20. März 2017

Jörg Albrecht: Alles im grünen Bereich – Ein Lesebuch für Gartenfreunde

«Alles im grünen Bereich» ist eine Kolumnensammlung aus dem Wissenschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das Niveau ist dementsprechend hoch, was aber erfreulicherweise überhaupt keinen Einfluss auf das Lesevergnügen hat. Ganz im Gegenteil. Die Lektüre ist gleichzeitig intelligent und kurzweilig. Im Vorwort definiert Jörg Albrecht das Ziel seiner Zeilen. Es geht nämlich nicht wie so häufig darum, immer wieder von Gartenautoren oder -journalisten Wiederholtes noch einmal ungeprüft wiederzukäuen, sondern um Fakten und darum, Urteile und Vorurteile zu überprüfen, zu bestätigen oder eben zu widerlegen. Diese Ergebnisse liessen sich zuweilen wohl durch noch gründlichere Untersuchungen in Frage stellen und nicht sämtlichen grünen Rätsel lassen sich in Kolumnenlänge lösen. 

Wissen setzt Beobachten voraus. Wie die Leserin leicht feststellt, verfügt der Autor über eine enorme hortikulturelle Erfahrung, sowohl theoretisch als auch praktisch, und sein Geschmack entspricht dementsprechend nicht dem eines 0-8-15-Gärtners, der sich je nach Jahreszeit Primeln, Stiefmütterchen, Geranien und Co. besorgt oder den Vorgarten in eine vorgeblich pflegeleichte Steinwüste verwandelt. Das kommt in seinen (negativen) Bemerkungen über den (Un-)Sinn von Thujahecken (sich den Blick auf weitere Thujahecken zu ersparen) ebenso zum Ausdruck, wie bei seinem Zetern über den Kirschlorbeer, der seiner Meinung nach durch Plastikatrappen ersetzt werden könnte. Ich teile diesbezüglich die Meinung des Autors, doch nach meiner eigenen Erfahrung spielen beim Gärtnern neben dem Wissen die wechselnden Vorlieben, die finanziellen Möglichkeiten oder die Pflanzenvermehrungsfähigkeiten der Gärtnerin eine nicht zu unterschätzende Rolle. 

Als wir Haus und Garten bezogen haben, gehörte eine minimale «Grundausstattung» zum grünen Inventar. Obwohl ich die vorgesehene Pflanzung von Tannenbäumen erfolgreich verhindern konnte, waren da einige Pflanzen im Garten, die mir gar nicht gefallen haben. In diese Kategorie fielen etwa Kirschlorbeer und Hibiskus. Einiges hat Frau Sofagärtnerin sofort wieder ausgegraben oder herausgezogen und verschenkt, anderes wurde zähneknirschend toleriert. Inzwischen, über zwei Jahrzehnte später, hat sich mein Geschmack stark verändert und tatsächlich schätze ich heute einige der Pflanzen, die damals bestenfalls geduldet waren (z.B. Sibirischer Hartriegel; damals sah ich diesbezüglich Rot, heute liegt mein Fokus auf roten Pflanzenschätzen) und ich habe sogar einzelne der dannzumal Verschmähten wieder in den Garten geholt (Eiben; Säuleneiben, Kleinformen als Buchsersatz, Eibenkugeln). Wahrscheinlich war mir der (vielleicht zu wenig geschätzte?) Gärtner einfach ein paar Gärtner-Entwicklungsstufen voraus? 

Doch zurück zum Buch. Der Autor selber beackert ein schmales Handtuchgrundstück, das steil in einen Hang ragt, sowie einen Pachtgarten. Die Nachbarn von letzterem haben die Basis für die Betrachtungen dieser Kolumnen geliefert, deren Titel da zum Beispiel lauten:

- Das bringt den Mann zum Rasen 
- Der Gärtner ist immer der Mörder 
- Mieze Schindler darf nicht sterben 
- Stimmungskanonen 
- Schneide nie den Baum zum Scherz 
- Wenn ein Schnitt daneben geht 
- Das Gegenteil vom Paradies 

Die Leserin erfährt, wo vor vielen Jahren in einer Saison hunderttausend Narzissenzwiebeln einbebuddelt worden sind und der Autor hinterfragt den Sinn von Vogelfütterung und die damit verbundenen Konsequenzen in den Eingriff des Naturhaushalts. Dabei es um Verkotung und die daraus resultierenden Hygieneprobleme und die Anpassung der Schnabel- und Flügelformen, da der Futtertisch ständig gedeckt ist und Überwinterungen in südlichen Gefilden mit damit verbundenen langen zurrückzulegenden Flugstrecken nicht mehr notwendig sind. Und haben Sie gewusst, dass jährlich 10 Tonnen Schlüsselblumen als Rohstoff für Heilmittel nach Deutschland importiert werden, einen grossen Teil aus Albanien? 

