28. Mai 2014

Zuletzt angefangen zu lesen: Wolfgang Ebert – Die erste Frau

Nach dem Tod ihrer Eltern und sehr unglücklichen Jahren, die sie bei einem Onkel und dessen Familie verbracht hat, kommt Jeanne Baret zum kinderlosen Ehepaar Tierri. Hier blüht sie auf und lernt Freundlichkeit kennen. Obergärtner Henri Tierri arbeitet im prächtigen Garten eines Barons und Jeanne geht ihm oft zur Hand. In diesem Garten Eden lernt sie den Naturforscher Phil Commerson kennen und erhält von diesem das Angebot, zu seiner Familie zu ziehen, und mit ihm zusammen zu arbeiten.

Als Jeanne bei der Familie Commerson eintrifft, haben sich die Umstände geändert. Phil Commerson ist Vater geworden und seine Frau bei der Geburt gestorben. Die wissbegierige Jeanne kümmert sich um das Baby und wird gleichzeitig von ihrem deutlich älteren verwitweten Lehrmeister ausgebildet. Sie liebt es, Samen in die Erde zu stecken und den Blumen beim Wachsen zuzusehen. Commerson seinerseits füllt Herbarien, die sie katalogisieren muss.

Das Zusammenleben der beiden sorgt in der Umgebung für viel Gesprächsstoff. Als Commerson die Gelegenheit erhält, mit Kommandant Louis-Antoine de Bougainville an der ersten französischen Weltumsegelung teilzunehmen, packt er diese beim Schopf. Als Mann verkleidet ist auch Jeanne Baret an Bord des Dreimasters „Etoile“, der Anfang Februar 1767 als Verpflegungsschiff in Rochefort in See sticht.

Jeanne hat bereits mit Pflanzen aus den verschiedensten Ecken der Welt gearbeitet. Diese bedeuten ihr mehr als alles andere und nun hofft sie auf die Gelegenheit, selber neue Schätze zu entdecken. Jean Bonnefoy ist nun ihr Name, und sie lebt in ständiger Angst vor Entlarvung. Während langer Monate fährt sie durch graues und blaues Nichts und vermisst Blütendürfte, Bienensummen und Vogelgezwitscher, statt sich an königlichen Pflanzenparadiesen zu erfreuen. Ob ihr letztes Experiment an Land wohl ein Erfolg geworden ist und die gepflanzte Blumenuhr nach Carl von Linné funktioniert?

Die bisher gelesenen Seiten - etwa zwei Drittel der Lektüre - lassen mich recht zwiespältig zurück, Der schwere und brutale Alltag auf dem Dreimaster wird sehr detailreich geschildert und scheint auf gründlichen Recherchen zu beruhen. Der Schreibstil dünkt mich recht schwerfällig - aber vielleicht überzeugen mich ja die letzten Seiten des Buches mehr?

Über den gleichen geschichtlichen Hintergrund sind schon weitere Bücher geschrieben worden. Die Version von Liv Winterberg mit dem Titel „Vom anderen Ende der Welt“ habe ich hier vorgestellt.  



Wolfgang Ebert: 
Die erste Frau 
Verlag Komplett-Media, 2013

24. Mai 2014

Amanda Coplin: Im Licht von Apfelbäumen

Als Junge ist der Einzelgänger Talmadge in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Mutter und der Schwester in den Nordwesten Amerikas gekommen, wo er noch immer lebt. Erste Apfelbäume wurden gleich nach der Ankunft gesetzt und laufend zu einer grossen vielfältigen Obstplantage ergänzt – Gravensteiner, Rhode Island Greenings aber auch Walnüsse, Aprikosen und Pflaumen gehören zum umfangreichen Sortiment des mittlerweile vierzig Jahre alten auf  zehn Hektaren angewachsenen Obstgarten. Die Mutter ist vor vielen Jahren gestorben und die ein Jahr jüngere Schwester Elsbeth irgendwann spurlos im Wald verschwunden. Das Nichtwissen über deren Schicksal gärt auch nach Jahrzehnten noch pausenlos in dem grossen breitschultrigen Mann mit vernarbtem Gesicht und beschäftigt ihn während er mit seinen Bäumen arbeitet.

