20. Juni 2016

Brigitte Janson: Winterapfelgarten

Nach über dreissig Jahren im gleichen Betrieb darf die einundfünfzigjährige Parfümerieverkäuferin Claudia von einem Tag auf den anderen keine Kundinnen mehr bedienen, obwohl sie die umsatzstärkste Mitarbeiterin ist. Der interne Stellenwechsel ist neben der Altersdiskiminierung mit einer empfindlichen Lohnkürzung verbunden. Claudia beendet spontan ihr Arbeitsverhältnis zwischen edlen Düften und Wunder versprechenden Crèmetiegeln, indem sie selber fristlos kündigt. Als sie sich noch etwas benommen von den Ereignissen mitten in Hamburg auf eine Bank setzt, liegt dort ein  gelbgrüner Apfel. Die gepflegte Frau veranschlagt den Kalorienwert und beisst hinein. Schon der erste Biss weckt Erinnerungen an ihre Kindheit, an Omas Obstgarten mit Äpfel-, Birnen – und Pflaumenbäumen und sie möchte unbedingt herausfinden, um welche Sorte es sich handelt. Aber auch als sie nur noch das Gehäuse in der Hand hält, fällt ihr nicht ein, woher sie diese Apfelsorte kennt.

Doch eigentlich hat Claudia genügend andere Probleme als über Apfelsorten nachzugrübeln. Sie ist auf Abruf mit einem italienischen Geschäftsmann liiert – führt also eine nicht ganz einfache Fernbeziehung. Ausserdem plagt sie permanent ein schlechtes Gewissen ihrer vierundzwanzigjährigen Tochter Jule gegenüber, die seit einem schweren Reitunfall ein verkürztes Bein und ständige Schmerzen hat. Claudia, die als alleinerziehende Mutter ihre Leben immer im Griff zu haben glaubte, schafft es einfach nicht, ihrer Tochter neuen Lebensmut zu geben.

Um auf andere Gedanken zu kommen, überredet Claudia ihre Freundin Sara zu einem Ausflug ins Alte Land und entdeckt einen völlig heruntergekommenen Bauernhof mit zugehörigem alten Apfelgarten, der zu verkaufen ist. Ungeschnittene Bäume, Schlaglöcher, ein eingebrochenes Dach, blinde Fenster und Risse im Mauerwerk können sie nicht abschrecken. In einer weiteren spontanen Bauchentscheidung entscheidet sie sich, eine kleine Erbschaft für den Kauf des solide gebauten Hauses samt Apfelgarten einzusetzen.

Sie weiss inzwischen auch, dass es sich beim Kindheitserinnerungen weckenden Apfel um den Winterglockenapfel handelt, eine alte grüngelbe, säuerlich-erfrischend schmeckende Sorte, die nicht mehr angebaut wird, nach dem Pflücken im Oktober erst gelagert werden muss und erst ab Dezember geniessbar ist. Lassen sich hier ihre geheimen Träume von selber produzierter Naturkosmetik mit Äpfeln und Kräutern verwirklichen und wäre hier vielleicht sogar ein Neuanfang für Jule möglich? Der ehemalige angehende Star im deutschen Dressurreiten sieht nämlich keine lohnenswerte Zukunft mehr, hat die Physiotherapie abgebrochen und wird immer verbitterter. Was Jule beschäftigt, ist die Rettung des unfallverursachenden Pferdes Carina vor dem Schlachthof. Aber sie kriegt ja schon ihr verändertes Leben nicht auf die Reihe. Wie soll sie da einem Pferd helfen, das seine Leistung nicht mehr bringt?

Zusammen mit der frisch geschiedenen Sara macht sich Claudia voll Enthusiasmus an die Renovierung des alten Bauernhauses. Nicht alles läuft rund. Da gibt es etwa einen ruppigen Nachbarn, dem Claudia den Apfelgarten vor der Nase weggeschnappt hat und der nicht Müde wird, sie zum Weiterverkauf desselben zu überreden. Sara macht sich im Dorf bei den Frauen unbeliebt, weil sie hemmungslos mit allen einigermassen gut aussehenden Männern flirtet. Sie verdrängt damit ihre Unzufriedenheit, weil sie immer deutlicher merkt, dass sie nicht unschuldig an ihrer gescheiterten Ehe ist.