Dann geht es um die sogenannte Laubrente, den zu erwartenden Gewinn aus forstwirtschaftlichem Verzicht, wozu ein Nelkenmass dient sowie um Geröllflora und die Gemeinsamkeiten von Kunststein und Laminat. Dann fragt der Autor provokativ, ob tatsächlich der Mensch die Pflanzen instrumentalisiert oder nicht vielleicht die Pflanzen die Menschen. Die Rodung von Wäldern liegt doch schliesslich ganz im Sinn von Gräsern und deren Begleitflora. Auch die Kartoffel ist längst nicht so robust, wie gemeinhin angenommen wird. Ihr drohen etwa, um nur einige der potentiellen Gefahren zu nennen, Hohlherzigkeit, Glasigkeit, Gefässbündelverbräunung, Schwarzfleckigkeit und Stippigkeit. 

Die anregende Lektüre führt Querbeet durch den grünen Bereich und informiert auf lustvolle Art und Weise. Zu einzelnen Themen finden sich am Ende des Buches detaillierte Anmerkungen. Die Erwähnung von Hellmut Salzingers Buch «Der Gärtner im Dschungel» aus dem Jahr 1992 hat mich ausserdem inspiriert, wieder öfter in meiner persönlichen Backlist zu stöbern und zu lesen, statt nur oberflächlich mit dem Staubwedel darüber zu fahren. 

Link zu den Kolumnen in der FAZ



Jörg Albrecht: 
Alles im grünen Bereich – Ein Lesebuch für Gartenfreunde 
Bastei Lübbe, 2016 


10. März 2017

Klara Mayberg – Lillys Garten und Willows Erbe (Herz aus Licht)

Im letzten Sommer habe ich auf Facebook folgende Kurzmitteilung gepostet: »Eine Grünelfe, die den Auftrag erhält, eine Gartenanlage nach einem Entwurf von Gertrude Jekyll zu restaurieren, hat mich in den letzten Tagen erfolgreich vom Lernen abgehalten. Clanwölfe, Vampire, Zombies, Druiden und andere Elfen sind weitere interessante Charaktere in diesem Seitenumdreher. Hoffentlich erscheint die angekündigte Fortsetzung erst im Winter, wenn ich mich wieder ohne schlechtem Gewissen meiner Lieblingslektüre widmen kann...» Nun, inzwischen habe ich die bereits im letzten Herbst erschienene Fortsetzung gelesen. Das gärtnerische Element ist hier zwar deutlich weniger präsent, aber das Buch hat mich nichtsdestotrotz bis zur letzten Seite gefangen gehalten.

Die selbständige Gartenhistorikerin Lillian St. John, genannt Lilly, ist wegen dem Auftrag, den Park des Scotts Castle genannten Chaplain Estate zu restaurieren, nach Vermont gekommen. Diese Aufgabe geht weit über das Befestigen loser Steinplatten und Unkrautjäten hinaus und ist eine Herausforderung, die gleichzeitig Märchen und Alptraum bedeutet. 

Der riesige Park ist in verschiedene Gartenteile gegliedert und enthält beispielsweise unzählige Bäume, viele Mauern, einen See sowie ein Tropenhaus. Es gilt, alte Strukturen anzupassen und neue zu entwickeln. Leider sind keine alten Pläne mehr vorhanden, aber wenigstens liegt ein altes Journal mit Anmerkungen vor. Noch sind längst nicht sämtliche unter den alles verbergenden Brombeerranken liegenden Gartengeheimnisse gelüftet worden. Eigentlich müsste Lilly auch längst die Detailplanung in Angriff nehmen und zumindest die Aufträge für grobe Bauarbeiten vergeben. Doch nicht nur der lange Winter in Vermont verhindert eine zügige Erledigung der Aufgaben. Abgelenkt wird die charismatische Grünelfe mit grossen, grünen Augen und kupferfarbenen Locken auch von ihrem Auftraggeber Dante, einem Clanwolf, in den sie unsterblich verliebt hat.Aus hortikultureller Sicht wäre noch ein Überfall zu erwähnen, während dem sich Lilly und eine Blutelfe in das Treibhaus retten und mit zu Wurfgeschossen umfunktionierten Pflanzenglocken den Angreifer abhalten wollen. 

