8. April 2012

Ruth Wegerer: Verborgene Gärten in Wien

Sind Sie auch schon durch Grossstädte spaziert und hätten gerne etwas genauer erkundet, was es in dem so vielversprechend blühenden Hinterhof in der noblen Seitenstrasse wohl gärtnerisch sonst Interessantes zu sehen gäbe oder hätten gerne aus der Vogelperspektive einmal einen Blick in die Dachgärten erhascht? Schon seit vielen Jahren spürt die Gartenjournalistin Ruth Wegerer (siehe auch meine Buchvorstellung zu ihrem Buch „Gärtnerin aus Liebe“) solchen verborgenen Oasen in der österreichischen Hauptstadt nach und teilt ihre Fundstücke nun mit der Leserschaft. Sie beweist auf charmante Weise, dass sich das Thema Kultur und Wien nicht mit Musik, Theater, Kunst und Architektur erschöpft und die Gartenkultur sich keineswegs auf die meist ewiggleichen prächtigen öffentlichen Anlagen beschränkt, die in einschlägigen Reiseführern erwähnt werden. Gemäss Angaben der Autorin findet man sogar drei Viertel der österreichischen Flora und Fauna in Wien.

Vogelgezwitscher statt Grossstadtlärm? Blütenduft statt Abgase? Tatsächlich ahnt man als Aussenstehender kaum, welche Lebensqualität und Gartenvielfalt sich hinter den mehrstöckigen Häuserzeilen verbirgt oder verbergen kann. Die Wände werden da kurzerhand in den Garten integriert und genau diese grüne Vertikale trägt massgeblich zur speziellen Atmosphäre in diesen Hofgärten bei.

Ein alter Eisenzaun an einen Hag gelehnt, abgestellt und vergessen. Er ist inzwischen längst von Rose und Wein als Klettergerüst erobert worden – eine zufällige und doch so harmonische Symbiose. Bis ein grauer Hinterhof in einen fröhlich-bunten Garten verwandelt durfte, hatte die Gärtnerin deutliche Überzeugungsarbeit bei den Nachbarn zu leisten, da diese Feuchtigkeitsschäden an ihrer Immobilie befürchteten.

Das Ergebnis einer Vision von einem „wilden Garten“ ist ein städtischer Dschungel im 3. Stock. Die Auswahl an Gehölzen lässt angesichts der Lage staunen. Der zweigeschossige Garten beherbergt neben Fliederbüschen und Eibe auch Ahorn-, Aprikosen- und Birnbäume und einen hängenden Maulbeerbaum. Diese teilen sich den flachen Wurzelraum. Hier fühlen sich nicht nur Menschen wohl, auch Tiere kommen gerne vorbei. Anzutreffen sind Kauz, Specht, Turmfalke und Mäuse.

Auch etwas erhöht, aber mitten in einem steilen Weinberg liegt der als „Zaubergarten“ bezeichnete romantische Landhausgarten. Die idyllische Lage in unmittelbarer Nachbarschaft zu Reben birgt aber auch ausgeprägte Nachteile, sind doch etliche der Einfriedung entlang wachsende Rosen mit dem Unkrautvertilger von der anderen Zaunseite in Berührung gekommen und haben diese Prozedur nicht überlebt. Möge die grandiose Aussicht auf Wien ein wenig über diesen Verlust hinwegtrösten und wie bemerkt Ruth Wegerer doch diesbezüglich überaus treffend (Zitat): “Geduld bringt Rosen“.

In einem anderen Portrait gibt es ein schönes Synonym für das Wort Gärtnern zu entdecken: Gartenschach. Die Definition: Pflanze kaufen, irgendwo einsetzen, anwachsen lassen und beobachten, wieder ausbuddeln und an einer anderen Stelle einpflanzen – eben Schachspielen.

Die wunderbaren Fotos von Harald Eisenberger ergänzen die eher knappen Texte und recht ausführlichen Bildlegenden ausgezeichnet. Mit etlichen Gärtnerinnen und Gärtnern kann via aufgeführter Email-Adresse ein Besuch ausgemacht werden, so dass man auf eigene Faust Wiener Gartengeheimnisse lüften kann. Eine Doppelseite gibt Anregungen und Tipps zur Wiener Gartenszene (Gärtnereien, Floristik, Kulinarisches, Veranstaltungen usw.). Grünes Grossstadttreiben ohne Grossstadtimmissionen – sofagärtnern vom feinsten!



Ruth Wegerer und Harald Eisenberger (Fotos):
Verborgene Gärten in Wien – Einblicke in die geheime Gartenwelt einer Grossstadt
Christian Brandstätter Verlag, 2012