29. November 2013

Martina Brandl: Schwarze Orangen

Sieglinde Jasmin, geborene Frahn, ist recht schnell im Urteil über Mitmenschen, aber nicht gehässig. Ihr nach einem Unfall ein leicht entstelltes Gesicht kaschiert sie geschickt mit einer Brille. Sie ist verwitwet und Inhaberin des Obst- und Gemüseladens am Waldrand von Maulheim, einer fiktiven schwäbischen Gemeinde. Der friedliche Ort am Fusse der Berge ist nicht so beschaulich wie es den Anschein macht. Martina Brandl erzählt in diesem Roman, was für Konsequenzen Frau Jasmin auslöst, weil sie an einem Morgen ihren Laden zehn Minuten später als üblich aufschliesst.

Die Obst- und Gemüsekennerin Jasmin verkauft keine Ware ohne sich vorher beim Kunden zu erkundigen, wann er die Produkte verspeisen will und sucht dementsprechend Exemplare aus, die genau zu diesem Zeitpunkt den perfekten Reifegrad aufweisen. Auch mündliche Rezeptvorschläge gehören zu ihrem Service. Ihre Produkte kauft sie jeweils frühmorgens auf dem Grossmarkt. Alles ist frisch und deswegen toleriert sie auch keine Kundenhände, die ihre Früchte und Salate betatschen. Denn schliesslich weiss längst nicht jeder, dass Gemüse harmlos ist, aber Obst verschlagen.

So ganz im geheimen gibt Sieglinde Jasmin ihren Kunden Titulierungen aus der Pflanzenwelt. Frau Kohlrabi hat ein heiteres Gemüt mit friedvollem Kern, während dem Selleriekopf ein käsiges rundes Gesicht mit Falten und Aknenarben eigen ist. Unterstützung im Geschäft erhält die Obsthändlerin seit kurzem von Sebastian, der ihr im Lager hilft. Von ihrem Angestellten weiss sie nicht viel mehr, als dass er in seiner Freizeit botanische Experimente mit Kumquats und Brombeeren durchführt und eigens dafür ein kleines Gewächshaus gebaut hat. Sogenannte Bromquats sind das Ziel seiner Bemühungen. Frau Jasmin ahnt aber nicht, dass Sebastian noch aus einem ganz anderen Grund in Maulheim aufgetaucht ist und auf der Suche nach einem Familienerbstück ist.

Nun, die erwähnten zehn Minuten haben zur Folge, dass sich vor den Obst- und Gemüseauslagen Kunden und Kundinnen kennenlernen, die sich sonst nicht begegnet werden. Da trifft eine lange blonde Frau namens Yvonne, 28 Jahre alt und Literaturübersetzerin, auf einen Kunden, der von allen "Graf" genannt wird. Dieser lädt die kürzlich aus der Grossstadt Zugezogene spontan ein, sich einer sonst geschlossenen Gruppe anzuschliessen, die sich regelmässig zum Schlemmerzirkel trifft, in welchem eigentlich niemand besonders gut kochen kann.

Nicht nur im Laden wird Klatsch und Tratsch gepflegt. Auch bei morgendlichen Schwimmrunden werden Neuigkeiten ausgetauscht. Als der gepflegte Schwimmbadrasen plötzlich seltsame Löcher aufweist, wird das ausgiebig diskutiert und was hat es mit einer wertvollen alten Spieluhr, einem Erbstück mit edelsteinverziertem Deckel und Engelsfigur der Familie Coburg, auf sich?

Die Geschichte wird von einer Fremden in der Ichform erzählt. Diese gibt sich als Kunstkennerin aus und unterbricht den Text immer wieder, um den Leser direkt anzusprechen.  



