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19. Dezember 2020

Lea Thannbach: Weihnachtsstern-Saga

Dieses Jahr kommt bei mir keine richtige Weihnachtsstimmung auf. Wenn ich nicht jeden zweiten Tag ein Adventskalenderpäckchen öffnen dürfte, würde ich mich wohl noch weniger im Weihnachtsmodus befinden. Falls es Ihnen ähnlich geht, macht ihnen vielleicht die Lektüre der Saga über die Züchtung der Weihnachtssterne ein wenig Laune. 

Die beiden Romane der jungen Autorin Lea Thannbach basieren auf der wahren Geschichte der Entwicklung des Weihnachtssterns von der in der USA ausgewilderten Zierpflanze, über die Anfangskultur als Schnittblume bis zur heutigen Topfpflanzenproduktion. 

Ursprünglich stammen die Poinsettien aus tropischen Laubwäldern in Südamerika. Einem deutschen Auswanderer fiel Anfang des 20. Jahrhunderts auf, wie sich an diesen Pflanzen zur Weihnachtszeit die Hochblätter rot färbten und er kam so auf die Idee, diese anzubauen und zu vermarkten. 

In zwei Erzählsträngen verfolgt die Leserin die schwierigen Anfänge der Züchterarbeit, liest von ersten Erfolgen, Rückschlägen und der heutigen Bedeutung der Kurztagpflanze als Weihnachtssymbol - längst nicht mehr nur in den Farben rot und grün. 

Rund um diesen hortikulturellen Hintergrund wird die Familiengeschichte der Münchner Gartenbaustudentin Stella erzählt, die nach dem Unfalltod ihrer Mutter erfährt, dass sie im Westen der Vereinigten Staaten von Amerika eine grosse Verwandtschaft hat, von der sie bisher keine Ahnung hatte. 

Aktuell lese ich Band 2 und da gibt es noch etliche Familiengeheimnisse zu lüften. Ob das Geheimnis um die erfolgreiche Kultivierung der Weihnachtssterne vor der Konkurrenz bewahrt werden kann? 

 

Lea Thannbach:
Im Land der Weihnachtssterne
Ullstein Verlag, 2020
 
Wiedersehen im Land der Weihnachtssterne
Ullstein Verlag, 2020 

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selbst gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

6. November 2020

Posy Lovell: The Kew Garden Girls

Während draussen das von mir inszenierte farbenfrohe Herbstblätterfinale in alle Winde verweht wird oder eben auch nur auf unseren wenigen Quadratmetern aufs Zusammenharken wartet, stecken wir also mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Es ist mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, dass in den vor uns liegenden Wintermonaten nicht nur wegen den deutlich weniger Stunden, die draussen gegärtnert wird, mehr Zeit fürs Sofagärtnern bleibt. 

Kürzlich habe ich nach der Trilogie um die englische Gärtnerin in Kew von Martina Sahler einen weiteren Roman gelesen, der zu einem grossen Teil in diesem königlichen Botanischen Garten in London spielt. Beinahe hätten sich die verschiedenen Protagonisten begegnen können. Gesprächsstoff hätten sie sicher genug gehabt. Aber Scherz beiseite und zurück zur fiktiven Geschichte «The Kew Garden Girls» mit historischen Elementen, inspiriert durch wahre Begebenheiten. 

England steckt 1915 mitten im 2. Weltkrieg und die Männer an der Front haben daheim überall Lücken hinterlassen, so dass die Frauenerwerbsarbeit gezwungenermassen einen massiven Aufschub erhält. In Kew Garden werden Hilfsgärtnerinnen und Hilfsgärtner eingestellt. Jede und jeder bringt einen mehr oder weniger schwer gefüllten Rucksack an positiven und negativen Erfahrungen mit. Louisa ist vor ihrem gewalttätigen Mann in die Stadt geflüchtet und untergetaucht. Ivy, noch nicht einmal volljährig, trägt mit ihrem Einkommen massgeblich zum Unterhalt ihrer Familie bei, da der Vater seine Pflichten immer wieder vernachlässigt. Der leidenschaftliche Lehrer und Pazifist Bernie hat nach einem für ihn beschämenden Erlebnis eine sichere Stelle quittiert und ist mit seinen zwei linken Händen ohne erkennbaren grünen Daumen zunächst eher eine Belastung als eine Hilfe. Später kommt dann noch ein drittes Garden Girl dazu, womit sich weitere Überlegungen zum Buchcover mit drei Frauen erübrigen. 

Zwischen dem Jäten und Abschneiden von welken Blüten in den Blumenrabatten und dem Anpflanzen von Gemüse und Salat geht es ausführlich um Themen wie Kriegsdienstverweigerung, Analphabetismus, Lohndiskriminierung von Frauen und den Kampf der Suffragetten. Die angewendeten Methoden der Frauenrechtlerinnen dünken die Leserin nicht immer vollkommen angebracht, aber im Gegenzug werden auch Fehler reflektiert, eingestanden und die Folgen gelindert. 

Auch wenn sie wohl eher im Märchenreich anzusiedeln ist, fand ich die spezielle Briefkorrespondenz, in welcher die Sprache der Blumen effektiv ausgelebt wird, eine hübsche Idee. Ivy, die des Lesens und Schreibens nur eingeschränkt kundig ist, erhält nämlich von ihrem Liebsten Jim an der Front, statt Briefe, die sie nicht lesen kann, Samen von verschiedenen Blumen. Die französische Saat wird in England zum Keimen gebracht, gehegt und gepflegt und in Form von gepressten Blumensträusschen wieder über den Kanal nach Frankreich geschickt, wo der kundige Berufsgärtner die Botschaften entschlüsselt. 

Der Roman weist vielleicht etwas gar viele individuelle Happy Ends für eine einzelne Geschichte auf, aber zurzeit mag frau das gut verkraften. Trotzdem bin ich erleichtert, dass die Autorin sich/uns wenigstens eines erspart hat. Die Scheidung von Louisa wäre dann doch zu viel des Guten gewesen. 

 

Posy Lovell:
The Kew Garden Girls
Trapeze, 2020

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selbst gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

18. Juli 2020

Tierische und andere Herausforderungen

Mein recht kleiner Garten gefällt mir jedes Jahr besser. In den letzten Jahren sind sehr viele rotblättrige Pflanzen und Grünzeug mit roten Stielen oder Blattadern und/oder farbigem Herbst- und Winteraspekt dazu gekommen und in diesem Frühling wurde die rot-grüne Mischung vermehrt mit orangen Blüten ergänzt. Eine Farbe, die mir noch vor ein paar Jahren unter keinen Umständen in den Garten gekommen wäre. Ich muss gestehen, früher sogar gelegentlich die orangen Blüten der Ligularien vor dem Verwelken abgeschnitten zu haben. Nun, die Geschmäcker und das Verständnis für Ökologie und Insekten ändern sich, aber nach wie vor interessieren mich an Pflanzen die Struktur und Blattform oft mehr als die Blütenfarbe.

Inzwischen sind viele der in den letzten Jahren gepflanzten Stauden, Berberitzen und andere Kleingehölze wunderbar miteinander verwoben und schön ineinander gewachsen, so dass es nicht nur von Nachteil ist, dass dieses Jahr die Gelegenheiten, eher hemmungslos neue Pflanzen nach Hause zu bringen, deutlich eingeschränkt sind. Obwohl ich keine Zeit habe, an den Pflanzen zu ziehen, wächst vieles wie verrückt. Leider ist es nämlich immer wieder so, dass mir die Vorstellung fehlt oder ich ganz einfach das entsprechende Wissen erfolgreich ausblende, dass mir ein kleines unschuldiges Gewächs in einem 7cm-Topf über den Kopf wachsen kann.

Unwillkommene, aber leider auch inkomplette Mithilfe dabei, gewisse Pflanzen in ihre Schranken zu weisen (vereinzelt zwar sogar an der richtigen Stelle), schafft da neuerdings ein nächtlicher Gartengast. Während die Nacktschnecken kürzlich auf meinen zahlreichen verschiedenen Berberitzen anscheinend die hiesigen Klettermeisterschaften durchgeführt haben, sind einem eigentlich hübsch anzuschauenden Raubtier nicht nur der Rauling (Trachystemon) zum Opfer gefallen, sondern - vermutlich als Kollateralschäden - unter anderem auch eine Dahlie, Mukdenien, eine niedrig wachsende Berberitze (!), eine Abelie und einiges anderes mehr. Nachbarn haben einen Marder beobachtet und die Schadbilder im Garten scheinen mit den gegoogelten Informationen übereinzustimmen. Der Rauling hat sich in den letzten Jahren für meinen Geschmack zwar etwas zu breit gemacht, aber in flacher und zerdrückter Form sieht er auch nicht gerade attraktiv aus. Vielleicht befolge ich wirklich den mehrfach erhaltenen Tipp und schreibe eine Anleitung an den Marder, er solle die Pflanze doch bitte gleich ausgraben. Ob das sich Parfümieren wenigstens zu einer erfolgreichen Brautschau geführt hat?

Apropos Düfte - bei der Auswahl meiner Lieblingslektüre hatte ich in den letzten Wochen wiederholt einen ganz guten Riecher. Meine Büchergestelle quellen über und ich bin nicht sehr entscheidungsfreudig, wenn es darum geht, Sätze auf Papier zwischen Buchdeckeln zu entsorgen. Da meine Büchertauschpartnerin lieber liest als sofagärtnert, habe ich zuletzt immer öfter den E-Reader verwendet. Das Vorstellen von E-Book-Lektüre ist sehr aufwendig, deshalb nachstehend ohne detaillierte Inhaltangaben Hinweise auf die letzten Positionen meiner Leseliste.

Insekten, ein spezielles Möbel, Rügen, fundierter Journalismus, die Verwirklichung von Lebensträumen und natürlich ein Garten sind wichtige Stichworte zum Inhalt des Romans «Die Zeit der Glühwürmchen». «Mit das Lächeln der Libellen» und «Die Träume der Bienen» findet der in sich abgeschlossene erste Band der Serie "Inselgärten" von Patricia Koelle eine Fortsetzung im kommenden Herbst.

