1. Juni 2016

Valérie Gans: Lorraine und die Entdeckung des Glücks

Blumen sind schon seit längst vergangenen Kindertagen die Passion von Lorraine. Ihr Vater züchtet Rosen und hat seiner jüngeren Tochter die „Rousse de Lorraine“ gewidmet. Sie selber kultiviert sogar im Badezimmer Orchideen und Seerosen. Weder ihr Sohn noch ihre Tochter scheint dieses Gen geerbt zu haben. Seit ihrer Scheidung zieht Lorraine ihre beiden Kinder alleine gross und arbeitet im Blumenladen ihrer Freundin Maya. Besonders gefragt sind ihre Sträusse aus Duftpflanzen und Blumen aus dem Gemüsegarten. Dafür reisen nicht wenig Pariser durch die halbe Stadt. Nächstes Ziel der Anfang Vierzigerin ist das Monopol auf Brautsträusse. Und ein neuer Mann an ihrer Seite wäre auch nicht zu verachten, kommt sie doch im hektischen Alltag oft zu kurz.

Lorraines fünfzehnjähriger Sohn Bastien übernimmt immer häufiger selbständig Aufgaben im Haushalt. Die vierzehnjährige Schwester Louise und ihre schlechten Launen hält er mit Bestechungsversuchen in bar und in Form von Nutella in Grenzen. Richtig in seinem Element ist er, wenn er kochen kann. Während einer  Blumenauslieferung anlässlich einer Beerdigung glaubt Lorraine ihre Jugendliebe gesehen zu haben. Und tatsächlich steht einige Tage später Cyrille im Blumenladen. Hals über Kopf stürzt sich Lorraine in eine Affäre mit dem verheirateten Mann und Vater von drei Kindern, der kurz vor seinem Karrierehöhepunkt im Familienunternehmen seiner Frau steht.

Schon bald träumt Lorraine von einer gemeinsamen Zukunft. Doch wie meist lässt sie sich von der Ereignissen überrollen und ist auch ganz gut darin, Unangenehmes auszublenden. Cyrille denkt gar nicht daran, seine Frau zu verlassen, denn damit würde er kurz vor Erreichen seiner beruflichen Ziele alles, was ihm bisher wichtig war, aufs Spiel setzen. Die beiden frisch Verliebten haben sich zwar nach Jahrzehnten wieder gefunden, aber ihr diametral unterschiedliches Verhältnis zur Wahrheit ist kein Brückenbauer. Lügen sind aber nicht nur zwischen diesen zwei Protagonisten ein Thema. Da gibt es auch noch ein gut gehütetes Familiengeheimnis in Lorraines Elternhaus, das plötzlich aufgedeckt wird, und ihre Schwester lässt sich scheinbar willenlos von ihrem Partner zerstören, was unbedingt verhindert werden muss. Wenigstens kann sich die Blumenkünstlerin jederzeit auf ihre lebenskluge Freundin Maya verlassen, von der sie vorbehaltslos unterstützt wird und die auch Dinge aufs Tapet bringt, die Lorraine nicht hören will.

„Lorraine und die Entdeckung des Glücks“ beginnt wie ein leichter Liebesroman, dessen Ende vorprogrammiert ist. Die Autorin packt aber im Verlauf der Erzählung immer mehr Themen und Klischees herein und überlädt die Geschichte. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Lorraine und Cyrille ist durchaus nachvollziehbar und plausibel, aber das (zwar) überraschende Ende des Romans doch etwas übertrieben. Irgendwie passt auch der deutsche Titel nicht zum Buch (Original: Le bruit des silences).

Ein floraler Romanhintergrund ist noch lange kein Garant auf lesenswerte Lektüre. Blumiges kommt nämlich tatsächlich recht häufig vor. Da geht es etwa wiederholt um die in Belgien aufgestöberte alte Rose „Constance Printy“ oder neue Blumenbeete, die im Innenhof des Ladens angelegt werden dürfen, auf denen bald die Zutaten für raffinierte und zarte Sträusse wachsen. Und die Beschreibung der Familienferien in der Dordogne weckte in der Sofagärtnerin Erinnerungen an lange zurückliegende Kanu- und Veloferien in der Gegend.  



Valérie Gans: 
Lorraine und die Entdeckung des Glücks 
Diana Verlag, 2015