Martina Brandl: 
Schwarze Orangen 
Scherz Verlag, 2011

25. November 2013

Magnus Florin: Der Garten

„Der Garten“ erzählt gemäss Angaben auf der Umschlagsrückseite (Zitat) „die fiktive Geschichte von Carl von Linneus, der sich in seinem berühmten Garten mit dem Gärtner auseinandersetzt, mit Pflanzen und ihrer Bestimmung, mit Zauberei, einem Uhrmacher, seinen Schülern und einem Verbrechen in der Nachbarschaft“. Dabei korrespondiert der Text immer wieder mit dem Lebenslauf des Botanikers, ist aber keine Biografie sondern (Zitat) „ein Flechtwerk lustvoller Phantasien, die auf kunstvolle Weise den Forscher neu erfinden“.

Diese knapp hundert Seiten umfassende Erzählung ist keine einfache Lektüre, in die man schnell und tief eintauchen kann, sondern sie besteht aus vielen Fragmenten, kurzen Absätzen, deren Zusammenhänge sich dem Leser nicht immer gleich auftun. Ich empfehle, zunächst das Nachwort des Übersetzers Bendedikt Grabinski im Anschluss an die Lektüre zu lesen.

Das Buch zeigt die verschiedenen Facetten des Botanikers, dessen Interesse an Pflanzen bereits in der Kindheit geweckt wurde. Linné sah sich als Auserwählter Gottes, in dessen Auftrag er die Schöpfung zu ordnen und zu benennen hat und er hat dies mit der Einführung der Nomenklatur umgesetzt. Der Charakterkopf möchte seinen Geschwistern den Lebensweg vorschreiben, was aber nicht gut an- und herauskommt. Man lernt den berühmten Mann aber auch kennen, wie er sich mit seinem Freund austauscht, lacht, singt und trinkt.

Laufend tauscht er sich mit seinem Gärtner aus und es ist immer wieder die Rede von Todesfällen unter seinen Jüngern; jungen Männern, die in seinem Auftrag die Welt bereisen, um Pflanzen zu sammeln. Eher kurios ist das Missverständnis rund um den Vorfall der Cochenilleschildläuse, die extra auf Feigenkakteen aus Surinam importiert worden sind. Der Gärtner hat die Sendung in Empfang genommen, die Verunreinigungen entdeckt und in pflichtbewusstem Eifer vernichtet…

Immer wieder werden Linnés Kompetenzen auf die Probe gestellt. Etwa wenn er Pakete mit seltsamen Gewächsen erhält, die er bestimmen soll. Oft handelt es sich dabei um Fälschungen wie die mit Kartoffelkleister zusammengeschusterte Kreation aus Rose, Lilie und Hanf. Doch auch Linné selber bewegt sich in Grauzonen. Er soll selber unter falschem Namen eine positive Rezension für eines seiner Werke in einer Hamburger Zeitschrift veröffentlicht haben und er erzählt seinen Studenten von gefährlichen Exkursionen, die gar nie stattgefunden haben.

Variationen sind unwesentliche Abweichungen und Linnés Studenten ist es verboten, sich mit Abweichungen zu beschäftigen. Schliesslich muss irgendwo eine Grenze gezogen werden zwischen einem festen System und launenhaften Veränderungen. Dichtung oder Wahrheit? Wie oben bereits erwähnt, ist es auch in der Lektüre nicht einfach, die Grenzen nachzuvollziehen.

Dieses Büchlein ist bereits 1995 in der schwedischen Originalsprache erschienen und mit dem höchsten Literaturpreis Schwedens ausgezeichnet worden.  



Magnus Florin: 
Der Garten 
Edition Rugerup

21. November 2013

Katrin Burseg: Der Sternengarten

Das Jahr 1640 ist prägend für die zwölfjährige Sophie. Erst stirbt die Mutter bei der Geburt ihrer Schwester, und dann kehren ihr Zwillingsbruder Christian und ihr Vater von einem Treiben gemästeter Ochsen von Jütland nach Schleswig nicht zurück und bleiben verschollen. Dem Mädchen bleibt nichts anderes übrig, als die kleine Schwester bei deren Amme, der Kräuterfrau Johanna, zurückzulassen und in den Gärten des herzoglichen Hofs von Gottorf bei Schleswig Arbeit zu suchen.