Im dritten Teil von Martina Sahlers «Die englische Gärtnerin, Weisser Jasmin» geht es um viele Abschiede, aber auch um einen schwierigen Neuanfang, Durchsetzungsvermögen und das Erreichen von Zielen - manchmal halt auf einigen Umwegen.

Der Roman «Der Garten unter dem Eiffelturm» hat sich nicht nur als Sofagärtnern und Kopfkino in vollendeter Form entpuppt, er dient gleichzeitig auch als Inspirationsquelle für Gartenreisen nach Paris und in die Normandie. Im Anhang der Lektüre finden sich die im Buch besuchten Gärten mitsamt ausführlichen Hintergrundinformationen. Lesend schlendert man da beispielsweise durch den Jardin Anne Frank, die Jardins flottants Niki de Saint-Phalle und den ehemaligen Pariser Bahngürtel, die Promenade plantée. Über den Romaninhalt will ich jetzt nicht viele Worte verlieren und auf die Webseite der Autorin Elena Eden verweisen. Die Investition in das im Eigenverlag publizierte Buch wird mit einer romantischen Erzählung rund um Schuldgefühle, ein altes Familiengeheimniss eingebettet in ein hortikulturelles Umfeld inklusive viel Wissenswertem über Claude Monet belohnt. Ich freue mich jedenfalls auch hier auf eine hoffentlich baldige Fortsetzung. Vielleicht lässt sich bis dann auch das Rätsel klären, weshalb auf eben dieser erwähnten Webseite von einer Mehrzahl von Gartenromanen der Autorin die Rede ist, obwohl sich (bisher?) leider nur einer finden lässt.

Diese Romane verhelfen alle zu ein wenig Ablenkung von den Herausforderungen rund um das Coronavirus. Dass auf Tiefschläge auch wieder bessere Zeiten folgen, zeigen nicht nur die Schicksalsschläge und Abschiede in den in diesem Post erwähnten erfundenen Lebensläufen, sondern auch die Geschichten, die das Leben von Rita Pottharst (Jahrgang 1943) schrieb. Sie berichtet in «Alles mit Links» über Ihre Kinder- und Jugendjahre in einer Gärtnerei in Paderborn. Auch hier soll eine Fortsetzung folgen.

Bei der Bewältigung der mit dem tierischen Gartenärger verbundenen Herausforderungen, setze ich meine Hoffnung einerseits auf Ultraschall und Hundehaare und anderseits auf Miscanthus. Dem schleimigen Problem wollte ich nämlich mit Chinaschilf-Abdeckmaterial rund um die Berberitzen begegnen, da dieser Mulch von Nacktschnecken gemieden werden soll. Aber vielleicht riecht das ja für Mardernasen verführerisch? Vorerst habe ich deshalb auf das Ausbringen verzichtet.



Elena Eden:
Der Garten unter dem Eiffelturm
Eigenverlag, 2020

Patricia Koelle:
Die Zeit der Glühwürmchen (Inselgärten, 1. Teil)
Fischer Verlag, 2020

Rita Potthast:
Alles mit Links – Eine Hommage an meinen Vater
Tredition, 2019

Martina Sahler:
Die englische Gärtnerin – Weisser Jasmin (3. Teil)
Ullstein Verlag, 2020



Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

4. Juli 2020

Loretta Nyhan: Wenn das Leben dir Tomaten schenkt

Die 43jährige Witwe Paige Moresco tut sich zwei Jahre nach dem Unfalltod Ihres Mannes Jesse immer noch sehr schwer damit, diesen Schicksalsschlag zu akzeptieren. Über zwanzig Jahre waren die beiden ein Paar und gut eingespieltes Team. Bis vor kurzem hat sie sich darauf verlassen, wenigstens einen sicheren Job zu haben. Seit vielen Jahren arbeitet sie nämlich in der gleichen Marketingagentur, wo sie als zuverlässige Ideenlieferantin eine wichtige Teamstütze war. Doch ihre tiefe und andauernde Trauer hat natürlich auch einen Einfluss auf ihre Arbeitsqualität.

Nach dem ebenfalls völlig überraschenden Tod ihres Vorgesetzten und Mentors, der sie auch um der guten alten Zeiten willen in der letzten schwierigen Zeit immer unterstützte, hat dessen Sohn die die Firma übernommen und krempelt sowohl die Organisation als auch das Team um. Neue Arbeitsabläufe werden eingeführt, Kosten sollen gespart, die Anzahl Mitarbeiter reduziert und insbesondere neue Kunden gewonnen werden. Damit keine Kündigungen ausgesprochen werden müssen, haben sich die Angestellten einem internen Wettbewerb zu stellen und schliesslich müssen die zwei, welche den Anforderungen am wenigsten genügen, gehen.

Neben der Trauer, dem Leistungsdruck und den Reibereien mit ihrem pubertierenden Sohn Trey muss sie sich auch immer wieder mit ihrem lästigen Nachbarn auseinandersetzen, dessen einziger Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, auf das Einhalten von mehr oder weniger sinnvollen Regeln in der Nachbarschaft zu pochen. Dazu gehört unbedingt auch ein gepflegter grüner Rasen vor jedem Vorstadthaus. Rund um Paige Moresco türmen sich also die Probleme zu immer höheren Bergen. Und was macht sie? Sie beginnt ein Loch in ihren sowieso zu wenig grünen Rasen zu graben, und gräbt immer weiter und tiefer.

Abwechslung in der Lektüre ist mir sehr wichtig. So folgen auf Krimi und Romane nach Lust und Laune Biografien und Gartenportraits oder Botanikwanderführer. Weniger gerne lese ich Ratgeber, die mit erhobenem Zeigefinger geschrieben sind und vorgaukeln, alle Probleme liessen sich mit positiven Gedanken lösen oder so ähnlich. «Wenn das Leben dir Tomaten schenkt, mach Salsa draus», heisst es einmal ganz lapidar in diesem Roman. Doch statt Tomaten geerntet, werden sehr viel häufiger (für meinen Geschmack eindeutig zu viele) Tipps zu Teambildung, kreativem Arbeiten und zur Leistungssteigerung aus dem Lieblingsratgeber des Juniorchefs in die Handlung eingeflochten.

Irgendwie wurde ich nicht so richtig warm mit diesem Roman. Zwischendurch ist er durchaus berührend, dann wieder fand ich ihn einfach langweilig. Aufgrund des sehr persönlichen Nachwortes vermute ich zahlreiche autobiographische Elemente. Aber lesen Sie selber und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung!



Loretta Nyhan:
Wenn das Leben dir Tomaten schenkt
Goldmann Verlag, 2020



Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

6. Juni 2020

Viola Shipman: Im Garten deiner Sehnsucht

Am Michigansee muss es wunderschön sein und die Wälder mit blühenden Trillium eine Reise wert. Jedenfalls könnten einzelne Passagen in diesem Roman in einer Tourismuswerbung stehen. Beim Gärtnern und Sofagärtnern gelten aber andere Wesentlichkeiten und da muss festgestellt werden, die Winter in dieser Gegend sind sehr lang. Iris Maynard hat mit den dankbaren Blütenstauden Taglilien für ihren Garten schon vor Jahrzehnten eine gute Lösung für relativ kurze Sommer gefunden. Jede Blüte bleibt nur für einen Tag, aber eine Pflanze erfreut wegen der Unmengen an Knospen während Wochen. 

Gelb, gelborange, rotorange, rot, rotviolett und lila – in allen Regenbogenfarben blühen Hemerocallis und genau in dieser Reihenfolge angepflanzt hat Iris ihre Lieblinge. Sie gibt sich aber nicht mit irgendwelchen Supermarktpflanzen zufrieden. Nein, viele hat sie in den letzten Jahrzehnten selber gekreuzt und gezüchtet und Nylonstrumpfhosen spielen auch heutzutage dabei noch eine wichtige Rolle. Verschwendung ist ihr aus Kriegszeiten immer noch ein Gräuel. 

Nicht nur Sparsamkeit ist ein Überbleibsel aus den vierziger Jahren. Ihr Mann Jonathan ist in Europa gefallen und sie musste ihre schliesslich bereits im Kindesalter verstorbene Tochter Mary weitgehend alleine erziehen und durchbringen und hat gelernt, sich durchzusetzen. Die Schicksalsschläge haben dazu geführt, dass sich im Laufe der Jahre immer mehr zurückgezogen hat und ein sehr hoher Gartenzaun hält alle Menschen von ihr fern. Ihre Familie sind die Pflanzen in ihrem Garten. Diese wachsen hier seit vielen Jahren und sind Erbstücke, die Geschichten erzählen. 

Als im Nachbarhaus neue Mieter einziehen, stört sich Iris denn Anfangs auch sehr, dass diese, allen voran die Tochter Lily, in ihre Privatsphäre eindringen, obwohl Abstand zur Vermieterin neben der Einnahmequelle aus den monatlichen Zahlungen der wichtigste Bestandteil des Mietvertrages zwischen den beiden Parteien ist. 

In zwei Erzählebenen erfährt die Leserin von erstaunlichen Parallelen zwischen den Leben der Vermieterin und ihrer neuen Mieter, die sich nicht auf Frauen beschränken, die Blumennamen tragen. Während Iris ihren Mann nie in heimatlicher Erde beerdigen konnte, ist der Mann der neuen Nachbarin Abby Peterson ein traumatisierter Kriegsrückkehrer aus dem Irak. Farben spielen auch im Leben der Chemieingenieurin Abby eine grosse Rolle und beide Frauen arbeiten im Labor. Während die junge Frau Farben und Lacke entwickelt, beschäftigt sich die ältere mit diploiden und tetraploiden Taglilien und versucht, in ihren Neuzüchtungen die guten Eigenschaften beider Elternteile zu vereinen. 

