30. Dezember 2011

Christine Becker: Helleborus in unseren Gärten und Helleborus – Eine Monografie

Eine eher achtlos gepflanzte Helleborus erweckte Jahre nach ihrer Pflanzung wegen ihrer schönen Blüten und nicht zuletzt wegen ihrer Anspruchslosigkeit und Robustheit plötzlich die Aufmerksamkeit der Fotografin Christine Becker und entfachte damit eine bis heute andauernde Leidenschaft und gleichzeitig die Möglichkeit, die kalte Jahreszeit durch erste Blühhöhepunkte zu überbrücken. Längst gibt sich die Autorin nicht mehr mit dem Pflanzenmaterial zufrieden, das sie auf Märkten und im Internet findet, sondern sie betätigt sich selber als Züchterin.

Deutschsprachige Literatur über Christ- oder Lenzrosen ist eher Mangelware. Diese Lücke füllt Christine Becker nun gleich mit zwei Büchern, die 2010 und 2011 erschienen sind: „Helleborus in unseren Gärten“ und „Helleborus – Eine Monografie“. In diesen Publikationen gibt sie ihr Wissen, ihre Erfahrung und nicht zuletzt ihren Enthusiasmus an interessierte Leserinnen und Leser weiter.

Im schmalen Büchlein „Helleborus in unseren Gärten“ gibt die Autorin auf knapp 80 Seiten einen kurzen Überblick in Legenden, Geschichte und Zucht rund um die Vorfrühlingsblüher. Themen wie Pflege und Krankheiten sowie Bezugsquellen runden die Publikation ab, die mit eigenen Fotos der studierten Fotografin illustriert ist. Dieses Büchlein ist übrigens ein schönes Beispiel, das auch unter dem Label „Books on Demand“ optisch ansprechende Bücher produziert werden können.

Für den anspruchsvolleren lesenden Gärtner, der vielleicht schon längst weiss, dass Christrosen kein Dasein im Schatten fristen möchten und müssen, sondern auch an einem sonnigen Plätzchen gut gedeihen, und der sein Wissen über Helleborus vertiefen möchte, ist die deutlich aufwendigere Produktion „Helleborus – Eine Monografie“ zu empfehlen. Diese ist in folgende Kapitel gegliedert:

- Spurensuche
- Synonyme
- Heilkunde und Experimente
- Legenden, Fabeln, Dichtung und Mythen
- Beschreibung der Arten
- Pflege
- Gartenhybriden
- Blüten à la Trompe-l’oeil – Schönheit der Vergänglichkeit
- Das Buch, Literatur und Anmerkungen, Bild- und Bezugsquellen

Im Kapitel „Spurensuche“ gibt die Autorin einen ausführlichen Überblick über Philosophen, Theologen, Mediziner, Dichter, Künstler, Botaniker und Enthusiasten, die sich in den vergangenen Jahrhunderten mit Helleborus beschäftigt haben. Über die Herkunft des Namens Helleborus gibt es verschiedene Auslegungen, doch kann keine schlüssig belegt werden. Ebenso vielfältig und nicht über jeden Zweifel erhaben war die Verwendung der giftigen Pflanze als Heilmittel. So wurden zu Zeiten des berühmten römischen Dichters Horaz Helleborusrezepturen zusammengemischt, die den Geist erweitern und erfrischen sollten. Vor Nachahmungen wird deutlich abgeraten! Daneben spielte die Pflanze in der wissenschaftlichen Literatur, aber auch in Komödien und Dramen eine Rolle. Und erst viel später nahm die kostbare Pflanze auch ihrer Schönheit wegen Einzug in die europäischen Gärten - ein Trend, der bis heute ungebrochen ist.

Im geschichtlichen Überblick dürfen natürlich auch Züchternamen wie Helen Ballard, Elizabeth Strangman, Graham Rice und Eric Smith nicht fehlen. Daneben erwähnt die Autorin auch Briefmarkenserien, auf welchen Helleborus abgebildet sind, führt fast unzählige volkstümliche Namen für die beliebte Giftpflanze auf (z.B. Hemmer, Schneekannerl, Lauskraut, Gärbala) und erklärt, dass der Niesen, ein Berg bei Spiez am Thunersee, nach der Nieswurz benannt worden sein soll.

