20. März 2015

Robyn Carr: Liebeserwachen in Virgin River

Seit Studienabschluss hat die heute zweiunddreissigjährige Gilian Matlock für den gleichen Betrieb gearbeitet, zuletzt als Verantwortliche für die Unternehmungskommunikation. Auch dank ihrem unermüdlichen Arbeitseinsatz – wöchentliche Arbeitszeiten bis zu 80 Stunden sind die Regel - hat sich die IT-Firma ihres Mentors finanziell zu einer Goldgrube entwickelt und auch Gilians Bankkonto hat davon profitiert. Deshalb zieht es ihr völlig den Boden unter den Füssen weg, als sie wegen einer willkürlichen Anklage im Interesse des guten Rufes ihres Arbeitgebers von einem Tag auf den anderen ihren Arbeitsplatz räumen und sich für ein paar Monate freistellen lassen muss. Sie kann selber nicht begreifen, wie sie sich von einem Mann derart hat hinters Licht führen und ausnutzen lassen können.

Was soll ein Workaholic samt angekratztem Selbstbewusstsein mit dermassen viel freier Zeit anfangen? Gilian macht sich spontan auf nach Virgin River, das sie von einem früheren Urlaub kennt. Während einem Spaziergang entdeckt sie ein grosses leerstehendes viktorianisches Haus mit viel Umschwung, das sie an das kleine Häuschen ihrer Urgrossmutter erinnert, in dem sie aufgewachsen ist, und wo sie schon als kleines Mädchen ihre Aufgaben im Garten zu erledigen hatte. Da für die Immobilie noch kein Käufer gefunden werden konnte, kann sie diese für ein halbes Jahr mieten.

Die junge Frau fängt zunächst planlos an, den Garten vom Unkraut zu befreien. Das intensive Gärtnern lenkt Gilian davon ab, konkrete Zukunftspläne zu schmieden. Und plötzlich ist da der Wunsch, Gemüse und Salate anzupflanzen, die schon im Garten ihrer Nana gewachsen sind. So gründlich wie Gilian zu arbeiten pflegt, geht sie auch das "Projekt Garten an" und stellt gleich einen Helfer ein. Mit dessen Unterstützung lässt sie das Grundstück einzäunen, um Rehe fernzuhalten, und zwei Gewächshäuser aufstellen. Sie lässt mehr Land roden, um weitere Gemüsebeete anzulegen, den Boden untersuchen, kauft Anzuchterde und Samen. Und sie beginnt nicht nur Gemüse, sondern im übertragenen Sinn auch ihre Zukunft anzupflanzen.

In ihren Gärten gedeihen schon bald Mangold, Lauch, Gurken, Bohnen, Kürbisse, Tomaten und verschiedene Salate sowie Babymelonen, roter Rosenkohl, winzige Rote Beete und Mini-Auberginen. Die geerdete Gärtnerin fühlt sich wohler als je zuvor und beschliesst, einen professionellen Bioanbaubetrieb mit Spezialisierung auf exotische und alte Frucht- und Gemüsesorten auf die Beine zu stellen.

Nicht nur im Garten grünt und blüht es. Gilian lernt schon bald nach ihrer Ankunft in Virgin River den talentierten vierzigjährigen Maler Colin Riordan kennen. Der begeisterte Flieger, dessen vielversprechende Karriere als Hubschrauberpilot durch einen Absturz, den er nur mit viel Glück überlebt hat, ein abruptes Ende gefunden hat, wurde zwar von den Ärzten wieder zusammengeflickt, hat aber wegen einer kurzen Schmerzmittelabhängigkeit und illiegalem Medikamentenhandel keine Chance, in den USA wieder beruflich fliegen zu können. Er hat bereits ein Flugticket nach Afrika gekauft, wo er als Buschpilot Arbeit und als Maler interessante Motive zu finden hofft. Bis zu seiner fest geplanten Abreise im Herbst, lebt er in einer Hütte in Virgin River, um weiter zu gesunden und Tiere zu malen.

Die beiden in jüngster Zeit vom Leben enttäuschten Menschen scheinen für einander geschaffen, obwohl von Beginn an klar ist, dass mit dem Ende des Spätsommers ein jeder seine eigenen ursprünglichen Pläne durchziehen wird. Kann eine befristete Beziehung mit Verfalldatum funktionieren? Lassen sich das Leben und die Liebe so einfach planen?

Das Buch „Liebeserwachen in Virgin River“ ist Teil einer Serie. Da die Erzählung in sich abgeschlossen ist, kann sie aber gut nur für sich alleine gelesen werden. Die von Robyn Carr geschaffenen Charaktere sind allesamt sehr sympathisch und glaubwürdig, zuweilen allerdings schon fast zu perfekt. Gelegentliches Kopfschütteln hervorrufen allerdings Stellen wie jene, wo es heisst, eine Wohnfläche von 180 Quadratmeter für eine einzelne Person sei sehr wenig. Nichtsdestotrotz wieder einmal ein Buch, das bedenkenlos als Gartenroman empfohlen werden kann. Da übersieht die Sofagärtnerin doch grosszügig einzelne hortikulturelle Ungereimtheiten, wie etwa die Bezeichnung "Busch" für Hyazinthen.