Der Buchtitel «Im Garten deiner Sehnsucht» lässt auf einen eher oberflächlichen Inhalt schliessen, was aber ganz und gar nicht zutrifft. Ist ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende besser? Jedenfalls haben jene, die von Kriegsschauplätzen zurückgekehrt sind, auch wenn sie nicht mehr die sind, als die sie fortgezogen sind, noch eine Chance, ihr Leben trotz vielen schlechten Erlebnissen weiterzuleben und diesem mit dem Zurechtfinden in einem neuen Alltag gute Erlebnisse hinzuzufügen.

Die Leserin verfolgt die Entwicklung der Beziehung der Neuzugezogenen untereinander und wie sich die neuen Nachbarn alle zusammen zu einer Art Patchworkfamilie mit Grossmutter, Eltern und Kind zusammenfinden. Ausgezeichnet zum Sofagärtnern und den breiten hortikulturellen Hintergrund passt auch die Rolle der Wiederauferstehung eines Victory Gardens.



Viola Shipman: 
Im Garten deiner Sehnsucht 
Fischer Krüger, 2020 



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18. April 2020

Martina Sahler: Die englische Gärtnerin (Trilogie)

Martina Sahler hat bereits vor einigen Jahren eine Trilogie mit hortikulturellem Hintergrund verfasst, die zur Zeit der Tulpenmanie spielt («Die Tulpenkönigin», «Der Zorn der Tulpenkönigin» und «Die Macht der Tulpenkönigin»). Aber Achtung: Der erste damalige Band ist unter zwei verschiedenen Autorennamen erschienen, nämlich zuerst unter dem Pseudonym Enie van Aanthuis und später eben unter Martina Sahler. Ich bin natürlich hereingefallen und habe das Buch doppelt gekauft. Aber hier soll es nicht um Tulpen und Holland gehen, sondern um Astern, Dahlien, Jasmin und England. 

In der aktuellen Romanreihe begleitet die Leserin in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine junge Frau, die unbedingt in Kew Garden ihren Weg gehen und damit in die Fussstapfen ihres Grossvaters treten will. Von der Mutter ist Charlotte Windley zu Selbständigkeit erzogen worden. Tatsächlich ergattert sie als erste Frau eine Stelle als Botanikerin im botanischen Garten und sie erhält die Chance, gemeinsam mit ihrer geheimen Liebe an einer Pflanzenexpedition teilzunehmen.

Doch ein furchtbares Unglück wirft alle Zukunftspläne über den Haufen und die junge Frau muss sich entscheiden, ob sie ihre eigenen Interessen vor eine gesicherte Zukunft ihrer nächsten Familienangehörigen stellen will. 

Die Vernunft hat gesiegt, aber nichtsdestotrotz versucht Charlotte, ihre Selbständigkeit zu bewahren und arbeitet als gut situierte Frau und Hausherrin des Anwesens Summerlight House trotzdem weiter als Botanikerin. Als sie schliesslich ihre Stelle in Kew Garden verliert, macht sie sich zusammen mit dem Gärtner Quinn an die Gestaltung des Gartens rund um ihr neues Heim. 

Und im zweiten Band geht es dann doch noch auf Reisen. Zunächst durch England und später nach Persien. Auf der Garteninsel werden im Kopfkino Gärten und Gärtnereien besucht, und zwar auch solche, die teilweise heute noch einen Besuch wert sind wie etwa Great Dixter, Wisley Garden und Alnwick Garden. Sogar Vita Sackville-West begegnet einem immer wieder im Lauf der Lektüre. Die Persienreise, welche Charlotte von ihrem Mann Victor geschenkt wird, basiert übrigens auf der literarischen Aufarbeitung einer ähnlichen Expedition der Sissinghurst-Gestalterin über die Bakhtiari-Berge im heutigen Iran. 

Während die Verbindung zum Gärtner nicht nur wegen gemeinsamen hortikulturellen Gestaltungsinteressen immer enger wird, wächst die Entfremdung zwischen Charlotte und ihrem Mann Victor. Auf das Erscheinen des dritten Bandes muss ich mich leider noch gedulden. Gemäss Vorankündigung spielt er zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. 



Martina Sahler: 
Blaue Astern (Band 1) 
Rote Dahlien (Band 2) 
Weisser Jasmin (Band 3) 
Ullstein Verlag, 2019/2020 


Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

13. April 2020

Ella Kordes: Die Gartenschwestern

Über die Osterfeiertage habe ich vermutlich DEN Gartenroman des Bücherfrühlings 2020 gelesen. Auf zwei gut durchdachten und verbundenen Zeitebenen lässt frau sich von Gedanken an COVID-19 ablenken. Und zwar einerseits durch existenzielle Sorgen gegen und nach Ende des zweiten Weltkriegs und anderseits von demgegenüber jedenfalls vergleichsweise banalen Problemen rund um den Verlust eines jahrelang gepflegten Gartens wegen Trennung von Haus(inhaber) und Bett beziehungsweise Beet(gestalterin) in der Gegenwart. 

Drei Frauen haben sich vor ein paar Jahren während einer Gartenreise kennengelernt. Quasi als Hilfsgärtnerinnen haben die "Gartenlosen" Marit und Constanze Eintritt in das durchgestylte grün-weisse Villengartenparadies von Gitta erhalten. Da die rechtlichen Tatsachen eindeutig und der Verlust des Gartens damit gegeben sind, muss oder kann nicht nicht einmal ein Rosenkrieg mit ihrem Noch-Ehemann geführt werden.

Kann eine Schrebergartenparzelle Ersatz für die erzwungene Trennung vom geliebten Garten sein? Können die drei Gartenschwestern ihre Freundschaft auf einem anderen, gleichberechtigten Fundament auf eine neue Ebene stellen und auch die Gartenwünsche und -ansprüche von Marit und Constanze erfüllen? Diese beiden träumen nämlich weniger von durchgestalteter Ästhetik; also von bunten Blumen und nicht-formalen, ja eher wilden Gartenelementen. Und natürlich gibt es da noch die Vereinsvorschriften von wegen Gemüse- und Obstgartenanteil. 

Die grösste Parzelle in der Schrebergartenkolonie auf Probe zu mieten ist eine nicht zu unterschätzende Verpflichtung. Aber schliesslich wird sogar das Rätsel um drei ganz besondere Inneneinrichtungselemente in der Laube und einen unterirdischen frostsicheren Raum elegant gelöst. 

Nachtrag: Bei der Autorin Ella Kordes soll es sich laut gegoogelten Quellen um ein Pseudonym von Tania Krätschmar handeln. Ein Name, der Sofagärtnerinnen nicht unbekannt ist. Das Suchen im Sofagarten führt zu mehreren Treffern.



Ella Kordes: 
Die Gartenschwestern 
Blanvalet Verlag, 2020 


Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

8. September 2017

Kate Kerrigan: The Lost Garden

Im Sommer 1942 darf die sechzehnjährige Irin Aileen Doherty zum ersten Mal mit ihrem Vater und den beiden Brüdern nach Schottland fahren, um dort während drei Monaten beim Kartoffelanbau Geld zu verdienen. Bis anhin hat sie ihre kleine, enge Welt nur in ihrer Phantasie beim Lesen der immer gleichen Bücher verlassen. Vor der Abreise stellt sie pflichtbewusst sicher, dass ihre geliebten Pflanzen und die Töpfe mit den frisch gesetzten Samen, die sie am Strand gefunden hat, soweit möglich gut versorgt sind. Ob das Grünzeug ihre lange Abwesenheit ohne Verluste überstehen wird?

Schon auf der Überfahrt lernt sie den neunzehnjährigen Jimmy Walsh kennen, der sich sofort in die rothaarige Aileen verliebt, obwohl Rothaarige Unglück bringen sollen. Er hängt sich sofort ziemlich aufdringlich an die junge Frau. Sie fühlt sich zunächst auch bedrängt. Da sie sich aber den Umgang mit Frauen nicht gewohnt ist und keinen rechten Draht zu den anderen weiblichen Mitreisenden findet, ist sie binnem kurzem um Jimmys Aufmerksamkeit froh und sie beginnt schon bald, seine Gefühle zu erwidern.

Ein schweres Unglück erstickt die aufkeimende Liebe, welche die harte Arbeit auf den Feldern viel besser hat ertragen lassen. Zehn irische Männer kommen ums Leben, darunter Aileens Vater und ihre beiden Brüder. Jimmy wird beim Versuch, die Männer aus dem brennenden Gebäude zu retten, schwer verletzt. Die Wege der beiden jungen Leute trennen sich – Aileen kehrt in ihr Heimatdorf zurück und Jimmy liegt lange in einem Spital und kämpft ums Überleben.

Aileen versinkt in Schmerz und Trauer. Sie weiss nicht, ob Jimmy überhaupt noch lebt und sie will es auch gar nicht wissen, um nicht auch noch dieser Hoffnung, dieses Traums beraubt zu werden. Auf den nächsten Schicksalsschlag muss sie auch so nicht lange warten. Ihre Mutter scheint den Verlust ihres Mannes und der beiden Söhne recht schnell weggesteckt zu haben. Sie verlässt die Insel, lässt ihre Tochter zurück, heiratet schon kurz darauf und wird erneut Mutter. Nicht einmal die Samen vom Strand, die inzwischen gekeimt sind, mögen das Interesse von Aileen wecken. Wieso leben die Pflanzen und ihr Vater und ihre beiden Brüder sind tot? Die junge Frau hat die Freude am Gärtnern verloren.

Das Leben geht weiter und Aileen lebt inzwischen bei einem benachbarten Farmer, der die kleinen Kinder seines verwitweten Bruders aufzieht und sie übernimmt Aufgaben im Haushalt. Jimmy seinerseits zieht es nach London, wo er sein schwer verunstaltetes Gesicht wieder herstellen lassen will. Dazu muss er viel Geld verdienen und eine Gesichtsoperation durchführen lassen. Um Aileen seinen momentanen Anblick und sich ihre Reaktion darauf zu ersparen, will er erst anschliessend mit ihr Kontakt aufnehmen.