Das Kapitel „Beschreibung der Arten“ enthält eine kurze botanische Systematisierung, die schematische Darstellung einer Blüte, Beschreibungen der stammlosen und stammbildenden Arten sowie Abbildungen von Blattformen von Wildpflanzen, Gartenformen, Züchtungen und Hybriden, die einen Eindruck über deren Vielfältigkeit vermitteln. Rund sechzig Seiten der informativen und inspirierenden Publikation sind mit ganzseitigen Fotos der Autorin und Fotografin bedruckt, die das Liebhaberherz höher schlagen lassen und Begehrlichkeiten wecken. Gemeinsam mit den abgebildeten Drucken und Stichen ist das Buch eine wahre Augenweide und auch für Kunstfreunde interessant. Abgeschlossen wird die teilweise zweisprachige Publikation (deutsch und englisch) durch ausführliche Hinweise zu weiterführender Literatur und Anmerkungen zur Spurensuche sowie Bild- und Bezugsquellen. Als etwas störend, weil den Lesefluss hemmend, empfand ich einzig die spezielle Schrift, welche die Konsonantenkombinationen „st“ und „sb“ miteinander verbindet.

Auch in meinem Garten wachsen ein paar Orientalis-Hybriden, deren Blüten ich nicht missen möchte. Zwar ärgere ich mich beinahe jährlich über mich selber und meine Unfähigkeit, die welken Blütenstände rechtzeitig zu entfernen, welche mir regelmässig beinahe unzählige Sämlinge beschert, deren Entfernen mit Sicherheit mehr Zeit beansprucht, als das Abknipsen der Samenanlagen. Trotzdem freue ich mich schon jetzt auf die bereits in den „Startlöchern“ stehende nächste Blütenpracht und verbringe die Zeit im warmen Sofagarten unter anderem mit Schmökern im gerade wiederentdeckten Buch „Zeitlos flattern Blütenträume …“, ebenfalls von Christine Becker. Darin plaudert sie (vor ihrer Helleborus-Infizierung) über ihren Garten und zeigt eigene Aufnahmen aus demselben.


Christine Becker:
Helleborus – Eine Monografie
Edition Viridit Art, 2011

Helleborus in unseren Gärten
Books on Demand, 2010


Webseite von Christine Becker: www.helleborus-hellebores.com (das Buch ist nur direkt bei der Autorin oder via Amazon erhältlich)

27. Dezember 2011

Ulla Lachauer: Magdalenas Blau – Das Leben einer blinden Gärtnerin

In ihrem aktuellen Buch „Magdalenas Blau – Das Leben einer blinden Gärtnerin“ gibt Ulla Lachauer der 1933 mit „schlechten Äugle“ geborenen Enkelin eines Freiburger Malermeisters eine Stimme. Der kleine Wildfang Magdalena konnte trotz schwerer Sehbehinderung bereits im Alter von vier Jahren viele verschiedenen Farben Blau unterscheiden. Die starke Trübung der Augenlinsen liess bei Magdalena andere Sinne viel ausgeprägter entwickeln. Ihr guter Hörsinn war ihr beispielsweise in den Kriegsjahren eine Hilfe, da sie die anfliegenden Bomber jeweils als erste vernahm und auch mit der Verdunkelung hatte das ans Dunkle gewohnte Mädchen weniger Mühe als Sehende. Trotz ihrer starken Sehbehinderung konnte Magdalena mit dem linken Auge zunächst lesen, wenn sie das Gedruckte direkt ans Auge hielt. Später erblindete sie vollständig.