Ihren langen Zopf schneidet Sophie ab und lässt ihn der kleinen Schwester als Erinnerung zurück. Weil sie die Kleider ihres geliebten Bruders trägt, hält man sie für einen Jungen, und sie hält ihre Täuschung jahrelang aufrecht und lässt sich Sophian nennen. Nicht einmal ihr bester Freund, der junge Perser Farid - ein „Mitbringsel“ der letzten fürstlichen Expedition in den Orient - ahnt, dass es sich bei Sophian in Wirklichkeit um ein Mädchen namens Sophie handelt.

Christian hat als einziger das Gemetzel an den Ochsentreibern überlebt. Er weiss, wer dafür verantwortlich ist kann dies auch beweisen. Doch statt nach Schleswig zurückzukehren, kümmert er sich weiter um die Ochsen und wartet jahrelang auf die richtige Gelegenheit, seinen Vater zu rächen. Gleichzeitig sucht er immer wieder Trost im Alkohol und badet in Hass.

Derweilen erhält Sophie erhält die Gelegenheit, eine Lehre in den Gärten zu machen. Der Hofgelehrte Olearius und seine Frau nehmen sie auf und sie wird als Gartenelevin vom Gartenmeister Friedrichs in die Gartenkunst eingeführt, der seinerseits sein Handwerk in Italien gelernt hat und in den neuen Gärten („Neue Werk“) seine ehrgeizigen Pläne verwirklichen will. Zu diesen gehören neben Wasserspielen und Statuen das Testen von neuen Anbaumethoden, denn exotische Pflanzen sollen auch im Norden gedeihen.

Das Schicksal der Geschwister Sophie und Christian bleibt trotz Trennung eng miteinander verknüpft und mit dem gewissenlosen und brutalen Ritter Rantzau verbunden. Der spannende Roman handelt nicht nur von Intrigen und Machtpolitik, sondern gibt einen ausführlichen Einblick sowohl in die Entstehung des ersten Gartens im italienischen Stil nördlich der Alpen als auch des begehbaren Gottorfer Globus im dortigen Lusthaus.

Die Autorin verwebt das Schicksal von historisch bekannten Personen mit demjenigen von fiktiven Romanfiguren und die Leserin verfolgt, wie aus dem Gartenlehrling Sophian schliesslich eine Blumenmalerin wird, die am „Gottorfer Codex“ mitarbeitet. Ob, wie und wo die dannzumal imposanten Bauten die letzten Jahrhunderte überstanden haben, lässt sich unter den Anmerkungen am Ende des Buches nachlesen.  



Katrin Burseg: 
Der Sternengarten 
Berlin Verlag, 2013

17. November 2013

Renate Hücking: Mit Goethe im Garten

Welcher literarisch interessierte Gärtner würde eine Einladung zum Gartenspaziergang mit Johann Wolfgang von Goethe ablehnen? Zeit seines Lebens (1749 bis 1832) hat sich der Dichter und Gartenfreund intensiv mit den Wundern der Natur auseinandergesetzt – als Gärtner, als Dichter und als Botaniker. Die drei „G“ – Goethe, Ginkgo und Gärten - können als Einheit betrachtet werden. Renate Hücking hat die grünen Seiten aus Goethes Biografie zusammengetragen und unter dem Titel „Mit Goethe im Garten“ veröffentlicht.

Zwar verfügte sein Frankfurter Elternhaus über keinen Garten, doch der Knabe Johann Wolfgang konnte aus der Wohnung eine grosse Fläche von Nachbarsgärten überblicken und erste praktische gärtnerische Erfahrungen vermittelte ihm der Grossvater. Gemäss seinem Tagebucheintrag hat er als 27jähriger Mann seinen (ersten) Garten in Besitz genommen. Als Gärtner war Goethe ständig hinter Neuheiten her und hätte am liebsten jede Einführung selber ausprobiert, was die beschränkten Platzverhältnisse aber verhinderten. Er hatte aber genügend Platz, seine eigenen Gestaltungsideen umzusetzen, und experimentierte mit Ditpam und Lupe, und schaffte es, die Pflanzen zu entflammen (mich würden meine Exemplare reuen…). Aus seinen Tagebüchern ist weiter ersichtlich, dass er häufig in fremden Gärten zu Besuch war, sich mit dem englischen Gartenstil auseinandersetzte und auch sein langer Italien-Aufenthalt hat ihn geprägt.

