10. Mai 2016

Gabriele Diechler: Ein englischer Sommer

Die dreissigjährige Annett hat nach ihrem Rechtswissenschaftsstudium nicht auf eine sichere Juristenkarriere gesetzt, sondern eine Ausbildung als Mediatorin abgeschlossen und sich in Berlin selbständig gemacht. Als ihr Freund ihr endlich seine schon länger bekannten und unumstösslichen Pläne für ein Auslandsjahr eröffnet, soll sie sich begeistert anschliessen. Doch warum hat er sie nicht eingeweiht und stellt sie vor vollendete Tatsachen? Das Paar trennt sich noch am selben Abend. Damit ist ein schlechter Tag noch nicht zu Ende, denn Annett erfährt noch in der gleichen Nacht vom unerwarteten Tod ihrer geliebten Grossmutter Jetta.

Annett reist bereits am nächsten Tag nach Stow-on-the-Wold. In diesem englischen Städtchen in den Cotswolds hat Jetta seit Jahrzehnten ein gut gehendes kleines Hotel geführt. Neben der Organisiation der Beerdigung muss festgelegt werden, wie der Hotelbetrieb vorerst aufrecht erhalten werden kann. Die Hinterbliebenen wie auch die Angestellten gehen davon aus, dass Jettas Tochter (also Annetts Mutter) Anne das Hotel erbt und letztere leitet auch unmittelbar nach ihrer Ankunft in England erste Schritte ein, um das Haus samt Umschwung zu verkaufen.

Gemäss Testament erbt jedoch Annett das Hotel. In dieser überraschenden Tatsache widerspiegeln sich die schwierigen Familienverhältnisse. Jetta hatte ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Vater und auch die Beziehungen zwischen Jetta und ihrer Tochter Anne sowie jene zwischen Anne und Annett sind und waren schwierig, während sich Annett und Jetta immer sehr nahe gestanden sind. Anne fühlt sich übergangen, während Annett versucht, den Entscheid ihrer Grossmutter nachzuvollziehen. Gibt es allenfalls eine Möglichkeit, ihre Arbeit in Deutschland mit dem Hotelbetrieb in England zu kombinieren?

Jetta hat ihre Enkelin vor einiger Zeit gebeten, rasch möglichst nach England zu kommen, doch der Besuch hat nicht mehr stattgefunden. Beim Aufräumen findet Annett nun ein altes Tagebuch und stellt während der Lektüre fest, dass vieles, was sie über Jetta zu wissen glaubte, in Frage gestellt wird. Hat Jetta diese Zeilen je gelesen und wenn ja, warum hat sie nie darüber gesprochen?

In die Vorbereitungen zur Beerdigung mischt sich der bekannte Landschaftsarchitekt Edward Warrender ein, der unbedingt die Grabgestaltung übernehmen will. Wer ist dieser attraktive Mann, der schon als kleiner Junge den Duft von geschnittenem Gras und aufgeworfener Erde geliebt hat und welche Rolle hat er neben der gelungenen Umgestaltung des Innenhofs des Hotels in Jettas letzten Monaten gespielt?

Ein zweiter Erzählstrang führt immer wieder in die Vergangenheit. Die Autorin hat in diesem Roman die Problematik der gestohlenen Biografie der Kinder der Widerstandskämper im zweiten Weltkrieg und das Tabuthema Suizid eingearbeitet. Für Sofagärtnerinnen interessant ist der hortikulturelle Hintergrund rund um den Landschaftsarchitekten. Da gibt es etwa Probleme mit der Anordnung von Hecken im Rahmen eines Projekts, das Edward mit dem Gewinn einer europaweiten Ausschreibung für den Entwurf eines Labyrinths aus Buchsbaumhecken gewonnen hat, es werden Reportagen in Gartenzeitschriften erwartet, Rosen zurückgeschnitten und ein imposanter und Neid erweckender Dachgarten erwähnt.

Ein lesenswerter Roman mit zumeist sympathischen Charakteren, der Lust macht, das beschriebene Hotel selber zu entdecken, und trotz den ernsten Hintergrundthemen ein schöner Lesegenuss. Das Ende ist zwar wenig überraschend, aber durch die eingeschobenen Zeitsprünge wird die Spannung gehalten.



Gabriele Diechler: 
Ein englischer Sommer 
Insel Verlag, 2015