Mit der seit kurzem nach über vier Jahrzehnten Ehe verwitweten Elisabeth strandet eine gute Seele auf dem Apfelhof. Eigentlich möchte sie die Welt entdecken, doch ihr Auto bleibt schon bald nach dem Start in Hamburg vor Claudias Hof stehen und mit ihren Kochkünsten und ihrem Gespür für zwischenmenschliche Probleme ist sie schon bald unentbehrlich.

Ein einfühlsam geschriebener Frauenroman über vier völlig unterschiedliche Charaktere aus drei Generationen, die auf dem Apfelhof eine unkonventionelle Lebensgemeinschaft bilden, zu der bald auch etliche behinderte Tiere gehören. Natürlich sind Männergeschichten ebenfalls ein Thema, aber man erfährt auch ein wenig über Pomologie und Apfelsorten wie Vierländer Blutapfel, Finkenwerder Herbstprinz und den Altländer Pfannkuchenapfel.




Brigitte Janson: 
Winterapfelgarten 
List Taschenbuch/Ullstein Buchverlage, 2014

10. Juni 2016

Joyce and Jim Lavene: Lethal Lily - A Peggy Lee Garden Mystery

Privatdetektiv Harry Fletcher möchte den zwanzig Jahre zurückliegenden Tod seiner Frau Ann nochmals untersucht haben. Der Todesfall ist seinerzeit als Unfall ad acta gelegt worden. Zwar hat sich Ann dannzumal intensiv mit Heilpflanzen und Giften beschäftigt und hat auch selber mit Gift manipuliert, doch der Witwer glaubt weder an einen Selbstmord noch an einen Unfall. Da er seinerseits angeblich Informationen über den nie geklärten Tod von Peggy Lees erstem Ehemann John besitzt, wendet er sich an die umtriebige forensische Botanikerin und schlägt ihr ein Gegengeschäft vor. Hilft sie ihm, so hilft er ihr und vielleicht finden sich für die beiden schon lange zurückliegenden Todesfälle plausible und begründete Erklärungen.

Diesem verlockend erscheinenden Angebot kann Peggy nicht widerstehen, denn das ungelüftete Geheimnis um Johns Tod hängt nach wie vor wie ein dunkler Schatten über ihrem grundsätzlich glücklichen Leben. Die Zusammenarbeit von Peggy und Fletcher ist von kurzer Dauer, denn als der Detektiv eine Verabredung versäumt, findet die Botanikerin ihn tot in seiner Wohnung liegen. Die äusseren Umstände lassen die Expertin vermuten, dass er vergiftet worden ist.

Da sie nun von Seiten des Detektivs keine Hilfe mehr für den Zugriff auf die versprochenen Unterlagen, die in einem Lagerhaus aufbewahrt werden, erwarten kann, sucht sie nach einer anderen Möglichkeit Einblick in die Dokumente zu bekommen. Als Fletchers Nachlass aus dem Lager versteigert wird, bietet sie deshalb mit, muss sich aber geschlagen geben, als ein hartnäckiger Gegenbieter sie laufend übertrumpft und den Preis in die Höhe treibt.

Parallel mit der Ermittlung um den Mord an Harry Fletcher wird auch der Tod seiner Frau Ann nochmals neu aufgerollt und die Untersuchung der exhumierten Leiche bringt erstaunliche Ergebnisse an den Tag. Die angebliche Tote ist gar nicht diejenige, die im Sarg liegen sollte, und beide Todesfälle sind auf eine Vergiftung mit Convallatoxin aus Maiglöckchen zurückzuführen.

Obwohl Peggy sich auf die unmittelbar bevorstehende Geburt ihres ersten Enkelkind freut, verzichtet sie nicht darauf, ihre Nase in lebensgefährliche Angelegenheiten zu stecken und wird bereits ganz zu Beginn dieses Buches attackiert, als sie Hausfriedensbruch begeht. Doch die bald sechzig Jahre alte Frau liebt zwar ihre Tätigkeit in ihrem Blumengeschäft und den Kundenkontakt, aber die Pflanzenpflege allein genügt ihr nicht und keinesfalls möchte sie die Abwechslung missen, welche die forensische Botanik mit sich bringt.

Und so wird auch dieser Fall von der Polizei und dank ihrer tatkräftigen Mithilfe gelöst werden. Die vielen nach wie vor offen bleibenden Fragen rund um Johns Ableben lassen auf eine baldige Fortsetzung hoffen, in der bestimmt auch das aufkeimende Misstrauen zwischen Peggy und Steve er- und geklärt wird.  



