24. Mai 2014

Amanda Coplin: Im Licht von Apfelbäumen

Als Junge ist der Einzelgänger Talmadge in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Mutter und der Schwester in den Nordwesten Amerikas gekommen, wo er noch immer lebt. Erste Apfelbäume wurden gleich nach der Ankunft gesetzt und laufend zu einer grossen vielfältigen Obstplantage ergänzt – Gravensteiner, Rhode Island Greenings aber auch Walnüsse, Aprikosen und Pflaumen gehören zum umfangreichen Sortiment des mittlerweile vierzig Jahre alten auf  zehn Hektaren angewachsenen Obstgarten. Die Mutter ist vor vielen Jahren gestorben und die ein Jahr jüngere Schwester Elsbeth irgendwann spurlos im Wald verschwunden. Das Nichtwissen über deren Schicksal gärt auch nach Jahrzehnten noch pausenlos in dem grossen breitschultrigen Mann mit vernarbtem Gesicht und beschäftigt ihn während er mit seinen Bäumen arbeitet.

Talmadge führt ein sehr zurückgezogenes Leben und setzt seine Kräfte gänzlich in die Erfüllung seines strengen Tagwerks, das aus Beschneiden, Ernten, Pflegen und dem Pflanzen von Ersatzbäumen besteht. Befriedigung findet er in Ordnung und Struktur.Als seine einzigen Freunde können die Hebamme und Heilpflanzenkennerin Caroline Midday und Clee bezeichnet werden. Letzterer ist zwar nicht taub, spricht aber mit niemandem.

Als Talmadge eines Tages in der Stadt seine Äpfel und Aprikosen verkauft, wird er von zwei jungen schwangeren Mädchen bestohlen. Fortan begegnet er den beiden unvermittelt in sein ruhiges Leben geplatzten Mädchen immer wieder. Die drei beobachten sich gegenseitig, kommen sich aber nicht richtig näher und reden auch nicht miteinander. Die jungen Frauen schauen Talmadge bei seiner Arbeit an den Obstbäumen zu und er stellt ihnen immer wieder Essen auf die Veranda, das sie im Gras kniend schweigend essen. Der Mann wirkt trotz seiner Grösse dank seiner langsamen und bedächtigen Bewegungen freundlich und nicht angsteinflössend und er richtet den beiden Hochschwangeren sogar eine eigene Hütte ein. Diese nehmen zwar seine Mahlzeiten an, ignorieren ihn aber ansonsten wochenlang weitgehend.

Dann setzen bei beiden Schwestern am gleichen Tag Wehen ein. Während Della ihre Zwillinge tot gebärt, bringt Jane mit Hilfe der von Talmadge herbeigerufenen Caroline eine Tochter auf die Welt. Für ein paar wenige Wochen pendelt sich eine neue Routine ein – die beiden blutjungen Mütter kümmern sich gemeinsam und mit Unterstützung von Caroline mehr oder weniger pflichtbewusst um das Baby Angelene. Doch dann werden die beiden Mädchen von ihrer Vergangenheit wieder eingeholt. Ihr Peiniger taucht auf der Obstplantage auf und ein weiteres tragisches Kapitel im von sexueller Ausbeutung geprägten Leben der beiden jungen Frauen wird aufgeschlagen, während das Schicksal Talmadge gleichzeitig eine neue Aufgabe zuteilt.

Eine unaufgeregte, aber trotzdem berührende Geschichte über den schwierigen Alltag einer zusammengewürfelten Familie, in der oft wird mehr geschwiegen als gesprochen wird. Offen bleibt, welches Leben Angelene am Ende als Erwachsene ohne ihre kleine Familie führt.  



Amanda Coplin: 
Im Licht von Apfelbäumen 
Arche Literatur Verlag, 2013