Schon als Kleinkind half Magdalena gerne im Garten und spielte auch häufig dort. Sie roch an Blüten, streichelte über Blätter und entwickelte eine Vorliebe für den Genuss von sauren Begonienblüten. Zu ihren ersten gärtnerischen Tätigkeiten gehörte das Einpflanzen ihrer Lieblingspuppe in einen Hortensientopf. Diese sollte nämlich durch ordentliches Giessen auch so gross werden wie die Puppe ihrer Cousine. Das Vorhaben war leider nicht von Erfolg gekrönt. Pflanzenkunde wurde ihr vom Grossvater beigebracht und mit einer Klassenkameradin streifte sie auf dem Schulweg durch eine stillgelegte Baustelle, um dort Blumen zu sammeln und zu essen. Viele Jahre später hat sie einen eigenen Garten – häufig eine Quelle der Freude, aber oft auch von Enttäuschung und Wut, etwa wenn sie beim Jäten den Salat nicht vom Unkraut unterscheiden kann.

Die Biografie gibt einen detaillierten Einblick ins Leben der blinden Gärtnerin. Der Leser erfährt von Magdalenas vom Krieg überschatteter Kindheit, ihren Jahren in einem Marburger Internat, ihrer beruflichen Tätigkeit im Büro bei der Post und von der Heirat und Ehe mit ihrem Mann, einem Dorfschullehrer. Neben Anekdoten aus Schulzimmern lesen wir vom schwierigen, zeitintensiven Führen eines Haushalts mit Sehbehinderung, von Magdalenas ausgeprägtem Kinderwunsch und der Angst davor, die Krankheit zu vererben, vom Hadern mit der katholischen Kirche, von Fernweh und nicht zuletzt von einer russischen Adligen namens Galina, die Magdalena eine unschätzbar wertvolle Lehrerin in Sachen Garten war.

In die Erzählung eingebettet sind zumeist doppelseitige Beiträge aus dem aktuellen Leben der blinden Gärtnerin; einem ausgesprochen schwierigen Gartenjahr. Denn die Frau muss sich wegen einer bevorstehenden Herzoperation schonen und die bewährte Arbeitsteilung zwischen ihr und ihrem Mann – sie fürs Feine, er fürs Grobe – muss entfallen. Kein Pikieren von Tomatenpflänzlein. Was bleibt sind das Zurückschneiden der Clematis und nächtliche Aufenthalte im Garten. Auf dem Liegestuhl die Ohren gross machen und lauschen was nachts im Garten abgeht: Kämpfe zwischen rivalisierenden Katzen, knistern, rascheln, krabbeln…

Noch mehr interessanten Lesestoff mit hortikulturellem Hintergrund gibt’s in Ulla Lachauers Buch „Der Akazienkavalier – Von Menschen und Gärten (2008).



Ulla Lachauer:
Magdalenas Blau – Das Leben einer blinden Gärtnerin
Rowohlt Verlag, 2011



Die blinde Gärtnerin - Das Leben der Magdalena Eglin (TB-Ausgabe)
rororo, 2013

13. Dezember 2011

Dies und das

Falls Sie noch ein Last-Minute-Geschenk für lesende Gartenfreunde suchen, lohnt sich vielleicht ein Besuch auf der Homepage des Restsellers Jokers. Seit das Angebot um nicht preisreduzierte Artikel erweitert worden ist, macht mir persönlich das Stöbern auf diesen Seiten zwar nicht mehr halb so viel Spass. Das Navigieren, sprich Finden von Schnäppchen ist nämlich viel mühsamer geworden - oder vielleicht hab ich einfach noch nicht herausgefunden, wie ich die Normalpreisigen-Bücher bei der Suche komplett ausschalten kann. Trotzdem habe ich mir gerade zwei schöne Bücher gegönnt: „Der chinesische Garten“ von Maggie Keswick und „Der Garten – Eine Kulturgeschichte“ von Penelope Hobhouse. Beide Titel kosten nur noch einen Bruchteil vom ursprünglichen Verkaufspreis.

