28. März 2014

Zuletzt ausgelesen: Dirk Kruse – Tod im Botanischen Garten

Der Buchumschlag mit Verwendung eines Bildes von Maria Sibylla Merian und der Buchtitel selber lassen (nicht ganz umsonst) einen hortikulturellen Hintergrund in diesem Kriminalroman vermuten. Und tatsächlich wird Bonvivant Frank Beaufort in seinem dritten Fall von seinem ehemaligen Doktorvater gebeten, sich um die Aufklärung von diversen Diebstählen von wertvollen Büchern und Kunstwerken in der Erlanger Universitätsbibliothek zu kümmern und die Nachforschungen führen eben auch in den titelgebenden Botanischen Garten.

Frank Beaufort ist in Sachen moderner Gadgets nicht auf dem neuesten Stand, dafür kennt er unzählige Zitate aus der Literatur und setzt bei seinen Ermittlungen auf sein umfangreiches Allgemeinwissen, seine Beobachtungsgabe und seine Intuition. Und wenn er sich zuweilen in brenzligen Situationen wie etwa an Tatorten wiederfindet, kann er sich immer auf die Hilfe seines Freundes, einem Richter, verlassen.

Das Interesse an der Aufklärung der Kunstdiebstähle rückt etwas in den Hintergrund, als ein Kurator nach einem Fenstersturz tot aufgefunden wird. Während die Polizei von einem Suizid ausgeht, kann Beaufort dieser Schlussfolgerung nicht zustimmen. Vor der innert Wochenfrist geplanten Ausstellungseröffnung sollen die Bibliotheksdiebstähle aufgeklärt sein, weil dann das Fehlen einer Dürer-Grafik nicht mehr länger verheimlicht werden kann.

Besteht allenfalls ein Zusammenhang zwischen den Diebstählen und dem Todesfall? Einem Buch von Maria Sibylla Merian ist nicht nur das Umschlagmotiv entnommen, sondern eine Originalausgabe eines Werks dieser Künstlerin spielt auch eine wichtige Rolle in der Aufklärung in einem der zu lösenden Fälle.  



Dirk Kruse: 
Tod im Botanischen Garten 
Ars Vivendi Verlag, 2012

24. März 2014

Gabriele Tergit: Der alte Garten

Von der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert in Holland liest man immer mal wieder, wenn diese etwa im Zusammenhang mit Turbulenzen an den Börsen als erstes Börsencrash-Beispiel herangezogen wird. Aber haben Sie gewusst, dass im 18. Jahrhundert in England eine Ranunkelmanie herrschte? Im Jahr 1792 waren tausende Sorten im Umlauf, 1820 wurden noch deren 800 angeboten. Aber auch für Hyazinthenzwiebeln wurden einst beeindruckende Geldbeträge hingeblättert. Gab es 1597 erst vier Sorten, waren es 1725 schon rund 2000 und ein Preis von 4‘000 Mark galt als üblich. Da erscheint der Preis für eine Aurikel im 17. Jahrhundert mit 400 Mark ja fast günstig. In dem kleinen Büchlein „Der alte Garten“ führt Gabriele Tergit (1894 – 1982) durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende in der Kulturgeschichte der Blumen - gespickt mit  Anekdoten, Kuriositäten, Sitten und Bräuchen und paralleler Vermittlung von Einblicken in wichtige historische Ereignisse.

Nach einer als sentimental betitelten Einleitung über die Freude an der Natur folgen Abschnitte mit Titeln wie „Die Päonie der Chinesen und die Lotusblume der Ägypter“, „Die sakrale Lilie“, „Rosennarretei“, „Le Notre und die Verbannung der Blumen in den Küchengarten“ und „Englischer contra französischer Garten“. Die Autorin hält fest, dass es natur- oder garten-gemäss ist, dass Gärtner ein hohes Alter erreichen und setzt das menschliche Leben in Zusammenhang mit dem Gartenjahr. Stark zusammengekürzt bedeutet dies, dass das Leben im Februar mit der Geburt anfängt; der Monat Juli steht für das Alter vierzig, August und September für die Ernte des Lebens und November und Dezember repräsentieren die Menschenjahre zwischen siebzig und neunzig, in welchen Geist und Körper vertrocknen und sowohl Mensch als auch Natur enden im Januar im weissen Totenhemd.