Jimmy findet rasch einen gut bezahlten Job, verschliesst aber die Augen vor den Tatsachen, worum es sich bei seiner Tätigkeit genau handelt. Als er sich den Gegebenheiten endlich stellt, ist es schon fast zu spät. Aileen entdeckt derweilen einen verlassenen, völlig vernachlässigten Garten, in dem schon längst die Natur das Zepter übernommen hat. Die ganze Anlage samt Statuen ist von Unkraut überwuchert, doch die junge Frau ist überwältigt vom Anblick, der sich ihr bietet. In der Folge geht sie immer öfter in diesen längst aufgegebenen Garten und vollbringt wahre Wunder. Bald wird sie unterstützt von Frauen aus dem Dorf, die ebenfalls ihre Väter, Männer und Brüder verloren haben.

Die vielen Lücken, die sich nach dem Jäten auftun, füllt Aileen mit riesigen Mengen von in der Umgebung ausgegrabenen und mit Stecklingen vermehrten einheimischen Gewächsen. Das wenige ihr zur Verfügung stehende Geld, investiert sie in exotische Sämereien, die sie im Treibhaus, zum Keimen bringt. Ihre praktischen Erfahrungen ergänzt sie mit der intensiven Lektüre von «The Ladies Companion» und «The Obeserver’s Book of British Wild Flowers».

Bald kennt Aileen sich ausgezeichnet mit Pflanzen und deren Bedürfnissen aus. Ein Rätsel bleibt, um welche Pflanzen es sich handelt, die aus den am Strand gefundenen Samen gewachsen sind. Deren Gedeihen scheint mit dem Befinden der Hinterbliebenen zusammenzuhängen, was der zu Rate gezogene Botaniker französischer Herkunft aus dem Botanischen Garten in Dublin kategorisch ausschliesst. Der Franzose und Aileen verstehen sich ausgezeichnet und ergänzen sich in hortikultureller Sicht ausgezeichnet. Trotzdem kann Aileen ganz im innersten nicht verleugnen, dass ihre wirklichen Sehnsüchte nur durch einen anderen Mann erfüllt werden können.



Kate Kerrigan: 
The Lost Garden 
Pan Books, 2014

1. September 2017

Liz Fenwick: Ein Garten in Cornwall

Die Gärten von Boscawen wurden einst von Mitgliedern der Familie Tregan angelegt. Pflanzen aus dem Nahen Osten, Australien und Afrika haben hier eine neue Heimat gefunden. Weit herum als Wahrzeichen von Boscacwen galten die einst als Samen aus Down Under mitgebrachten in einem aussergewöhnlichen Blau leuchtenden Schmucklilien. Doch nachdem das Anwesen den Besitzer gewechselt hat, wurde die Umgebung vernachlässigt. Viele botanische Schätze sind inzwischen verwildert oder definitiv verschwunden und der versunkene Garten im italienischen Still ist völlig überwuchert. 

Die letzte Tregan ist die auf Boscawen aufgewachsene heute sechzigjährige Victoria, die sich  zu einem grossen Teil über ihren makellosen, attraktiven Körper definiert. Seit vier Jahrzehnten ist sie mit Charles verheiratet, den sie respektiert, aber nicht liebt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit meist deutlich jüngeren Männern betrügt. Ihre Leidenschaft und ihr Hauptinteresse gilt aber den Gärten rund um Boscawen, die sie unbedingt wieder in genau der Pracht blühen sehen will, wie es in ihrer Kindheit der Fall war. Als Frau durfte sie nicht als Schwimmerin an der Olympiade teilnehmen, nicht in Oxford studieren und Kinder waren ihr auch nicht vergönnt. Und natürlich durfte sie auch das seit vielen Jahren in Familienbesitz befindliche Boscawen nicht erben, so dass es nach dem frühen Tod ihres Bruders von deren Frau verkauft werden konnte. Charles hat ihr während der langen Ehe nicht nur einen angenehmen Lebensstandard geboten, sondern auch ihrem Wunsch entsprechend das Anwesen wieder zurückgekauft. 

Nun ist sie nach dem tödlichen Autounfall ihres Mannes plötzlich Witwe. Zwar bedrücken sie Schuldgefühle und sie vermisst Charles mehr als sie erwartet hat, doch sie beginnt sofort enthusiastisch Gartenpläne zu schmieden und freut sich, mit der Planung und Restaurierung endlich richtig loslegen zu können. Gemäss Ihren Vorstellungen muss der Garten wieder genau wie früher werden, weshalb sie schon einmal Hunderte Apfelbäume bestellt. Doch diese Aktion erscheint bereits genau so sinnlos, als die Pflanzen geliefert werden, wie sich ihre Zeichnungen schon während der Testamentseröffnung als potentielle Makulatur entpuppen. 

Victoria ist nämlich nicht wie von ihr erwartet als Alleinerbin eingesetzt. Sie muss sich mit Charles' unehelichen Tochter Demi auseinandersetzten, von der sie bis zu diesem Tag nichts gewusst hat und sie muss mit dieser Frau teilen, was in letzter Zeit nicht verspekuliert worden oder grosszügig an wohltätige Organisationen gegangen ist. Da die ihr zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nicht für die Alleinherrschaft geschweigen denn eine Auszahlung der Miterbin ausreichen, muss sich Victoria mit der unbekannten Miterbin einigen oder das Anwesen verkaufen. Schon einmal hat Victoria Boscawen verloren. Soll ihr dieses Schicksal nochmals widerfahren? In ihr sträubt sich alles gegen diese Möglichkeit. Doch wer ist überhaupt diese junge Frau, die Victorias Ziel im Weg steht, die von ihren Vorfahren angelegten Gärten wieder zum Blühen zu bringen? 

Demi ist recht klein, weshalb die ausgebildete Architektin oft unterschätzt oder schlichtweg übergangen wird. Ihre Körpergrösse ist aber im Moment ihr kleinstes Problem. Vor ein paar Wochen ist völlig unerwartet ihre Mutter gestorben und nun hat die Mitzwanzigerin auch noch den dringend benötigten Job im Anschluss an ihr Praktikum nicht ergattern können. Und nachdem ihr Freund Matt ihr Vertrauen wiederholt missbraucht hat, hat sie sich von diesem getrennt und hat nun kein Dach mehr über dem Kopf. In ihrer Not fährt sie nach Cornwall und sucht bei ihrem Grossvater Unterschlupf. 

Hier findet sie heraus, dass ihr Vater nicht, wie von ihrer Mutter gesagt, schon lange tot ist, sondern ganz in der Nähe lebt und sogar an der Beerdigung ihrer Mutter teilgenommen hat. Doch bevor sie sich an diesen Gedanken gewöhnen kann und bereit für ein Treffen ist, muss sie erfahren, dass er tödlich verunglückt ist. Mit dem Erbe ihres Vaters scheinen wenigstens ihre finanziellen Probleme gelöst. Doch gleichzeitig hat sie von ihrem Vater eine riesige Verantwortung aufgebürdet bekommen. 

Demi zieht nach Boscawen und findet rasch heraus, dass Charles’ Witwe eine sehr schwierige Frau ist. Dazu kommen immer wieder Flahsbacks, welche die junge Frau verunsichern. Wiederholt stösst sie auf Orte in der Umgebung, bei denen sie glaubt, diese zu kennen. Ihre Erinnerungen an die früheste Kindheit sind aber seit einer schweren Erkankung als kleines Mädchen wie ausgelöscht. Unterstützung in ihrer Entscheidungsfindung erhält sie vom australischen Gärtner Sam, der seinerseits ein Geheimnis um seine Herkunft zu machen scheint. 

Können sich die beiden unterschiedlichen Frauen zusammenraufen? Haben die vorgesehenen Umbaupläne eine Chance? Sams Apfelbaumkonzept findet Victorias Zustimmung. Doch mit dem Gedanken, die Hauptverantwortung für den geplanten Innenumbau der jungen Architektin Demi anzuvertrauen, will sie sich nicht anfreunden. 

Die Handlung des Romans ist weitgehend vorhersehbar. Als ärgerlich und dem Lesefluss abträglich empfand ich die durchgehend fehlenden, visuellen Abgrenzungen zwischen den einzelnen Erzählebenen, wenn zwischen der Sicht von Victoria und Demi gewechselt wird. 



Liz Fenwick: 
Ein Garten in Cornwall 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2016

1. August 2017

Nike Mangold: Die Orangerie

Die zwanzigjährige Alma verdient sich ihnen Lebensunterhalt mit Miniaturzeichnungen auf der Rückseite von Strassenbahntickets, Papierschnitzeln und Zeitungsrändern. Meistens reicht es nicht für eine anständige Mahlzeit und das Ergattern eines Schlafplatzes im Hamburger Elendsquartier ist eine weitere Herausforderung, die es täglich zu meistern gilt. Ihre Eltern sind 1892 an Cholera gestorben, als sie sieben Jahre alt war, weshalb sie schon früh für sich selber sorgen lernen musste. Ihr grösster Schatz ist ein botanisches Magazin, das sie vor ein paar Wochen am Strassenrand gefunden hat. 

Als die junge Künstlerin auf dem Markt versucht, potentielle Kunden auf sich aufmerksam zu machen, wird sie von einer Dame angesprochen, die sich als Agathe Brook und Züchterin von exotischen Pflanzen vorstellt. Diese ist beeindruckt von Almas Pflanzenabbildungen aufgrund der Vorlage aus der Zeitschrift. Frau Brook verkauft Orchideen und möchte, dass Alma ihre Gewächse für Werbezwecke abzeichnet. Sie lädt Alma deshalb ein, sie zu begleiten und die junge Frau nimmt das Angebot an. Was hat sie schon zu verlieren?

