20. Februar 2016

Philippa Pearce: Tom's geheimer Garten

Nach über einem Jahrzehnt erscheint dieses lesenswerte Kinder- und Jugendbuch wieder in einer deutschen Ausgabe. Aus diesem Anlass veröffentliche ich hier nochmals meine Buchvorstellung aus dem September 2012:

Tom ist schwer enttäuscht. Aus seinem Vorhaben, während der Schulferien zusammen mit seinem Bruder Peter auf dem alten Apfelbaum im elterlichen Garten ein Baumhaus zu bauen, wird nichts. Weil Peter nämlich die Masern hat, muss Tom zu Tante Gwen und Onkel Alan in Quarantäne. Die beiden sind zwar recht nett, wohnen aber sehr beengt und haben leider keinen Garten.

Doch die langweiligen Ferien entpuppen sich unvermittelt als spannendes Abenteuer, als Tom nachts schlaflos im Bett liegt und sich darüber wundert, warum die alte Standuhr im Erdgeschoss des Hauses um Mitternacht dreizehnmal die Stunde schlägt. Neugierig steht der Junge auf und möchte der Sache auf den Grund gehen. Im Schlafanzug verlässt er die Wohnung und entdeckt als er die Hintertüre öffnet einen richtigen Traumgarten. Dabei hatten Tante und Onkel ihm doch versichert, hinter dieser Türe ständen nur Abfalleimer herum. Doch nun steht Tom nicht vor einem schäbigen Platz, sondern vor einer grossen Rasenfläche und blickt auf überbordende Blumenbeete, Bäume und ein riesiges Gewächshaus. Er hat unverhofft den idealen Platz gefunden, um abwechslungsreiche Ferien zu verbringen!

Zurück im Bett wundert sich Tom, ob er alles nur geträumt hat. Am nächsten Morgen möchte er seine Verwandten der Lüge überführen. Doch als er selber bei Tageslicht die Hintertüre des Miethauses öffnet, ist da kein Traumgarten. Es stehen tatsächlich nur Abfallkübel herum und ein Mann liegt unter einem alten Auto, das er gerade repariert.

Doch so einfach gibt Tom nicht auf. Nacht für Nacht verlässt er nun leise sein Bett und vergnügt sich im geheimen Garten. Tagsüber schreibt er Briefe an seinen Bruder Peter, die dieser nach der Lektüre sofort vernichten soll. Kein Erwachsener soll von den nächtlichen Erlebnissen erfahren! Tom erzählt in den Briefen von den verschiedenen Jahreszeiten, die er im Garten erlebt und von Hatty, einem Mädchen aus einer anderen Zeit, das er im Garten kennengelernt hat und mit dem er im Garten Verstecken spielt und sogar ein Baumhaus baut.

Diese Parallelwelt zwischen zwölf und ein Uhr nachts ist zwar ziemlich merkwürdig, doch Tom geniesst den Garten und kümmert sich zunächst nicht um Ungereimtheiten. Seltsam findet er lediglich, dass er für (fast) alle anderen Hausbewohner in dieser Nebenwelt unsichtbar ist und sogar durch geschlossene Türen hindurchgehen kann. Nichtsdestotrotz versucht Tom mit Hilfe von Büchern über Kleiderstile und anhand von Hattys Bemerkung, dass eine Königin das Land regiert, herauszufinden in welchem Jahrhundert das Mädchen lebt.

Ausserdem möchte er bald mehr wissen über das Geheimnis, das hinter der alten Uhr steckt, die dreizehn Stunden schlägt. Während Tom im Garten immer gleich alt ist, entwickelt sich Hatty vom kleinen Mädchen, das den Tod seiner Eltern beweint, zu einem Teenager, der sich darüber beklagt, dass Tom nur alle paar Monate in den Garten kommt. Tom jedenfalls gefällt es bei Onkel und Tante mittlerweile so gut, dass er am liebsten gar nicht mehr nach Hause fahren möchte. Jedenfalls ganz sicher nicht, bis er herausgefunden hat, was es mit dem geheimen Garten auf sich hat.

Dieses Kinderbuch ist vor längerer Zeit auch auf Deutsch erschienen. Der Titel „Als die Uhr dreizehn schlug“ ist aber nur noch antiquarisch erhältlich. Der gleichnamige Film mit dem Titel „Tom’s geheimer Garten – Als die Uhr 13 schlug“ hält sich mit Ausnahme der gut passenden Rahmenhandlung an die mit Literaturpreisen ausgezeichnete Vorlage aus dem Jahr 1958. Eine fantasievolle, gut durchdachte Erzählung, die sich auch für Erwachsene zu lesen lohnt!