Im Text erfährt man weiter, dass im alten Ägypten der Gastgeberin keine Blumen mitgebracht wurden, dafür aber die Gäste Kränze aus Lotusblumen erhielten. Letztere galten auch in Indien als wichtiges Symbol. Die Zeiten haben auch in Sachen Namensgebung einen Wandel erfahren. Während römische Familien den Namen von Blumen annahmen, wurden in den letzten Jahrhunderten umgekehrt Blumen nach ihren Entdeckern oder nach Botanikern benannt. Auch Blüten auf dem Teller sind keine Erfindung unserer Zeit. Bereits im Mittelalter wurden Speisen mit Blumen gesüsst und Braten mit Blumen gewürzt.

Weiter berichtet Gabriele Tergit von Zeiten, in der die Natur verdächtig war und es sogar päpstlich verboten war, sich mit ihr zu beschäftigen. Mindestens so seltsam mutet die Passage an, an der die Autorin davon erzählt, dass sich eine Darmstädter Freundin von Goethe zuweilen in ein offenes Grab unter einer Rosenlaube legte, um (Zitat) „die Empfindung des Sterbens vom Hauch und Duft der Natur umweht, auszukosten“. Thematisiert werden auch die Aufs und Abs der Nelke in der Gunst der Blumenliebhaber, die Autorin geht auf die Begründung der Chemie durch die Araber ein, erzählt über das Leben des Albert Magnus und davon, dass im 17. Jahrhundert 33 Medizinen aus Rosen bekannt waren, mit denen Krankheiten geheilt wurden.

Waren Blumen lange Jahre (fast) ausschliesslich wegen ihrer Heilwirkung, ihres Nährwerts und der zugesagten Zauberwirkung geschätzt, fiel der Fokus in der Renaissance im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Buchdrucks und von Blumenentdeckern oder Pflanzenjägern auf die Schönheit derselben. Thema ist schliesslich auch der Übergang vom Sammeln möglichst vieler verschiedener Pflanzen im Garten zu ersten architektonisch gestalteten Anlagen.

Im Juli 1991 habe ich in der Zeitschrift „Mein schöner Garten“ ein Inserat mit folgendem Text aufgegeben: „Unterhaltsame Gartenbücher – Zu meiner Lieblingslektüre gehören Gartenbücher, die in Romanform geschrieben sind. Meisterhaft verstanden dies beispielsweise Richard Katz, Karel Capek und Jo Hanns Rösler. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen unterhaltsamen Titeln. Wer verhilft mir zu weiteren vergnüglichen Lesestunden?“

Sie fragen sich, was diese Anzeige mit dieser Buchvorstellung zu tun hat? Nun, in der Folge habe ich verschiedene Gartenliteraturtipps erhalten, darunter eben auch Hinweise auf das Buch „Kaiserkron' und Päonien rot“ von Gabriele Tergit, das aber schon dannzumal längst vergriffen bzw. nur noch antiquarisch erhältlich war. Meine Büchergestelle platzen auch ohne (oder mit nur wenigen) Büchern aus zweiter Hand aus allen Nähten, so dass dieses Buch über zwanzig Jahre einen Stammplatz auf meiner ewigen Wunschliste hatte.

Dank der aktuellen Neuauflage des ersten Teils der Originalausgabe des Buches, kann ich es dort nun herauslöschen  - nicht ohne nach der Lektüre festzustellen, dass sich das lange Warten gelohnt hat. Ein nicht unbedeutender Teil des Charmes dieses Büchleins ist nach meinem Empfinden darauf zurückzuführen, dass es vor über fünfzig Jahren verfasst worden ist. Und zuletzt hoffe ich, dass der zweite Teil der Ausgabe aus dem Jahr 1958 demnächst auch noch neu aufgelegt und die Reihe der immer wieder bemerkenswerten Gartenlesebücher vom Schöffling Verlag noch lange weitergeführt wird.