Die Mietkutsche bringt die beiden Frauen nach Harvestehude in eine Orangerie voller Pflanzen, einen richtigen Tempel der Botanik. Alma glaubt, endlich einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Doch die vermeintliche Glückssträhne wird unterbrochen, kaum dass sie begonnen hat, denn am nächsten Tag liegt ihre Arbeitgeberin tot in ihrem Zimmer. Alma bleibt trotzdem im Gewächshaus und versucht, sich um die exotischen Pflanzen und deren Verkauf zu kümmern, hat aber weder eine Ahnung von deren Bedürfnissen noch von deren Wert. Die junge Frau ist nicht alleine in der Orangerie. Sie muss sie mit dem jungen Nudisten Per teilen, der zwischen den Palmen lebt. Der Anhänger der Freikörperkultur kennt sich im Gegensatz zu Alma mit den Pflanzen aus und unterrichtet sie im Gärtnern und der Pflege. Auf Anweisung von Alma muss er sich unsichtbar machen, sobald Kunden auftauchen. Während Per sich ohne Kleider frei fühlt, braucht Alma den ständigen Schutz ihres kratzigen Schultertuchs. 

Die Erbschaftsfrage ist noch nicht geklärt. Der wahrscheinliche Erbe ist ein Verwandter der direkten Nachbarn der verstorbenen Orangerie-Besitzerin, den diese im Militärdienst glauben. Die Anwohner wittern deshalb die Chance, sich Hab und Gut und insbesondere das wertvolle Land unter den Nagel reissen zu können und wollen deshalb Alma loswerden. Die weiss nämlich zu viel, nachdem ihr Zeichentalent von eben diesen Anrainern genutzt worden ist, um Teile des Hamburger Stadtplans zu kopieren und die junge Zeichenkünstlerin sich die damit zusammen hängenden unlauteren Geschäfte zusammenreimen könnte. Und so muss die junge Frau, kaum dass sie sich immer mehr wie eine richtige Gärtnerin fühlt, das Treibhaus in Begleitung von zwei Polizeibeamten verlassen. 

Dieses Buch mit einem aussergewöhnlich schönen Buchumschlag basiert auf historischen Begebenheiten, welche die Autorin geschickt in den Roman integriert hat. Es geht um soziale Missstände, die krassen Unterschiede zwischen den Lebensumständen der Reichen und der Armen, Spekulationen, aber auch die Zurschaustellung von Menschen aus anderen Kulturen im Zoo, Guanodünger und einem anderen Dungmittel, aufgrund dessen Menschen angeblich Wurzeln wachsen sollen. 



Nike Mangold: 
Die Orangerie 
Eigenverlag, 2015

8. Juli 2017

Susanne N. Bahro: Abschied am Alpsee

Carina bekommt von ihrem Mann schon lange keine roten Rosen mehr geschenkt. Was aber weniger daran liegt, dass sie eine Floristikausbildung abgeschlossen hat, sondern darauf zurückzuführen ist, dass ihre vierköpfige Familie, zu der neben Carina und ihrem Mann Frank der 16jährige David und die 12jährige Anika gehören, fest im Alltagstrott gefangen ist. Jetzt hat Carina ihren Nächsten einen Urlaub in ihrer Heimat, dem Allgäu, abgetrotzt, ja fast abgenötigt, und Mann und Kinder sind wenig begeistert, auf Meer und Ostseestrand verzichten zu müssen. 

Der erste Ferientag beginnt dann auch wenig vielversprechend und Carina macht sich nach einem Streit alleine auf, um den alten Residenzort Immenstadt zu erkundigen. Nachdem sie sich aus Frust ein wunderschönes, aber eigentlich viel zu teures Kleid gegönnt hat, läuft sie weiter durch die Gassen und die Auslage des Blumenladens «Monis Blumenkiste» erweckt ihre Aufmerksamkeit. Obwohl die Aufmachung bei näherer Betrachtung ihrem kritischen Auge nicht genügt, möchte sie sich das Geschäft gerne anschauen. Doch leider ist die Ladentüre abgeschlossen. Sie bleibt nicht die einzige, die vor der verschlossenen Türe stehen bleiben muss. 

Als Carina während einem Gespräch mit der Bäckersfrau von nebenan erfährt, dass die Inhaberin wegen einem Unfall für ein paar Tage im Krankenhaus bleiben muss, bietet sie ganz spontan ihre professionelle Hilfe an. Die hinzugezogene Tochter der Blumenladenbesitzerin hat keine Einwände und so ergibt sich für die Mutter und Hausfrau ganz plötzlich die Möglichkeit, ihren langjährigen Traum vom eigenen Blumengeschäft wenigstens für ganz kurz auszuleben und nach vielen Jahren wieder als Floristin tätig zu sein. Ihre schlechte Laune ist wie weggeblasen, während sich die Begeisterung ihrer Familie über die Abwesenheit der Mutter in Grenzen hält. 

Wieviel kostet eine einzelne Rose? Welchen Preis kann sie für einen bunten Sommerblumenstrauss verlangen? Um an notwendige Informationen zu gelangen, verschafft sich Carina Einblick in die Bestelllisten. Sie bringt es fertig, einen wichtigen Kunden mit ihrer originellen Tischdekoration, die aus einer Verlegenheit oder genauer mangels vorhandener frischer Blumen entstanden ist, zu begeistern. Aber gleichzeitig überschreitet sie eindeutig ihre Stellvertreterinnen-Kompetenzen, als sie einen eingeschriebenen Brief nicht nur entgegennimmt, sondern auch öffnet, liest und den wichtigen Inhalt nicht einmal weitergibt. Dieser Fauxpas und die Nicht-Information der Inhaberin über ihre Aushilfetätigkeit ziehen Konsequenzen nach sich. 

Als sich nämlich die Blumenladenbesitzerin Moni selber vorzeitig aus dem Krankenhaus entlässt und nichts ahnend von den Abmachungen zwischen ihrer Tochter und Carina im eigenen Geschäft auftaucht und eine fremde Person darin vorfindet, ist sie natürlich gar nicht begeistert. So scheint der Traum vom temporär zu führenden Blumenladen noch schneller zu enden, als durch die kurze Feriendauer sowieso schon absehbar war. 

Immerhin bleibt so wieder etwas Zeit für richtige Familienferien. Doch sie findet heraus, dass ihr Ehemann heimlich in beruflicher Mission unterwegs sein muss. Da die beiden mitten in einer heftigen Ehekrise stecken und sich gegenseitig nicht mehr offen informieren, hat sie keine Ahnung davon, dass das vor dreieinhalb Jahren gegründete Architekturbüro ihres Mannes sehr schlecht läuft und er dringend auf neue Aufträge angewiesen ist. 

Immerhin hat sich Davids Laune etwas gebessert und Anika ist durch die Abwesenheit von Mutter und Vater gezwungenermassen etwas selbständiger geworden. Der Sohnemann hat Anschluss an gleichaltrige einheimische Jugendliche gefunden, so dass seine Enttäuschung darüber, die Klasse wiederholen zu müssen, etwas in den Hintergrund gerückt ist und die Tochter verbringt ihre Tage auf einem Ponyhof. Hat Frank vielleicht mit seinen Vorwürfen doch recht, dass Carina ihre Kinder zu fest bemuttert? Damit sind noch nicht einmal alle aktuellen Probleme aufgezählt. Denn da gibt es noch einen ehemaligen Schulkameraden von Carina, der ziemlich aufdringlich um sie wirbt. Steht die Ehe von Carina und Frank nach siebzehn Jahren tatsächlich vor dem Aus und David muss, wie von ihm befürchtet, als Scheidungskind nach Hause kehren? 



Susanne N. Bahro: 
Abschied am Alpsee 
Eigenverlag, 2016

23. Juni 2017

Ilke S. Prick: Vergissmeinnicht war gestern

«Eine glückliche Beziehung, ein fester Job, ein gemütliches Sofa… - Alles scheint perfekt in Mariekes Leben – bis sie sich plötzlich allein mit siebzehn Umzugskisten in einer fremden Hinterhauswohnung findet. Zurück auf Start?» Mit diesen Zeilen wird der Roman «Vergissmeinnicht war gestern» auf der Umschlagrückseite beworben. Für gärtnernde Leserinnen lege ich den Fokus dieser Buchvorstellung aber wie üblich auf die hortikulturellen Passagen, die ungefähr ab Seite 100 richtig beginnen. Jedenfalls, wenn die durchweg blumigen oder botanischen Kapitelüberschriften wie «Fette Henne», «Frühblüher», "Asphaltblüten", "Moos-Graffiti" und «Zuchhini-Schwemme» ausser Acht gelassen werden. 

Grund für Mariekes plötzlichen Auszug ist die Untreue von Jochen, ihrem Partner und Arbeitgeber. Die 46Jährige versucht, diesen Schock zu verdauen und wird dabei mehr oder weniger nützlich von Freundin und Schwester unterstützt, deren Ratschläge kaum unterschiedlicher sein könnten. Letztere ist Paartherapeutin mit einem Vorzeigeleben und empfiehlt, die Beziehung zu retten. Doch erst einmal kündigt Marieke ihre Stelle beim Zahnarzt und Ex-Partner und fängt wieder an, Taxi zu fahren und die ehemalige Kunststudentin beginnt auch wieder zu malen. 

Mariekes Übergangswohnung befindet sich in einem Gebäude, wo eine ausgezeichnete Nachbarschaft gepflegt wird und die Neuzuzügerin findet rasch einen guten Draht zu den Mitbewohnern. Im Gegenzug für ihre Unterstützung einer Abiturientin im Fach Kunst erhält sie Zuwachs für ihren Balkon, wo bis jetzt einzig und allein eine Fette Henne die Welt der Botanik vertritt. Schon bald ist Marieke, die den hortikulturellen Eifer ihrer Nachbarinnen zunächst etwas erstaunt belächelt hat, vom grünen Virus infiziert und unterstützt ihre kreative Nachbarschaft tatkräftig beim intensiven Hinterhofgärtnern. Und auf ihren Taxitouren ins Umland macht sie neu schon mal einen Abstecher in eine Gärtnerei, wo sie beispielsweise Malven und Kornblumen kauft. Erst jetzt fällt der Mitvierzigerin auf, dass ihre Stadt überall grüner und bunter wird. Stahl- und Betonkonzepte werden durch Frühblüher in Konservendosen und Gewächse in Milchtüten sowie Bienenkörbe und Ameisenbauten aufgelockert, was die Planer auf dem Reissbrett so nicht vorgesehen haben.

