23. April 2017

Beverley Nichols: Der Garten ist geöffnet und Einmal Gärtner – immer Gärtner

Vor bald fünfzig Jahren ist dieser in der aktuellen deutschen Übersetzung in zwei Bücher aufgeteilte Gartenklassiker erstmals unter dem Titel «Garden Open Tomorrow» erschienen. Für mich selber habe ich Beverley Nichols vor rund drei Jahrzehnten entdeckt. Dannzumal war meine Gartenbibliothek noch überschaubar und die meisten Titel habe ich mehrfach gelesen, während heutzutage fast unzählige ungelesene Bücher herumstehen. 

Der britische Humor in Kombination mit einem umfangreichen hortikulturellen Wissen sowie die gelegentlich recht unorthodoxen Ideen dieses Autors vermögen mich nach wie vor zu begeistern. Jedenfalls meistens. Je älter ich werde, desto kritischer betrachte ich gewisse Textstellen. Insbesondere sein Frauenbild lässt mich zuweilen leer schlucken, denn seine verschiedenen eigentlich nicht der Mode unterworfenen Gartenbücher können zuweilen nicht verleugnen, dass Beverley Nichols Ende des 19. Jahrhunderts geboren worden ist. Auch seine Ansichten über Babies sind gewöhnungsbedürftig und frischgebackene Eltern werden an diesen eher wenig Freude haben. Dem Leser bleibt auch nicht verborgen, dass dem Autor Katzen eindeutig lieber sind als Kleinkinder – konzentrieren wir uns also lieber auf die eher unverfängliche hortikulturelle Ebene. 

Nichols schreibt über Lerchensporne (Corydalis lutea), die Mauern zum Bröckeln bringen und über blauen und mohnigen Mohn und (fast) ebenbürtigen gelben Ersatz. Andere Gedankengänge führen zur Veränderung in der Verbreitung von Un- und Fremdkräutern parallel mit der Entwicklung von Mensch und Technik. Erfolgte diese einst geografisch relativ beschränkt durch die mit Nägeln beschlagene römische Militärsandale, sind heutzutage etwa Flugzeugreifen viel effektiver. Florale Diskussionen zwischen Rottönen werden geführt und für die Annektierung der nicht zum eigenen Land gehörenden Maueraussenseite wird eine verdrehte Rechtfertigung samt anscheind gut funktionierender Anleitung geliefert. 

Ein ganzes Kapitel («Musik und Rosen») widmet der verhinderte Komponist Nichols dem Thema, den Garten in musikalischen Begriffen zu sehen. Ebenfalls um Kunst geht es bei den gedachten Plänen für einen Gemüsengarten à la Cezanne. Dieser ist in Rechtecke und Dreiecke in verschiedenen Grüntönen gegliedert. Der Autor sinniert über das Fehlen eines Gartenministeriums und er denkt nach über das Gärtnern im Alter sowie die damit verbundenen Probleme des Kletterns, Bückens und des Schwitzens. Dabei kommt er zum Schluss, dass das Ausputzen von Verblühtem in einem Kamillerasen nicht anstrengender sein kann, als stricken. 

Dann erfährt der Leser, wie Nichols zu seinem eigenen Erstaunen einen exzentrischen Millionär dazu gebracht hat, auf der halben Welt Kapuzinerkresse in Samenform zusammenzukaufen. Das Saatgut wurde dann – sicher nicht den Unfallverhütungsvorschriften entsprechend – auf schwindelerregenden Kraxeltouren in den Klippen über dem Mittelmeer mit einer Hand grosszügig verteilt, während die andere Hand sich an Ginsterstrünke klammerte. Das Ergebnis muss ein eindrückliches Erlebnis gewesen sein. Später im gleichen Sommer hat sich nämlich ein Blüten-Niagarafall über die Klippen ergossen, der weit ins Meer leuchtete. 

Die botanischen Namen und die Pflanzensorten mögen sich ändern, aber auch der heutige gärtnernde Leser wird sich bestimmt selber in der einen oder anderen dieser zeitlosen Gartengeschichten erkennen. Und hoffentlich auch die Rückseite des Buchcovers von "Einmal Gärtner - immer Gärtner" lesen, das ein Zitat aus diesem Blog ziert. 