Ansonsten wird in "Willows Erbe" weiterhin der Mörder aus «Lillys Garten» gesucht. Merkwürdige Vorkommnisse und Morde häufen sich. Eine wichtige Rolle spielt nichtsahnend Willow Raveneaux, die den mit merkwürdigen Gegenständen vollgestopften Trödelladen ihres verstorbenen Onkels erbt, und nichts von Elfen, Clanwölfen, Vampiren, Geistern, Zombies und Werwölfen weiss, geschweige denn davon, dass sie selber eine verhinderte Druidin ist. Willows Kräfte zu wecken ist denn auch eine der Herausforderungen in diesem Buch. Dazu muss genau die Weide gesucht und gefunden werden, die anlässlich ihrer Geburt gepflanzt worden ist. Keine leichte Aufgabe. 

Der Fund einer Schneekugel, eines alten, schlechten und praktisch unkenntlichen Polaroidfotos sowie Krümel, die sich als Weidensamen entpuppen, führen jedenfalls nicht zu einer einfachen, direkten Lösung. Grünelfen schöpfen ihre Kräfte aus Pflanzen und sind mit diesen eng verbunden. So ist es für sie ein Leichtes festzustellen, dass der Zustand der gefundenen Weidensamen komatös ist und weit davon entfernt, optimal zu sein. Doch sie schaffen es,  wenigstens ein paar davon in keimfähige Kraftpakete zu verwandeln. 

Klara Mayberg sind zwei ideenreich verwobene Geschichten mit mehrheitlich sympathischen Figuren gelungen. Als Leserin taucht man gerne in diese Fantasiewelt ab, in der eine kiffende Grünelfe die Hauptrolle spielt. Und hofft nach dem Wiederauftauchen in der Realität auf eine baldige mindestens so spannende Fortsetzung.



Klara Mayberg: 
Lillys Garten (Herz aus Licht, Band 1) 
Eigenverlag, 2015 

Willows Erbe (Herz aus Licht, Band 2) 
Eigenverlag, 2016

1. März 2017

Nele Jacobsen: Ein Sommer im Rosenhaus

Mehltau, Sternrusstau Rosenblütenstecher, Eisenmangel und andere Rosenfeinde gehören ab sofort zu Sandras Leben. Die sechsundvierzigjährige Witwe hat spontan ein sanierungsbedürftiges Gärtnerhaus samt gewaltigem Rosengarten ersteigert. Gewaltig nicht nur wegen der Gartengrösse, sondern insbesondere wegen der Pflanzen, die darin wachsen, wuchern oder nur vor sich hin kümmern. Der seit Jahrzehnten vernachlässigte und dementsprechend verwilderte Garten muss aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden, damit die Rosen rasch möglichst wieder vor Gesundheit strotzen und in weiss, gelb, rosa, rot und anderen Rosenfarben um die Wette blühen und duften. 

Mit dem Erhalt des Zuschlags für ihr Angebot hat sich die ausgebildete Botanikerin eine immense Herausforderung aufgebürdet und entsprechend gross ist auch die Skepsis die ihr entgegenschlägt. Nämlich von ihren erwachsenen Kindern, weil sie als Mutter die Familienwohnung verkauft hat, und von ihren neuen direkten Nachbarn auf Usedom, die einer Städterin nichts Gutes zutrauen. Doch Sandra ist eine Optimistin voller Tatendrang. Ihre bisherige praktische Erfahrung beschränkt sich auf nicht besonders erfolggekröntes Balkonrosengärtnern und sie kennt den Rosengarten von früheren Familienferien nur von ausserhalb des Zauns, doch sie hat immer davon geträumt, ihn eines Tages zu besitzen. Als sie kurz vor Ablauf von dessen Versteigerung im Internet auf dessen Verkauf aufmerksam wird, bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen und es gilt: jetzt oder nie. 

