20. Juli 2016

Ali Mc Namara: The Little Flower Shop by the Sea

In der kleinen Stadt St. Felix an der Kornischen Küste hat Poppy Carmichael zusammen mit ihrem älteren Bruder als Kind immer wieder glückliche Ferien bei der Grossmutter verbracht, die jahrzehntelang den Blumenladen „The Daisy Chain“ geführt hat. Nach einem traumatischen Ereignis leidet die inzwischen dreissigjährige Poppy seit vielen Jahren an einer Blumenphobie und ist nie mehr nach Cornwall zurückgekehrt. Nun ist ihre geliebte Grossmutter gestorben und ausgerechnet Poppy mit ihrem Hass auf Blumen hat deren Laden geerbt.

Die junge Frau, die immer noch ihren Platz auf der Welt sucht, stammt aus einer Blumendynastie, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht, als ihre Urururgrossmutter auf dem Covent Garden Market Blumen verkauft hat. Verschiedene Carmichaels führen selber ein Blumengeschäft oder arbeiten für einen Floristen und alle Kinder tragen genau wie Poppy blumeninspirierte Namen. Sie selber hat sich nie fürs Familienbusiness interessiert. Doch nun muss ausgerechnet sie die Verantwortung für den ältesten familiären Blumenshop übernehmen. Einem Laden, der mit viel mehr Tradion behaftetet ist, als jene, welche von ihren Verwandten in New York, Amsterdam und Paris betrieben werden.

So findet sich die kratzbürstige und fast ausnahmslos schwarz gekleidete Poppy in St. Felix wieder und beabsichtigt, das Geschäft rasch möglichst zu verkaufen und wieder zu verschwinden. Wider Erwarten fühlt sie sich in St. Felix ganz wohl und wird auch von den meisten Bewohnern sehr wohlwollend aufgenommen. Insbesondere mit dem seit fünf Jahren verwitweten Blumenlieferanten Jack verbindet sie bald eine enge Freundschaft.

Poppies Mutter hat ihr die talentierte Floristin Amber aus New York zur Seite gestellt und mit Hilfe von etlichen Nachbarn renovieren die beiden Frauen den Blumenladen und planen die Wiedereröffnung. Eine Blumenphobie weckt keine Sympathien, wie es etwa eine Spinnenangst tut. Das weiss auch Poppy, und ist deshalb ständig darauf bedacht, die Floristik von sich fernzuhalten und sich um die anderen geschäftlichen Belange zu kümmern.

Poppies Grossmutter war für die magische Wirkung ihrer Blumensträusse weit herum bekannt. Als Poppy und Amber alte Notizbücher finden, experimentiert auch die junge Floristin mit der Magie der viktorianischen Blumensprache und bringt damit den Shop zum Florieren. Denn Amber verfügt über ein grosses florales Talent und kennt sich aus mit Blumen und deren Namen, Düften und Bedürfnissen.

Nach ungefähr hundert gelesenen Seiten erwartete ich eigentlich nicht mehr viel Überraschendes oder gar Tiefschürfendes in diesem Roman. Das Ende schien genau vorhersehbar. Letzteres ist auch wie erwartet eingetroffen, aber dazwischen hat sich dann doch noch allerlei Lesenswertes ereignet, so dass sich die Lektüre dann im Grossen und Ganzen doch noch gelohnt hat. So schleppt nicht nur Poppy eine schwere  Last mit sich herum, auch Amber hat eine schmerzliche Vergangenheit. Doch die beiden Frauen - die eine zum Pessimismus neigend, die andere ständig optimistisch - harmonieren gerade wegen ihren Unterschieden erstaunlich gut und auch der zum Erbe der Grossmutter gehörende Hund Basil mit seinen Bedürfnissen ist bald nicht mehr aus Poppies Alltag wegzudenken.

Die Kapitel sind nummeriert und jeweils einer Blume gewidmet:
- Daffodil – New Beginnings
- Camellia – My Destiny in Your Hands
- Columbinde – Desertion
- Heliotrope – Devoted Affection



Ali Mc Namara: 
The Little Flower Shop by the Sea 
Sphere / Little, Brown Book Group, 2015

10. Juli 2016

Ellen Jacobi: Frau Schick macht blau

Die fast 78jährige Frau Schick hat vieles erlebt im Laufe der Jahre. Aktuell muss sich die vife Witwe gegen ihre Entmündigung in der eigenen Firma wehren, von wo hartnäckig Gerüchte betreffend ihrem Geisteszustand gestreut werden. Klar ist sie zuweilen recht vergesslich, aber mit „Eselsbrücken“ kommt sie sehr gut zurecht, denn dement ist sie ganz sicher nicht.

