23. Juni 2015

Wladimir Kaminer: Diesseits von Eden – Neues aus dem Garten

Nach „Mein Leben im Schrebergarten“ hat Wladimier Kaminer vor einiger Zeit ein weiteres Buch geschrieben, das sich mehr oder weniger intensiv mit Gärtnern beschäftigt und das nun auch in einer Taschenbuchausgabe erschienen ist.

„Auf zum neuen Garten!“ heisst das erste Kapitel. Weshalb ein neuer Garten fragt sich die Leserin, sich nur noch dunkel an die ersten Gartengeschichten aus dem Jahr 2007 erinnernd. Die Frage wird gleich auf der zweiten Seite beantwortet. Und zwar hatten der Gärtner und die Prüfungskommission des Schrebergartenvereins diametral unterschiedliche Ansichten betreffend Spontanvegetation. Die Natur als selbständiger Gartengestalter war im Reglement nämlich nicht vorgesehen, was zu erheblichen Interessenkonflikten führte, die schliesslich in die Suche nach einem Garten ohne Oberaufsicht mündeten.

Im Ort mit dem prosaischen Namen Glücklitz findet sich rasch ein passendes Objekt, direkt am Glücklitzer See, auf einem zum Haus gehörenden, aber nicht erwerbbaren Weinberg (angeblich dem nördlichsten der Welt) gelegen. Als erstes gilt es aber ein Hindernis zu überwinden. Der neue Garten ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen und so begleitet die Leserin die Kaminers durch ihre Fahrschullektionen und die Autoprüfung. Etliche Monate ziehen übers Land bis man schliesslich offiziell mobil ist, um im Brandenburgischen Garten loslegen zu können.

Nach Lust und Laune kann hier jeder nach eigenem Belieben planlos pflanzen, was ihm gefällt. „Spontan in jede Richtung vegetieren“ nennt dies der Autor. Die Familienmitglieder suchen sich Bäume aus. Die Grossmutter entscheidet sich für eine Pinie, die zum Baum des Erinnerns gekürt wird. Dazu gesellen sich Kirschbäume, Kriechweiden, Rhododendronbüsche und eine Schmucktanne (Araucaria). Am besten gedeiht der vom Sohn angepflanzte Meerrettich. So gut, dass der Vater an einem (vom Sohn verworfenen) Nutzungskonzept einer Meerrettich-Plantage herumstudiert. Aber vielleicht klappt es ja irgendwann mit der ebenfalls erwähnten Winzerkarriere und dem „Gewürzkaminer“?

Daneben berichtet Wladimir Kaminer über seine Gartenkarriere ausserhalb Brandenburgs, die einen Vortrag an einer Landesgartenschau beinhaltet und seine Rolle als Gartenexperte in drei Gartenfilmen. An einer anderen Stelle sinniert er über die sich regelmässig wiederholenden Vertreibungen von Menschen und die damit verbundene Anpassung der Obstauswahl. Denn musste einst zur Nachahmung des verlorenen Paradieses ein Apfel genügen, sind heute eher exotische Früchte gefragt. Die übrigens, wie schnell herausgefunden wird, in Brandenburg nicht gedeihen.

Die Lektüre verlockt immer wieder zum Schmunzeln. Oft war ich mir allerdings gar nicht sicher, ob sich das Erzählte tatsächlich so zugetragen hat oder einfach gut erfunden und berichtet ist. Hortikulturell ist eher wenig los in diesen Texten - gefühlsmässig geht es mehr ums Thema Fische und das Angeln. Interessant zu lesen sind besonders die Beobachtungen aus dem Alltag, wie und warum die Russen anders ticken und die Erklärungen zu den allgemeinen Unterschieden in den verschiedenen Kulturen.  

Übrigens liest Wladimier Kaminer anlässlich des "Openair Literatur Festivals Zürich" am 11. Juli 2015 im Alten Botanischen Garten in Zürich unter dem Motto "Best of Kaminers Gärten" aus seinen Büchern.