Philippa Pearce: 
Tom's geheimer Garten
Aladin Verlag, 2016

Tom’s Midnight Garden 
Harper Trophy Edition, 1992 

Film von William Carrol: 
Tom’s geheimer Garten – Als die Uhr 13 schlug 
3L Film GmbH, 2012

10. Februar 2016

Heather Tullis: Hello Again

Piper Daniels kümmert sich neben ihrem Vollzeit-Job bei einem Zahnarzt um ihren dreizehn Jahre jüngeren autistischen Bruder Spencer als wäre er ihr Sohn und sorgt mit ihrem Einkommen massgeblich zum Unterhalt des vaterlosen drei-Personen-Haushalts bei, der nichtsdestotrotz mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Immer wieder belasten unerwartete Ausgaben das knappe Budget. Zuletzt hat Spencer mit seinen beiden besten Freunden, die Piper sowieso ein Dorn im Auge sind, in einem verlassenen, halb zerfallenen Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft etliche Scheiben zerbrochen, die nun ersetzt werden müssen.

Piper ist eine strenge Schwester, die auf Konsequenzen für schlechtes Verhalten beharrt, aber auch sehr liebevoll. Immer wieder sucht sie nach Möglichkeiten, wie ihr Bruder während seiner Freizeit sinnvoll beschäftigt werden kann. Schliesslich reift in ihr die Idee, in der heruntergekommenen Wohngegend einen Gemeinschaftsgarten auf die Beine zu stellen. Piper hat vor dem Tod ihres Vaters während der zweiten Schwangerschaft ihrer Mutter auf dem Land gelebt und selber gerne mit ihren Händen in der Erde gewühlt, Blumen gepflückt und Erbsen geerntet.

Nun träumt sie von Früchten, Gemüse, Blumen und Kräutern, die im „Crystal Creek Community Garden“ von Jugendlichen und Kindern mit ihren Lehrpersonen gemeinsam angepflanzt, gepflegt und geerntet werden. So wären die Jugendlichen während dem Sommer beschäftigt, fühlten sich nützlich, und gleichzeitig würde die Nachbarschaft aufgewertet. Pipers Konzept ist schon recht weit gediehen. Sie hat nächtelang Gartenwebseiten studiert und wird in ihrem vielversprechenden Projekt von ihren beiden Freundinnen unterstützt. Mehrere in Frage kommende Areale hat sie bereits auf ihre Tauglichkeit geprüft. Ein Gelände scheint von Lage und Grösse her besonders ideal zu sein. Zwar verschwindet aktuell der gesamte Boden unter Tonnen von Abfall, aber dieses Problem will die in der Nachbarschaft gut vernetzte Piper mit einem Aufräum-Tag aus der Welt schaffen.

Die Endzwanzigerin bereitet ein Gesuch für einen Pachtvertrag an den Landbesitzer vor. Als sie erfährt, dass das Land der Stone Enterprise gehört, zögert sie, das Schreiben abzuschicken. Vor zehn Jahren hatte sie nämlich als Siebzehnjährige einen Sommer lang eine vielversprechende Beziehung mit dem jetzigen Firmeninhaber Reece Stone. Dann ist Reece ohne Erklärung aus ihrem Leben verschwunden und hat Piper am Boden zerstört zurückgelassen. Nun geht Piper optimistisch davon aus, dass sich Reece bestimmt nicht mit Anfragen wie der ihren beschäftigt. Doch nachdem dieser das Gesuch mit ihrem Namen studiert hat, erklärt Reece Stone das Anliegen zur Chefsache und lädt Piper ein, ihr Projekt persönlich vorzustellen.

Zehn Jahre sind seit ihrer letzten Begegnung vergangen, doch beide können eine gewisse Anziehungskraft nicht leugnen. Piper akzeptiert die geschäftliche Zusammenarbeit mit Reece, lässt ihn aber nicht an sich heran, da sie ihm nie vergeben hat, sich ohne Erklärung aus ihrem Leben geschlichen zu haben. Sind seine aktuellen Absichten seriös? Oder hilft er ihr nur beim Gartenprojekt, wenn sie seinem deutlichen Werben nachgibt? Reece drängt sich immer mehr in ihr Leben. Er freundet sich mit ihrem Bruder Spencer an und engagiert sich für die Landvergabe zu Gunsten des Gemeinschaftsgartens. Ausserdem unterstützt er sie beim Zusammenstellen einer Präsentation, beim Sammeln vom Spenden und bringt sie mit wichtigen Leuten zusammen. Eine Gönnerin gibt Piper den Tipp, als Gegenleistung für grosszügige Spenden die Verewigung des Spendernamens auf Treppenstufen anzubieten.

Plötzlich ist da ein Kaufinteressent, der genau das für den Gemeinschaftsgarten vorgesehene Land erwerben will. Die Offerte ist deutlich unter dem Landwert, doch Reece hat auf den Vergabeentscheid nur beschränkt Einfluss, da über dieses Geschäft ein Gremium aus mehreren Personen zu befinden hat. Auch im privaten Bereich hat Piper etliche Probleme zu lösen - die einen in ihrem unmittelbaren Umfeld, andere werden ausgelöst durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten, aus denen sie und Reece stammen. Die junge Frau mag nicht glauben, wer vor zehn Jahren Reece aus ihrem Leben vertrieben hat und versteht nicht, warum ihre Mutter sich immer mehr von Spencer zurückzieht und ihr die Verantwortung aufbürdet.