Beverley Nichols: 
Der Garten ist geöffnet
Schöffling Verlag, 2016 

Einmal Gärtner – immer Gärtner 
Schöffling Verlag, 2017

15. April 2017

Takashi Hiraide: Der Gast im Garten

Gärtner verstehen sich häufig interessenbedingt ganz gut mit anderen Gärtnern. Allerdings gibt es gewisse Aspekte, die man besser umschifft, sofern man die Ansichten des Gegenübers nicht kennt oder eben gerade, weil man sie kennt. Zu diesen mit Vorsicht zu geniessenden Themen gehören Katzen. Denn Gärtner, die selber keine Katzenbesitzer sind, sind oft keine uneingeschränkten Katzenfreunde. Die völlig unaufgeregte mit Bildern von Quint Buchholz illustrierte Geschichte «Der Gast im Garten» hingegen kann beiden, nämlich Katzen- und/oder Gartenfreunden, zur Lektüre empfohlen werden. Sie haben es bestimmt bemerkt, beim Gast in diesem (autobiographischen) Buchgarten handelt es sich um eine Katze. 

Ein kinderloses Paar, beide gegen Ende dreissig und im Verlagswesen tätig, zieht ausserhalb von Tokyo in ein kleines Haus, das eigentlich der Garten- und Teepavillon des von einer Lehmmauer und einem Zaun umgebenen riesigen Anwesens ist, auf dem es steht. Der Mietvertrag verbietet Kinder und Haustiere. Beide Bedingungen erfüllen sie. 

Schnell lernen sie eine Nachbarskatze kennen, die in der Folge immer öfter bei ihnen vorbeikommt. Das scheue schwarz-weisse Tier schleicht sich zuerst in ihr Leben und dann ganz direkt und fest in ihre Herzen, obwohl weder der Hausherr noch seine Frau eine besondere Vorliebe für Katzen haben. Die Hiraides nennen die Besucherin bald Chibi und richten ihr einen eigenen Schlafplatz ein, den sie nach Belieben und selbständig nutzen kann. 

Der weitläufige Garten dient als Kulisse, in dem der Mieter als Ausgleich zum Schreiben öfters Unkraut jätet oder aufräumt und die Mieterin im Herbst Blumenzwiebeln vergräbt. Damit sind die direkten gärtnerischen Tätigkeiten weitgehend abgehandelt. Und sowieso sind die Tage des Paares im Garten gezählt, da das gesamte Anwesen verkauft werden soll. Wie sich schnell herausstellt, ist dies wegen der beginnenden Wirtschaftskrise zur Zeit der Handlung in den Jahren 1989 und 1990 kein einfaches Unterfangen. Nichtsdestotrotz machen sich die Ersatz-Katzeneltern immer häufiger Gedanken darüber, wie das Leben nach dem bevorstehenden Umzug ohne Chibi sein wird. Längst betrachten sie den täglichen Besucher nämlich als ihr Eigentum und hängen sehr an ihm. Die Lösung dieses Problems erübrigt sich dann auf traurige Weise.

Der Ich-Erzähler berichtet von Alltäglichkeiten und gibt dem europäischen Leser gleichzeitig Einblick in die japanische Kultur – in den respektvollen Umgang miteinander und darüber, wie auf der anderen Seite der Erdkugel mit der Vergänglichkeit der Dinge und Wesen umgegangen wird. 



Takashi Hiraide: 
Der Gast im Garten 
Insel Verlag, 2015 

10. April 2017

Bernd Flessner: Morden wie gedruckt – Tod im Gartenbuch-Verlag

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich anlässlich der Buchvorstellung von Bernd Flessners  "Der Radieschenmörder" auf eine Fortsetzung dieses Gartenkrimis gehofft. Et voilà,- schon liegt sie vor. Die beiden bereits bekannten Charaktere, der Frühpensionär Walter Dollinger sowie der inzwischen in München ermittelnde Kriminalkommissar Schwertfeger, treffen sich in der bayrischen Hauptstadt wieder, wo beide mit ihren ganz eigenen Methoden und schliesslich zusammen versuchen, einen Mord im Gartenbuchverlagsmillieu aufzuklären. 

Dollinger wird ans Telefon gerufen, als er gerade in seinem Garten frisches, vitaminreiches Gemüse für das Abendessen erntet. Fürs Zubereiten der Mahlzeit bleibt dann aber keine Zeit mehr. Denn am anderen Ende des Telefons ist seine in Tränen aufgelöste Tochter Farina, Die junge Frau arbeitet seit kurzem als Lektorin in einem Gartenbuchverlag, der gerade mit viel Prominenz aus Politik, den Medien und der Bücherwelt sein 70jähriges Bestehen gefeiert hat. 

Mitten während der Rede der Verlagsleiterin ist Hektor Beetschneider tot zusammen gebrochen. Und auf einem der vielen am Anlass aufgenommenen Fotos, die unmittelbar vor dem tödlichen Zusammenbruch des Starautors entstanden sind, ist just Farina Dollinger direkt hinter diesem zu sehen und deshalb in den Fokus der Polizeiermittlungen geraten. Ihr Vater lässt deshalb alles Gemüse stehen und liegen, setzt sich ins Auto und fährt gleich nach München, um seine Tochter zu unterstützen. 