Talmadge führt ein sehr zurückgezogenes Leben und setzt seine Kräfte gänzlich in die Erfüllung seines strengen Tagwerks, das aus Beschneiden, Ernten, Pflegen und dem Pflanzen von Ersatzbäumen besteht. Befriedigung findet er in Ordnung und Struktur.Als seine einzigen Freunde können die Hebamme und Heilpflanzenkennerin Caroline Midday und Clee bezeichnet werden. Letzterer ist zwar nicht taub, spricht aber mit niemandem.

Als Talmadge eines Tages in der Stadt seine Äpfel und Aprikosen verkauft, wird er von zwei jungen schwangeren Mädchen bestohlen. Fortan begegnet er den beiden unvermittelt in sein ruhiges Leben geplatzten Mädchen immer wieder. Die drei beobachten sich gegenseitig, kommen sich aber nicht richtig näher und reden auch nicht miteinander. Die jungen Frauen schauen Talmadge bei seiner Arbeit an den Obstbäumen zu und er stellt ihnen immer wieder Essen auf die Veranda, das sie im Gras kniend schweigend essen. Der Mann wirkt trotz seiner Grösse dank seiner langsamen und bedächtigen Bewegungen freundlich und nicht angsteinflössend und er richtet den beiden Hochschwangeren sogar eine eigene Hütte ein. Diese nehmen zwar seine Mahlzeiten an, ignorieren ihn aber ansonsten wochenlang weitgehend.

Dann setzen bei beiden Schwestern am gleichen Tag Wehen ein. Während Della ihre Zwillinge tot gebärt, bringt Jane mit Hilfe der von Talmadge herbeigerufenen Caroline eine Tochter auf die Welt. Für ein paar wenige Wochen pendelt sich eine neue Routine ein – die beiden blutjungen Mütter kümmern sich gemeinsam und mit Unterstützung von Caroline mehr oder weniger pflichtbewusst um das Baby Angelene. Doch dann werden die beiden Mädchen von ihrer Vergangenheit wieder eingeholt. Ihr Peiniger taucht auf der Obstplantage auf und ein weiteres tragisches Kapitel im von sexueller Ausbeutung geprägten Leben der beiden jungen Frauen wird aufgeschlagen, während das Schicksal Talmadge gleichzeitig eine neue Aufgabe zuteilt.

Eine unaufgeregte, aber trotzdem berührende Geschichte über den schwierigen Alltag einer zusammengewürfelten Familie, in der oft wird mehr geschwiegen als gesprochen wird. Offen bleibt, welches Leben Angelene am Ende als Erwachsene ohne ihre kleine Familie führt.  



Amanda Coplin: 
Im Licht von Apfelbäumen 
Arche Literatur Verlag, 2013

19. Mai 2014

Claudia Lanfranconi: Ladys in Gummistiefeln – Noch mehr Damen mit dem grünen Daumen

Schon der Untertitel verrät, dass Claudia Lanfranconis neueste Publikation eine Fortsetzung des vor sechs Jahren erschienenen Buches „Die Damen mit dem grünen Daumen“ ist. Ähnlich ist auch die Aufmachung der Titelbilder, auf denen neben Blumen besonders die dunkelgrüne Kleidung und die die rote Kopfbedeckung auffallen.

Siebzehn Frauenportraits sind hier vereint, thematisch gegliedert nach
- Es wird durchgeblüht! – Gartengestalterinnen mit Stil
- Rund um den Globus – Pflanzenjägerinnen
- Ab in die Vase – Pionierinnen der Blumendekoration
- Inspirationen aus Floras Reich – Blumenmalerinnen

Während ich über die vorgestellten Norah Lindsay, Gabriella Pape, Jeanne Baret, Amalie Dietrich, Jelena de Belder, Valerie Finnis und Constance Spry schon Biografien und / oder fiktive Romane gelesen haben und ich deshalb auf diesen Seiten für mich persönlich nichts oder nur wenig Neues entdecken konnte, interessierten mich die anderen Portraits umso mehr.

Etwa das über die exzentrische Ganna Walska (1887 – 1984), die relativ spät zum Gärtnern kam, sich aber doch über fünfzig Jahre um ihr Tropenparadies in Kalifornien gekümmert hat, und zwar nach dem Motto „mehr ist besser“. Sie konnte keinen Grund finden (und hatte wohl auch keine Veranlassung, überhaupt nach einem solchen zu suchen), wenige Exemplare einer Pflanze zu setzen, wenn sie auch hunderte verwenden konnte. Ein riesiges Gelände und ein grosses Vermögen bildeten eine solide Basis zu dieser Einstellung.