Mit seiner langjährigen Gefährtin und Ehefrau Christiane Vulpius hat er einen intensiven Briefwechsel geführt, in dem hortikulturelle Themen einen wichtigen Platz eingenommen haben. Da zweifelt etwa die versierte Gärtnerin am Erfolg der Gurkenanpflanzung oder ist betrübt über den Misserfolg mit den Bohnen und beklagt sich über gefrässige Schnecken. Und sie hofft, der Gatte komme bald heim, und könne die schönen Levkojen auch selber noch bewundern. Der anspruchsvolle Goethe wiederum will auch auswärts nicht auf die gute heimische Küche verzichten und bittet schriftlich um Spargel oder andere Köstlichkeiten oder er gibt seiner Partnerin Hinweise zu Pflege und Aussaat von Pflanzen, die er ihr hat zukommen lassen.

Der Leser erfährt, welche Pflanzen damals gerade Mode waren und dass sich die Autorin selber hat inspirieren lassen, aus Goldlack, Aurikeln, Nelken und Pompondahlien ein Goethe-Beet anzulegen. Zwischen das grüne Wissen eingestreut sind immer wieder beliebte Rezepte aus der Goethe-Küche wie Eierkuchen, Laubfrösche aus Mangold und eine Thüringer Kartoffeltorte mit sage und schreibe 18 Eiern. Gelernt habe ich während der Lektüre, dass die Rapontika, mir bekannt als zweijährige Nachtkerze (Oenothera biennis), die hier fast an jeder Strassenecke wild wachsend mit ihren Blüten erfreut, als Gemüse verwendet werden kann. Die Wurzeln sind zwar mühsam zu reinigen, sollen aber gut schmecken.

Der Garten ist für den rastlosen und vielseitig interessierten Goethe ein Rückzugsort, um abzuschalten und sich von seinem Amt und vom Hofleben abzugrenzen. Hier erfreut er sich nicht nur an seinen geliebten Rosen, wenn sie wieder bis unters Dach wachsen, hier beschäftigt er sich auch mit der Möglichkeit einer „Urpflanze“ und dem Bauplan der Pflanzen. Sein letztes Studienobjekt war die heute verpönte Herkulesstaude (Heracleum mantegazzianum), auch Riesenbärenklau genannt, für die er wie bereits hier erwähnt eigens ein Podest errichten liess. Viele Themen werde gestreift und der Einblick in den grünen Goethe wäre nicht vollständig mit Hinweisen auf seine umfangreiche Kunst- und Naturaliensammlung und sein Werk über die Farbenlehre.

Dieses Publikation ist verschwenderisch illustriert mit vielen Fotos von Marion Nickig, aber auch mit Scherenschnitten, Gemälden, Zeichnungen und eindrücklichen Silhouetten. Im Anhang findet sich ein ausführlicher Service-Teil mit den wichtigsten Lebensdaten von Johann Wolfgang von Goethe, Hinweisen zu sehenswerten historischen Gärten in und um Weimar, einem Verzeichnis für weiterführende Literatur, ein Pflanzen- und Personenregister und andere Informationen mehr. Ein hortikulturelles Goethe-Potpourri, in dem der Buchgärtner und die Buchgärtnerin immer wieder gerne schmökern wird.



