20. April 2016

Andreas Laudan: Das Geflecht

Für eine Schulabschlussparty mit seinen Freunden hat sich Justin etwas Spezielles einfallen lassen. Er hat seinem Vater die Schlüssel für ein still gelegtes Bergwerk aus einer Schublade entwendet und sich so Zugang verschafft. Aus Spass wird schnelle bitterer Ernst, als zwei der vier jungen Leute in einen tiefen und dunklen Schacht abstürzen. Justin bleibt nichts Anderes übrig, als seinen Vater zu informieren. Dieser erinnert sich, dass die bekannte blinde Höhlenforscherin Tia Traveen zufälligerweise am selben Abend in der Nähe einen Vortrag gehalten hat und bittet sie um Hilfe.

Die siebenundzwanzigjährige Geologie- und Biochemiestudentin Tia Traveen ist seit einem Autounfall in ihrer Kindheit, bei welchem ihre Mutter ihr Leben verloren hat, blind. Ihre Sinnesorgane sind aussergewöhnlich ausgeprägt und sie findet unter Tag durch Gerüche, Echo, Gehör und vor allem die Sinneseindrücke, die sie über ihre Haut aufnimmt, ihren Weg. Gleichzeitig verfügt sie über ein enormes praktisches und theoretisches Wissen rund um Höhlen und deren unterirdische Bewohner, den Pflanzen, Tieren und Pilzen.

Justins Vater Jörn Bringshaus hat noch andere Gründe, die Geschehnisse im alten Bergwerk möglichst zu vertuschen, als die unmittelbaren Konsequenzen der unüberlegten Handlung seines Sohnes. Er erklärt sich einverstanden, dass sein Geschäftspartner Böttcher parallel zur verlaufenden Rettungsaktion unbemerkt einen Wassertank öffnet, um ein altes Geheimnis für immer geheim bleiben zu lassen. Doch die Rettung zieht sich länger hin, als zunächst gehofft werden konnte, und forciert durch den zusätzlichen Wasserzufluss stürzt der Schachteingang ein.

Zusammen mit Tia Traveen, ihrem Assistenten Leon und der in einem Felsspalt eingeklemmten Dana steckt auch Justin fest, der wieder in den Stollen gestiegen ist, um seine Freundin zu retten. Der vermeintlich relativ einfache Rückweg ist somit versperrt, und ausserdem droht die eingeklemmte Dana zu ertrinken, wenn sie nicht rasch möglichst aus ihrer gefährlichen Lage befreit werden kann. Es beginnt ein Rennen nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen einen skrupellosen Geschäftsmann, der sogar die Rettungskräfte in eine falsche Richtung lotst. Mangels Licht sind die die drei Sehenden in der Dunkelheit unbeholfener als Tia Traveen. Eine zusätzliche Herausforderung stellt ein Pilz dar, der die Höhle durchwuchert und rasant wächst rasant, auch auf Menschen. Gleichzeitig dient er aber auch als Wegweiser nach Draussen.

Vor dem Eingang des stillgelegten Bergwerks steht auch Carolin Frey, eine Lokaljournalistin mit hohem Anspruch an Würde, aber Mangel an nötigem Biss. Sie hat den Vortrag von Tia Traveen persönlich verfolgt und ist auf dem Heimweg auf Geheiss ihres Vorgesetzten den Blaulichtern der Feuerwehr gefolgt und vor dem Stolleneingang wieder auf Tia gestossen. Bruchstücke von Funksprüchen veranlassen sie, nach Pilzen zu recherchieren.

Die über 350 Seiten des Thrillers spielen sich mehrheitlich in wenigen Stunden ab. Stunden, in denen sich das Leben der beteiligten Personen für immer verändert. Die hyperängstliche Dana, die nichts mehr fürchtet als Dunkelheit, lernt ihre Stärken kennen, Jörn Bringshaus macht reinen Tisch und auch Leon findet endlich den Mut, zu seinen Gefühlen zu stehen und über allen schwebt ein gesundheitliches Risiko.