Robyn Carr: 
Liebeserwachen in Virgin River 
Mira Taschenbuch, 2013

10. März 2015

Joan Hessayon: Capel Bells

Ein vermeintlich lukrativer Auftrag führt die aus einfachen Verhältnissen stammende junge Floristin Charlotte Blair nach Capel Manor. Von diesem ersten Grossauftrag seit der Eröffnung ihres eigenen Geschäfts in London verspricht sie sich nicht weniger als den Einstieg in die „Upper Class“. Doch während Charlotte die grosszügigen Räume inspiziert, ihre Dekorationsideen formuliert und Pläne schmiedet, stirbt der betagte Gatte der etwaigen Auftraggeberin. So verliert Charlotte auf einen Schlag nicht nur ihr verheissungsvolles Mandat, sondern sie verbaut sich durch ihre nicht standesgemässe Reaktion auf die Annullierung gleichzeitig die Hoffnung auf einen Zugang zu attraktiven und einträglichen Folgeaufträgen.

Doch die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Charlotte gibt sich nicht so einfach geschlagen. Nachdem die Besitzerin von Capel Manor kurze Zeit später ebenfalls verstirbt, ergreift die junge Frau die Möglichkeit, das Anwesen für ein halbes Jahr zu mieten. Damit übernimmt sie grosse finanzielle Verpflichtungen, aber auch eine grosse Verantwortung, zu denen das Führen und Bezahlen des Personals gehört. Ihre eigenen liquiden Mittel sind sehr bescheiden, doch sie erhält Unterstützung vom langjährigen Familienfreund Vic. Nichtsdestotrotz hat sie sich mit dem Halbjahresvertrag eine riesige Bürde aufgehalst, um ihrem Ziel berühmt zu werden, einen Schritt näher zu kommen.

Rasch stellt Charlotte fest, dass der Chefgärtner von Capel Manor sein eigenes Ding durchzieht. Statt sich gemäss seinem Pflichtenheft um die Gärten zu kümmern, widmet er sich hauptsächlich der Zucht seiner Lieblingsblumen, den Fuchsien. Ignorierend, dass niemand der Herrschaften Gefallen, geschweige denn ein minimales Interesse an diesen Pflanzen hatte oder hat. Obwohl Charlotte bemerkt, dass sie vom Gärtner ganz offensichtlich betrogen wird, zieht sie keine Konsequenzen. Und während der Gärtner von einer perfekten Fuchsien-Züchtung träumt, nutzt er diese Schwäche schamlos aus.

Doch auch an anderen Fronten ziehen Gewitterwolken auf. Nicht nur bleiben Einladungen und Aufträge von Nachbarn aus, Vic und seine Freunde ziehen die gutgläubige Charlotte in illegale Geschäfte hinein, die nach dem Schneeballprinzip funktionieren. Mehr schlecht als recht beginnt das Blumengeschäft schliesslich aufzublühen. Aber Charlotte ist keine Geschäftsfrau, sondern eine Künstlerin, die mit Blumen Kunstwerke schafft und auch mit dem Zeichnungsstift umzugehen vermag. Und während ihre reiche Kundschaft ihre Rechnungen oft erst nach Wochen oder sogar Monaten bezahlt, muss sie Auslagen für Blumen, Vasen und Dekorationen sofort bar bezahlen, was ihre finanziellen Verhältnisse trotz steigenden Umsätzen nicht unbedingt verbessert.

Das Pech scheint an Charlotte zu kleben. Immer wieder werden Aufträge abgesagt, weil ihr etwa die Schuld angelastet wird, dass Anwesen jeweils unmittelbar nachdem sie von ihr dekoriert worden sind, ausgeraubt werden. Dann steht eines Tages unerwartet Matthew Warrender, der Erbe von Capel Manor, vor der Türe, der seit Jahren im fernen Osten lebt und nichts von der Vermietung seines Landsitzes weiss.

Warrender ist beeindruckt von Charlottes Hartnäckigkeit und ihrem Kampfgeist und verschafft ihr den Kontakt zu englischen Gartengrössen wie Gertrude Jeykyll und Edward Augustus Bowles. Als er von den krummen Geschäften von Vic erfährt, verlangt er von diesem, dass er alle Aktien zum Rückkauf anbietet. Doch da die Anleger bereits einmal eine hohe Dividende ausbezahlt erhalten haben, die mit nachfolgenden Investitionen finanziert worden ist, wittern sie einen Betrug und glauben, sie sollen um hohe künftige Erträge geprellt werden.

„Capel Bells“ ist eine etwas altmodisch anmutende Lektüre rund Blumen, Gärten und Verwirrungen in der Liebe, die sich (nicht nur) ausgezeichnet als Abwechslung zu Gesetzestexten und Verordnungen empfiehlt. Von Joan Hessayon habe ich schon früher einmal einen Roman vorgestellt: The Helmingham Rose.



