1. Oktober 2015

Lisa van Allen: The Night Garden

Zwischen Olivia Pennywort und allem, was Wurzeln in die Erde schickt, besteht seit jeher eine enge Verbindung. Die neunundzwanzigjährige Frau hat aber auch ihre guten (sprich lebenswichtigen) Gründe, die Nase direkt in ihre Pflanzen zu stecken, braucht sie diese doch als existenzielles Elixier. Schon als vierjähriges Kleinkind hat sie in ihrer Umgebung für Aufregung gesorgt, weil Grünzeug unter ihrer Fittiche merkwürdig gut gedieh. Diese Tatsache war nämlich nicht nur auf die ausgezeichnete Erde von Pennywort zurückzuführen. Doch Olivia hat erst viel später herausgefunden, dass ihre Begabung etwas Spezielles ist und welche Konsequenzen und Einschränkungen damit verbunden sind.

Ihr ganzes bisheriges Leben hat Olivia auf dem Familienbesitz der Pennyworts in Green Valley verbracht und sie verlässt seit vielen Jahren das Grundstück überhaupt nicht mehr. Ihre Tage sind hauptsächlich mit Arbeit ausgefüllt, bei der sie von den „Penny Loafers“ unterstützt wird, denen sie für ihre Hilfe Kost und eine einfache Unterkunft anbietet. Diese saisonalen Arbeitskräfte sind praktisch der einzige Kontakt zur Aussenwelt. Und auch vor diesen versucht sie, um jeden Preis ihr schreckliches Geheimnis zu verbergen. Ihr Körper wirkt auf andere Menschen wie eine schwer giftige Pflanze und löst bei jeder Berührung im Gegenüber je nach Sensibilität gesundheitsgefährdende Allergien aus.

Olivia steckt ihre ganze Energie in ihre Gärten, in denen Pflanzen aller Arten um die Wette blühen. Ein Irrgarten offenbart den oft von weither angereisten Besuchern, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Die Ratschläge sind oft ebenso unverblümt wie brutal. Zur Pennywort Farm gehören Felder, Wälder und Gartenräume zu unterschiedlichsten Themen, etwa ein Streichelgarten, ein Giftgarten, ein Steingarten sowie ein Moosgarten um nur einige zu nennen. Von grünen Hecken eingerahmt wachsen Phloxe, Rosen, Orchideen, Bougainvillea, Prunkwinden und der eine wichtige Rolle spielende Efeu. Lebt Olivia hier im Paradies oder vielleicht doch eher in einem Gefängnis?

Eigentlich ist die junge Frau mit ihrem Leben ganz zufrieden, als ihr Jugendfreund Samuel van Winkle nach vielen Jahren plötzlich wieder in ihrem Leben auftaucht. Der Mann mit einem Flair für Pilze kann nach einem schweren Unfall nichts mehr fühlen. Er, der aus einer Familie von tatkräftigen Helden stammt, spürt nicht, ob ein Badetuch nass oder trocken ist oder kratzig oder flauschig. Sein neuer Job bei der Polizei überfordert ihn in vielen Situationen, doch er möchte endlich herausfinden, warum Olivia die gemeinsame Kindheit und intensive Teenager-Liebesbeziehung vor bald eineinhalb Jahrzehnten ohne Angabe von Gründen abrupt abgebrochen hat.

Ein Schlüssel zur Lösung liegt beim 83jährigen Arthur Pennywort. Der verwitwete Vater von Olivia, dessen eigenes Leben 1969 mit dem in der Nähe des Green Valley stattfindenden Woodstock Festivals seinen scheinbar schon fest vorgezeigten Weg verlassen hat, kämpft seit Jahren gegen die Folgen an, die sein eigener Egoismus freigesetzt hat. Wie ein wildes Tier haust er in einer Schlucht und versucht erfoglos, seine Sünden auszubügeln. Sein Gewissen lässt ihm keine ruhige Minute und seine Sturheit bringt die eigene Tochter in zusätzliche Schwierigkeiten.

Nicht nur Sam bringt Olivias Leben durcheinander. Einer neuen Nachbarin, die aus der Stadt zugezogen ist, missfallen etliche Dinge auf dem Land. Sie macht es sich zur Aufgabe, ordentlich aufzuräumen. Ein Dorn im Auge sind ihr etwa die angeblich unzufriedenen „Penny Loafers“, für die sie eine ordentliche Unterbringung organisiert, und sie möchte Olivias angeblich völlig vernachlässigten Vater in ein Heim stecken lassen.

Eine magische Erzählung mit mysteriösen und märchenhaften Elementen, für Leserinnen und Leser, die nicht jeden Satz auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen wollen und müssen.  



Lisa van Allen: 
The Night Garden 
Ballantine Book, 2014