9. September 2013

Martin Suter: Allmen und die Dahlien

Dahlien werden als blühfreudig und ausdauernd geschätzt. Die fast hundertjährige Hotelbesitzerin Dalia Gutbauer hat im Lauf ihres langen Lebens viele Geschenke erhalten und natürlich auch Dahliensträusse, doch keines der Präsente bedeutete ihr so viel, wie das vor sechzig Jahren erhaltene Dahlienbild von Henri Fantin-Latour, das - nebenbei bemerkt - mittlerweile einen Wert von mehreren Millionen Franken hat. Wichtig war und ist ihr nicht in erster Linie der Wert in Franken, sondern die Erinnerungen, die mit dem Gemälde verknüpft sind.

Doch nun ist aus den Räumlichkeiten von Dalia Gutbauers Wohnung in der 4. Etage des in die Jahre gekommenen Schlosshotels genau dieses Kunstwerk entwendet worden. Pikanterweise ist es vor Jahrzehnten ebenfalls durch einen Diebstahl in den Besitz der alten Dame gekommen, nämlich 1958 als kleine Aufmerksamkeit eines damaligen Verehrers, zuvor aus einem ungenügend gesicherten Provinzmuseum entwendet. Eine Anzeige bei der Polizei ist deswegen ausgeschlossen und so soll Johann Friedrich von Allmen, genannt John von Allmen, das Werk wieder beschaffen.

Allmen selber wird von Geldsorgen geplagt und ist deshalb vom Haupthaus der Villa Schwarzacker ins Gärtnerhaus gezogen, wo er zusammen mit Maria Moreno aus Kolumbien und Carlos aus Guatemala in recht beengten Verhältnissen wohnt, aber gewisse Gewohnheiten eines gehobenen Lebensstils weiter pflegt. Zu diesen gehören auch ein Privatchauffeur und ein Ei zum Frühstück. Aber nicht ein einfaches Drei-Minuten-Ei. Nein, zu jedem Wochentag gehört ein in anderer Form zubereitetes Ei – am Montag etwa ein Rührei und am Dienstag Ei im Glas. Allmens beiden Mitbewohner ohne gültige Papiere unterstützen ihn in seinem Job als Privatdetektiv bei „A.I.I.- Allmen International Inquiries“. Und obwohl der Chef den Lohn nur unregelmässig zahlt und nicht bemerkt, wenn er Überstunden verlangt, kann er auf seine loyalen Mitarbeiter zählen.

Die Nachforschungen im Schlosshotel müssen unter Bewahrung äusserster Diskretion stattfinden und so bezieht Allmen ein Zimmer und gibt vor, für eine Versicherung Abklärungen zu treffen. Gleichzeitig beginnt Maria Moreno dort als Zimmermädchen zu arbeiten und Carlos recherchiert zwischen Rasenmähen und anderen zu seinem Job gehörenden Tätigkeiten im Internet. Bei Reinigungsarbeiten im Zimmer des eben verstorbenen Dauergastes Hardy Frey entdeckt Maria ein gerahmtes Foto des gestohlenen Dahlienbildes und es stellt sich die Frage, in welcher Verbindung Dalia Gutbauer und Hardy Frey standen.

Der teure gemalte Blumenstrauss hat immer wieder als Liebesgeschenk für Frauen mit dem „richtigen“ Vornamen gedient und so liegt der Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels um ein vogelfreies Kunstwerk denn auch in den Beziehungen und im Umstand, Grosszügigkeit nicht mit Unversöhnlichkeit zu verwechseln.

Ein Suter-Roman rund um ein gestohlenes Dahlienbild passend als Abrundung zur aktuellen Dahlienblüte in den Gärten. Ich bin keine regelmässige Leserin von Martin Suters Büchern, aber an die wenigen, die ich gelesen habe, erinnere ich mich gerne, und sie gehören zu den eher wenigen Titeln auf den Bestsellerlisten, die mit meinem Geschmack übereinstimmen. Ein unaufgeregter Roman in einer unaufdringlichen Spannung, die einem dennoch anzieht. Etwas störend fand ich die vor allem zu Beginn häufigen in den Text eingestreuten fremdsprachigen Worte und kurzen Sätze (deren Bedeutung aber auch ohne Beherrschen der Sprache erraten werden konnte).  



Martin Suter: 
Allmen und die Dahlien 
Diogenes Verlag, 2013