Joan Hessayon: 
Capel Bells 
Corgi Books, 1995

1. März 2015

Teresa Simon: Die Frauen der Rosenvilla

Schokolade: ein Erzeugnis aus Kakao, Fett, Zucker und anderen Zutaten wie exotischen Früchten, Gewürzen oder auch mal Pilzen und Datteln. Kann sinnlich sein, dunkel, seidig, glatt, bitter, fremd, aber auch vertraut und vermittelt Glück, Vergnügen und Trost.

Rose: verholzender Strauch, zu dessen typischen Merkmalen Stacheln, Hagebutten und unpaarig gefiederte Blätter gehören.

Schokolade und Rosen sind die beiden Leidenschaften der zweiunddreissigjährigen Anna Kepler. Die Liebe zum wandelbaren Kakaoprodukt ist ihr bereits in die Wiege gelegt worden und die alleinstehende Erbin einer alten Schokoladendynastie hat in der Dresdner Altstadt gerade ihr zweites Geschäft eröffnet.

Ihre zweite Passion hängt ebenfalls mit der Familiengeschichte zusammen. Anna hat nämlich von ihrem verstobenen Grossvater die sogenannte Rosenvilla geerbt. Nachdem das lange vernachlässigte Gebäude umfassend renoviert und die junge Frau eingezogen ist, möchte sie nun den ehemaligen Rosengarten wieder neu anlegen und zum Blühen bringen. Wochenlang hat sie deshalb alte Bücher und aktuelle Kataloge studiert, Pläne gezeichnet, sich mit Chinarosen, Remontantrosen und Damaszenerrosen auseinandergesetzt und eine Auswahl getroffen, die nun zusammen mit einem Gärtner nach ihren Ideen eingepflanzt werden soll.

Beim Pflanzen von Rosa Gallica, Zentifolia, Rose de la Reine, Rose du Roi, Madame Hardy und Co. wird eine alte Schatulle freigelegt, zu deren Inhalt Haarsträhnen, Milchzähne, Samen, eine Mundharmonika, Briefe und viele dicht von Hand beschriebene Blätter unterschiedlicher Papierqualität gehören. Anna interessiert sich schon lange brennend für ihre Familiengeschichte. Ihre Eltern können oder wollen ihr aber nichts über die Vergangenheit erzählen, obwohl allen dreien klar ist, dass dort verschiedene Geheimnisse lauern.

Schnell stellt Anna fest, dass es sich bei den mit Sütterlin-Schrift beschriebenen Blättern um herausgerissene Seiten von Tagebüchern handelt. Nicht nur die ungewohnte Schrift ist eine Herausforderung – viele Seiten enthalten kein Datum, sind verschmiert, angenagt und sogar angebrannt. Anna sucht deshalb Hilfe bei ihrer Freundin Hanka, die versucht, die Blätter in eine logische Reihenfolge zu bringen. Schliesslich steht fest, dass in der Schatulle inkomplette Tagebucheinträge von drei Frauen versteckt sind.

Helen, Emma und Charlotte haben alle drei einst in der Rosenvilla gewohnt und früh ihre Mutter verloren. Die erfolgreiche Geschäftsfrau Anna taucht parallel zu ihrem anspruchsvollen Beruf immer tiefer in die Geschichte ihrer Familie ein und als sie in einem Café über ein paar Füsse stolpert, scheint sich auch für ihre private Zukunft ein neuer Weg aufzutun.

Der hortikulturelle Hintergrund dieser fesselnden Geschichte beschränkt sich nicht nur auf das Wiederanlegen des einst legendären Rosengartens und die wiederholte Erwähnung von alten Eichen, Obstbäumen und des Holzpavillons, welche der Anlage ihr unverwechselbares Gesicht geben. Helen, die erste Hausherrin der Rosenvilla, stammte aus einer Gärtnerei und war eine talentierte Blumenkünstlerin, die Rosen über alles geliebt hat. Sie hat nicht nur den ersten Rosengarten angelegt und dafür zunächst den zu sauren Boden mit Sand und Humus verbessern lassen, sie konnte auch gekonnte Zeichnungen ihrer Lieblingspflanzen, den Damaszenerrosen, oder von Alba, Blue Damask, Christata und La Negresse anfertigen.

Dieser gut durchdachte und strukturierte Roman wechselt laufend von einer Zeitebene in die andere und ganz nebenbei lernt die Leserin Dresden kennen und einiges über die Produktion von hochwertiger Schokolade. Der eine oder andere Zufall ist vielleicht etwas gar konstruiert. Vermisst habe ich einen Stammbaum, der es mir erleichtert hätte, die verschiedenen Namen und familiären Verbindungen schneller einzuprägen. Natürlich müsste es einer sein, der nicht gleich alle Rätsel, die am Ende des Buches gelüftet werden, vorweg auflöst.



Teresa Simon: 
Die Frauen der Rosenvilla 
Wilhelm Heyne Verlag, 2015