Gleichzeitig bin ich wieder einmal am Überlegen, ob ich mir doch gelegentlich einen E-Book-Reader anschaffen soll. Denn gerade bin ich über einen Download von Noel Kingsbury gestolpert mit dem Titel „Meetings with Remarkable Gardeners – Beth Chatto“. Dieses Buch würde mich zwar sehr interessieren, aber leider gehört es zu den immer häufigeren Publikationen, die nicht mehr in Papierform gekauft, sondern nur noch heruntergeladen werden können. Vielleicht wäre die Anschaffung eines E-Book-Readers ja eine elegante Möglichkeit, der drohenden Platzknappheit auf dem Büchergestell entgegenzuwirken?

Aus aktuellem Anlass lese ich gerade wieder einmal in „Nuancen aus Grün“ der kürzlich verstorbenen Christa Wolf. Unter diesem Titel sind Geschichten und Szenen aus ihren Erzählungen herausgelöst und mit grossartigen Fotos zusammengestellt worden. Inspierend sind auch die vielen Fotos in der Monografie „Helleborus“ von Christine Becker, die ich gerade lese und demnächst hier vorstellen werde.

Nach diesem Blog-Beitrag mache ich bis zu den Weihnachtstagen Pause und wünsche allen Leserinnen und Lesern eine friedliche und besinnliche Adventszeit und genügend Zeit und Musse, um zwischen dem Einpacken von Geschenken und dem Guetsli-Backen ein wenig in einem spannenden Buch lesen zu können. Vor dem Jahresende werde ich nach Lust und Laune noch den einen oder anderen Titel aus der Liste mit den gelesenen Bücher rechts im Blog auswählen und meine Vorstellung online stellen. Und in der blogfreien Zeit werde ich es vielleicht einmal schaffen, dem zwar erst in der Entstehung begriffenen Schlossgarten in nächster Umgebung einen Besuch abzustatten. Dieser wird nämlich vom hier schon mehrfach erwähnten Landschaftsarchitekten, der kürzlich mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis ausgezeichnet worden ist, umgestaltet und nächstes Jahr mit Pro Specie Rara-Pflanzen bestückt.

9. Dezember 2011

Mary A. Agria: Time in a Garden

Eve Brennermann ist Anfang sechzig und seit einiger Zeit verwitwet. Nach einer rund dreissigjährigen, mehrheitlich unglücklichen Ehe, hält sich ihre Trauer über den Verlust ihres untreuen Mannes eher in Grenzen. Um ihre Vergangenheit abzustreifen, ist sie in das Haus ihrer Grossmutter im ländlichen Michigan gezogen. Die Töchter der deutschstämmigen Frau wohnen weit weg und ihre einzigen Freundinnen sind die wenigen Frauen, die sich mit ihr zusammen ehrenamtlich in einer Gartengruppe engagieren, die ein vernachlässigtes Stück Land in den „Aurelius Community Garden“ verwandeln will.

Beruflich ist Eve für die ums Überleben kämpfende Lokalzeitung „Xenaphon Weekly Gazette“ tätig. Als ihr Vorgesetzter von ihrem Engagement für die Gartengruppe erfährt, erteilt er ihr den Auftrag, eine wöchentliche Gartenkolumne mit dem Titel „Time in a Garden“ zu schreiben.

Die hauptsächlich aus noch einigermassen rüstigen Seniorinnen und Senioren bestehende Gartengruppe erhält mit Adam Groft ein neues kompetentes Mitglied mit hortikulturellem Hintergrund. Der Mittsechziger hat sein Leben lang vermieden, enge Beziehungen einzugehen und ist erst nach dem noch nicht lange zurückliegenden Tod seines Vaters zurück in die Heimat gekehrt, um die grosse väterliche Gärtnerei zu übernehmen.

Eve und Adam sind sich ähnlicher als sich auf den ersten Blick vermuten lässt. Beide sind „beziehungsgeschädigt“. Diese Tatsache und das gemeinsame gärtnerische Interesse bildet bald das Fundament für ein zartes Band zwischen den beiden. Sie harmonieren dermassen gut, dass schon bald ein Hochzeitsdatum festgelegt wird. Doch was meinen Eve’s Töchter zum neuen Mann in ihrem Leben? Die eine gibt ihr immer noch unterschwellig die Schuld an der Untreue des verstorbenen Mannes, während die andere nicht versteht, warum Eve nicht schon lange vor dem tödlichen Unfall Konsequenzen gezogen und sich getrennt hat. Mitten in Eve’s diesbezüglichen Überlegungen platzt die Nachricht, dass das Gelände des Gemeinschaftsgartens der Verbreitung der örtlichen Autobahnzufahrt weichen soll.