Wladimir Kaminer: 
Diesseits von Eden – Neues aus dem Garten 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2013/2015

15. Juni 2015

Tan Twan Eng: Der Garten der Abendnebel

Kakezuchi, Lata, Kibasami, Shachi, Tebasami - Holzhammer, Hausmesser, Heckenschere, Winde, Baumschere: Während ihrer Lehrzeit in einem japanischen Garten neben der Majuba-Teeplantage in Malaya versucht sich die 1923 geborene Straits-Chinesin Yun Ling Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Namen der alten Werkzeuge einzuprägen, die alle einem bestimmten Zweck dienen.

Mit ihren beiden Geschwistern ist Yun Ling in einer kolonial geprägten Gesellschaft aufgewachsen. Die Kindheit wurde durch einen Kriegsausbruch abrupt beendet. Gemeinsam mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Yun Hong war sie in einem japanischen Internierungslager gefangen und hat als einzige überlebt. Die vielen Monate in Gefangenschaft haben die beiden jungen Frauen nur ertragen, weil sie sich in die in ihren Köpfen geschaffenen und für andere unsichtbaren und unzugänglichen Gärten geflüchtet haben. Die chinesische Familie Teoh war einst auf Einladung der dortigen Regierung in Japan, weil diese dem Vater Gummiprodukte abkaufen wollte. Bei dieser Gelegenheit hatten die Schwestern die japanischen Gärten für sich entdeckt und ganz besonders Yun Hong hat eine immense Faszination für diese entwickelt.

Im Gedenken an ihre tote Schwester will Yun Ling unbedingt einen japanischen Garten anlegen lassen. Doch der angefragte Aritomo, ein (ehemaliger) Gärtner des (japanischen) Kaisers hat ihre Anfrage abgelehnt und ihr stattdessen angeboten, sie persönlich in die japanische Gartenkunst einzuführen, damit sie den Erinnerungsgarten selber gestalten kann. So findet sie sich also schwere Arbeiten verrichtend in einem japanischen Garten wieder und wird dabei immer wieder unvermittelt an ihre Gefangenschaft erinnert. Yun Ling wird nicht nur durch praktische Tätigkeit in die Gartenkunst eingeführt, sie erhält auch Zugang zur ältesten Sammlung von Schriften über japanische Gärten. Sie selber darf aber keine Notizen machen. Der Garten behält laut Aritomo alles für sie in Erinnerung.

In einem weiteren Erzählstrang erfährt die angesehene Richterin Teoh Yun Ling von einer schweren Krankheit und dass als Folge derselben ihre Erinnerungsfähigkeit schwinden wird. Sie verlässt vorzeitig ihren Richterstuhl am obersten Gerichtshof in Kuala Lumpur und fährt zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in den Garten der Abendnebel, der nur rund vier Fahrstunden entfernt liegt. Für ihre restliche Lebenszeit nimmt sie sich vor, den Garten wieder herstellen zu lassen und sie beginnt, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Hat der vernachlässigte Garten die Erinnerungen für sie behalten? Unauslöschbar sind die eigenen Narben – sichtbare und unsichtbare und die Wut brodelt latent weiter.

Im Lauf der Erzählung entschlüsseln sich der Leserin durch neue Fakten immer mehr Geheimnisse. Doch längst nicht alle, darunter auch das um den rätselhaften Gärtner, werden gelöst. Gartenkunst ist nicht nur Zähmung und Vervollkommnung der Natur, sondern auch eine Form der Täuschung. Letzteres kann auch als Synonym für den Inhalt gesehen werden. So ganz nebenbei erfährt man von der Begründung der Gartenkunst in chinesischen Tempeln, liest über die Persönlichkeit von Steinen und die Prinzipien der geborgten Landschaft (Borgen aus der Ferne, vom Boden, von Wolken, Wind und Regen), die Kunst des Steine Setzens und das dazugehörige Platzieren und Pflegen derselben. Aritomo lehrt die Frau, dass ein Garten den Betrachter im Innersten berühren muss und Teichbesitzer können vielleicht ausprobieren, ob es stimmt, dass zu Bällen geformter Kupferdraht das Algenwachstum hemmt oder verhindert.

Eine sehr eindrückliche traurig-schöne Geschichte, mit welcher der Autor im Kopf der Leserin gewaltige Bilder schafft und gleichzeitig eine Lektüre, deren Genuss ich mir viel zu lange vorenthalten habe, „Der Garten der Abendnebel“ ist nämlich wieder mal ein Buch, das nach dem Kauf in den Tiefen der Regale verschwunden ist, und das erst wieder meine Aufmerksamkeit erregt hat, als es nun in einer deutschen Übersetzung erschienen ist.