Julia Clements (1906 – 2010) war eine englische Rednerin, die sich für die Entwicklung der Blumenkunst in England einsetze und massgeblich am Aufschwung der Floristik nach dem zweiten Weltkrieg mitbeteiligt war. In floraler Mission reiste sie durch die ganze Welt und verbreitete ihre Ideen etwa in Karachi, Hongkong, Hawai, Thailand und Kalkutta. Ihr Schulzimmer richtete sie einst sogar auf einem Kreufahrtschiff ein und führte die Crew auf dem Seeweg von England nach New York und zurück in die Kunst der Blumendekoration ein

Lelia Caetani Howard (1913 – 1977) eine Künstlerin und gleichzeitig Erbin von Ninfa zählt zu den Blumenmalerinnen unter den portraitierten Gartenladys. Sie bemalte die Leinwand mit dem Garten, wie er vor ihr lag und fügte gleichzeitig Pflanzen ein, die nach ihrem Empfinden fehlten. Falls das Bild stimmig herauskam, wurden die fehlenden gemalten Blumen und Sträucher nachträglich tatsächlich an die entsprechenden Stellen in die Erde gesetzt. Selber hat die Künstlerin nur wenige Änderungen in dem berühmten Garten vorgenommen. In der erwähnten Art und Weise kam auf ihre Anregung hin ein Steingarten mit Iberis, Alyssum, Eschscholzia und Aquilegia zustande, der in der Natur wie zuvor auf der Leinwand einen farbenfrohen Teppich bildete.

Zu den in weiteren Portraits vorgestellten Frauen gehören Alicia Amherst, Giovanna Ganzoni und Rosie Sanders, deren Aquarelle oft über einen Quadratmeter gross sind. In England ist diese Blumenmalerin besonders durch ihre Publikation „The Apple Book“ bekannt, für welche sie sämtliche auf der Insel kultivierten Apfelsorten zeichnete und klassifizierte. Im Anhang dieses grosszügig illustrierten und schön gestalteten Buches finden sich nützliche Adressen und ein interessantes Literaturverzeichnis.

Zum Abschluss der Buchvorstellung noch eine Ergänzung zur Bemerkung von Gabriella Pape, dass Engländer von Pflanzen die Namen kennen und Deutsche den Preis - beides ist wichtig. Als regelmässige Kundin in Gärtnereien in Nah und Fern schätze ich es, wenn die Töpfe mit den Pflanzennamen und vielleicht den wichtigsten Pflegehinweisen beschriftet sind und/oder ich selber ein Etikett hineinstecken kann. Und natürlich schätze ich auch, wenn ich zumindest ungefähr weiss oder aufgrund von Farbsystemen erahnen kann, welche Kosten auf mich zukommen. Tendenziell kaufe ich deutlich mehr ein, wenn ich die Preise kenne (und laufend falsch im Kopf addiere) – schon zu oft hat mich an der Kasse bei nicht preisgezeichneter Ware fast der Schlag getroffen…  



Claudia Lanfranconi: 
Ladys in Gummistiefeln – Noch mehr Damen mit dem grünen Daumen 
Elisabeth Sandmann Verlag, 2014

15. Mai 2014

Zuletzt ausgelesen: Lotte Minck – Radieschen von unten

Dieses Buch gibt zunächst einen recht ausführlichen Einblick in die berufliche Tätigkeit der Enddreissigerin Loretta Luchs, die ihre Brötchen mit ihren Verführungskünsten in unterschiedlichsten Rollen an einer Sex-Hotline verdient.

Lorettas Schrebergartenwoche lässt ihr kaum Zeit, sich Gedanken über ihre verkorkste Beziehung zu machen. Nicht das bevorstehende Sommerfest in Verbindung mit der Wahl des schönsten Gartens beschäftigt sie, sondern die beiden Todesfälle von zwei Schrebergärtnern innert wenigen Tagen in der Laubekolonie.

Die Polizei scheint diese nicht als auffällig einzustufen, während Loretta sich über die nicht besonders unglücklich scheinenden Witwen wundert. Ihren Urlaub hat sie sich jedenfalls doch etwas anders vorgestellt und sie könnte gut darauf verzichten, ständig an den Fundort von frisch Verstorbenen gerufen zu werden.

