frauenschuh-Orchidee im Jahr 2002. „Tatort“ ist ein kleiner Stand an einer Strasse in Peru, das Objekt ein Frauenschuh mit purpurfarbener Blüte in der Grösse einer Männerhand, Verkäufer ein Einheimischer, Käufer der amerikanische Orchideensammler Michael Kovach. Oder waren es drei Pflanzen, die den Besitzer wechselten? Schon gehen die Aussagen und Meinungen auseinander.

Ebenfalls am Anfang steht ein Wettrennen um die erste offizielle botanische Beschreibung dieser Orchidee und die Namensgebung. Das ganze Buch samt Anklage und Prozess dreht sich darum, ob die Pflanze illegal aus Peru aus- und in die Vereinigten Staaten eingeführt worden ist oder doch nicht. Und ob dies wissentlich oder unwissentlich geschehen ist und ob sich die Mitarbeiter und die zunächst nicht eingeweihte Leiterin eines botanischen Gartens in Florida strafbar gemacht haben. Ein weiterer Streitpunkt ist, ob die Orchidee Phragmipedium kovachii heissen darf oder Phragmipedium peruvianum heissen soll. Dann geht es um die Schwierigkeiten, eine nicht blühende Orchidee eindeutig zu identifizieren und Richter und Staatsanwälte von der Wichtigkeit zu überzeugen, konsequent und mit dem nötigen Ernst gegen Pflanzenschmuggel vorzugehen. Als Leserin ist einem nicht immer ganz klar, wer hier die Guten und wer die Bösen sind. Eine Herausforderung ist auch das Einordnen von Informationen: handelt es sich um Gerüchte, Fakten oder Spekulationen?

Eingebettet in die Chronik erfährt der Leser immer wieder Interessantes aus der Pflanzenwelt - etwa über heimtückische Pflanzenjäger, über die grösste Orchideenschau der Vereinigten Staaten, die jeden Frühling auf einem offenen Feld ausserhalb von Miami stattfindet und zwischen acht- und zehntausend Besucher aus aller Welt anzieht, und über im Internet offen angebotene illegale Orchideen (eine Form von „sans-papiers“), die in ihren Verpackungen als „Kinderkleider“ oder „Spielwaren“ deklariert auf den Weg zum Käufer und Sammler geschickt werden.

Die Publikation lässt den interessierten Leser hinter die Kulissen in die die legalen, halblegalen und illegalen Seiten des Orchideenhandels blicken. Auch von einem gewissermassen alten Bekannten ist wiederholt die Rede. Und zwar von Harold Koopowitz, von dem ich kürzlich hier ebenfalls ein Buch vorgestellt habe. Ob es sich bei der auf dem Buchcover abgebildeten Pflanze tatsächlich um die schönste Orchidee der Welt handelt, sei dahingestellt und muss jeder für sich selber entscheiden. Falls Sie aber Bücher über Betrug, Verrat und Gier im Reich der Botanik schätzen, hier der Link zu einer weiteren solchen Publikation (nicht über Orchideen) von Karl Sabbagh mit dem Titel „The Rum Affair“. Dieses Buch habe ich vor Jahren gelesen und wollte hier im Blog längst einmal darüber schreiben. Da ich in absehbarer Zeit nicht dazu komme, verlinke ich zu einer englischen Rezension. Mit „Rum“ ist hier übrigens nicht das alkoholische Getränk, sondern eine schottische Insel gemeint.



Craig Pittman: 
The Scent of Scandal – Greed, Betrayal and the World’s Most Beautiful Orchid 
University Press of Florida, 2012

17. August 2014

Jürgen Feder: Feders fabelhafte Pflanzenwelt

Pflanzenjäger und Hobbybotaniker müssen gar nicht weit reisen, um interessante Pflanzen zu entdecken. Falls es noch einen schriftlichen Beweis für diese Tatsache gebraucht hat, legt Jürgen Feder diesen mit seiner Publikation „Feders fabelhafte Pflanzenwelt“ vor. Ausserhalb von gepflegten Hecken, am Wegrand, an Ufern von Tümpeln oder entlang von Autobahnen finden sich Pflanzen, die gemeinhin oft als Unkraut definiert werden und deren Reiz und Besonderheit erst bei genauerem Hinsehen oder auf den zweiten Blick erkennbar ist.