Renate Hücking: 
Mit Goethe im Garten 
Callwey Verlag, 2013

13. November 2013

Corina Bomann: Der Mondscheingarten

Verschiedene Gärten – reale und imaginäre – spielen in diesem Roman wiederholt eine Rolle und eine bedeutungsvolle Geigenkomposition trägt den Titel „Der Mondscheingarten“, aber gegärtnert wird weder tagsüber noch bei Vollmond... Zum Inhalt:

Ein unbekannter alter Mann drückt der seit drei Jahren verwitweten Antiquarin Lilly Keiser eine ganz offensichtlich  besondere Geige mit den Worten „sie gehört Ihnen“ in die Hand und verschwindet wieder ohne Name und Adresse zu hinterlassen. Während Lilly herumrätselt, warum gerade ihr diese Geige gehören soll, entdeckt sie im Futter des schönen Stücks ein Notenblatt mit dem Titel „Der Mondscheingarten“. Ist in dem Musikstück etwa eine Botschaft verborgen? Vielleicht kann ihr die langjährige Freundin Ellen weiterhelfen, die ihn London ein Institut für Geigenrestaurationen führt?

Kurzentschlossen ruft Lilly diese an und wird eingeladen, samt der ominösen Geige nach London zu fliegen, so dass sich die beiden Frauen zusammen an die Lösung des Rätsels rund um das unerwartete Geschenk machen können. Lilly lebt seit dem frühen Tod ihres Mannes sehr zurückgezogen und vermeidet Reisen. Stattdessen sucht sie immer wieder Ablenkung in langen Spaziergängen durch den Botanischen Garten. Doch nun bucht sie umgehend einen Flug in die britische Hauptstadt und organisiert die Vertretung für ihr Geschäft während ihrer Abwesenheit.

Mindestens so praktisch wie die Tatsache, dass Ellen sich beruflich mit Geigenrestaurierungen beschäftigt, ist der Zufall, dass Lilly im Flieger von Berlin nach London Gabriel Thornton kennenlernt, der in London die Musikschule Faraday leitet. Genau in diesem Institut sind, wie sich später herausstellt, Rose Gallway und Helen Carter die Vorbesitzerinnen der wertvollen Geigen musikalisch ausgebildet worden. Im Internet, alten Zeitungen und Registern sowie im Archiv der Musikschule wird nach Informationen gesucht. Doch konkrete  Rückschlüsse lassen sich vorerst nicht ziehen, da die in Frage kommenden Biografien grosse Lücken aufweisen.

Zwei Erzählstränge führen die Leserin vom nebligen London über Nachforschungen in Cremona ins farbenprächtige Sumatra mit seiner exotischen und wilden Pflanzenwelt und geben Einblick in die jüngere Geschichte der indonesischen Insel und die Kultur. Natürlich darf auch eine Liebesgeschichte nicht fehlen. In die Erzählung eingebaut sind ausserdem ein starkes Erdbeben, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts ereignet hat, und das Funktionieren von Matriarchaten.

Nach und nach fügt sich ein Puzzleteil zum anderen und das Bild vervollständigt sich; auch oder vor allem dank tatkräftiger Unterstützung von Gabriel Thornton. Die Lösung des allerletzten Rätsels erschliesst sich nur der Leserin.

Die ganze Geschichte ist etwa dick aufgetragen und die Zufälle doch reichlich übertrieben. Nichts destotrotz ein durchaus lesenswertes Buch. Richtig Lust auf die Lektüre des schon seit Erscheinen herumstehenden Vorgängertitels „Die Schmetterlingsinsel“ habe ich aber nicht bekommen.



Corina Bomann: 
Der Mondscheingarten 
Ullstein Buchverlag, 2013

9. November 2013

Andrea Zanetti: Grounds for Death – A Garden Plot Mystery

Eigentlich laufen Marilee Bright’s Geschäfte ganz gut. Sie ist zufrieden mit den Umsätzen ihres Gartencenters „Green Horizons“ und der angeschlossenen Abteilung für Landschaftsgestaltung, das sie seit neun Jahren führt. Doch als bei Umgestaltungsarbeiten in einem alten stillgelegten Brunnen sterbliche Überreste gefunden werden, darf während den polizeilichen Ermittlungen auf dem Gelände des Fundortes nicht weiter gearbeitet werden. Und weil der Name von Marilees Betrieb in den Medien wiederholt im Zusammenhang mit dem Skelettfund erwähnt wird, springen auch schon zwei Kunden ab und ziehen mit entsprechenden finanziellen Folgen für „Green Horizons“ grössere Aufträge zurück.