Adam und Eva im Garten Eden? Das Ende des Romans ist leider nicht paradiesisch, weckt aber gerade deshalb noch stärker die Neugier auf die Fortsetzung mit dem Titel „Garden of Eve“. „Time in a Garden“ ist eine sehr einfühlsame, lebensnahe Lektüre mit spannenden Charakteren, deren Schicksal einem auch nach der letzten gelesenen Seite noch beschäftigt. Die tiefgreifenden Veränderungen in Eve’s Privatleben finden auch Ausdruck in ihren wöchentlichen Kolumnen. Diese werden im Laufe des Buches immer persönlicher und sind nicht zuletzt wegen den vielfältigen Gartentipps eine willkommene Auflockerung des Romans für die lesende Gärtnerin.



Mary A. Agria:
Time in a Garden
Naturals Editions, 2006

5. Dezember 2011

Sandra Rutschi: Im Schrebergarten

Der eher enttäuschende Ausflug an die Buch Basel 2011 (trotz Vergrösserung doch immer noch sehr klein …) fand durch die Entdeckung des Buches „Im Schrebergarten“ von Sandra Rutschi in einer gut sortierten Buchhandlung doch noch einen versöhnlichen, ja perfekten Abschluss. Es ist doch immer wieder schön, wenn sich in Buchläden gleich zwischen den grossformatigen Bildbänden und Titeln für Gartenanfänger auch Romane finden lassen, die thematisch ausgezeichnet in den Sofagarten passen! Dies gilt umso mehr, wenn es sich um einen dermassen spannend geschriebenes Erstlingswerk handelt wie dieses, das die jüngere Geschichte der Schweiz um die Unabhängigkeit des Juras vom Kanton Bern in ein hortikulturelles Umfeld bettet oder beetet. Zum Inhalt:

Die 44jährige Anna Gerber ist Mutter von drei erwachsenen Kinden und passionierte Schrebergärtnerin. In ihrer langjährigen Ehe ist die Leidenschaft längst einer Gleichgültigkeit gewichen und sie und ihr Mann Paul bilden inzwischen hauptsächlich eine Zweckgemeinschaft. Anna stellt sich immer wieder die Frage, was sie beide überhaupt noch verbindet. Im Garten hingegen ist ihre Welt in Ordnung, meistens jedenfalls. Da gibt es nur sie und die Natur. So bemerkt sie denn im Frühling 1964 auch sofort, dass im lange vernachlässigten Häuschen auf der Nachbarsparzelle jemand eingezogen ist, der anscheinend nicht gesehen werden will.

Beim Neuzuzüger handelt es sich um den jungen jurassichen Unabhängigkeitskämpfer Pierre Bergier, der sich unter dem Namen Jean-Luc Montavon im Schrebergarten vor der Polizei versteckt. Nach einer ersten eher peinlichen Begegnung stellen sich der untergetauchte Medizinstudent und die Mittvierzigerin vor, wobei Jean-Luc die wahren Beweggründe für seinen Aufenthalt im Schrebergartenareal verschweigt. In der Folge treffen sich die beiden an den Werktagen auf einer Bank an der Aare und reden stundenlang miteinander. Sie spricht über ihre Familie, den Garten und übers Stricken, er über sein Studium und sein Heimweh nach Familie und Freunden. Annas Leben wird plötzlich kompliziert, als sie erfährt, wer Jean-Luc wirklich ist, zu welchen Taten er bereit ist, um seine Gesinnung zu verteidigen und als sich zwischen den beiden eine intime Beziehung entwickelt.