Begleiten Sie den leidenschaftlichen, naturverbundenen Landespfleger Jürgen Feder auf seinen Touren und lassen Sie sich von seiner Begeisterung für die (neu-)heimische Flora anstecken. Und vielleicht schauen auch Sie in Zukunft genauer zwischen Mauerspalten und Fugen und entdecken dort oder anderen unwirtlichen Stellen interessante Gewächse, die den schwierigen Bedingungen trotzen. Schliesslich ist genau dies das Ziel des Autors: mit seinen Texten und Fotos Eigeninitiative zu wecken und dass dieser neugewonnene Tatendrang dann weitertragen und verbreitet wird.

Welche Pflanze liebt es, wenn ihr das Wasser bis zum Hals steht, mit welchem Gewächs lässt sich Wolle rot färben und welches Grünzeug bezeichnet der Autor als Zeitbombe, deren Blühzeit meist verpasst wird? Welche Alleskönner wachsen auf salzigen Böden, in Hitze und Staub? Wer bevorzugt Quellnässe und worum handelt es sich bei Mumienbotanik? Die Antworten sind im Buch nachzulesen und daneben erfährt der interessierte Leser von Pflanzen, die nach Schweinebratensauce riechen und  von solchen, die den Botaniker und Farnliebhaber vor Verzückung fast vom Velo fallen lassen. Überhaupt ist seine Tätigkeit oft nicht nur beschwerlich, sondern auch gefährlich. Einmal ist er beim Zählen von Farnen von einer feuchten Ziegelmauer abgerutscht, worauf sich eine Zaunspitze gefährlich tief in seine Brust gebohrt hat.

Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung kann der Autor bei Vorkommen von grossen Mengen von Vogelkot schöne Pflanzenarten ausschliessen und er weiss, dass die Teichrand-Flora im Mai nicht viel zu bieten hat und erst im Sommer nach Aufwärmung des Gewässers ein genauer Blick lohnenswert ist. Sein Jagdgebiet schliesst aber auch unordentliche Hinterhöfe, ölverschmierte Gleisflächen, Strassenbahndepots und Orte, wo Müll liegen bleibt, ein. Und der genügsame, konsequent sparsame Pflanzenfreund gibt preis, warum ausgerechnet er Militärplätzen etwas Positives abgewinnen kann.

Jürgen Feder ist meistens zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs. Gleich zu Beginn der Lektüre verrät er, weshalb seine linke Hals- und Nackenmuskulatur viel stärker ausgebildet ist als jene auf der rechten Seite. Nämlich vom ständigen nach-rechts-Schauen beim Velofahren. Rastlos ist er auf der Suche nach gefährdeten Pflanzen, dabei alle Sinne einsetzend und gleichzeitig oft die eigenen körperlichen Leistungsgrenzen ignorierend. Nicht immer ist er erwünscht und wird freudig begrüsst, doch ist er nicht um gepfefferte Koseworte verlegen. Selber wütend wird er bei Begegnung mit Frevlern. Gefährliche Begegnungen gibt es sowohl mit Zwei- als auch mit Vierbeinern; geschildert wird auch eine mit einer Wildsau samt Frischlingen.

Der Autor schläft oft draussen oder sucht Unterschlupf in ehemaligen Bahnhöfen, auf Friedhöfen oder in offenen Kapellen. Seine Exkursionen führen in weit herum – nach Rom, Moskau und Jerusalem. Damit sind aber nicht die bekannten Städte gemeint, sondern Orte in Mecklenburg-Vorpommern oder im Landkreis Cuxhaven.

Die Laiin staunt angesichts dieser enormen botanischen Wissensfülle. Des Profis Begründung: Pflanzen sind wie Freunde oder Familie, die man sofort erkennt. Die illustrierten Pflanzenportraits werden komplettiert durch einen Anhang mit Glossar, Literaturhinweisen und einem Register. Wer den engagierten Autor in Aktion erleben will, googelt seinen Namen und findet Aufzeichnungen von TV-Beiträgen und anderen Produktionen auf dem Videoportal YouTube.



Jürgen Feder: 
Feders fabelhafte Pflanzenwelt – Auf Entdeckungstour mit einem Extrembotaniker 
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2014