1. Oktober 2013

Wolf-Dieter Storl: Wandernde Pflanzen – Neophyten, die stillen Eroberer

Immer wieder liest man über Bemühungen, die Flussufer vom Indischen Springkraut (Impatiens glandulifera) zu befreien und von Rodungen grossflächiger Ausbreitungen von Kanadischer Goldrute (Solidago canadensis), da diese Neophyten die einheimischen Gewächse bedrohen, sprich deren Lebensräume beanspruchen und diese verdrängen. In seinem Buch „Wandernde Pflanzen“ vertritt Wolf-Dieter Storl die Meinung, dass diese Pflanzen mit Migrationshintergrund als unwiderrufliche Bestandteile unseres Ökosystems akzeptiert werden müssen und begründet seine Ansichten ausführlich. Zwei Punkte sind dabei besonders wesentlich: Diese stillen Eroberer müssen genau kennengelernt werden und man darf nicht vergessen, dass die Natur einem beständigen Wandel unterliegt. Viele dieser Neophyten gehören ausserdem Gattungen an, die in den Eiszeiten aus Mitteleuropa verschwunden sind und sind somit als Spätheimkehrer zu betrachten.

Unterteilt ist das Buch „Wandernde Pflanzen“ in die folgenden Kapitel:

- Pflanzen mit Migrationshintergrund
- Gute Pflanzen, böse Pflanzen
- Die grünen Begleiter der ersten Kolonialisten
- Psychologische Aspekte des Neophyten-Problems
- Die ganz Bösen
- Unerwünschte Gehölze
- Neophyten entlang der Autobahn und im Garten

Neben vielen spannenden Geschichten und beeindruckendem Hintergrundwissen sind in dieser illustrierten Publikation viele ausführliche Pflanzenportraits eingefügt und im Serviceteil finden sich ein Literaturverzeichnis, Internetadressen, Angaben zum Autor und ein Stichwortverzeichnis.

Wie kommt es, dass Pflanzen erst als Bienenweiden begrüsst wurden und nach Jahrzehnten oder sogar nach Jahrhunderten schliesslich als unerwünschte Neophyten auf schwarzen Listen landen und mit aller Macht ausgerottet werden sollen? Der Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum) beispielsweise kam 1814 als Geschenk des russischen Zaren an Fürst Metternich nach Europa und wurde dannzumal von Botanikern bewundert und seine Samen wurden rege getauscht. Johann Wolfgang von Goethe liess eigens ein Podest bauen, damit er die Blüte und den Samenstand genau aus der Nähe betrachten konnte. Heute zählt der Riesenbärenklau zu den meistgehassten Neophyten. Doch ist es tatsächlich sinnvoll, mit dem Festlegen eines willkürlichen Zeitpunktes als Grenze (nämlich das Jahr 1492) zu versuchen, einen Idealzustand festzuhalten oder einen solchen zu erreichen? Die Herausforderungen im Umgang mit Nyophyten sind übrigens kein isoliertes europäisches Problem – andere Kontinente kämpfen mit den gleichen Sorgen, (teilweise) verursacht durch andere Pflanzen. Im Buch wird speziell Südafrika thematisiert.

Die Pflanzenkarrieren solcher Migranten verlaufen nach folgendem Schema: 1. Einfuhr, 2. Etablierung und Anpassung, 3. Invasion sowie 4. Sättigung und biologische Einbindung. Parallel dazu verlauft häufig die Einführung von Parasiten; unbeabsichtigt oder auch gezielt zwecks Einsatz als biologische Waffen. Letzteres hat häufig weitere Probleme zur Folge. Neophyten sind wie die gesamte Umwelt ein Spiegel der Bedingungen auf unserem Planet, geprägt von Klimawandel, intensiver Bewirtschaftung und Verstädterung. Werfen Sie doch beim nächsten Zwangsstopp in einem Stau auf der Autobahn einen Blick auf den Mittelstreifen und beachten Sie die zähe Pflanzenvielfalt, die trotz Hitze, Trockenheit und Salzrückständen gedeiht.

Viele in unzähligen Jahren, Jahrhunderten und Jahrtausenden gewachsene natürliche Verbindungen, wie etwa das vom Autor angeführte Beispiel von Prärie und Bisons, sind endgültig zerstört. Bestehen wie Wolf-Dieter Storl vermutet, Verbindungen zwischen Krankheiten und Neophyten? Er hat beobachtet, dass sich als Heilpflanzen eignende Neophyten gerade dort extrem verbreiten, wo sich gleichzeitig Krankheiten ausbreiten, die durch solche bekämpft werden könnten. Und er findet es erstaunlich, dass niemand solche Zusammenhänge, wie den von ihm beobachteten zwischen Borreliose und der Karde (Dipsacus sylvestris) genauer untersucht und fordert ein prinzipielles Umdenken im Umgang mit Neopyhten – diese sollen nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung betrachtet werden.

Hat der Autor recht mit seiner Behauptung, es würden absichtlich horrende Zahlen an Neophyten und durch diese verursachte Schäden genannt, damit Herbizidhersteller profitieren und gleichzeitig mehr Forschungsgelder und Mittel für Umweltämter und Universitäten gesprochen werden? Storl verfügt jedenfalls über ein immenses Wissen und weiss spannende Geschichten zu erzählen. Obwohl er nicht müde wird, seine von Wissenschaftlern grundsätzlich entgegengesetzten Ansichten über die stillen Eroberer zu betonen, erscheinen seine Plädoyers nicht missionarisch, sondern lassen den Leser nachdenklich zurück. Und zwar mit dem leisen Gefühl von (fast) komplettem Unwissen über die Zusammenhänge in der Natur. Eine Erkenntnis, die auch dem Autor nicht fremd zu sein scheint, wenn man seine weisen und liebevollen Schlussbemerkungen liest.

Storl probiert übrigens vieles an sich selber aus und nicht immer gehen diese Eigenversuche positiv aus. Ein Zuviel an Gartenmelde (Atriplex) etwa ist gar nicht gesund.  



Wolf-Dieter Storl: 
Wandernde Pflanzen – Neophyten, die stillen Eroberer 
AT Verlag, 2012