Der einfühlsame Roman jongliert mit Widersprüchen und ist kein Buch, das man schnell liest. Im Gegenteil - er verlangt ein langsames, genaues Lesen, damit einem kein Detail entgeht, und zwar allein schon deswegen, weil regelmässig die Zeiten wechseln, ohne dass dies aus Kapitelüberschriften ersichtlich wäre. Neben dem allgegenwärtigen hortikulturellen Hintergrund gibt das Buch Einblick in einen Teil des zweiten Weltkriegs, der mir weniger bekannt ist, und hat mich veranlasst, mich etwas vertiefter mit diesem Thema zu beschäftigen. Wahrlich ein Buchstabenteich, in dem sich das Fischen lohnt! Will heissen, ein Buch, das zu lesen sich unbedingt lohnt. Dieser Ausdruck stammt (leider) nicht von mir. Ich habe ihn letzthin irgendwo gelesen und finde, hier passt er auch hin, obwohl ich mich gerade nicht erinnern kann, ob Kois erwähnt worden sind...



Tan Twan Eng: 
Der Garten der Abendnebel 
Droemer Verlag, 2015

8. Juni 2015

Rosie Sanders: Überwältigende Blüten

Die englische Blumenkünstlerin Rosie Sanders ist über ihr Heimatland hinaus bekannt durch ihr Buch über alte und neue Apfelsorten, in welchem sie 144 Sorten detailgetreu vorstellt. Nicht um knackige Motive, sondern hauptsächlich um Blumen und Blätter geht es es in ihrem neuen Werk „Überwältigende Blüten“ und schon beim ersten Durchblättern stellt man fest, dass der Titel nicht zu viel verspricht.

Im Vorwort „Von der Blume zum Bild“ verrät die Malerin, dass sie andauernd Objekte und Motive sammelt und wie sie beim Malen vorgeht. Ihre grossformatigen Werke entstehen Schritt für Schritt und stellen sie laufend vor die Entscheidung zwischen „was kann weggelassen werden?“ und „was ist unentbehrlich?“ Sie beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Pinsel in der Hand mit der Botanik, vielmehr liebt sie auch den direkten Kontakt mit Pflanzen und der Erde. Ihr eigener Garten dient denn auch als wichtige Inspirationsquelle.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis gibt weitere Vorlieben preis: mit „Vielfalt im Garten“, „Die Magie der strahlenden oder düsteren Exoten“, „Die Faszination der Orchideen“ und „Die Suche nach der schwarzen Iris“ sind einige der Kapitel überschrieben. Auch Rosie Sanders Faible für dunkle Pflanzen ist nicht zu übersehen und im Buch finden sich dazu wunderschöne Bilder von Gladiolen, Tulpen und Iris. “Überwältigende Blüten“ ist aber kein reines Bilderbuch. Denn neben der Einleitung hat Andreas Honegger passend zu den abgebildeten Pflanzen Texte mit wissenswerten botanischen Hintergrundinformationen verfasst.

Durch das genaue Beobachten beim Malen lernt die Künstlerin selber die Pflanzen sehr genau kennen. Genau so hat sie erst festgestellt, dass etwa Amaryllis gar keine steifen, roten Blumen sind, sondern eine faszinierende Statur aufweisen und inzwischen schätzt sie die verschiedenen Blütenformen der vielen unterschiedlichen Sorten.

Das Buch enthält grossformatige Bilder in Aquarelltechnik, die im Laufe des letzten Jahrzehnts entstanden sind und die eine Präzision im Pinselstrich aufweisen, welche die Betrachterin nur neidlos und respektvoll zur Kenntnis nehmen kann. Die Künstlerin spielt mit Formen, Struktur und Mustern und dabei entstehen üppige, farbenfrohe Werke von oft grossblumigen Blüten wie Cannas, Schwertlilien und Fledermausblumen. Dazwischen sind aber auch zarte Motive zu finden wie die Schachbrettblumen und die Wiesenbewohner am Anfang und am Ende des Buches. Eines haben sie alle gemeinsam: die Bilder sind perfekt – samt der Flecken und vertrocknenden Stellen, die von der Vergänglichkeit der Motive zeugen, vor denen die wunderschönen Werke glücklicherweise verschont sind.