Was bleibt als Marilee anderes übrig, als wie bereits im Vorgängerband „Death in the Forsythia“ selber ihre Nase in Angelegenheiten zu stecken, die sie nicht wirklich etwas angehen? Schliesslich möchte sie dazu beitragen, dass die entdeckten Knochen kein Thema mehr in der Tagespresse sind. Bestätigt wird sie in ihrem Tatendrang durch die Aufforderung von Gwen und Steve, den aktuellen Besitzern des Grundstücks, auf dem sich der Fundort befindet. Die beiden haben von Marilees erstem Fall gehört und sind daran interessiert, dass die geplanten und begonnenen Gartenumgestaltungsarbeiten rasch möglichst weitergeführt werden.

Marilee beschliesst, zunächst mit den früheren Besitzer des Fundort-Grundstücks zu sprechen. Orla und ihr Mann Bob sind eher zurückhaltend mit ihren Auskünften und Marilee hat den Eindruck, die beiden lenken absichtlich vom Thema ab, um den Verdacht auf einen gewissen Freddie Joneas zu lenken, dessen Verlobte vor Jahrzehnten spurlos verschwunden und nie wieder aufgetaucht ist. Weil Marilee vor der Polizei bei Orla und Bob auftaucht und ihre Erkundigungen einholt, zieht sie sich den Groll der ermittelnden Beamten Jim und George zu, mit denen sie ansonsten ein gutes Verhältnis pflegt.

Denn zwar steht rasch einmal fest, dass es sich um ein weibliches Skelett handelt, aber die wenigen vorgefundenen Schmuckstücke mit den Initialen „RC“ und „TJ“ scheinen vorerst nicht wirklich hilfreich bei den Ermittlungen. Marilee durchforstet in der lokalen Bibliothek die Schuljahrbücher und Mikrofichen und stellt fest, dass es in der Gegend Frauen gibt, die seit den 60erJahren des letzten Jahrhunderts als vermisst gelten.

Im Moment kann sich die Frau mit kinnlangem blonden Haar und blauen Augen wirklich nicht über zu wenig Aufregung beklagen. Erst erhält sie einen bedrohlichen Anruf und wird von einem unbekannten Autofahrer mit dem Auto von der Schnellstrasse abgedrängt. Und schliesslich wird sie dahingehend „erpresst“, dass ihr Betrieb „Green Horizon“ in der Zeitung nicht mehr im Zusammenhang mit dem Skelettfund erwähnt werden wird, sobald sie endlich einwilligt, für das lokale Papier eine regelmässige Gartenkolumne zu verfassen. Dazwischen tauscht sie sich immer wieder mit ihrer Freundin Sarah über die geplanten Schritte in ihren Privatermittlungen aus und hält diese auf dem Laufenden, was sich schliesslich als überlebenswichtig herausstellt.  



Andrea Zanetti: 
Grounds for Death – A Garden Plot Mystery 
Eigenverlag, 2011

5. November 2013

Heidi Howcroft: Tee, Rosen & Radieschen – Neue Geschichten übers Leben im Garten-Paradies England

Mit „Tee, Rosen und Radieschen“ gibt Heidi Howcroft interessierten Leserinnen und Lesern ein weiteres Mal einen hortikulturell unterlegten Einblick in Sitten und Bräuche im sogenannten Garten-Paradies England. Die deutsche Autorin wohnt selber mit ihrer Familie dort, und zwar in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert und der rund 500 Quadratmeter grosse Garten um den ehemaligen Bauernhof ist in einen Hang gebettet, der für ein gutes Kleinklima (und ein Funkloch) sorgt.