Todesursache ist eine Injektion mit Druckerschwärze. Mit ein Grund, weshalb Kriminalkommissar Schwertfeger davon ausgeht, dass der Mörder aus dem Verlagswesen stammt. Wer hat ein Motiv? Was für ein Motiv? Was ist dran an den Gerüchten über einen angeblich geplanten Verlagswechsel von Beetschneider? Die Gartenbücher des Mordopfers verkauften sich ausgezeichnet und die Buchtitel «Intime Gespräche – das geheime Nachtleben von Broccoli, Zucchini, Rhabarber + Co.» und «Berührte Blätter, berührende Blätter – Fühlen mit Pflanzen» hätten vielleicht sogar die Sofagärtnerin zur Lektüre verführt. 

Hektor Beetschneider selber konnte eine Primel nicht von einer Sonnenblume unterscheiden, galt aber als DER Blumenversteher schlechthin. Ein Titel, der früher notabene einem anderen Gartenbuchautor zugedacht war. Sogar Reinhold Messner werden noch ein paar Worte in den Mund gelegt. Er meint, der Verstorbene sei ein komischer Vogel gewesen, ein Erfinder von fantastischen Geschichten, die halt nicht in Mittelerde, sondern eben in Gartenerde angesiedelt waren. Der Gartenkrimi «Morden wie gedruckt» enthält nämlich neben Fiktion auch etliche reale Sachverhalte. 

Dollinger ist der Polizei meist einen halben Schritt voraus und bringt sich auch mal in ungemütliche Situationen, die nach ungewöhnlichen Massnahmen verlangen. Und seine Vermutungen führen keinesfalls immer auf direktem Weg in Richtung Aufklärung. Und bevor ein Täter dingfest gemacht werden kann, ereignet sich ein zweiter Mord. 



Bernd Flessner: 
Morden wie gedruckt – Tod im Gartenbuch-Verlag 
BLV Buchverlag, 2016

1. April 2017

Eveline Dudda: Spriessbürger – Handbuch für den Anbau von Gemüse und Salat in der Schweiz

Obst und Gemüse vom Grossverteiler, das womöglich durch halb Europa oder fast rund um den Globus gekarrt oder geflogen und mit nicht zu verleugnender Wahrscheinlichkeit vor dem Kauf von verschiedenen anderen potentiellen Käufern atapet und mehr oder weniger sanft zurück ins Gestell befördert worden ist, weckt nicht bei jedem in gleichem Masse die Lust, auf diese Weise, seine täglichen Vitaminportionen zu besorgen. Die einen weichen aus, indem sie direkt beim Produzenten kaufen, andere wählen die Alternative mit dem grünen Daumen und Dreck unter den Fingernägeln. 

So spriesst und grünt es seit einigen Jahren aus immer mehr Ritzen und von Fenstersimsen und Balkonen. Selber Gemüse anbauen ist trendy und tatsächlich ist schnell ein Anfang gemacht – probieren geht schliesslich über studieren –, denn für diesen genügen bereits ein paar dem Pflanzenbedarf angepasste Blumentöpfe oder sonstige Behälter mit einem Abzugsloch. Wenn einem aber der Sinn nach Hintergrundwissen steht, bietet sich das Handbuch von Eveline Dudda an. Doch auch wer schon ein paar hortikulturelle Schritte zurückgelegt hat, ist mit dem auf fundiertem, erprobten Wissen basierenden Handbuch «Spriessbürger» ausgezeichnet bedient. 

Das umfangreiche Werk, übrigens ausschliesslich in schwarz/weiss gehalten, ist in vier Teile gegliedert: «Vorneweg» gibt eine kurze Einführung und darin Erklärungen zum Wetter, zur Fruchtfolge, zu Pflanzenfamilien sowie Mischkultur und geplantem Anbau. Der zweite Teil enthält, geordnet nach ihrer Zugehörigkeit zu Doldenblütlern, Korbblütlern, Kreuzblütlern oder Gemüse ohne enge Familienbande, ausführliche Pflanzenportraits von Asia-Salat über Kohlrabi und Peperoni bis zum Zuckermais. Auf jeweils mehreren Seiten werden allgemeine Information etwa über Geschmack und Verwandtschaft und über Geschichte, Standortansprüche, Fruchtfolge, Aussaat, Pflanzung, Abstände, Pflege, Pflanzenschutz, Ernte, Lagerung und Sorten gegeben. Optisch unterstützt und aufgelockert werden die Texte durch vergrösserte Fotos von Samen, von Sämlingen und durch oft witzige Schnappschüsse und Zeichnungen. Hier wird mit viel Herzblut Wissen aus eigener praktischer Erfahrung weitergeben – kompetent, aber nicht verbissen. Der immer wieder durchblitzende Humor zeigt sich bereits auf dem Umschlagbild, das eine Gärtnerin mit Salatperücke ziert. 