„Der Franzose hat sie umgebracht“. Dieser Satz ist alles, was die Journalistin Katja Schild über den rätselhaften Tod ihrer Grossmutter Anna Gerber weiss, die sie nie kennengelernt hat. Sie arbeitet für eine Berner Tageszeitung und fast ein halbes Jahrhundert nach dem Ableben von Anna Gerber gehört das Jura-Dossier seit kurzem eher unfreiwillig zu Katjas Zuständigkeitsgebiet. Ihr Interesse gilt aber je länger je mehr der Aufklärung der Umstände, die zum Tod ihrer Grossmutter geführt haben. Ist diese tatsächlich von einem unbekannten Franzosen ermordet worden?

Zeitgleich kehrt der seit zwei Jahren verwitwete Pierre Bergier nach einer zufälligen Begegnung, die alte längst verdrängte Erinnerungen in ihm geweckt hat, in den Schrebergarten zurück. Jahrzehntelang hat er nicht mehr an Anna gedacht, wusste schon fast nicht mehr, ob er sich die Liebschaft mit der älteren Frau nur eingebildet hat. Doch die intensiven Gespräche an der Aare mit der Bernerin Anna haben den Jurassier nachhaltig geprägt. Anna wie auch seine spätere Ehefrau Claudia aus Bern haben ihn nicht nur in Erklärungsnotstand in der Wahl seiner Mittel zum Zweck der Erreichung der jurassischen Unabhängigkeit gebracht, sondern auch dazu, seine Überzeugungen grundsätzlich zu hinterfragen. So sehr, dass Bern schliesslich für den im Jura hernach als Verräter geltenden Freiheitskämpfer schon lange zu seiner zweiten Heimat geworden ist.

Während Katja sich ins Jura-Dossier einarbeitet und gleichzeitig versucht, das Familiengeheimnis zu lüften, möchte man ihr immer wieder „dranebliebe“ zurufen und „bleib hartnäckig“. Denn immer wieder verpasst sie den Franzosen nur ganz knapp. Der Roman wird in zwei Erzählsträngen geschildert und die Autorin versteht es geschickt, Spannung aufzubauen und zu halten. Gleichzeitig habe ich den Einblick in die Journalistentätigkeit und in die jüngere Schweizer Geschichte geschätzt. Ich weiss jetzt (wieder) etwas mehr über den jüngsten Kanton als die nunmehr schemenhafte Erinnerung, dass ich mir seinerzeit in der Schule plötzlich einen neuen Kanton einprägen musste. Der Buchpreis liegt für mein Empfinden an der oberen Schmerzgrenze – aber ein
Klein(st)verlag muss nun mal anders kalkulieren als ein Grosskonzern. Unbedingt lesen!


Sandra Rutschi:
Im Schrebergarten
Nydegg Verlag, 2011

1. Dezember 2011

Karine von Rumohr: Männer und ihre außergewöhnlichen Gärten

Nach "Blumenfrauen und ihre aussergewöhnlichen Gärten" versucht Karine von Rumohr in ihrem zweiten Bildband innert Jahresfrist nun herauszufinden, ob Männer anders gärtnern als Frauen. Bereits im Vorwort verrät sie ihre Erkenntnis aus intensiven Gesprächen mit den achtzehn im Buch portraitierten Gärtnern. Sie konnte weder bekannte Klischees zementieren noch widerlegen. Bei den portraitierten Männern kommen nämlich weder technische Hilfsmittel besonders häufig zum Einsatz noch wird weniger als bei Gärtnerinnen auf detailgetreue Bepflanzung geachtet und selbstverständlich erschöpft sich ihr Tätigkeitsgebiet nicht auf das Anfeuern des Grills und das Schieben des Rasenmähers.