Im Hinterhof selber werden durch die engagierten Bewohner direkt neben dem Biomüll Kartoffeln in alten Reissäcken gezogen, Kräuter und Waldbeeren wachsen in Kästen, die an der Überdachung der Mülltonnen hängen, und das Herzstück des Gemüsegartens sind Hügelbeete. Im Sommer ist der Hinterhof ein Traum in grün und bunt, in dem farbige Blumen um die Wette blühen. Auch die Gemüsevielfalt ist riesig und es können Rote Beete, Mangold, verschiedene Salate, Tomaten, Bohnen, Kürbisse, Zucchetti und anderes mehr geerntet werden. Letztere wie vielerorts üblich in rauen Mengen, so dass trotz entsprechender Versuche niemand mehr für Zucchinipasta, Zucchini-Pizza, Zucchini-Reispfanne, Zucchini-Chutney, gegrillte, gedünstete oder pürierte Zucchini begeistert werden kann.

Zum hortikulturellen Hintergrund gehören ausserdem eine Terrasse mit immergrünen Büschen, Gräsern, Farnen, Ginkgo und Bambus sowie ein interkultureller Gemeinschaftsgarten namens «Flotte Schalotte- Garten für alle» auf einem ehemaligen Industriegebiet und eine wichtige Rolle spielt Guerilla Gardening. 

Um den Roman nicht ganz aufs Gärtnerische zu reduzieren noch ein paar Stichworte zum weiteren Inhalt: es gibt einen interessanten Nachbarn, der scheinbar ein Geheimnis verbirgt und plötzlich hat Marieke einen Mitbewohner, nämlich einen Hund. Ausserdem wirbt ihr Ex wieder um sie. Doch was will eigentlich Marieke? Revanche oder zurück in ihr altes, vertrautes Leben inklusive gepflegter Langeweile? Auch innerfamiliär gibt es einiges zu klären. Etwa die distanzierte Beziehung zu ihrem Vater, die zurückgeht auf die nebulösen Umstände und das aus frühester Kindheit und durch den Tod von Mariekes Mutter ausgelöste Trauma sowie die Feststellung, dass auch im vordergründig perfekten Leben ihrer Schwester nicht alles beneidenswert ist. Für Entspannung im Kopfkino der Leserin sorgt auch die wiederholte Erwähnung eines ganz besonderen Blautons. Ob ich zuviel verrate, wenn ich noch hinzufüge, dass die Übergangslösung bald durch ein anderes Stadium am neuen Wohnort abgelöst wird



Ilke S. Prick: 
Vergissmeinnicht war gestern 
Insel Verlag, 2016

8. Juni 2017

Abbie Waxman: Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen

Seit rund drei Jahren ist die vierunddreissigjährige Lili verwitwet, nachdem ihr Mann Dan bei einem schweren Autounfall direkt vor dem gemeinsamen Haus ums Leben gekommen ist. Sein Tod hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Monatelang war sie in einer Klinik, unfähig sich im Alltag zurechtzufinden und sie hat es nur ihrer Schwester Rahel zu verdanken, dass ihre Kinder nicht fremdplatziert wurden. Noch heute trauert Lili tief um Dan und er ist durch ihre ständigen Zwiegespräche mit ihm nach wie vor omnipräsent. Die alleinerziehnde Frau würde den Alltag mit ihren beiden sieben- und fünfjährigen Mädchen Annabell und Clare niemals ohne ihre immer noch jederzeitig tatkräftig unterstützenden Schwester sowie die Babysitterin Leah meistern können. Immer wieder fühlt sich Lili völlig überfordert und obwohl sie ihre Kinder über alles liebt, würde sie ab und an liebend gerne einfach alles stehen und liegen lassen und verschwinden. Doch für die Töchter will und muss sie stark sein - sie sollen nicht durch ihre Trauer (über)belastet werden. 

Wenigstens hat sie keine finanziellen Sorgen. Das kleine Häuschen, in dem die Familie lebt, ist abbezahlt und sie hat einen (vermeintlich) sicheren Job als Illustratorin in einem Schulbuchverlag. Doch nun erfährt sie von ihrer Vorgesetzten, dass es gar nicht rosig um die Finanzen ihres Arbeitgebers steht. Alle Hoffnungen, Entlassungen vermeiden zu können, ruhen auf einem potentiellen Grossauftrag.  Die Bloem Company, ein riesiges Saatgutunternehmen aus Holland, das auch auch Blumen- und Pflanzenratgeber herausgibt, möchte nämlich eine neue Gemüsebuchreihe handgezeichnet illustrieren lassen. Die Bilder sollen künsterisch wertvoll sein, so dass die Bücher das Zeug zu einem Klassiker haben. Ausserdem verlangt der Auftraggeber, dass die Illustratorin vorab an einem Gärtnerkurs teilnimmt. Da Lili diese Verantwortung aufgebürdet wird, sind die nächsten Samstagmorgen verplant. 

Mit Kindern und Schwester nimmt sie an diesem Gärtnerkurs im Botanischen Garten von Los Angeles teil, der von Edward, einem der Bloem-Söhne, geleitet wird. Die verschiedenen Kursteilnehmer samt dem Leiter bilden eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Es sind völlig unterschiedliche Leute mit verschiedenen Interessen und Charakteren, die sich aber im Laufe des Sommers parallel zum Wachstum der Pflanzen in den neu angelegten Beeten trotzdem gut anfreunden. Man unterstützt sich gegenseitig in privaten Gartenbelangen und zwei der jüngeren Kursteilnehme finden zueinander. Auch zwischen Lili und dem Kursleiter Edward knistert es heftig. Die beiden treffen sich auch privat - mit und ohne die anderen Kursteilnehmer - und Edward erobert das Herz der Kinder mit einem Feengarten mitsamt allem Drum und Dran. Doch so einfach geht es dann doch nicht, sich in in der Kleinfamilie einen festen Platz zu ergattern. Lili ist noch nicht bereit, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, obwohl ihr Herz und ihr Verstand unterschiedlich auf Edwards "Sprache durch die Blumen" oder besser "Sprache durchs Gemüse" reagieren. 

Während dem Sommer wird der Schulvorlag umstrukturiert und Lili gehört zu denen, die die ihre Stelle verlieren. Nach reiflicher Überlegung beschliesst sie, den Schritt in die berufliche Selbständigkeit zu wagen. So bekommt neben dem kleinen Hinterhof, der seinen bisherigen einzigen Daseinszweck als Abstellplatz verliert und in eine grüne Oase umgewandelt wird, auch die Garage eine neue Funktion. Was bleibt am Kursende übrig ausser der Ernte von Maiskolben, Kürbissen, Gartenbohnen, Salaten und Edwards Plan, ein Buch über den Lehrgang zu schreiben? 

Ein traurig-schöner Roman voller Selbstkritik, Sarkasmus und Selbstironie. Das Ende bleibt teilweise offen, lässt die Leserin aber postitiv hoffend zurück. Nicht nur die Pflanzen wachsen, auch die einzelnen Kursteilnehmer verändern sich. Wie etwa Lili, die versucht Vorurteile abzustreifen oder erst gar nicht mehr aufkommen zu lassen und die sich daran macht, die schwierige Beziehung zu ihrer nur auf ihre eigene Schönheit bedachten, ich-bezogenen und unangenehm direkten Mutter nicht mehr ständig zu hinterfragen. 

Alle Kapitel werden mit einseitigen Gartentipps eingeleitet, die beispielsweise betitelt sind mit «Die Zusammensetzung von Pflanzenerde», «Wie man Tomaten zieht», «Wie man Brokkoli anbaut», «Wie man Erbsen zieht» und «Partnerpflanzen». 



Abbie Waxman: 
Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen 
Rowohlt Verlag, 2017

1. Juni 2017

Caroline Bernard: Rendezvous im Café de Flore

Lily Marlène, genannt Marlène, ist nicht nur mit ihrem Namen unzufrieden. Die 39jährige Frau hat seinerzeit ihr geliebtes Studium an der Sorbonne in Paris aus familiären Gründen abgebrochen und bald darauf Jean-Louis geheiratet. Die ungewollte Kinderlosigkeit ist nur eine von etlichen Belastungen, unter denen die Beziehung der beiden leidet. Marlènes Leben dümpelt zwischen Arbeit und Verpflichtungen und immer öfter stellt sie sich die Frage, ob sie tatsächlich so weitermachen soll und will. Der zehnjährige Hochzeitstag steht bevor und Jean-Louis lädt seine Frau als Überraschung in ihre Lieblingsstadt ein. Ist in Paris ein Neuanfang für die beiden möglich? 

Paris mit Jean-Louis fühlt sich jedoch vom ersten Moment an falsch an. Die unterschiedlichen Interessen der beiden prallen hier mit voller Wucht aufeinander. Als Marlène feststellt, dass der eigentliche Grund für das Wochenende in der französischen Hauptstadt der Besuch einer Automesse ist, bricht ein weiterer heftiger Streit aus und die beiden verbringen den Hochzeitstag getrennt; er mit einer anderen Frau an der Messe, sie im Museum. 

Im Raum mit Malerei aus der Vorkriegszeit des Musée d’Orsay glaubt Marlène unvermittelt, vor einem Spiegel zu stehen. Auf einem Gemälde ist eine Frau zu sehen, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sogar der Leberfleck ist am gleichen Ort. Die zufällige Entdeckung wühlt sie auf. Während sie überlegt, wer die Frau sein könnte und dass sie eine Vorfahrin väterlicherseits sein muss, wird Marlène von einem anderen Museumsbesucher angesprochen, dem die frappante Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Bild ebenfalls aufgefallen ist. Er stellt sich als Auktionator Etienne Viardet vor und lädt sie ein, in seinem Büro nach Informationen über den Maler und das Modell zu suchen. Und Marlène geht ganz spontan mit. 