Sogenannte „Walled Gardens“ faszinieren Heidi Howcroft seit sie als Kind das Buch „Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett gelesen hat und sie hat eine Vorliebe für verwunschene Gärten. Selber ist sie kein ausgemachter Pflanzenfreak, der jede grüne Rarität im eigenen Garten haben muss, und auch keine Spezialistin im Gemüseanbau. Gleichwohl wälzt sie im Winter gerne Pflanzenkataloge und zieht in ihrem zweiten Garten, einem Feldgarten, ausschliesslich Gemüse, wie etwa Bohnen in verschiedenen Varietäten. Diese zweite Parzelle ist durch Kreuzwege in vier Rechtecke unterteilt und der auf dem Kontinent gärntnernde mitteleuropäische Leser wird vielleicht etwas neidisch ob der Bemerkung von wegen sich selber aussäenden Tomaten.

Die Autorin beschreibt anschaulich die Nachteile von Gärten auf dem Land, wenn diese genau auf der täglichen Runde von Dachsen liegen, die keine Mühe scheuen, an die mit ihrem verlockenden Duft die tierischen Nasen kitzelnden Erdbeeren zu gelangen. Dafür scheint dank dem Feldgarten auch der angetraute Ehemann plötzlich seinen grünen Daumen entdeckt zu haben. Merkwürdig nur, dass es in Anbetracht der (scheinbar) beträchtlichen Menge an investierter Zeit im Garten nicht richtig vorwärts geht. Des Rätsels Lösung liegt denn auch nicht in einer Gartenvirusinfektion, sondern am guten Netzempfang.

Des Weiteren berichtet Heidi Howcroft vom Überlebenskampf des lokalen Dorfpubs, dem Faible der Engländer für Schweine, der Entdeckung eines interessanten alten Gartenplanes von Thomas Mawson und von verschiedenen Gartenbesuchen, wo sie unter anderem auf den Spuren von Harald Peto in Iford Manor wandelt. Der Leser erfährt auch, warum man mit Vorteil in einem Auto mit Vierrad-Antrieb an die Cornwall Springshow anreist, und in einem Buch über England dürfen natürlich auch Bemerkungen zum Thema Wetter nicht fehlen - hier ergänzt um Tipps und geschichtliche Informationen rund um Gummistiefel und Regenbekleidung.

Der Leser begleitet die Autorin (in Grossstadtbekleidung) zu einem Besuch von Clarence House, dem ehemaligen Heim der Queen Mum, und liest über ganz spezielle Gemüse-Schlagzeilen. Weil nämlich ein regelmässiger Teilnehmer einer Leistungsschau mit seinem perfekten Gemüse unschlagbar war und anderen Teilnehmern mit einer tiefer angesetzten Messlatte zu einer Gewinnchance verholfen werden sollte, wurde der „Gemüsekönig“ aufgefordert, sich nicht mehr am Wettbewerb zu beteiligen. Das fragwürdige Ansinnen wurde grossflächig im nationalen Blätterwald weiterverbreitet und hatte zur Folge, dass heute wieder fast immer diejenigen gewinnen, die bereits vor der Ära des erfolgreichen Gemüsezüchters die ersten Ränge belegt haben.

Die deutsche Landschaftsarchitektin Heidi Howcroft ist mit einem Briten verheiratet und deshalb geradezu prädestiniert, über das englische Leben und die Unterschiede zum deutschen Alltag zu berichten. Allerdings darf der englische Nachname der Autorin nicht zur Annahme verleiten, das Buch sei mit typisch englischem Humor untermalt. Die Lektüre ist in eher trockenem Stil verfasst und die Ausdrucksweise lässt einem oft vielmehr bei der Lektüre eines Sachbuches wähnen. Die Autorin verliert sich manchmal recht stark in der Beschreibung von Details, während die Sofagärtnerin vergeblich auf eine witzige Pointe oder einen sonstigen Höhepunkt in den Geschichten gehofft hat.

