10. Januar 2016

Doris Bewernitz: Wo die Seele aufblüht – Warum ein Garten glücklich macht

Gibt es nicht schon genügend Lebensgeschichten aus dem Garten? Dies war mein erster Gedanke, als ich vor einiger Zeit auf dieses grosszügig illustrierte Buch gestossen bin. Ausserdem empfand ich den Titel als einen Tick zu esoterisch. Ein Eindruck, der aber durch den Zusatz „Warum ein Garten glücklich macht“ gleich wieder etwas relativiert wurde. Die Inhaltsbeschreibung auf der Buchrückseite hat mich dann doch zur Lektüre verleitet. Und ich habe es keine Sekunde bereut, mich von der Autorin durch die im Rhythmus der Jahreszeiten gegliederten Erzählungen unter Überschriften, die da etwa lauten „Komposttherapie“, „Sieglinde spinnt“, „Das Hohelied des Regenwurms“ oder „Fortschreitende Verwilderung“, führen zu lassen.

Direkt an einem Damm der S-Bahn, erreichbar durch eine eiserne Türe zwischen einem Obststand und einer Telefonsäule findet Doris Bewernitz an einem Frühlingstag ihre hortikulturelle Erfüllung. Eine Nachtigall singt und als erstes fällt ihr Blick auf einen Pfirsichbaum, der sogleich Erinnerungen an ein nachhaltiges Erlebnis aus Kindertagen weckt. Da sind aber auch andere Obstbäume, Tulpen, Gewürze sowie ein kleines Steinhäuschen. Und erscheint es zunächst unmöglich, sich in zwei Stunden davon zu überzeugen, dass quietschende S-Bahn-Bremsen tatsächlich nicht stören, genügen dann weniger als 120 Minuten für die definitive Entscheidungsfindung. Nichts steht also mehr im Weg, um die als Kind kultivierte Frühlingsbeet-Lust wieder aufleben zu lassen – unter Beobachtung von 33 Gartenzwergen, von denen mehr als die Hälfte davon eingewachsen sind.

Die Autorin ist immer wieder für Überraschungen gut und berichtet, was es mit den sogenannten Mitmachtagen und dem Moosblick auf sich hat, wie der Garten zur Basisstation für eine Fahrt auf den Mond wurde, von tönenden Apfelblättern und wie ihr Beitrag zum bedingungslosen Grundeinkommen aussehen würde. Dann geht es um Schamgefühle ausserhalb des Gartens wegen der immer leicht schmutzigen Gärtnerinnenhände oder wegen der Vorstellung, wie gepflegte Hände eben auszusehen hätten und sie sinniert über Sklaven des Gartens oder Sklaven der Vorstellung, wie der Garten zu sein hätte.

Auch Tierisches wird immer wieder thematisiert. Zum Beispiel im Zwiegespräch mit Nacktschnecken und bei der Beschreibung des von der Autorin eingeführten „Tages der Biene“ anlässlich der Sichtung der 1. Biene im neuen Gartenjahr. Ein alljährlich wiederkehrender Grund für eine spontane Feier im Garten mit Freunden, bei welcher wärmende Decken nicht vergessen werden sollten. Im Garten wird gesummt, gezwitschert, gekrochen, gefleucht und es werden Netze gesponnen und Schleimspuren hinterlassen. Viele, ob Vier- oder Sechsbeiner, kriegen von von der schreibenden Gärtnerin einen Namen verpasst, genau wie auch viele ihrer geliebten Rosen.

Um hemmungslos über letztere plaudern zu können, hat sie sich eine nette Idee ausgedacht. Sie schenkt nämlich Freundinnen und Freunden zu besonderen Gelegenheiten Rosen. Und zwar keine Ableger aus ihrem Garten oder getopfte Rosen, sondern Urkunden mit dem Foto einer Pflanze aus ihrem Garten und vertraut dem Beschenkten die Patenschaft an. Der Name der Rose und jener des Paten oder der Patin komplettieren das Beweisstück. Die Paten kümmern sich unterschiedlich intensiv um ihre Rosen. Die einen erkundigen sich telefonisch, andere besuchen sie, stecken ihre Nase in duftende Blüten und fotografieren die Schönheiten. Dritte bringen Nahrung in Form von Dünger, Hornspäne oder Pferdeäpfeln in den Garten.



Doris Bewernitz: 
Wo die Seele aufblüht – Warum ein Garten glücklich macht 
Verlag Herder, 2014