Der Autor beschreibt die Szenen dermassen detailliert, dass man sich das Geschehen deutlich vorstellen kann. Unterstützt wurde mein Vorstellungsvermögen durch den letztjährigen Besuch im ebenfalls stillgelegten Röhrigschacht in der Rosenstadt Sangerhausen. Dort sind wir zwar keinen Fässern mit dreieckigen Gefahrensymbolen und anderen schauerlichen Dingen begegnet, aber spannend war es trotzdem.

Der Roman hat nicht nur ein beeindruckendes Cover, das mich hauptsächlich zum Kauf animiert hat, er ist vor allem sehr spannend geschrieben, obwohl mich die an einem Helfersyndrom leidende Tia etwas gar perfekt dünkt, und vermittelt auch einiges Wissen rund um Pilze. Wie etwa die Information über ein Exemplar in einem amerikanischen Nationalpark, dessen Myzel etwa neun Quadratkilometer Waldboden durchzieht, 500 Tonnen schwer und mindestens 2000 Jahre alt ist sowie interessante Zeilen über strahlenabsorbierende Pilze.



Andreas Laudan: 
Das Geflecht 
Rowohlt Taschenbuch-Verlag, 2012

10. April 2016

Patsy Collins: Up the Garden Path – Short Stories

„Up the Garden Path“ ist eine Kollektion von vierundzwanzig Kurzgeschichten rund um den Garten – mal überraschend, mal herzerwärmend, mal amüsant.

Hier eine Auswahl aus dem Inhaltsverzeichnis:
- Going Green
- Winter Damage
- Blooming Talent
- Flowers for Milly
- Nice Weather for it
- Strawberry Jam

Da geht es etwa um einen Baum und eine Frau, die parallel eine schwere Zeit durchmachen. Im selben Sturm, in dem ihr Mann bei einem Unfall ums Leben kam, wurde der stolze Baum schwer beschädigt. Für Mensch und Baum gibt es eine Zukunft: die Frau bemerkt ihre Schwangerschaft und gleichzeitig treibt der Baum wieder aus. Eine andere junge und einsame Frau findet nach einer grossen Enttäuschung einen neuen Lebensinhalt in einem Schrebergarten, den sie gar nicht mehr will, und eine dritte Frau entscheidet sich für die erfolgreiche Selbständigkeit, nachdem ihr Vorgesetzter einfach immer alles besser zu wissen glaubt. Zwei andere Frauen, die beide den gleichen Mann lieben, finden durch den Garten (endlich) ein gemeinsames Interesse, als sich die Schwiegertochter durchs Paradies ihrer Schwiegermutter führen lässt.

Eine Mutter glaubt im Nachbarhaus gehe Ungesetzliches vor sich, dabei müsste sie gar nicht aus dem Fenster schauen, sondern in der eigenen Wohnung nach dem Rechten sehen. Ist ein oft lebensmüder Grossvater der richtige Umgang für den kleinen Enkel? Was, wenn Enkel und/oder Grossvater vom Baum fallen? In „Nice Weather for it“ geht es um richtige oder eben unterschiedliche Betrachtungsweisen, während in „Organised“ ein Mann, der kürzlich vom Arbeits- ins Pensioniertenleben gewechselt hat, seine Ehefrau mit der Umstrukturierung des angeblich unorganisierten, aber bisher perfekt funktionierenden Haushalts zur Weissglut treibt.

Die kurzweiligen, einen weiten Themenbogen umspannenden Geschichten, die als Gemeinsamkeit immer einen hortikulturellen Hintergrund haben, erinnern mich an die beiden vor Jahren gelesenen Büchlein von George M. Flynn („Maggie’s Heart and Other Stories“ und „Twilight Journey and Other Stories“) und „Seedfolks“ von Paul Fleischmann. Bei dieser Gelegenheit sei wieder einmal auf Greenprints hingewiesen, ein kleines, aber feines Magazin, das vierteljährlich erscheint und Garten- und Gärtnerkurzgeschichten aus dem wahren Leben veröffentlicht.



Patsy Collins: 
Up the Garden Path – Short Stories 
Alfie Dog, 2013

Link zur Webseite von Greenprints


1. April 2016

Annette Dutton: Das Geheimnis jenes Tages

In diesem in zwei Erzählsträngen aufgebauten Roman finden sich zwischen den beiden Ebenen etliche Parallelen: schwierige Mutter-/Tochterbeziehungen, deutsche Frauen in Australien, Verbrechen und ein naturwissenschaftlicher Hintergrund.