Die erste Besichtigung zeigt, dass das Haus ist in einem schlimmeren Zustand ist als erwartet, und so quartiert sich die nun Ex-Hamburgerin im lokalen Hotel ein und beauftragt Handwerker mit der Sanierung, während sie sich konkrete Gedanken um ihre Zukunft und die der Rosen macht. Das erworbene Gärtnerhaus gehörte ursprünglich zum angrenzenden Gut Banketow, das von den Besitzern während dem 2. Weltkrieg Hals über Kopf verlassen werden musste und später enteignet wurde. Ein Familienmitglied hat sich im 19. Jahrhundert den Rosen verschrieben und während dreissig Jahren Rosen aus Europa, Amerika und Asien gekauft, gepflanzt, gepflegt und äusserst erfolgreich selber gezüchtet. Etliche der stacheligen Schönheiten haben zwar die fehlende Pflege nicht überlebt, aber nichtsdestotrotz ist ein enormes brachliegendes (Vermehrungs-)Potential vorhanden. Die frisch gebackene Rosengartenbesitzerin stellt jedoch rasch fest, dass sie für die Bewältigung der vielen Aufgaben im Rosengarten auf fachliche Unterstützung angewiesen ist, und gibt ein entsprechendes Inserat auf. 

Sandra hat keine Ahnung davon, dass in England jemand ebenfalls bei der Auktion mitgeboten, auf den Zuschlag gehofft und eigentlich nicht damit gerechnet hat, überhaupt irgendwelche Mitkonkurrenten überbieten zu müssen. Julian, ein Brite mit deutschen Wurzeln, ist nun dementsprechend enttäuscht, dass ihm der Rosenschatz, auf den er Anspruch zu haben glaubt, durch die Latten gegangen ist. Die Gedanken des alleinstehenden Endvierzigers, der in der Verwaltung eines berühmten englischen Londoner Parks arbeitet, kreisen ständig um diese verpasste Chance und darum, wie er die neue Besitzerin vergraulen könnte. Als er das Stelleninserat entdeckt, scheint ihm ein Job im Rosengarten optimale Möglichkeiten zu bieten, vor Ort seinem Ziel näher zu kommen, und er beschliesst, in Usedom ein Sabbatical zu machen. 

Das Rosenabenteuer läuft für Sandra ganz gut an, denn der angeheuerte Engländer ist zwar ein merkwürdiger Kauz, verfügt aber über einen gut gefüllten botanischen Rucksack. In einem Vertiko entdeckte Unterlagen mit detailgetreuen botanischen Zeichnungen samt Angaben über die einzelnen Rosenstandplätze entpuppen sich als das Rosenarchiv des Theodor von Bantekow, der seinerzeit den Rosengarten angelegt hat. Sandra ist zuversichtlich, anhand dieser Papiere die einzelnen Pflanzen identifizieren zu können und schmiedet bereits Pläne, die eine Rosenschule, einen Schaugarten, einen Shop und einen Onlinehandel beinhalten. Doch bevor sie sich auch nur annähernd konkret an die Umsetzung dieser Träume machen kann, muss sie erfahren, dass das Gut Bantekow mitsamt seinem riesigen Garten in einen Ferienpark für 1350 Gäste verwandelt werden soll. Während die Dorfbewohner über damit neu entstehenden Arbeitsplätze begeistert sind, ist Sandra entsetzt. Doch wie ernst meint sie es eigentlich überhaupt mit der Umsetzung ihrer eigenen Pläne? 

In diesem Roman dreht sich wirklich alles um Rosen: Rosengarten, Rosenschule, Rosenschädlinge, Rosenpflege, Rosenwettbewerb und vieles mehr. Auf den Punkt gebracht: wunderbar unterhaltendes Kopfkino für die lesende (Rosen-)Gärtnerin. Liebend gerne würde frau sich selber nach Usedom oder in ein solches Abenteuer beamen. Für Sandra liegt die Lösung der Probleme näher als zunächst vermutet. Und während die Leserin so ganz nebenbei einiges über Rosenpflege und Okulation erfährt, löst die Rosenromangärtnerin auch noch das Geheimnis um ihre Vorfahrin, deren Name in einer Rose verewigt ist. Dieser Nebenschauplatz des Romans empfand ich dann aber doch als etwas zu viel des Guten.



Nele Jacobsen: 
Ein Sommer im Rosenhaus 
Aufbau Verlag, 2017