Jetzt, wo ich diese Buchvorstellung schreibe, habe ich gerade die aktuellen Bilder aus England im Kopf, nachdem vor Wochenfrist der Sturm „Christian“ über die britische Insel - und mit besonderer Härte über Südwestengland - gefegt ist. Verbleibt nur zu hoffen, dass in den vielzitierten Gartenparadiesen keine allzu grossen Schäden angerichtet worden sind. 




Heidi Howcroft: 
Tee, Rosen und Radieschen – Neue Geschichten übers Leben im Garten-Paradies England
Deutsche Verlags-Anstalt, 2013

1. November 2013

Ina Coelen (Hrsg.): Mord zwischen Kraut und Rüben – Gartenkrimis vom Tatort Niederrhein

Ina Coelen hat letzthin eine weitere Sammlung von Garten-Krimis herausgegeben, die von zwanzig verschiedenen bekannten Krimiautorinnen und –autoren verfasst worden sind. Nicht alle pflegen die gleiche enge Beziehungen zum Grün, denn während eine Autorin gerne bei der Gartenarbeit abschaltet, vermeidet ein anderer tunlichst jeden Aufenthalt im Garten, da er in einem Schrebergarten aufgezogen worden ist, und ein Dritter schustert seine Texte im Schatten eines viereinhalb Meter hohen Gummibaums, einem Erbstück von der Grossmutter, zusammen.

Die Kurzkrimis sind unter anderem betitelt mit „Der beste Dünger“, „Strebergarten“, „Schneckenpest“, „Kredithai im Garten“, „Brigitte Bardot in Bönninghardt“ und „5422 Pflastersteine“ und sie handeln von Mordphantasien in der Sauna oder wie man sich die Bezeichnung Gartengott verdient oder eben auch nicht. Man liest von sonntäglichen Gartenkursen, in denen einem beigebracht wird, dass Blumen analog den Menschen über völlig unterschiedliche Charaktere verfügen. Hier wie dort gibt es Festhalter, Spätblüher, Verführer und Sklaven – ein Wissen, das auf menschlicher Seite auch mit schlechten Hintergedanken ausgenutzt werden kann.

Weiter lehrt die Lektüre, niemals von jemanden zu verlangen, 5422 oder eine ähnlich hohe Menge an Pflastersteinen wiederholt im Garten von einer Ecke in eine andere zu transportieren und wieder neu aufzuschichten. Diese langweilige und überaus anstrengende Tätigkeit ist nämlich gezwungenermassen gleichzeitig ein perfektes Training der Treffsicherheit, was für den Auftraggeber unter Umständen negative Folgen haben könnte.

Dann kommt die Frage auf, ob es Schlimmeres gibt als Gartentipps von Nachbarn. Insbesondere dann, wenn der Ratgeber überprüft, ob man seine Ratschläge auch tatsächlich befolgt. In anderen Geschichten geht es um gefährliche glitschige Schneckenansammlungen, auf denen man ausrutschen und sich schwer verletzten kann, oder die nicht absehbaren Konsequenzen, die sich ergeben können, wenn man im eigenen Orchideengewächshaus Webcams installiert, um bei Abwesenheit via Smart Phone immer mal wieder einen Blick auf die überwältigende Blütenpracht zu werfen und auf diese Weise kurz abzuschalten.

Im Anschluss an jeden Kurzkrimi folgen Garten- oder Pflanzentipps und der Leser erfährt beispielsweise, was es für Möglichkeiten zur Bekämpfung von Blattläusen und Mehltau gibt. Und haben Sie bereits gewusst, dass Hefereste vom Backen sich perfekt als Dünger für Topfpflanzen eignen? Da muss ich doch gleich mal die Reste im Tiefkühlfach auftauen und den Tipp auf seine Nützlichkeit testen! Der Gartentipp zum Thema rückenschonendes Gärtnern endet mit dem Fazit: „Nur wer einer Mordlust nachgehen möchte, gräbt seinen Garten mit dem Spaten um. Alle anderen greifen zur Gabel."



Ina Coelen (Hrsg.): 
Mord zwischen Kraut und Rüben – Gartenkrimis vom Tatort Niederrhein 
Leporello Verlag, 2013