Deutsche Forscher sollen im 19. Jahrhundert unrechtmässig Skelette von Aborigines an sich gebracht und nach Deutschland geschickt haben. Eines dieser Gebeine weist ein Schussloch auf. Wurde der Ureinwohner um der Forschung willen ermordet? Die Archäologie-Professorin Nadine bringt ein Artefakt zurück nach Australien. Zusammen mit ihrer Tochter fliegt sie auf den fünften Kontinent, wo Alina mit einer Freundin ein paar Monate herumreisen will, während die Mutter wieder heimkehrt.

Nach ein paar Tagen gehen Mutter und Tochter wie geplant getrennte Wege. Doch noch vor Nadines vorgesehenem Rückflug nach Europa bricht der Kontakt zu Alina ab. Weder deren Freundin noch sie selber können sie erreichen. Die junge Frau scheint wie vom Erdboden verschluckt und die eingeschaltete Polizei will erst nach vier Wochen Nachforschungen unternehmen.

Wo steckt Alina? Ist sie entführt worden oder hat sie sich, wie die Polizei vermutet, einfach für eine Weile zurückgezogen? Nadine kann und will nicht einfach tatenlos herumsitzen, und plötzlich bietet sich ihr völlig unerwartete Hilfe an. Als Jugendliche hat sie schon einmal einen nahestehenden Menschen verloren und trägt noch heute schwer an ihrer Schuld. So nimmt sie das Angebot als rettenden Strohhalm an, ohne zu ahnen, dass sie sich dahinter eine gemeine Falle verbirgt.

Bereits rund 150 Jahre früher hat sich eine Deutsche auf den Weg nach Australien gemacht, nämlich die Pflanzen- und Tierforscherin Amalie. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Frau hat zwar keine akademische Ausbildung, aber ein immenses Wissen, das ihr von ihrem Mann, dem Apotheker und Botaniker Wilhelm Dietrich, vermittelt worden ist. Obwohl die beiden eine kleine Tochter, Charitas, haben, ziehen sie regelmässig wochen- und monatelang herum; einerseits um ihre Sammlungen zu verkaufen und anderseits um neues Pflanzen- und Insektenmaterial zu beschaffen.

Der Vater kann mit Charitas nichts anfangen. Er hat sich immer einen Sohn gewünscht. Amalie unterrichtet die Tochter von klein auf und bringt ihr die Namen, Klassen und Ordnungen im Pflanzen- und Tierreich bei, aber der Samen keimt nicht richtig in dieser nächsten Generation. Wilhelm selber ist hauptsächlich mit sich selber beschäftigt und um seine eigenen Bedürfnisse und seinen guten Ruf besorgt. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, lässt er seine Frau schuften und die Verantwortung tragen.

Nach der Trennung des Ehepaars erhält Amalie die Chance, für ein Hamburger Privatmuseum während zehn Jahren in Australien Pflanzen und Tiere zu sammeln, zu präparieren und zu verschiffen. Einmal mehr muss Charitas abgeschoben und ein Platz für das Mädchen gesucht werden. Während einem langen Jahrzehnt besteht der einzige Kontakt in gegenseitigen Briefen. Charitas berichtet über ihren Trennungsschmerz, ihre Ausbildung, während die Mutter und Forscherin detailliert über ihre Tätigkeit sowie über Flora und Fauna berichtet und ihre Tochter.

Ein Roman, in den die Autorin geschichtliche Elemente mit dichterischer Freiheit eingebaut hat, und zwar sowohl den Lebenslauf von Amalie Dietrich als auch die grausamen Verbrechen eines Australiers, der als Rucksackmörder bekannt und verurteilt wurde. Den Handlungsablauf fand ich teilweise unlogisch, doch hat dies der Spannung im Teil rund um Nadine nicht wirklich geschadet. Während der aktuelle Erzählstrang eher kurz abgefasst ist, hat die Autorin den historischen Teil mit seiner Korrespondenz sehr ausführlich gehalten. Interessierte finden im Anhang weitere Informationen aus den „richtigen“ Leben der Amalie Dietrich und des Rucksackmörders.



Annette Dutton: 
Das Geheimnis jenes Tages 
Knaur Taschenbuch, 2015