1. Juni 2014

Olaf Kolbrück: Keine feine Gesellschaft

Die 42jährige Kriminaloberkommissarin Eva Ritter hat vor drei Monaten aus gesundheitlichen Gründen ihren Dienst quittiert und arbeitet nun mit geregelten Arbeitszeiten als Risk-Management-Beraterin. Mit dem Jobwechsel einher ging für sie die Annahme, sich nie mehr prüfend vor einer Leiche zu finden. Doch nun stösst sie in der Gartengerätebox eines Kleingartens auf eine verrenkte männliche Leiche. Der ungefähr dreissig Jahre alte Verstorbene kommt ihr irgendwie bekannt vor. So hatte sie sich die Gartensaison-Eröffnung, die als Sektfrühstück im Grünen gedacht war, nun wirklich nicht vorgestellt.

Wider Willen nimmt Eva Ritter das Auffinden der Leiche persönlich und gleichzeitig die Herausforderung an, den Mörder zu finden. Nachforschungen führen in die Frankfurter Finanzwelt und in die sogenannt besseren Kreise. Dass die ehemaligen Kollegen bei der Kripo an Eva Ritters Recherchen, mit denen sie diesen immer einen Schritt voraus zu sein scheint, keine Freude haben, muss nicht speziell betont werden. Obwohl, auch von offiziellen Stellen kann sie ganz inoffiziell auf die eine oder andere Information zählen. Und bevor klar ist, wer hinter dem Mord an Jens Lücker, einem Fondsverwalter und der Nr. 2 der Eurobest-Bank steckt, wird ein zweites Mordopfer entdeckt.

Eva Ritters Freundin Doris kennt sich im Kreis der oberen Zehntausend aus und teilt ihr Insiderwissen gerne. Der als Schürzenjäger bekannte Jens Lücker hat seine Kunden mit hohen Renditeversprechen geködert, die er mit einem Schneeballsystem zu finanzieren gedachte. Seine Gartenlaube hat er erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater übernommen und in ein heimliches Privatbüro umfunktioniert.

Die nebenberuflichen Ermittlungen von Eva Ritter wechseln ab mit Einblicken ins Privatleben der Ex-Kommissarin. Vor drei Jahren hat ihr Mann die gemeinsame Wohnung verlassen und kam nie mehr nach Hause. Besonders authentisch werden Eva Ritters Ängste vor der definitiven Diagnose ihrer mysteriösen Muskelerkrankung geschildert. Will oder muss sie tatsächlich wissen, an welcher Krankheit sie leidet? Ohne genaue Diagnose kann die Krankheit allenfalls besser ignoriert werden. Ist die Mörderjagd eine Ablenkung von ihren Sorgen und sollte sie ihre begrenzten Kräfte nicht besser für ihren „richtigen“ Job einsetzen?

Ein Lichtblick im Leben der kranken Frau ist das herzliche Verhältnis zu ihrer 20jährigen Tochter. Gerade letztere sorgt im Lauf der Handlung für einige Überraschungen mit ihrem Beziehungs- und Hormonstatus.

Zwar beschränkt sich der hortikulturelle Hintergrund auf den Fundort der Leiche in der Kleingartenanlage, die Befreiung einer Quitte vom Winterschutz und Blumensamen für einen Gefängnisaufenthalt. Diese Tatsachte sollte aber kein Anlass sein, auf die Lektüre zu verzichten.  



Olaf Kolbrück: 
Keine feine Gesellschaft 
fhl Verlag Leipzig UG, 2012