Gabriele Tergit: 
Der alte Garten 
Schöffling und Co., 2014

19. März 2014

Heidi Howcroft (Text) und Marianne Majerus (Fotos): Englische Gartenikonen – Die Schöpferinnen des englischen Gartenstils und ihre Gärten

In ihrer aktuellsten Publikation hat sich Heidi Howcroft auf die Spuren von bedeutenden Schöpferinnen des englischen Gartenstils und ihren Gärten begeben. Thematisch gegliedert in die Kapitel „Von den Meisterinnen lernen“, „Geerbt, gebaut, gepflanzt – die neuen Gärten“ und „Einflüsse von der grünen Insel“ stellt sie die nachstehend aufgeführten Gartenikonen vor und zeigt auf, von welchen Einflüssen diese selber geprägt waren, wie sie ihre eigenen Ideen umgesetzt und wie sich ihre Gartenstile weiterverbreitet haben:

Rosamund Wallinger, Vita Sackville-West, Beatrix Havergal, Margery Fish, Rosemary Verey, Beth Chatto, Mary Keen, Anne Chambers, Gill Richardson, Lady Xa Tolemache, Rachel James, Rosanna James, Sue Whittington und Helen Dillon.

Zumindest einige dieser Gartengestalterinnen sind einem auch hierzulande bekannt, wenn man sich ein wenig mit der Gartenwelt beschäftigt. Doch auch in deren Portraits gibt’s Informationen zum (Wieder-)Entdecken. So weist die Autorin darauf hin, dass Rosemary Verey mit der Anlage ihres berühmten Potagers in Barnsley Garden den Boden dafür (mit-)geebnet hat, dass der Gemüseanbau heute wieder vorzeigbar ist. Falls Sie Rosen mögen, ist ihnen die Kiftsgate-Rose wahrscheinlich nicht unbekannt. Die ebenfalls portraitierte Anne Chambers gärtnert in der dritten Generation in Kiftsgate Court Gardens, wo seit rund achtzig Jahren das „Original“ der Kiftsgate-Rose wächst. Diese Pflanze wurde einst in einer Gärtnerei als Moschata-Rose gekauft, später als unbekannte Form identifiziert und schliesslich von Graham Thomas auf den Namen „Kiftsgate“ getauft.

Rosamund Wallinger hat die bemerkenswerte Herausforderung angenommen, ohne gärtnerische Kenntnisse die Wiederherstellung eines verwilderten Getrude Jekyll-Gartens in Angriff zu nehmen. Als Basis dienten ihr Pläne und alte Fotografien. Die schwierige Aufgabe hat sie mehr als souverän gelöst. Sie betont aber unermüdlich, dass der Garten Upton Grey eine Nachbildung von Gertrude Jekylls Kunst ist und keinesfalls ihre eigene Kunst. Über ihre eigenen hortikulturellen Erfahrungen hat sie zwei (englische) Bücher verfasst, die zusammen mit verschiedenen anderen Titeln in der Literaturliste im Anhang des Buches aufgeführt werden.

Auch in England sind die klimatischen Bedingungen nicht überall (annähernd) perfekt für gärtnerische Erfolge. Gill Richardson kämpft in Lincolnshire nicht nur gegen den Ostwind, auch verschiedene Vierbeiner machen ihr das Leben schwer. Muntjaks - kleine Hirsche - haben sich ausgerechnet ihre Helleboren als Lieblingsmahlzeit auserkoren. Doch trotz schwierigen Bedingungen hat die Gärtnerin ein Meisterwerk geschaffen und kombiniert immer wieder andere Pflanzen zu neuen Gartenbildern.

Helen Dillon ist eine bekannte irische Gärtnerin, deren Bücher leider bis jetzt ebenfalls (noch) nicht auf Deutsch übersetzt worden sind. Die Inselgärtnerin löst mit oft radikalen Veränderungen im Garten immer wieder Kopfschütteln aus. Denn viele Zeitungsleser kennen ihr grünes Reich aus Dillons regelmässig publizierten Kolumnen und scheinen oft deutlich weniger experimentierfreudig zu sein, als die Gestalterin selber. Diese ersetzt schon mal den Rasen durch ein formales Wasserbecken und stellt nach dem Entdecken der silbern bepflanzten Blumenrabatten in Metz die heimische Farbpalette nicht nur in Frage, sondern empfindet diese plötzlich als stark verbesserungswürdig. In Frankreich lohnt es sich übrigens nicht nur in Metz, "Blumeninseln“ genauer zu betrachten – u.a. auch in Nancy, Lyon und Paris finden sich in kommunalen Anlagen harmonisch abgestimmte Staudenkombinationen.

