21. April 2013

Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin

Wermut (Artemisia), Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) Rosmarin (Rosmarinus officinalis), Frauenmantel (Alchemilla vulgaris), Schlehdorn ( Prunus spirosa) – Philippine Welser sucht im Auftrag iher Mutter Anna Welser regelmässig nach Heilkräutern und weiss inzwischen selber ziemlich genau, welche Pflanze welches Leiden kurieren und welche Nebenwirkungen hervorrufen kann.

Augsburg im Jahr 1556 – Die Leute reden über die 29jährige Philippine Welser, die noch immer unverheiratet ist und bei ihrer Mutter wohnt, welche mit finanziellen Problemen kämpft, da der Vater der Familie den Rücken gekehrt und diese ihrem Schicksal überlassen hat. Zwar gab es den einen oder anderen Bewerber, der Interesse an der jungen Frau gezeigt hat, doch keiner von ihnen konnte Ferdinand das Wasser reichen, dem sie ihr Herz geschenkt hat und der aber gleichzeitig unerreichbar für sie ist. Denn während sie selber aus einem bürgerlichen Haus stammt, ist er der Lieblingssohn des künftigen Kaisers Ferdinand I.

Wie in einem Käfig eingesperrt fühlt sich Philippine. Dabei würde sie liebend gerne ferne Länder erkunden. Gefördert und unterstützt wird sie von ihrem geliebten Onkel Bartholomé, doch die junge Frau hasst die familiären Umstände, die sie zwingen, diesen immer wieder um Geld anzubetteln. Nach einer kurzen Liebelei mit Konsequenzen, die von ihrer Mutter mit Hilfe von Kräutern gerade noch korrigiert werden können, erhält Philippine eine Einladung ihrer Tante Kat aus Böhmen. Sie soll sich dort erholen. Und natürlich keimen in der hoffnungslos verliebten Frau schon wieder Erwartungen auf. Denn von Böhmen ist es ja schliesslich nicht viel mehr als ein Katzensprung nach Prag, wo Ferdinand lebt. Ob sie ihn wohl wiedersieht?

Tatsächlich treffen sich die beiden wieder und Ferdinand erwidert Philippines Gefühle. Er heiratet sie sogar, jedoch nur heimlich. Die Öffentlichkeit und auch der Kaiser dürfen nichts von der geheimen Legalisierung der Verbindung wissen, droht doch sonst eine Staatsaffäre. Nur ganz wenige Nahestehende sind eingeweiht und wissen von der nicht standesgemässen Ehe der beiden und dem heimlichen Familienleben. Das Ehepaar bekommt nämlich im Laufe der Jahre vier Kinder, die aber als unehelich gelten.

Philippine führt gleichzeitig ein schönes und ein schreckliches Leben. Lohnt sich der Preis? Ihre Kinder sind von der Erbfolge ausgeschlossen und erhalten nur eine Apanage. Zudem muss sie ständig um ihr Leben fürchten und nutzt ihren geliebten Hund kompromisslos als Vorkoster. Zeitlebens nie verwindet sie den Tod ihrer Zwillinge, die im Kleinkindalter sterben, als die Pest wütet, der auch mit grossem Heilkräuterwissen nicht oder nur beschränkt beizukommen ist.

Jedes Kapitel dieses historischen Kriminalromans beginnt mit der Zeichnung einer Heilpflanze und Angaben zu deren positiven und negativen Wirkungen. Das entsprechende Heilkraut findet dann auch im entsprechenden Abschnitt Verwendung. Ablenkung von ihren Sorgen und eine Aufgabe findet Philippine in der Pflege ihres eigenen Kräutergartens und dem Studium der einheimischen und der exotischen Pflanzenwelt. Ihre Lateinkenntnisse testet sie, während sie sich in Leonhard Fuchs‘ „De historia stirpium“ vertieft. Das von ihrer Mutter geerbte Kräuterbuch ist ihr heilig und sie ergänzt und erweitert die Informationen darin laufend. Als Philippine später in Tirol auf Schloss Ambras lebt, besitzt sie einen Garten mit kleinen Bauwerken und Pavillons und sie initiiert die Eröffnung eines Offizins, wo alle Kranken kostenlos behandelt werden. Doch immer wieder liegen Schatten auf Philippines Leben - eine Metapher zum Wort und der Bedeutung von "Ambras"?

Der historische Roman wird in zwei Strängen erzählt. Entweder berichtet Philippine in Tagebuch- oder die Autorin erzählt in Romanform. In der Handlung vermischt Brigitte Riebe auf anregende Weise Daten und Geschehnisse aus dem Leben der „echten“ Philippine Welser mit Fiktion und gibt dabei Einblick in die Lebensweise im 16. Jahrhundert und dannzumal übliche, heute teilweise merkwürdig erscheinende Sitten. So darf Philippine ihre Kinder nach der Geburt nicht behalten. Diese werden ihr weggenommen, vor die Türe gelegt und hernach quasi als Findelkinder aufgenommen und aufgezogen. Und natürlich darf die leibliche Mutter ihren Nachwuchs auch nicht selber stillen.  



Brigitte Riebe: 
Die schöne Philippine Welserin 
Gmeiner-Verlag, 2013