6. Februar 2014

Elke Pistor: Kraut und Rübchen

Die 32jährige Journalistin Katharina Rübchen erbt von ihrer verstorbenen Tante Marion deren in die Jahre gekommenes Häuschen samt riesigem Kräutergarten. Der Kontakt zwischen den beiden Frauen hat sich in den letzten Jahren mehrheitlich auf Glückwünsche und Grüsse zu Festtagen beschränkt. So stimmen die aus Kindertagen stammenden Erinnerungen in Katharinas Kopf nur bedingt mit der Wirklichkeit überein. Frisch getrennt vom Freund, der gleichzeitig ihr Chef ist, hat sie sich kurzentschlossen eigenmächtig ein paar Tage freigenommen, um sich ihr Erbe anzuschauen. Mit den Hochglanzfotos von perfekten Häusern und Gärten, mit denen sie in der Redaktion zu tun hat, hat dieses nicht viel gemeinsam. Auf dem Dach fehlen Ziegel und der Putz blättert ab. Den urbanen Schlauchbalkon gegen einen Garten einzutauschen, scheint plötzlich nicht mehr so verlockend. Doch als frischgebackene Hausbesitzerin hat Katharina zumindest die Pflicht, einmal nach dem Rechten zu sehen, wenn sie schon mal da ist. Und wie sich herausstellt, gehören auch drei immer wieder ausbüxende Ziegen zur Erbschaft.

Ihrem erzürnten Chef muss Katharina versprechen, einen Artikel übers Landleben abzuliefern. Als sie das Tagebuch einer Vorfahrin findet, die darin ab März 1898 ihr Kräuterwissen für die Nachwelt verewigt hat, gedenkt sie, diese Informationen als Aufhänger zu verwenden. Doch als sie sich intensiv in die Lektüre vertieft, findet sie heraus, dass ihre Urururgrossmutter ihre umfangreichen Pflanzenkenntnisse nicht nur zum Heilen und Lindern von Krankheiten eingesetzt hat, sondern eine beliebte Serienmörderin war. Ihre Taten an grausamen Mitbürgern hat sie ausschliesslich zum Wohl und Schutz für andere Dorfbewohner begangen, die sich nicht selber wehren konnten.

Rasch lernt die Journalistin, deren Fachgebiet ursprünglich ebenfalls Kräuter und Heilpflanzen waren, verschiedene Dorfbewohner kennen, die ihr reichlich suspekt erscheinen, und erfährt, dass das Dorf vor einer wahnwitzigen Spekulation gerettet werden muss. Gleichzeitig keimt beim Lesen der eng in verschiedenen Handschriften beschriebenen Kladde zwischen Zeichnungen und Rezepten in Katharina ein verstörender Verdacht auf. Was hat ihre Tante Marion getan? Was erwarten die Dorfbewohner eigentlich von ihr?

Ausgerechnet Katharina Rübchen, die eigentlich nie richtig erwachsen geworden ist, zu Selbstgesprächen neigt und Verbindlichkeiten scheut und in deren Leben Oberflächlichkeiten dominieren, muss plötzlich Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Und während der Tierarzt sich nicht nur für ihren Kater namens Herr Hoppenstedt und die drei Ziegen interessiert, macht sich die Journalistin daran herauszufinden, was es mit der Übereinstimmung von Blumen und Sträussen im Tagebuch mit solchen auf Grabsteinen von längst verstorbenen Personen, die darin erwähnt werden, auf sich hat. Nicht ohne immer wieder zu befürchten, paranoid zu werden ...

Sämtliche Kapitel beginnen mit einer ganzseitigen Illustration über ein Kraut mit Informationen über dessen Pflanzenfamilie und Verwendungsmöglichkeiten. Der in der aktuellen Zeit handelnde Erzählstrang wird immer genau dann durch den zweiten durchs Buch führenden Faden aus der Vergangenheit unerbrochen, wenn es besonders spannend ist und umgekehrt, so dass sich das Buch als richtiger Seitenumdreher entpuppt.  



Elke Pistor: 
Kraut und Rübchen 
Hermann-Josef Emons Verlag, 2013