So wie diese für die englische Gartenbewegung prägenden Gärtnerinnen Kenntnisse über das Anlegen von stimmungsvollen Blumengärten wenigstens zum Teil von Vorfahren, Gleichgesinnten und aus Publikationen wie etwa Russel Pages „The Education of a Gardener“ übernommen haben, kann der Leser in diesem prächtig illustrierten Band Inspirationen für den eigenen Garten übernehmen. Oder zumindest von stimmigen Kombinationen in Farbe und Struktur träumen. Die wunderschöne Verbindung von Himalaya-Mohn mit Akeleien wird hierzulande ziemlich sicher leider nicht in der abgebildeten Pracht gedeihen, aber vielleicht lohnt sich ein Versuch mit einem Laubengang aus Wicken? Den Abschluss der mehrseitigen Portraits bilden jeweils ein von passenden Fotos begleiteter Leitfaden sowie Hinweise auf Leitpflanzen und ein Leitmotiv der jeweiligen Gärtnerin. So sieht Sue Whittington in jedem Pflanzenverlust die Chance, etwas Neues auszuprobieren.  



Heidi Howcroft (Text) und Marianne Majerus (Fotos): 
Englische Gartenikonen – Die Schöpferinnen des englischen Gartenstils und ihre Gärten 
Callwey Verlag, 2014

15. März 2014

Zuletzt ausgelesen: Lucinda Riley – Die Mitternachtsrose

Lucinda Riley besetzt mit ihren Büchern regelmässig vordere Plätze in den Bestseller-Listen. Zuletzt habe ich hier im Blog von dieser Autorin "Der Lavendelgarten" und "Das Orchideenhaus" vorgestellt. Die aktuellste Publikation „Die Mitternachtsrose“ ist in vielen Buchhandlungen fast übertrieben omnipräsent und ausführliche Rezensionen finden sich mit wenigen Klicks im Internet. Deshalb erspare ich mir eine detaillierte Beschreibung, verlinke hier zur Inhaltsangabe auf die Webseite des Verlags und beschränke meine Zeilen auf die (geringen) hortikulturellen Vorkommnisse auf den knapp 600 Seiten dieses Romans.

Das alte, etwas heruntergekommene Herrenhaus Astbury dient als Kulisse für einen Film, der in den 1920er Jahren spielt. Umgeben wird das Anwesen von einem Blumengarten, viel Rasen und einem Park. Eine Orangerie beherbergte einst unzählige exotische Mitbringsel aus aller Welt. Aktuell kümmert sich ein traurig und einsam wirkender Gärtner um die Pflanzen, zu denen auch die titelgebende Mitternachtsrose gehört. Deren samtigen Blüten erscheinen fast schwarz, erscheinen zuverlässig und verwandeln die alte Pflanze in ein Schmuckstück.

Im Lauf der Lektüre wird die Leserin Zeugin, wie ein Ableger dieses dornigen Rosenbuschs vor ein Cottage in der Nähe des Herrenhausses gepflanzt wird. Neben diesem Häuschen stand dannzumal ein kleines Gewächshaus, in und neben dem eine kräuterkundige Frau Heilpflanzen angebaut und mit den Kräutern vielen Menschen geholfen hat.

Ein Roman, um ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit, in dem sich Vergangenheit und Fiktion vermischen und die Leserin nebenbei Einblick in die indische Kultur und in englische Gepflogenheiten in der beschriebenen Zeit erhält.  



Lucinda Riley: 
Die Mitternachtsrose 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2013

11. März 2014

Sarah Jio: The Last Camellia

Um die Jahrtausendwende zieht die Amerikanerin Addison mit ihrem Mann Rex in das englische Herrenhaus Livingston Manor, das ihre Schwiegereltern kürzlich erworben haben. Die junge Frau führt ein eigenes Landschaftsgestaltungsbüro und wird gleich vom riesigen Garten, der die Liegenschaft umgibt, magisch angezogen. Während ihr Mann vom Landsitz inspiriert ein neues Buch schreibt, vertieft sich Addison in das Buch „The Years“ von Virginia Woolf, das einst einer Frau namens Flora gehört hat. Neben dem eigentlichen Text fasziniert sie besonders die Widmung einer Georgia auf der ersten Seite: „The true oft he matter is that we always know the right thing to do. The hard part is doing it“. Wer waren Flora und Georgia?

