17. April 2013

Karen Meyer-Rebentisch: Das ist Urban Gardening! – Die neuen Stadtgärtner und ihre kreativen Projekte

In den letzten Jahrzehnten ging vor allem in städtischen Gebieten viel hortikulturelles Wissen verloren, das früher zur Allgemeinbildung gehörte und wenn es vielleicht auch nicht gerade fürs nackte Überleben wichtig war, so doch unerlässlich für das Auskommen mit dem Haushaltseinkommen. Mit dem Aufkommen von Supermärkten an fast jeder Ecke und Kühlschränken mit für jedermann erschwinglichen Preisen, war oder schien es nicht mehr notwendig, sich selber mit der Anzucht und Pflege von Obst und Gemüse abzumühen. Diese Freizeitbeschäftigung galt daher lange als eher altmodisch. In den letzten Jahren hat aus verschiedenen Gründen, zu denen auch Lebensmittelskandale gehören, vermehrt ein Umdenken stattgefunden.

Karen Meyer-Rebentisch hat sich für diese aktuelle Publikation aufgemacht, in verschiedenen Städten in Deutschland urbane Garten-Projekte aufzusuchen und berichtet nun von den Visionen und aus dem (gärtnerischen) Alltag der neuen Stadtgärtner. Junge Leute, die sich für das Gärtnern entscheiden, können heutzutage oft nicht auf die Erfahrung der vorherigen Generation zurückgreifen und sind deshalb auf andere Informationsquellen angewiesen. Das ist mit ein Grund, weshalb Gartenbücher, Gartenmagazine und insbesondere Zeitschriften mit dem Wort „Land“ im Titel boomen und die Auswahl am Kiosk fast unüberschaubar ist. Doch gelernt wird in erster Linie im Garten selber und gerade in Gemeinschaftsgärten kommt es wie die Autorin anmerkt, zu einem (Zitat) „inspirierenden Zusammenspiel von Fragen, Wissen, Talenten und Experimentierlust“, während Besserwisser fehl am Platz sind.

Stadt und Garten – (k)ein Widerspruch? Nach einleitenden Gedanken und einem Überblick in die Geschichte des öffentlichen Grüns im Lauf der Zeit, ist das Buch in die folgenden Themen gegliedert:
  • Humus auf den Asphalt! - Die grünen Visionen der neuen Stadtgärtner
  • "Hier hat meine Seele ein Zuhause“ - Interkulturelle Gärten 
  • Der Städter und sein Bauer - ein Pakt für die Zukunft
  • Ökologie beginnt im Kopf - Umweltpädagogik in Natur und Garten
  • Grün für alle!– Frischluftschneisen, Gartenzwerge und Gemüse
  • Green Guerillas und brave Bürger – Von der grünen Lust der Städter
  • Anhang mit hilfreichen Links und weiterführender Literatur
Brachen, die als Gärten einer neuen – oft nur temporären – Nutzung zugeführt werden, verfügen oft über stark belastete Böden, so dass Kreativität gefragt ist, bevor die Fingernägel vom Gärtnern dreckig gemacht werden können. Als Lösungen eignen sich etwa Hochbeete oder es wird auch das Anpflanzen in Milchpackungen oder Industriekisten praktiziert. Alte Reissäcke, die bei der Aussaat umgekrempelt werden, eignen sich besonders gut für den Anbau von Kartoffeln. Wenn die Pflanzen später angehäufelt werden, wächst der Sack automatisch mit. Daneben dienen gemäss Fotos sogar ausgediente Schuhe als Pflanzgefässe – gefüllt sind diese aber im Buch nur mit Blumen und Zierpflanzen. Und auch auf luftiger Höhe können Gärten gedeihen, wie das Beispiel des Kistengartens auf einem Betondach in Hamburg-St. Pauli zeigt. Gleichzeitig erlaubt diese Art zu Gärtnern, eine gewisse erleichterte Mobilität und Flexibilität, wenn die Anlage geräumt werden muss, weil der Pachtvertrag abläuft oder gekündigt wird.

Es lässt sich nachlesen, wie das Gemüse immer öfter in die Stadt zurückkehrt. Im Buch werden interessante Projekte wie „Essbare Stadt Kassel“, „Incredible Edible Todmorden“ und „Agropolis“ in München in Kurzform vorgestellt. Auch die „Essbare Stadt Andernach“, die auf öffentlichen Brachen Nutzpflanzen anbaut, welche die Bürger dann ernten dürfen, wird thematisiert. Andernach geht auch in anderer Hinsicht einen Schritt voraus. Während vielerorts Bewilligungen eingeholt werden müssen, um vor dem Haus etwas zu pflanzen, setzt diese Stadt aus eigener Initiative Rebstöcke an Hauswände, sofern der Besitzer nicht ausdrücklich widersprochen hat. Andere Projekte wie beispielsweise der schon oben erwähnte Kistengarten oder die Internationale Gärten Göttingen werden im Buch ausführlicher beschrieben.

Welches sind die Beweggründe, in einem Gemeinschaftsgarten aktiv zu werden und/oder im kleinen Rahmen vorzuspuren, was (vielleicht) etwas Grosses auslöst? Üppige Ernteerträge sind gar nicht unbedingt oberstes Ziel. Gärten, und ganz besonders mobile Versionen davon, vereinen Menschen, die sich sonst kaum begegnet wären und schaffen Verbindungen. In Interviews erzählen ein Mathematikstudent von seinem Engagement im Gemeinschaftsgartenprojekt „O’pflanzt is“, eine Berufsgärtnerin über ihre Motivation, ehrenamtlich einen interreligiösen Kräutergarten anzuregen und umzusetzen und eine Akademikerin aus Bagdad darüber, wie ihr die Interkulturellen Gärten Göttingen, wo sie auch Pflanzen aus der Heimat anbauen kann, die Integration und das Schlagen von Wurzeln vereinfacht haben.

Gleicherweise ist Guerillagärtnern derzeit in aller Munde. Die Autorin berichtet vom vielleicht ersten Guerillagärtner, der schon ab ungefähr 1873 in diesem Sinn aktiv war. Der Ingenieur und Schriftsteller Heinrich Seidel war für die die Verbreitung des Zimbelkrauts (Linaria cybalaria) besorgt und kämpfte schon dannzumal gegen ordnungsliebende Stadtgärtner. Etliche Jahre später zur Zeit des Kalten Krieges haben zwei Familien im Schatten der Berliner Mauer auf DDR-Gebiet ein Stück Land in einen blühenden Garten verwandelt. Mittlerweile ist darauf auch ein kurioses Bauwerk errichtet worden und bereits baut die zweite Generation im Gewohnheitsrecht Gemüse an.

Dieses inspirierende Buch ist mit viel Herzblut recherchiert und geschrieben worden. Es ist keine Pflanzanleitung fürs Gärtnern in der Stadt, sondern gibt einen reich illustrierten Überblick, was in Sachen Urban Gardening in Deutschland los ist. Möge diese Publikation möglichst viele (potentielle) Gärtner motivieren, ein eigenes grünes urbanes Projekt anzustossen und durchzuziehen! In Zürich beispielsweise sind gerade Bemühungen in Richtung „Essbare Stadt“ im Gange und sollen im nächsten Frühling umgesetzt werden.  



Karen Meyer-Rebentisch: 
Das ist Urban Gardening! – Die neuen Stadtgärtner und ihre kreativen Projekte 
BLV Buchverlag, 2013