Ende der 20er Jahre im letzten Jahrhundert ist eine andere Frau mit ihrem Leben unzufrieden. Die siebzehnjährige Vianne träumt davon Botanikerin zu werden. Ihre Leidenschaft gehört Blüten, Knospen, Blättern und Wurzeln. Auf unzähligen Streifzügen durch die Umgebung ihres Heimatdorfes hat sie sich ein beeindruckendes Wissen angeeignet. Sie fertigt botanische Zeichnungen an und hat ein eigenes Herbarium angelegt. Doch für eine junge Frau schickt es sich nicht, mit der Botanisiertrommel Wald und Wiesen zu erkunden. Vianne mag sich aber nicht weiter einengen lassen und ständig rechtfertigen müssen. Sie verlässt heimlich ihre Familie, um in Paris ihr Glück zu suchen. 

Ihr erster von vielen weiteren Besuchen im botanischen Garten ist ein prägendes Erlebnis. Sie ist tief beeindruckt von den zu Alleen geschnittene Hecken und den Wintergärten mit verschiedenen Klimazonen, aber ins Innere des Instituts schafft sie es nicht. Vorläufig. Sie arbeitet seit rund zwei Jahren hart als Wäscherin, als sich durch einen Zufall ihr Traum, in einem botanischen Garten zu arbeiten, tatsächlich erfüllt - sie ergattert eine Stelle als Assistentin im Jardin des Plantes. Ihr Tätigkeitsgebiet umfasst alles, was sonst keiner macht, wozu Katalogisieren, Pflanzen vorbereiten, Briefe schreiben und das Labor reinigen gehören. 

Privat verliebt sie sich in den englischen Maler David, dem sie häufig Model steht, und sie verkehrt in den Pariser Künstlerkreisen. Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs und die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen stellt Viannes Leben auf den Kopf. David hat in seine Heimat zurückkehren müssen und die geborene Kämpferin schliesst sich der Résistence an. 

Die Erzählung wechselt zwischen zwei Ebenen und verknüpft historische Elemente mit Fiktion. Die Entdeckung ihrer unbekannten Vorfahrin holt in Marlène die längst vergessene Freude am Recherchieren wieder an die Oberfläche. Von ihrem Vater erhält sie einige wenige Hinweise und beginnt ihre Suche in Kirchenarchiven. Doch nicht nur das Rätsel um die Herkunft der geheimnisvollen Frau auf dem Bild beschäftigt Marlène. Die Begegnung mit dem kultivierten, verwitweten Etienne, der ganz offensichtlich um sie wirbt, veranlasst sie, endlich ganz konkret darüber nachzudenken, auf ihrem Lebensweg eine andere Richtung einzuschlagen. 



Caroline Bernard: 
Rendezvous im Café de Flore 
Aufbau Verlag, 2016

1. Mai 2017

Cecilia Ahern: Das Jahr, in dem ich dich traf

Cecilia Aherns Bücher belegen in vielen Buchhandlungen und in den Bestsellerlisten bevorzugte Plätze. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb habe ich bis jetzt keines davon gelesen. Auf verschlungenen Wegen durchs Internet bin ich über weitgehend eher vernichtende Buchbesprechungen auf  den Roman «Das Jahr, in dem ich dich traf» gestossen. Die Kritiken bezogen sich mehrheitlich auf die als zu grosszügig bemessen empfundenen Textstellen, in denen es ums Gärtnern geht. Gibt es für die Sofagärtnerin einen überzeugenderen Grund, ein Buch zu kaufen?

Doch tatsächlich tat auch ich mich anfangs sehr schwer mit der Lektüre. Bis ungefähr Seite hundert war ich mehrfach versucht, das Buch unbeendet abzuschliessen, aber dann hat mich der Inhalt doch plötzlich zu interessieren begonnen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ich wie häufig, das Ende schon ziemlich früh vorweg gelesen und festgestellt habe, dass das Romanende wohl anders als vermeintlich vorhersehbar ausfallen wird.

Jasmines Grossvater war Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Gärtner und ihm, genauer einem Strauss Jasmin, den er zu ihrer Geburt ins Krankenhaus gebracht hat, hat sie ihren Vornamen zu verdanken. Trotzdem scheint das Gartengen nicht an die Enkelin vererbt worden zu sein. Im Gegenteil, sie hat ihre ganze Nachbarschaft vor den Kopf gestossen, als sie vor ein paar Jahren der Einfachheit halber ihren gesamten Garten mit immens teuren, pflegeleichten Steinen zupflastern liess, um sich den kostspieligen Unterhalt durch den Gärtner zu ersparen.

Bis vor kurzem war die dreiunddreissigjährige Frau hinreichend mit ihrer bis dato perfekt verlaufenden Karriere beschäftigt gewesen und sie lebte nach dem Motto, dass jeder selber für die Nutzung seiner Lebenszeit verantwortlich ist und Zeitverschwendung war ein absolutes No-Go. Vier Jahre hat sie für eine selber mitgegründete Ideenfabrik gearbeitet und alles für ihren Job gegeben. Dementsprechend ungerecht fühlt sie sich behandelt, als sie bei voller Salärzahlung während einem ganzen Jahr entlassen wird. «Gardening leave» ist der englische Begriff für eine solche Freistellung.

Doch Jasmine möchte unter keinen Umständen im «Kopf Moos ansetzen» (herrlicher Begriff aus dem Buch…). Sie hat nun zwar hinreichend Zeit für ihre dreijährige Halbschwester Zara, ambivalente Gefühle gegenüber ihrem Vater und dessen völlig anderen Umgang mit seiner dritten Tochter sowie für Geburtstagseinladungen, Kaffeeklatsch mit Freundinnen und ihre Patenkinder. Doch mit dem Jobverlust hat sie ihre Selbstachtung verloren und sie beginnt an sich selber und ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Ihr gewöhnlich überbordender Terminkalender glänzt durch Lücken. Sogar ihre Schwester Heather, die trotz oder teilweise auch wegen Trisomie 21, einen ausgeklügelt durchgeplanten Alltag hat, weist in ihrer Agenda mehr Einträge auf.

Die viele freie Zeit füllt Jasmine immer öfter mit der Beobachtung ihres Nachbarn Matt Marshall, der vis-à-vis in der gleichen Nord-Dubliner Sackgasse wohnt. Jasmine kann den Radiomoderator nicht ausstehen. Sie verabscheut ihn und er ist ihrer Meinung nach ein schlechter Vater. Nichtsdestrotz führt sie fast ständig fiktive Gespräche mit ihm. Der Anfang Vierziger trinkt zu viel Alkohol und macht ebenfalls eine Krise durch. Seine Frau hat ihn mit den drei Kindern eben verlassen. Ausserdem wird der sogenannte König der Late-Night-Talkshows gerade wegen einer unrühmlichen Sendung in der Presse verrissen und verliert schliesslich ebenfalls seinen Job. Die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden sind offensichtlich die Stellenlosigkeit und dass sie das Durchschnittsalter unter den Nachbarn drücken. Die ausgeprägte Antipathie auf Jasmines Seite geht auf eine rund eineinhalb Jahrezehnte zurück liegende Radiosendung zum Thema Trisomie 21 zurück. Jasmine hat mit siebzehn Jahren ihre Mutter wegen einer schweren Krankheit verloren und fühlt sich seither noch mehr für ihre ältere Schwester Heather verantwortlich.

Plötzlich wird die junge Frau in die Nachbarschaft eingebunden. Es ist nämlich aufgefallen, dass sie häufiger als auch schon daheim ist. Zunächst recht widerstrebend nimmt sie die Aufgabe an, die Nachbarskatze zu füttern und den Reserveschlüssel für Matt aufzubewahren. Parallel zu diesen Geschehnissen kommt der Garten ins Spiel. Barfusslaufen durchs Gras soll einen positiven Einfluss auf den Menschen haben und in Jasmine wächst der Drang, dies auszuprobieren. Doch in ihrem Garten gibt es ja kein Gras mehr.

Kurz entschlossen geht sie dem Bedürfnis nach Erdung nach. Sie beschliesst, das teure Pflaster entfernen und einen Rollrasen anlegen zu lassen und beauftragt einen Kleinbetrieb mit den Arbeiten. Damit aktiviert sie ihr Garten-Gen. Sie lässt Winterjasmin an einer Rankhilfe hochklettern, sät Samenmischungen aus Mohn, Kamille, Margeriten und Kornblumen aus, bestellt ein Anlehngewächshaus und für die Vertreibung von Vögeln mit CD wählt sie extra Scheiben mit sorgfältig ausgewählten passenden Songs aus. Ausserdem wagt sie sich an den Bau eines Springbrunnens. Ihre Gedanken und Sorgen werden zunehmend vom Garten vereinnahmt.

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten macht Jasmine mit einer gehörigen Portion Selbsironie eine grosse Entwicklung durch und lernt sich selber samt ihren Fehlern viel besser kennen und verstehen. Dazu tragen insbesondere (tatsächlich stattfindende) nächtliche Streitgespräche und anregende Diskussionen mit Matt bei. Sie beginnt ihren Umgang mit den Mitmenschen, ihre Erwartungen, die von ihr aufgestellten Regeln und den damit verbundenen Druck zu hinterfragen. Eine Liebesgeschichte gibt es auch noch. Aber eben nicht so, wie frau das erwartet.



Cecilia Ahern: 
Das Jahr, in dem ich dich traf 
Fischer Verlag, 2015/2016

10. März 2017

Klara Mayberg – Lillys Garten und Willows Erbe (Herz aus Licht)

Im letzten Sommer habe ich auf Facebook folgende Kurzmitteilung gepostet: »Eine Grünelfe, die den Auftrag erhält, eine Gartenanlage nach einem Entwurf von Gertrude Jekyll zu restaurieren, hat mich in den letzten Tagen erfolgreich vom Lernen abgehalten. Clanwölfe, Vampire, Zombies, Druiden und andere Elfen sind weitere interessante Charaktere in diesem Seitenumdreher. Hoffentlich erscheint die angekündigte Fortsetzung erst im Winter, wenn ich mich wieder ohne schlechtem Gewissen meiner Lieblingslektüre widmen kann...» Nun, inzwischen habe ich die bereits im letzten Herbst erschienene Fortsetzung gelesen. Das gärtnerische Element ist hier zwar deutlich weniger präsent, aber das Buch hat mich nichtsdestotrotz bis zur letzten Seite gefangen gehalten.