Weitere Rätsel geben Addison der Fund eines alten Gartenbuchs auf, in dem auf einem Gartenplan neben vielen verschiedenen Kamelien unerklärliche Codes eingetragen sind. Addison setzt sich per Email mit einer befreundeten Botanikerin in Verbindung und erfährt Hintergrundwissen über eine ganz besondere Kamelie, die den Namen „Middlebury Pink“ trägt. Weitere Nachforschungen die Vergangenheit ihres neuen Heims betreffend führen zu einer beträchtlichen Anzahl verschwundener junger Frauen, deren Schicksal nie geklärt worden ist und mit dem sogenannten „Jack the Ripper von Clivebrook“ in Verbindung gebracht werden. In Addison keimt der schreckliche Verdacht auf, dass die Spur dieser Frauen in den Kameliengarten von Livingston Manor führt. Doch auch sie selber trägt ein dunkles Geheimnis aus ihrer Vergangenheit mit sich herum, das sie in England wieder einholt.

Ein zweiter Erzählstrang führt ins Jahr 1940. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat nämlich bereits eine andere Amerikanerin den gleichen Weg wie Addison von New York auf den ehemaligen Landsitz der Livingstons zurückgelegt. Die verzweifelte Bäckerstochter Flora hat damals keine andere Möglichkeit gesehen, ihre Eltern finanziell zu unterstützen, als auf ein dubioses Angebot einzugehen. Denn während ihre Eltern glauben, Floras ehrenamtliche Tätigkeit im Botanischen Garten von New York habe ihr eine Stelle als Botanikerin in London eingebracht, sieht die Wahrheit nicht ganz so rosig aus. Flora wird nämlich von einem zwielichtigen Mr. Price, der seine eigene betrügerische Tätigkeit schönfärberisch mit „Vermittler“ bezeichnet, als Nanny in die Familie von Lord Livingston eingeschleust. Das Wichtigste an Floras Aufgabe ist nicht die Kinderbetreuung, sondern dass die junge Amerikanerin sich Zutritt in den herrschaftlichen Garten voll besonderer Kamelien verschafft. Sie soll herausfinden, wo ein ganz besonderes seltenes Exemplar der Kamelie“ Middlebury Pink“ wächst, und den Standort rapportieren. Ein zahlungskräftiger Käufer aus dem dritten Reich möchte die weisse Rarität mit pinken Spitzen unbedingt und für jeden Preis erwerben.

Die junge Amerikanerin übernimmt die Betreuung und Erziehung der vier Kinder der auf mysteriöse Weise verstorbenen Lady Anna und schafft es rasch, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dank ihrem grünen Daumen wird Flora auch die Pflege der Pflanzen im Gewächshaus von Lady Anna anvertraut. In dem handgeschriebenen Buch „The Camellias of Livingston Manor“ von Anna Livingston findet Flora schliesslich Details zu den preisgekrönten Kamelien der verstorbenen Lady, die sich hauptsächlich durch das Studium von Pflanzenbüchern ein immenses Wissen angeeignet hatte. Zum eigentlichen Garten, in dem viele seltene Pflanzen aus allen Ecken der Welt versammelt sind, bekommt Flora kaum Zugang. Sie beobachtet dort aber nachts wiederholt merkwürdige Vorkommisse und gerät selber unvermittelt in grosse Gefahr, als sie trotz ihrem hortikulturellen Wissen eine Ausrede von wegen wild wachsenden Kartoffeln nicht richtig einordnet.  