Die vermögende Ostpreussin entstammt dem alten Adelsgeschlecht der von Toddens und ist mit dem britischen Königshaus verwandt. Ihren exzentrischen Vorfahren, die als Geister ihr Unwesen treiben und nachts im Keller herumtrippeln und seufzen, steht sie punkto leichter Überspanntheit wahrscheinlich in nichts nach. Sie liebt viele Menschen um sich und führt solche zusammen, die keine Ahnung zu haben scheinen, wie gut sie zusammenpassen. Ein wenig vermisst sie die täglichen Abenteuer, die sie kürzlich auf dem Jakobsweg erlebt hat, aber sie ahnt ja auch nicht, welche Aufregungen ihr bevorstehen…

Zunächst beginnt sie aber mal mit der Planung der Hochzeit von Nelly und Herberger, obwohl erstere noch gar nicht ja gesagt hat. Und dann erfährt sie, dass ihr die Kleingartenkolonie „Waldfrieden“ im Stadtwald gehört, in die eine Schneise gefräst werden soll. Seit fünf Jahren ist sie anscheinend die Besitzerin dieses unberührten Waldgeländes, ohne dass sie es realisiert hätte. Den Pächtern droht der Verlust ihrer geliebten Gärten und seltenen Pflanzen, Bienen und andere Tieren der ihres Lebensraumes.

Rasch stellt Frau Schick fest, dass die Welt gut bedient wäre, wenn alle Menschen Gärtner wären. Diese können zwar mürrisch und seltsam sein, aber sie sind nicht schlecht. Zwischen Rosenbögen und Tomatenpflanzen entlarvt die rüstige Dame Herzensdiebstähle, die als Verstösse gegen die Schrebergartenregeln getarnt sind, und es kann schon mal vorkommen, dass für eine gute Sache ein Schwindelanfall vorgetäuscht werden muss.

Kann der Exodus noch aufgehalten werden oder haben die prächtigen Rosen dieses Jahr zum letzten Mal geblüht, werden die Johannisbeeren nie reifen und die Apfelbäume umgesägt, bevor sie abgeerntet werden können? Dem Leser werden beiläufig Düngetipps auf den Weg mitgegeben und er liest vom Kampf für echte Bienen und Nistplätze. Die Autorin entschuldigt sich am Ende des Buches beim eigenen Garten für die Vernachlässigung während der Entstehung des Romans, womit auch geklärt ist, dass der hortikulturelle Hintergrund auf eigenen Erfahrungen beruht.

Weder die Handlung selber noch die Charaktere des Buches haben mir speziell gut gefallen. Beide erscheinen mir arg konstruiert und leider empfand ich die Lektüre auch nicht als besonders vergnüglich. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich den Vorgängertitel, auf den immer wieder hingewiesen wird, nicht gelesen habe („Frau Schick räumt auf“).



Ellen Jacobi: 
Frau Schick macht blau 
Bastei Lübbe, 2013

1. Juli 2016

Susan Senator: Dirt – A Story about Gardening, Mothering and Other Messy Business

Die Erzählung „Dirt“ gibt einen mehrmonatigen Einblick in das Leben einer vom Vater getrennt lebenden Familie. Die vierzigjährige Vorstadtmutter Emmy fühlt sich mit der Erziehung ihrer drei Jungs je länger je mehr überfordert und vermisst einen Partner, der sie zuverlässig unterstützt. Insbesondere ihr ältester Sohn Nick und sein Autismus beherrschen ihr Denken und Handeln praktisch ununterbrochen.

Nick mag scharfe Saucen, Chili, Bänder, Seifenblasen und Rasenmähen mit dem Handmäher. Mehr lässt sich über seine Vorlieben nicht sagen. Ein neuer Therapeut hat rasch einen guten Draht zu ihm und entdeckt Nicks grosses Interesse für orange Farben. Gleichzeitig reagiert Dan mit illegalem Drogenkonsum auf den Auszug des Vaters.

Immerhin hat die Familie auch Dank Emmys Teilzeitjob keine grösseren finanziellen Probleme. Anlässlich ihrer Tätigkeit als Maklerin lernt sie dann auch Will kennen. Der potentielle Hauskäufer flirtet mit ihr und Emmy fühlt sich zum ersten Mal seit Jahren wieder begehrt. Die Reaktion ihres Noch-Ehemannes Eric auf diese (noch) harmlose Bekanntschaft fällt unerwartet heftig aus und zeigt, dass auf seiner Seite immer noch grosse Gefühle im Spiel sind.

Im Garten kann Emmy abschalten und die Dinge aus der Distanz reflektieren. Während sie Gemüse aussät, jätet, Phlox und Rittersporn aufbindet oder pflanzt, träumt sie aber auch immer wieder von ihrem eigenen kleinen Gartenbetrieb, für den sie im übrigen schon längst einen Namen hat: „Garden of Eden“. Zwar hat sie einen Studienabschluss in Botanik, aber nach ihrer Heirat mit Eric und der Geburt ihrer drei mittlerweile fünfzehn, vierzehn und acht Jahre alten Söhne Nick, Henry und Dan, hat sie diese Idee nie weiterverfolgt. Ob der richtige Zeitpunkt nun gekommen oder zumindest in die Nähe gerückt ist?

Eine Baustelle nach der anderen muss angegangen werden, analog des Ablaufs der Jahreszeiten im Garten und der Kapitelüberschriften: „Late February – Frozen Ground“, „April – Preparing the Ground“, „June – Blooming“. Hortikulturell mit Unterstützung von Gartenbüchern mit Titeln wie „How to have an English Garden“ und „A Year of Perennials“; im Alltag helfen intensive Gespräche mit Eric, dessen Unterstützung immer wichtiger wird.



Susan Senator: 
Dirt – A Story about Gardening, Mothering and Other Messy Business 
Stellated Books, 2011