Eine humorige „Krimödie“, die den Leser in die Abgründe von jahrzehntelangen Ehen zwischen ungeliebten bösen Ehemännern und ihren Frauen führt, die sich nicht mehr alles gefallen lassen wollen.  

Hier der Link zu Teil 1 dieser Kurzvorstellung.



Lotte Minck: 
Radieschen von unten 
Droste Verlag, 2013

11. Mai 2014

Karen Meyer-Rebentisch: Der Obstgarten – Sortenvielfalt, Rezepte, Reportagen

Nach ihren beiden früher erschienen Büchern "Das Gemüsebuch" und "Wintergemüse" hat Karen Meyer-Rebentisch nun mit einer Publikation über den Obstgarten die logische Ergänzung veröffentlicht. Mit Obst werden die Früchte und Samen mehrjähriger Bäume und Sträucher bezeichnet, die roh verzehrt werden können. Zu diesen pflanzlichen Lebensmitteln gehören neben dem im Buch behandelten Kern-, Stein- und Beerenobst auch exotische Früchte und Schalenobst wie Nüsse und Mandeln.

Immer mehr Konsumenten geben sich nicht mehr mit dem stark eingeschränkten Supermarkt-Allerlei zufrieden und legen Wert auf eine vielfältige und schmackhafte Obsternte. Sie schätzen die Abwechslung und sind auch bereit, sich dafür zu engagieren, sprich zu gärtnern. Und belohnt für ihre Tatkraft wird nicht nur der Gaumen nach der Ernte, sondern auch das Auge im Frühling, wenn die Bienenweiden um die Wette blühen.

Da die Gärten tendenziell immer kleiner werden, lohnt es sich, vor dem Pflanzen genau zu überlegen, welche Obstspflanzen angeschafft werden sollen. Mit einer gut durchdachten Sortenauswahl kann nämlich der Eigenbedarf an Obst - mit Konservierung – während einem grossen Teil des Jahres gedeckt werden. Selbst auf einer verhältnismässig kleinen Fläche von beispielsweise hundertfünfzig Quadratmetern lassen sich mit geschickter Planung und unter Einbezug von Hauswänden und Grundstückgrenzen etliche Pflanzen unterbringen. Die Autorin weist hier auf Spaliere und Mehrsortengehölze hin.

Neben kulturgeschichtlichen Informationen und Rezepten vermittelt Karen Meyer-Rebentisch in diesem Buch Wissenswertes zu den jeweiligen Obstsarten und hat auch gleich die meisten Fotografien selber beigesteuert. In der bereits bewährten Struktur der Gemüsebücher werden auch hier die Portraits gegliedert nach „Im Garten“, „Sorten“, „Ernten und Lagern“, „In der Küche“ und eben „Rezeptideen“. Von Menschen und ihren speziellen Beziehungen zu Obst handeln die Reportagen, welche zwischen den Obstportraits eingebettet sind.

Während um 1900 weltweit rund 20‘000 Apfelsorten kultiviert wurden, sind es heute nach der Industrialisierung des Obstbaus noch wenige Dutzend. Mit dieser vom Erwerbsgartenbau diktierten Veränderung ging gleichzeitig ein Wandel der Geschmacksgewohnheiten einher. Erreichten viele früher beliebte Apfelsorten ihre Genussreife erst nach Lagerung und mit einer damit verbundenen Mürbigkeit, sind heutzutage knackige Äpfel rund ums Jahr verfügbar und weiche Äpfel wenig gefragt.

Für eine grosse Obstvielfalt engagiert sich der Pomologe Jan Bade, der in der ersten von sechs Reportagen zu Wort kommt. Sein Fachwissen gibt er unter anderem in Schnittkursen weiter und setzt sich unermüdlich ein für das Biotop Streuobstwiese und für das Pflanzen und Erhalten von regional angepassten Sorten, die mit wenig oder ganz ohne Chemie auskommen. Der Tischlermeister Jens Meyer steht mit der gleichen Leidenschaft für seine Obstbäume ein. Er veredelt quasi am laufenden Band Apfel- und Birnensorten und erzählt von Zeiten, in denen die Birne teilweise bedeutender war als der Apfel.