Sarah Jio: 
The Last Camellia 
Plume (Penguin Group), 2013

6. März 2014

Christa Hasselhorst (Text) und Ursell Borstell (Fotos): Geliebte Küchengärten – Eine Reise durchs Schlaraffenland

Das Schlaraffenland ist laut Definition im Duden ein märchenhaftes Land für Schlemmer und Faulenzer. Der erste Teil der Bedeutung lässt sich sinnverwandt auf die portraitierten Küchengärtnerinnen und -gärtner in Christa Hasselhorsts neuester Publikation übertragen. Nicht faulenzen, sondern Wissen und zielstrebiges Gärtnern gepaart mit Wetterglück führt zum im Buch vorgeführten Erntesegen. Da passt die Bemerkung aus dem vorgestellten Garten der Familie Paasen: „Welch schöne Arbeit!“. Im gleichen Portrait ist auch der Unterschied in der Wahrnehmung des Begriffs Arbeit zwischen niederländischen und deutschen Gartenbesuchern zu lesen. Während der Deutsche sagt „schön, aber viel Arbeit“, findet der Niederländer „viel schöne Arbeit“.

„Geliebte Küchengärten“ ist das fünfte gemeinschaftliche Buchprojekt von Christa Hasselhorst und Ursel Borstell. Basis für die nun vorliegende Sofareise bildeten Fahrten, die quer durch Deutschland bis in die Schweiz und nach Österreich geführt haben. Die Portraits der fünfundzwanzig Gärten, die den Weg ins Buch gefunden haben, beinhalten neben mundwässernden Fotos und dem Textteil einen Steckbrief mit Daten zu Lage, Besitzer, Grösse, Planung und der Art des Gartens. Vereinzelt sind die Portraits mit Rezepten wie "Sylter Strandsalat" oder "Kartoffel-Eigelb-Raviolo" ergänzt und einige Gärtner verraten Tipps, wie etwa die Zusammensetzung von „Schwester Christas Pflanzenjauche“ oder den Nutzen von zerriebenen, scharfkantigen Eierschalen zur Schneckenbekämpfung.

Die einzelnen Kapitel locken mit Überschriften wie „Hier landet alles auf dem Teller“, „Kabinett für die Kulinarik“ oder „Leckerbissen im Barock-Rahmen“. Dahinter verbergen sich Schreber- Bauern-, Kloster-, Gourmet- oder Landhausgärten in unterschiedlichen Grössen, deren Besitzer sich samt und sonders auch als passionierte Köche entpuppen. Die Autorin bezeichnet einen Gourmetgärtner gleich als Botaniker, Kräuterhexer, Aromen-Exeperten und Würz-Magier in Personalunion.

Ob die vorgestellten Küchengärtner der familiären Tradition verpflichtet sind oder nicht vom Einheitsangebot im Supermarkt abhängig sein wollen - geschätzt wird nicht nur der ausgeprägte Geschmack des selber gezogenen Gemüses, sondern auch die Wirkung aufs Auge. Die Gärten sollen nützlich, gleichzeitig aber auch schön sein. Beliebt sind einerseits "gewöhnliche" Gemüse und traditionelle Klassiker, anderseits aber auch immer öfter Gemüsesorten, die früher saisonal regelmässig aufgetischt wurden, in den letzten Jahrzehnten jedoch aus den Gärten verschwunden sind. In den Gemüserabatten gedeihen Bohnen, Feder- und Palmkohl, Pastinaken und Malabarspinat, aber auch alte Getreidesorten wie Proveisergerste, Zwergweizen und Kolbhirse. Und ganz sicher kommt hier keiner auf die Idee, Obst und Gemüse wegzuwerfen, wie es in unserer Wohlstandsgesellschaft ja leider gang und gäbe ist.

Im Garten Kirsch-Brohmann in Niedersachsen sind wegen ungeeignetem sandigen Boden Blumenkohl und Lauch durch ein prächtiges Mohnmeer ersetzt worden, das Verwendung in Backwaren findet. Trotzdem spendet der Garten dermassen viel Gemüse, so dass das Fleisch eines Tages weggelassen wurde. Nicht in allen präsentierten Gärten kommt das Gemüse nach der Ernte in die Küche und schliesslich auf den Tisch. Sowohl im Schau-Küchengarten Schloss Wildegg wie auch im Allgäuer Saatgut-Garten werden in erster Linie (seltene) Schätze angepflanzt, um Saatgut zu ernten, damit vom Aussterben bedrohte Sorten weitervermehrt werden können.

Im Anhang des Buches finden sich Adressen und Hinweise zu Besuchsmöglichkeiten sowie nützliche Bezugsquellen für Saatgut und Pflanzen und ein Register.