Philipp Huthmann beispielsweise kann nichts mit Gartendekoration anfangen, aber er mag Symbole, wie den Steinpfeil, den er vor seinem Teich platziert hat. Das Objekt soll den Blick vom Boden weg in die Bäume hinauf locken. Das 13‘000 Quadratmeter grosse Grundstück des passionierten Pflanzensammlers, der auch offen zugibt, Pflanzen zu stibitzen, ist aber nicht nur Richtung Himmel, sondern auch in tieferen Ebenen und in Erdnähe eine genaue Betrachtung wert. In rund vierzig Jahren hat Huthmann im kühlen Allgäuer Klima ein umfangreiches Gehölz- und Staudensortiment zusammengetragen und er hat seine Gartenwelt in Bereiche wie „Alpen“, „Südfrankreich“ oder japanisch und chinesisch inspirierte Räume aufgeteilt. In seinem Garten stehen sogar Spezialitäten wie die Franklinia alatamaha und die Stewartia pseudocamellia sowie verschiedene Orchideen-Raritäten.

Von Berufs wegen gärtnert Klaus Jentsch. Der Staudengärtner hat schon als Kind Pflanzen gesammelt. Ins Buch hat er Aufnahme gefunden, weil er als Schneeglöckchenliebhaber annähernd 200 verschiedene Sorten zusammengetragen hat. Im Portrait erfahren wir, dass er keineswegs zu den Romantikern untern den Galanthophilen gehört. Das wirtschaftliche Interesse steht im Vordergrund, lässt sich aber erfreulicherweise hervorragend mit der enormen Schneeglöckchen-Vielfalt kombinieren.

Der Garten von Hans-Jörg Gensch gleicht einer Spezialitätengärtnerei. Wo man hinschaut, fällt der Blick auf Semperviven. Versammelt sind diese in 6‘000 Töpfen, alle ordentlich etikettiert und auf Hochtischen stehend oder in Schalen und Trögen, die den Weg säumen. Gensch ist ausserdem Moderator einer eigenen Internet-Plattform, wo er sich virtuell mit rund 250 Gleichgesinnten austauscht, die sich beispielsweise gegenseitig im Identifizieren der häufig nur schwer zu unterscheidenden Hauswurz-Schönheiten unterstützten.

Die vorgestellten Gärten sind ebenso verschieden wie ihre Gärtner. Der eine hat um die 9‘000 Duftrosen des englischen Züchters David Austin in seinem parkähnlichen Garten, während sich ein anderer über das Romantisieren rund um Rosen nervt und von Mörderrosen spricht, die in seinem Garten die Wurfanker nach oben auswerfen. Ein Dritter empfindet die Dynamik der Entwicklung von Stauden und die Selbstaussaat als eine Art von Kunst, ein weiterer Gärtner präsentiert ein aufgeräumtes grünes Reich und wieder andere träumen davon, ihre Visionen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.

Neben den bereits im Text namentlich erwähnten Männern werden folgende Gärtner portraitiert: Stephan Aeschlimann Yelin, Roland Doschka, Horst Forytta (Der Garten von Marihn), Justus Franz, Landgraf Moritz von Hessen, Godehard Graf von und zu Hoensbroech, Sepp Holzer (Permakultuer im Tauerngebirge), Mathias Hoyer (Aceretum), Thomas Kimmich, Fernando José de Mascarenhas Marquês de Fronteira, Georg Möller und Achim Weitershagen (Link zu meiner Buchvorstellung über den Oehndorf-Garten), Jörg Pfenningschmidt, Jörg Stellmacher, Dr. Tomas Tamberg (Iris- und Hemerocallis-Zürchter) und Hans-Dieter Warda. Natürlich wird man als Leserin und Leser kaum restlos mit der Auswahl der aussergewöhnlichen Gärten und ihrer Schöpfer einverstanden sein und vermisst vielleicht den einen oder anderen Gärtner. Nichtsdestotrotz ein sehr schönes und überaus informatives (Weihnachts-)Geschenk für den Buchgärtner, das verschwenderisch mit Fotos von Alex Killian illustriert ist. Und falls Sie nach der Lektüre von "Männer und ihre aussergewöhnlichen Gärten" Lust auf mehr Lesefutter über gärtnernde Männer haben: im Februar 2012 erscheint das nächste Buch zum Thema ("Sein Garten" von Stefan Leppert).



Karine von Rumohr:
Männer und ihre aussergewöhnlichen Gärten
Christian Verlag, 2011