Es gibt Tipps zur Selbstversorgung, zum Pflanzenschutz und man erfährt, wie und wozu eine Unkrautkur durchgeführt wird und welche Lebewesen sich im Boden tummeln, die den Pflanzen und Wurzeln guttun oder eben auch nicht. Ganz nebenbei wird mit verschiedenen Mythen aufgeräumt oder deren Sinn wird bestätigt und immer wieder werden passende Zitate mit hortikulturellem Bezug eingestreut. Welches Gemüse zählt zu den Flachwurzeln, welches zu den Schwachzehrern, wie steht’s mit den Ansprüchen an Temperaturen und an den Nährstoffbedarf? Und haben Sie gewusst, dass die Kohlrabiblätter gesünder sind als die Knolle selber und Microgreen- und Babyleaf-Salatmischungen ganz einfach selber im Blumenkistli angebaut werden können? 

Der lesende Gärtner erfährt vom Einfluss des richtigen Aussaattermins auf die Erfolgsquote beim Ernten. Die Schweiz ist zwar flächenmässig klein, aber die klimatischen Bedingungen variieren je nach Region und Höhenlage. Ein Walliser gärtnert nicht unter den gleichen Bedingungen wie ein Rheintaler, was gezwungenermassen gleichbedeutend ist mit der Unzuverlässigkeit der Angaben auf den Samenpäckli. Verlässlicher sind die Natur und die Wechselwirkungen, die sich im phänologischen Kalender widerspiegeln. Die Huflattichblüte etwa zeigt an, dass die Bodentemperatur rund sechs Grad beträgt. Die Pastinakenanzucht beginnt nach der Forsythienblüte und sobald der schwarze Holdunder blüht, können auch wärmebedürftigere Gemüse ins Freiland, weil dann die Frostperioden vorbei sind. Detaillierte Informationen liefert der dem Buch beiliegende Gemüse- und Salatplaner, der sich auch im Internet finden lässt. 

Zur Gartenarbeit im Lauf der Jahreszeiten gehört auch das Wissen über die richtigen Anzuchtmethoden. Wann lohnt sich die die Aussaat im Zimmer oder Gewächshaus, welches Gemüse kauft der Gärtner besser in Form von Setzlingen oder welche Samen können direkt ins Freiland? Das Buch liefert auch die Antwort auf die Frage, wie viele Samen und Keimlinge pro Zelle oder Topf in welcher Tiefe ausgebracht werden sollen und wie lange die Zeitspanne zwischen Aussaat und Pflanzung ist.

Ein Gartenbuch ausschliesslich in s/w-Optik polarisiert. Eine nicht repräsentative Umfrage unter einigen Nahestehenden endet mit dem Resultat, dass die Idee als eher gewöhnungsbedürftig empfunden wird. Als langjährigen Leserin von Hortus und Greenprints, die beide in visueller Hinsicht (und nur in dieser) ausschliesslich farblos daherkommen, habe ich persönlich keine Mühe damit. Für mich sind Texte wichtiger als farbige Bilder. Mit ein Grund weshalb ich seit Jahren nahezu uneingeschränkt ohne Bildunterstützung blogge. Der Sofagarten-Hintergrund ist schlicht und einfach in Grüntönen gehalten, weil die verwendete Blogger-Vorlage so ist und diese beim Einrichten am besten zum Bloginhalt gepasst hat und ich immer noch keine Zeit und Lust gefunden habe, mich endlich mit einem moderneren Layout auseinanderzusetzen. Und nebenbei: meine neueste Filmentdeckung ist eine ältere Schrebergarten-Serie in schwarz/weiss; im Internet entdeckt mit dem Stichwort Laubenpieper.

Für eidgenössische Leserinnen und Leser sind die Helvetismen erfrischend. Wo liest man schon mal Floskeln wie «ist Hans was Heiri» oder eben Mundartausdrücke wie herumplämperle, Gluscht oder Gutsch? Für Schweizerdeutsch-Unkundige ist im Anhang ein Vocabulaire eingefügt (atapen = betatschen). Bleibt noch zu erwähnen, dass das inhaltlich und umfangmässig stattliche Buch neben einem Saatkalender-Umrechner durch ein Inhaltsverzeichnis, Glossar, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie eine Liste von Saatgutanbietern in der Schweiz und ein Register ergänzt wird. Und selbstverständlich finden auch Nicht-auf-Schweizer-Boden-Gärtnernde in dem Buch nützliche Tipps und Tricks.



Eveline Dudda: 
Spriessbürger – Handbuch für den Anbau von Gemüse und Salat in der Schweiz Spriessbürger Verlag, 2015