Der Leser erhält in dieser Publikation zahlreiche Anregungen für den eigenen Garten und die heimische Küche. Die stimmigen Fotos wecken schon beim ersten Durchblättern Lust aufs Entdecken der einzelnen Gärten. Die Texte fand ich zuweilen gar knapp bemessen und hätte es geschätzt, etwas mehr über portraitierten Gärtner und ihre Gärten zu erfahren.  



Christa Hasselhorst (Text) und Ursell Borstell (Fotos): 
Geliebte Küchengärten – Eine Reise durchs Schlaraffenland 
Eugen Ulmer Verlag, 2014

1. März 2014

Gabriele Hefele: Mein andalusischer Gärtner

Im Jahr 2000 ziehen Gabriele Hefele und ihr Mann nach Andalusien auf eine Finca mit rund 34‘000 Quadratmetern Umschwung. Hier sammelt die ungeduldige Autorin ihre ersten hortikulturellen Erfahrungen im Gemüsegarten, den sie etwas voreilig noch während Umbauarbeiten anlegt. Doch die Grösse des Geländes macht die Anstellung eines Gärtners notwendig.

Zwar ist nicht gleich der erste unter Vertrag genommene Gärtner ein Glücksgriff, aber mit dem im Buch Miguel genannten Arbeiter haben die Auswanderer eine gute Wahl getroffen. Er weiss nicht nur genau, welche Bäume zur Befruchtung einen Partnerbaum brauchen (etwa Johannisbrotbäume), welche Bäume man im Sommer nicht giessen soll (gibt Würmer in den Früchten) und was es mit den zuckerwatteähnlichen Gebilden auf Pinien auf sich hat (gefährliche Parasiten, die Allergieschocks auslösen können), sondern führt die Deutschen in der vormittäglichen Kaffeepause auch in die andalusische Kultur ein, hilft beim Überwinden von gelegentlich auftretenden Sprachbarrieren und betätigt sich als Lehrer in Sachen Geschichte der Iberischen Halbinsel.

Auch der Leser lernt nebenbei etwas Spanisch, da viele Ausdrücke in dieser Sprache festgehalten werden. Daneben gibt’s viele Garten- und Tiertipps zu lesen, wobei diese natürlich vorwiegend die südliche Hemisphäre betreffen, und nur beschränkt im nördlicheren Europa anzuwenden sind. Die Ratschläge, die Mondphasen zu beachten und vor dem Giessen um die Pflanzen Mulden zu bilden, dank denen vor allem bei grosser Hitze das kostbare Wasser direkt an die Wurzeln gelangen soll, sind aber auch in hiesigen Gefilden sinnvoll, während Hinweise für den besten Zeitpunkt fürs Umpflanzen nicht eins zu eins übernommen werden kann.

Daneben liest man auch mal einen juristischen Tipp (über angeeignetes Besitztum aus Gewohnheitsrecht), über vergnügliche Flamenco-Lektionen, immer wieder über die fast heilige Neun-Uhr-Pause und über Erfahrungen, die das Leben schreibt. Nämlich zum Beispiel die, dass sich der Südländer lösungs- und der Nord- und Mitteleuropäer vorschriftenorientiert verhält.

Am Schluss dieser Anekdotensammlung stehen Komplimente des andalusischen Gärtners Miguel an seine deutschen Arbeitgeber. Nicht zu übertreffen soll die Tatsache sein, dass er schon über vier Jahre bei ihnen arbeitet. So lange hat er es (der nicht mehr 25 Jahre alt ist), noch an keiner Stelle ausgehalten. Miguel verteilt am Schluss der Lektüre nicht nur Komplimente. Er verrät auch noch, ob die Autorin tatsächlich eine überzeugte Gärtnerin ist oder eher nicht.

Fünf Jahre nach der Publikation dieses Büchleins bleibt offen, ob der andalusische Gärtner heute noch auf der Finca arbeitet. Und ob Die Flamenco-Kleider-Sammlung der Autorin inzwischen ähnliche Ausmasse angenommen hat, wie die Dirndl-Sammlung in Bayern…



Gabriele Hefele: 
Mein andalusischer Gärtner 
Editorial alhulia, 2008