„Hello Again“ ist als erster Titel der „In the Garden Series“ überschrieben – auf eine Fortsetzung des Romans bin ich schon jetzt gespannt.  



Heather Tullis: 
Hello Again 
Jelly Bean Press, 2015

1. Februar 2016

Stefanie Syren (Text) und Elke Borkowski (Fotos): Pflanzen-Schätze – Sammler, ihre Gärten und ihre faszinierende Leidenschaft

Grossformatige Bücher haben es nach wie vor schwer, meine Aufmerksamkeit derart zu fesseln, dass ich sie erwerbe und dann auch lese. Sie sind ihrer Grösse wegen weder als Bett- noch als Pendlerlektüre geeignet, und auf dem Regal herrscht bei Büchern, die nicht im Taschenbuchformat daherkommen, absolute Platznot.

Als vor Jahresfrist die grösste hiesige Buchhandlung vor der Schliessung stand, bin ich wiederholt an der Publikation „Pflanzen-Schätze“ vorbeigelaufen und habe mich redlich bemüht, sie zu ignorieren. Kurz vor dem letzten Ladenschluss habe ich mich ihrer dann doch erbarmt und seither liegt sie quer über anderen Büchern, dem tatsächlich letzten Platz für grosse Bücher. Der Boden ist nämlich tabu. Wäre tabu. Denn dort stolpere ich bald einmal über die immer zahlreicher werdenden Schulordner.

Natürlich bin ich den „Pflanzen-Schätzen“ vor und nach dem Erwerb auch in den Medien immer wieder begegnet. Weder die Auszeichnung mit dem Gartenbuchpreis, noch verlockende Rezensionen konnten mich aber dazu verleiten, dem Buch mehr als die gelegentlich notwendige Sekunde zum Abstauben zu widmen. Über die letzten Feiertage habe ich mir nun die Zeit genommen, es endlich zu lesen.

Von Aurikeln über Cyclamen, Hamamelis, Mohn bis zu Rosen – die Auslöser der hier beschriebenen Passionen sind vielfältig und oft beschränkt sich die Pflanzensammelleidenschaft nicht auf ein einzelnes Gebiet. Einige der Sammler waren mir bereits bekannt, da ich schon öfters über sie gelesen habe oder wie im Fall der Hosta-Liebhaberin früher gelegentlich auf dem Blog herumgstöbert habe. Doch einige Namen sind richtige Neuentdeckungen – sowohl in Sachen Sammler wie in Sachen Sammlung. Etliche der Portraitierten führen haupt- oder nebenberuflich eine Spezialgärtnerei, in denen ihre Lieblinge erworben werden können, und oft beschäftigen sie sich nicht nur mit der Vermehrung, sondern auch der Züchtung ihrer Lieblingspflanzen.

Da sind Fingerhüte in einem langen, schmalen Beet vor einer Eibenhecke beneidenswert perfekt in Szene gesetzt, in einem anderen Garten kann der Kerzenknöterich als Herr der Beete bezeichnet werden, derweilen die vielen EU-Vorschriften mitschuldig sind, dass sich eine Viehzüchterin in eine Ilex-Spezialgärtnerin verwandelt hat. Und dominieren im niederländischen Ede Cyclamen, bei den die Formen und Zeichnungen der Blätter die Blütenpracht in den Hintergrund rücken lassen, sind es in Oterleek fast unendlich lange Narzissenfelder, in denen dicht gepflanzte historische Sorten um die Gunst der Betrachterin buhlen, und das Auge erfreuen.

Die einzelnen Portraits werden grosszügig von aussagekräftigen Fotos begleitet. Die Texte dünken mich aussergewöhnlich gut verfasst und verschafften mir einige Neuzugänge für meine Sammlung spezieller Formulierungen, wie etwa „über den botanischen Tellerrand gucken“. Noch wichtiger sind aber natürlich die spannenden Einblicke in die unterschiedlichen Wege und oft ähnlichen oder sogar identischen Ziele der Sammler, die sich in den Geschichten erfahren lassen.

Die gelungene Publikation wird durch ein ausführliches Stichwortverzeichnis abgerundet. Im Anhang finden sich ausserdem nützliche Adressen. Besonders nützlich sind jene der vorgestellten Sammler und ihrer Pflanzen-Schätze – nützlich vielleicht im Rahmen der Planung einer Reise zwecks Anpassung der Route. Denn wohl jede dieser Sammlungen lohnt einen kleinen oder grösseren Umweg, um sie mit eigenen Augen betrachten zu können.



Stefanie Syren (Text) und Elke Borkowski (Fotos):
Pflanzen-Schätze – Sammler, ihre Gärten und ihre faszinierende Leidenschaft 
BLV Buchverlag, 2014