1. Februar 2012

Carol Olwell: Gardening from the Heart – Why Gardeners garden

Beim Zusammenfassen meiner Gedanken nach der Lektüre von gelesenen Büchern, die ich hier im Blog vorstelle, merke ich immer häufiger, dass mich die Gärtner und ihre Beweggründe zu gärtnern oft beinahe mehr interessieren als das Resultat – sprich der Garten – selber. Genau in dieses Bücher-Beuteschema passt auch die aus dem Jahr 1990 stammende Publikation „Gardening from the Heart“ von Carol Olwell. Unter den Begriffen „The Garden as Paradise“, „The Garden as Provider“, „ The Garden as Teacher“ und „The Garden as Healer“ stellt sie die unterschiedlichsten Persönlichkeiten vor.

Mary Kenady ist auf der Suche nach der absoluten Schönheit und unermüdlich bestrebt, diese Vision zu erreichen. Loie Benedict begann zwar erst im Alter von 68 Jahren, ihre gesamte Zeit dem Garten zu widmen, verbringt nun aber regelmässig sechs bis zehn Stunden pro Tag in und mit ihm und denkt selber gelegentlich, sie sei wohl etwas verrückt, sich in ihrem Alter und trotz heftiger Rückenschmerzen noch dermassen abzuplagen. Da dem Garten und Gärtnern jedoch ihr Hauptinteresse gilt, schiebt sie solche Überlegungen gleich wieder von sich. Schliesslich ist sie schlicht und einfach süchtig.

Bob Shepard gärtnert in der Wüste. Mit Ideenreichtum und viel Mühe hat er der unwirtlichen Landschaft ein Stück abgetrotzt und in eine Oase verwandelt. Und wenn ein Strauch angesichts der schwierigen Bedingungen kapituliert und abstirbt, ist das nicht weiter tragisch, sondern schafft im Gegenteil willkommenen Platz für neues.

Sarah Nichols fand die minimale Grösse ihres Gartens problematisch. Das brachte sie auf die Idee, mit ihrer 110jährigen (!) Nachbarin einen Deal abzuschliessen. Nachdem die trennenden Zäune entfernt worden sind, pflegt Sarah nun ohne Entgelt deren Garten nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen. Und schon bald nach der Vergrösserung ihres Arbeitsfeldes konnte sie das gleiche Abkommen mit der Nachbarin auf der anderen Seite des Gartens abschliessen und verfügt nun über ausreichend Fläche, um sich im grünen Bereich nach Herzenslust auszutoben.

Weitere interessante Stichworte aus dem Buch sind „Plantaholics“, „Meine Verbindung zum Garten ist eine Liebesbeziehung“, „meine Nachbarn bezeichnen mich als hortikulturellen Imperialisten“, „Ich habe meine Nachbarin erschreckt, weil ich sie mich dabei erwischt hat, wie ich mich bei einer Rose für den nötigen Rückschnitt entschuldigt habe“, „… meine Bäume gehören für mich zur Familie und sind eine Art Ersatz für die weit entfernt wohnenden Familienmitglieder“. Die portraitierten Menschen gärtnern unter den unterschiedlichsten klimatischen und sozialen Bedingungen und wir erfahren von Problemen, die sich in der Wüste stellen oder in Alaska, welche Hindernisse in einer Gefängnisgärtnerei zu überwinden sind und von teilweise recht eigenwilligen und ungewöhnlichen Lösungsansätzen.

Das Buch „Gardening from the Heart“ ist vor über zwanzig Jahren erschienen, hat aber nichts an Aktualität eingebüsst. Wie die vorgestellten Gärtner wohl heute gärtnern und ihre Gärten aussehen? Bei der Lektüre dieser Publikation kommt man nicht darum herum, sich zu überlegen, ob und was in Sachen damals erträumter Ökologie realisiert worden ist. Im Anhang des Buches wird auf rund dreissig Seiten ausführlich über Pestizide und ihre Auswirkungen informiert. Eine ursprünglich aus Schweden stammende Frau erzählt an einer anderen Stelle im Buch von aufrüttelnden Telefonaten mit ihrer Familie in Nordeuropa, wo Jahre nach dem Reaktor-Unglück von Tschernobil noch immer mit gemischten Gefühlen Gemüse angepflanzt und gegessen wird. Und wie sieht es heute aus, nicht einmal ein Jahr nach Fukushima? Die Katastrophe ist in den meisten Köpfen wieder in den Hintergrund gerückt und längst dominieren andere Nachrichten die Schlagzeilen…



Carol Olwell:
Gardening from the Heart – Why Gardeners garden
Antelope Island Press, 1990