Die selbständige Gartenhistorikerin Lillian St. John, genannt Lilly, ist wegen dem Auftrag, den Park des Scotts Castle genannten Chaplain Estate zu restaurieren, nach Vermont gekommen. Diese Aufgabe geht weit über das Befestigen loser Steinplatten und Unkrautjäten hinaus und ist eine Herausforderung, die gleichzeitig Märchen und Alptraum bedeutet. 

Der riesige Park ist in verschiedene Gartenteile gegliedert und enthält beispielsweise unzählige Bäume, viele Mauern, einen See sowie ein Tropenhaus. Es gilt, alte Strukturen anzupassen und neue zu entwickeln. Leider sind keine alten Pläne mehr vorhanden, aber wenigstens liegt ein altes Journal mit Anmerkungen vor. Noch sind längst nicht sämtliche unter den alles verbergenden Brombeerranken liegenden Gartengeheimnisse gelüftet worden. Eigentlich müsste Lilly auch längst die Detailplanung in Angriff nehmen und zumindest die Aufträge für grobe Bauarbeiten vergeben. Doch nicht nur der lange Winter in Vermont verhindert eine zügige Erledigung der Aufgaben. Abgelenkt wird die charismatische Grünelfe mit grossen, grünen Augen und kupferfarbenen Locken auch von ihrem Auftraggeber Dante, einem Clanwolf, in den sie unsterblich verliebt hat.Aus hortikultureller Sicht wäre noch ein Überfall zu erwähnen, während dem sich Lilly und eine Blutelfe in das Treibhaus retten und mit zu Wurfgeschossen umfunktionierten Pflanzenglocken den Angreifer abhalten wollen. 

Ansonsten wird in "Willows Erbe" weiterhin der Mörder aus «Lillys Garten» gesucht. Merkwürdige Vorkommnisse und Morde häufen sich. Eine wichtige Rolle spielt nichtsahnend Willow Raveneaux, die den mit merkwürdigen Gegenständen vollgestopften Trödelladen ihres verstorbenen Onkels erbt, und nichts von Elfen, Clanwölfen, Vampiren, Geistern, Zombies und Werwölfen weiss, geschweige denn davon, dass sie selber eine verhinderte Druidin ist. Willows Kräfte zu wecken ist denn auch eine der Herausforderungen in diesem Buch. Dazu muss genau die Weide gesucht und gefunden werden, die anlässlich ihrer Geburt gepflanzt worden ist. Keine leichte Aufgabe. 

Der Fund einer Schneekugel, eines alten, schlechten und praktisch unkenntlichen Polaroidfotos sowie Krümel, die sich als Weidensamen entpuppen, führen jedenfalls nicht zu einer einfachen, direkten Lösung. Grünelfen schöpfen ihre Kräfte aus Pflanzen und sind mit diesen eng verbunden. So ist es für sie ein Leichtes festzustellen, dass der Zustand der gefundenen Weidensamen komatös ist und weit davon entfernt, optimal zu sein. Doch sie schaffen es,  wenigstens ein paar davon in keimfähige Kraftpakete zu verwandeln. 

Klara Mayberg sind zwei ideenreich verwobene Geschichten mit mehrheitlich sympathischen Figuren gelungen. Als Leserin taucht man gerne in diese Fantasiewelt ab, in der eine kiffende Grünelfe die Hauptrolle spielt. Und hofft nach dem Wiederauftauchen in der Realität auf eine baldige mindestens so spannende Fortsetzung.



Klara Mayberg: 
Lillys Garten (Herz aus Licht, Band 1) 
Eigenverlag, 2015 

Willows Erbe (Herz aus Licht, Band 2) 
Eigenverlag, 2016

1. März 2017

Nele Jacobsen: Ein Sommer im Rosenhaus

Mehltau, Sternrusstau Rosenblütenstecher, Eisenmangel und andere Rosenfeinde gehören ab sofort zu Sandras Leben. Die sechsundvierzigjährige Witwe hat spontan ein sanierungsbedürftiges Gärtnerhaus samt gewaltigem Rosengarten ersteigert. Gewaltig nicht nur wegen der Gartengrösse, sondern insbesondere wegen der Pflanzen, die darin wachsen, wuchern oder nur vor sich hin kümmern. Der seit Jahrzehnten vernachlässigte und dementsprechend verwilderte Garten muss aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden, damit die Rosen rasch möglichst wieder vor Gesundheit strotzen und in weiss, gelb, rosa, rot und anderen Rosenfarben um die Wette blühen und duften. 

Mit dem Erhalt des Zuschlags für ihr Angebot hat sich die ausgebildete Botanikerin eine immense Herausforderung aufgebürdet und entsprechend gross ist auch die Skepsis die ihr entgegenschlägt. Nämlich von ihren erwachsenen Kindern, weil sie als Mutter die Familienwohnung verkauft hat, und von ihren neuen direkten Nachbarn auf Usedom, die einer Städterin nichts Gutes zutrauen. Doch Sandra ist eine Optimistin voller Tatendrang. Ihre bisherige praktische Erfahrung beschränkt sich auf nicht besonders erfolggekröntes Balkonrosengärtnern und sie kennt den Rosengarten von früheren Familienferien nur von ausserhalb des Zauns, doch sie hat immer davon geträumt, ihn eines Tages zu besitzen. Als sie kurz vor Ablauf von dessen Versteigerung im Internet auf dessen Verkauf aufmerksam wird, bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen und es gilt: jetzt oder nie. 

Die erste Besichtigung zeigt, dass das Haus ist in einem schlimmeren Zustand ist als erwartet, und so quartiert sich die nun Ex-Hamburgerin im lokalen Hotel ein und beauftragt Handwerker mit der Sanierung, während sie sich konkrete Gedanken um ihre Zukunft und die der Rosen macht. Das erworbene Gärtnerhaus gehörte ursprünglich zum angrenzenden Gut Banketow, das von den Besitzern während dem 2. Weltkrieg Hals über Kopf verlassen werden musste und später enteignet wurde. Ein Familienmitglied hat sich im 19. Jahrhundert den Rosen verschrieben und während dreissig Jahren Rosen aus Europa, Amerika und Asien gekauft, gepflanzt, gepflegt und äusserst erfolgreich selber gezüchtet. Etliche der stacheligen Schönheiten haben zwar die fehlende Pflege nicht überlebt, aber nichtsdestotrotz ist ein enormes brachliegendes (Vermehrungs-)Potential vorhanden. Die frisch gebackene Rosengartenbesitzerin stellt jedoch rasch fest, dass sie für die Bewältigung der vielen Aufgaben im Rosengarten auf fachliche Unterstützung angewiesen ist, und gibt ein entsprechendes Inserat auf. 

Sandra hat keine Ahnung davon, dass in England jemand ebenfalls bei der Auktion mitgeboten, auf den Zuschlag gehofft und eigentlich nicht damit gerechnet hat, überhaupt irgendwelche Mitkonkurrenten überbieten zu müssen. Julian, ein Brite mit deutschen Wurzeln, ist nun dementsprechend enttäuscht, dass ihm der Rosenschatz, auf den er Anspruch zu haben glaubt, durch die Latten gegangen ist. Die Gedanken des alleinstehenden Endvierzigers, der in der Verwaltung eines berühmten englischen Londoner Parks arbeitet, kreisen ständig um diese verpasste Chance und darum, wie er die neue Besitzerin vergraulen könnte. Als er das Stelleninserat entdeckt, scheint ihm ein Job im Rosengarten optimale Möglichkeiten zu bieten, vor Ort seinem Ziel näher zu kommen, und er beschliesst, in Usedom ein Sabbatical zu machen. 

Das Rosenabenteuer läuft für Sandra ganz gut an, denn der angeheuerte Engländer ist zwar ein merkwürdiger Kauz, verfügt aber über einen gut gefüllten botanischen Rucksack. In einem Vertiko entdeckte Unterlagen mit detailgetreuen botanischen Zeichnungen samt Angaben über die einzelnen Rosenstandplätze entpuppen sich als das Rosenarchiv des Theodor von Bantekow, der seinerzeit den Rosengarten angelegt hat. Sandra ist zuversichtlich, anhand dieser Papiere die einzelnen Pflanzen identifizieren zu können und schmiedet bereits Pläne, die eine Rosenschule, einen Schaugarten, einen Shop und einen Onlinehandel beinhalten. Doch bevor sie sich auch nur annähernd konkret an die Umsetzung dieser Träume machen kann, muss sie erfahren, dass das Gut Bantekow mitsamt seinem riesigen Garten in einen Ferienpark für 1350 Gäste verwandelt werden soll. Während die Dorfbewohner über damit neu entstehenden Arbeitsplätze begeistert sind, ist Sandra entsetzt. Doch wie ernst meint sie es eigentlich überhaupt mit der Umsetzung ihrer eigenen Pläne? 

In diesem Roman dreht sich wirklich alles um Rosen: Rosengarten, Rosenschule, Rosenschädlinge, Rosenpflege, Rosenwettbewerb und vieles mehr. Auf den Punkt gebracht: wunderbar unterhaltendes Kopfkino für die lesende (Rosen-)Gärtnerin. Liebend gerne würde frau sich selber nach Usedom oder in ein solches Abenteuer beamen. Für Sandra liegt die Lösung der Probleme näher als zunächst vermutet. Und während die Leserin so ganz nebenbei einiges über Rosenpflege und Okulation erfährt, löst die Rosenromangärtnerin auch noch das Geheimnis um ihre Vorfahrin, deren Name in einer Rose verewigt ist. Dieser Nebenschauplatz des Romans empfand ich dann aber doch als etwas zu viel des Guten.



Nele Jacobsen: 
Ein Sommer im Rosenhaus 
Aufbau Verlag, 2017