Worte können diesen Bildern kaum gerecht werden. Doch im Internet lassen sich mühelos etliche von Rosie Sanders Werken anschauen. In einem YouTube-Kurzfilm erhält man Einblick in den Garten und das Atelier der Künstlerin und man kann ihr sogar beim Ziehen von Pinselstrichen über die Schulter schauen. Das Malen eines Kamelienblatts sieht eigentlich gar nicht so schwierig aus…  



Rosie Sanders: 
Überwältigende Blüten 
Elisabeth Sandmann Verlag, 2015

1. Juni 2015

John Wyndham: Die Triffids (Buch und DVD)

Fleischfressende Pflanzen haben immer wieder die Fantasie von Schriftstellern beflügelt und verschiedene dieser literarischen Vorlagen sind auch auf die Leinwand gebracht worden. Während ich von „Die Saat des Bösen“ (Film von Paul Ziller) und „The Little Shop of Horrors“ nur die Film- bzw. Theaterversionen kenne, habe ich die „Triffids“ von John Wyndham im Jahr 2006 mit der Buchausgabe aus dem ehemaligen Verlag Heinrich und Hahn kennengelernt.

Die englische Originalausgabe "The Day of the Triffids" erschien 1951. Das Buch zählt inzwischen zu den Klassikern und ist auch mehrfach verfilmt worden. Anlässlich des 50. Jahrestags hat Simon Clark eine autorisierte Fortsetzung mit dem Titel „The Night of the Triffids“ geschrieben.

Wer sind denn die „Triffids“? Das sind wandelnde Pflanzen, ursprünglich gezüchtet, um Öl aus ihnen zu gewinnen. Plump und in Fussgängergeschwindigkeit bewegen sich die seltsamen Gewächse fort. Sie können nicht nur miteinander kommunizieren, sondern ihren Opfern auch tödliche Stiche verabreichen.

Als ein Kometenschauer rund um den Erdball zieht, blickt ein Grossteil der Menschheit in den Himmel und schaut dem faszinierenden Schauspiel zu - nicht ahnend, welche Folgen dieses Vergnügen haben wird. Über Nacht erblinden die meisten Menschen, worauf das gewöhnliche Alltagsleben völlig zum Erliegen kommt. Gleichzeitig schlägt die Stunde der „Triffids“, die überall auf ihre hilflosen Opfer lauern.

Die wenigen Menschen, die noch sehen können, stehen vor der Entscheidung, ihre eigenen moralischen Verpflichtungen über Bord zu werfen oder sich den vielen unüberwindbaren Aufgaben, die sich über Nacht aufgetan haben, zu stellen. Denn selbst wenn in einer Grossstadt wie London nur wenige „normal“ handlungsfähige Menschen übrig bleiben, heisst das noch lange nicht, dass sich diese darüber einig sind, wie die Zukunft gestaltet werden soll.

Und hier gleich noch ein weiterer thematisch passender Buchtipp: Die Kurzgeschichte „Die seltsame Orchidee“ von Herbert G. Wells bedient sich Elementen aus Science-Fiction und dem Horror-Genre. Der Autor berichtet vom einsamen Orchideensammler Wedderburn, der ein langweiliges Leben führt, bis plötzlich aus einer verschrumpelten Knolle eine besondere Pflanze wächst und ihm mehr Aufregung als lieb verschafft.

Übrigens sind alle in diesem Post erwähnten Filme nichts für schwache Nervern...



John Wyndham: 
Die Triffids
Verschiedene Ausgaben auf Deutsch und Englisch erhältlich 

Simon Clark:
The Night of the Triffids 
Verschiedene Englische Ausgaben erhältlich 

Die Triffids – Pflanzen des Schreckens von Nick Copus 
DVD / Produktion aus dem Jahr 2009 

The Day oft he Triffids – BBC-Serie
DVD / Produktion aus dem Jahr 1981 

The Day of the Triffids/Blumen des Schreckens von Steve Sekely 
DVD / Produktion aus dem Jahr 1962