Joyce and Jim Lavene: 
Lethal Lily 
Eigenverlag , 2014

1. Juni 2016

Valérie Gans: Lorraine und die Entdeckung des Glücks

Blumen sind schon seit längst vergangenen Kindertagen die Passion von Lorraine. Ihr Vater züchtet Rosen und hat seiner jüngeren Tochter die „Rousse de Lorraine“ gewidmet. Sie selber kultiviert sogar im Badezimmer Orchideen und Seerosen. Weder ihr Sohn noch ihre Tochter scheint dieses Gen geerbt zu haben. Seit ihrer Scheidung zieht Lorraine ihre beiden Kinder alleine gross und arbeitet im Blumenladen ihrer Freundin Maya. Besonders gefragt sind ihre Sträusse aus Duftpflanzen und Blumen aus dem Gemüsegarten. Dafür reisen nicht wenig Pariser durch die halbe Stadt. Nächstes Ziel der Anfang Vierzigerin ist das Monopol auf Brautsträusse. Und ein neuer Mann an ihrer Seite wäre auch nicht zu verachten, kommt sie doch im hektischen Alltag oft zu kurz.

Lorraines fünfzehnjähriger Sohn Bastien übernimmt immer häufiger selbständig Aufgaben im Haushalt. Die vierzehnjährige Schwester Louise und ihre schlechten Launen hält er mit Bestechungsversuchen in bar und in Form von Nutella in Grenzen. Richtig in seinem Element ist er, wenn er kochen kann. Während einer  Blumenauslieferung anlässlich einer Beerdigung glaubt Lorraine ihre Jugendliebe gesehen zu haben. Und tatsächlich steht einige Tage später Cyrille im Blumenladen. Hals über Kopf stürzt sich Lorraine in eine Affäre mit dem verheirateten Mann und Vater von drei Kindern, der kurz vor seinem Karrierehöhepunkt im Familienunternehmen seiner Frau steht.

Schon bald träumt Lorraine von einer gemeinsamen Zukunft. Doch wie meist lässt sie sich von der Ereignissen überrollen und ist auch ganz gut darin, Unangenehmes auszublenden. Cyrille denkt gar nicht daran, seine Frau zu verlassen, denn damit würde er kurz vor Erreichen seiner beruflichen Ziele alles, was ihm bisher wichtig war, aufs Spiel setzen. Die beiden frisch Verliebten haben sich zwar nach Jahrzehnten wieder gefunden, aber ihr diametral unterschiedliches Verhältnis zur Wahrheit ist kein Brückenbauer. Lügen sind aber nicht nur zwischen diesen zwei Protagonisten ein Thema. Da gibt es auch noch ein gut gehütetes Familiengeheimnis in Lorraines Elternhaus, das plötzlich aufgedeckt wird, und ihre Schwester lässt sich scheinbar willenlos von ihrem Partner zerstören, was unbedingt verhindert werden muss. Wenigstens kann sich die Blumenkünstlerin jederzeit auf ihre lebenskluge Freundin Maya verlassen, von der sie vorbehaltslos unterstützt wird und die auch Dinge aufs Tapet bringt, die Lorraine nicht hören will.

„Lorraine und die Entdeckung des Glücks“ beginnt wie ein leichter Liebesroman, dessen Ende vorprogrammiert ist. Die Autorin packt aber im Verlauf der Erzählung immer mehr Themen und Klischees herein und überlädt die Geschichte. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Lorraine und Cyrille ist durchaus nachvollziehbar und plausibel, aber das (zwar) überraschende Ende des Romans doch etwas übertrieben. Irgendwie passt auch der deutsche Titel nicht zum Buch (Original: Le bruit des silences).

Ein floraler Romanhintergrund ist noch lange kein Garant auf lesenswerte Lektüre. Blumiges kommt nämlich tatsächlich recht häufig vor. Da geht es etwa wiederholt um die in Belgien aufgestöberte alte Rose „Constance Printy“ oder neue Blumenbeete, die im Innenhof des Ladens angelegt werden dürfen, auf denen bald die Zutaten für raffinierte und zarte Sträusse wachsen. Und die Beschreibung der Familienferien in der Dordogne weckte in der Sofagärtnerin Erinnerungen an lange zurückliegende Kanu- und Veloferien in der Gegend.  



Valérie Gans: 
Lorraine und die Entdeckung des Glücks 
Diana Verlag, 2015