Ein Arbeitsplatz in einem schlecht isolierten Gebäude, aus welchem die Wärme nach draussen dringt, führte einen Professor und Hobbywinzer auf die Idee, einen Weinberg auf einem Uni-Campus anzulegen. Nach Überwindung von etlichen bürokratischen Hindernissen, kann er mittlerweile kübelweise Trauben ernten – sofern er schnell genug ist und die über die Pflanzen gespannte blauen Netze ihren Zweck erfüllen und Langfinger und Vögel vom gleichen Vorhaben abhalten.

Rund ein Viertel der Buchseiten werden von den Kernobstarten Apfel, Birne und Quitte eingenommen, aber auch weniger gängige essbare Nutzpflanzen wie Mispel (Mespilus germanica), Gemeine Felsenbirne (Amelanchier ovalis) und Japanische Wollmispel (Eriobotrya japonica) werden vorgestellt. Zu den Portraits gehören Hinweise auf bewährte Sorten (nicht immer bebildert) mit Angaben über die jeweiligen Vor- und Nachteile und allfällige Anfälligkeit auf Krankheiten. Das Buch gibt Einsteigern einen breit gefächerten Überblick in die verschiedenen in unseren Breitengraden gut gedeihenden Obstspflanzen. Die Sortenempfehlungen sind aus Platzgründen eingeschränkt. Wer sich vertiefter mit dem Thema auseinandersetzen will, findet im Anhang der Publikation eine Literaturliste für weitergehende Informationen und Hinweise zu informativen Webseiten und Links.

Und wer keine Gelegenheit hat, sich eigenhändig als Obstgärtner zu betätigen, aber trotzdem gerne selber Obst ernten möchte, dem sei die Webseite www.mundraub.org empfohlen, auf der über frei zugängliche Obststandorte informiert wird.

Während ich diese Zeilen schreibe, blüht gerade unser Mispelbaum; teilweise immer noch behängt mit der vertrockneten letztjährigen Ernte, die wegen des milden Winters von den Vögeln weitgehend verschmäht worden und auch nicht abgefallen ist. Die problemlos erreichbaren Früchte habe ich im März abgelesen. In anderen Jahren ist für das Wegräumen der Mispeln üblicherweise mehr „Bückarbeit“ angesagt, weil die nicht geernteten Früchte auf den Boden fallen. Tatsächlich mag ich Mispeln nicht essen, aber mir gefällt die Wuchsform des Baumes und die Früchte sind wenn sie mir auch nicht schmecken, sehr hübsch anzuschauen. Da mein Mann früher im Herbst von seinem Arbeitsweg oft Mispeln nach Hause gebracht hat und sie für ihn mit Jugenderinnerungen verbunden sind, habe ich vor Jahren einen solchen Baum gepflanzt. Nicht ahnend, dass Früchte aus dem eigenen Garten nicht so faszinierend zu sein scheinen, wie wild wachsende… Vielleicht hätte ich doch besser einen Apfelbaum gepflanzt? Die appetitlichen Bilder von reifen Äpfeln und ihrer Verwertung in der Küche machen jedenfalls den Mund wässrig.

PS: Meinen Mispelbaum werde ich nicht auf der oben erwähten Internetseite zur freien Ernte ausschreiben und auch kein Schild am Zaun aufhängen, wie das in der Nachbarschaft praktiziert wird. Lieber lasse ich die Früchte am Baum vertrocknen, als mich über einen zetrampelten Cyclamenteppich zu ärgern. Die Baumscheibe erblüht nämlich über mehrere Monate im Jahr mit Cyclamen coum und hederifolium



Karen Meyer-Rebentisch: 
Der Obstgarten – Sortenvielfalt, Rezepte, Reportagen 
BLV Buchverlag, 2014

6. Mai 2014

Holly Goldberg Sloan: Counting by 7s

Die zwölfjährige Willow lebt mit ihren Eltern ein zurückgezogenes Leben. Die drei genügen sich selber. Es werden keine Freundschaften gepflegt und Verwandte gibt es mit Ausnahme einer dementen Grossmutter auch nicht. Willow ist adoptiert, aber obwohl sie überaus intelligent ist, gilt sie nicht als gute Schülerin. Ihr Verhalten und ihre Interessen zeigen fast keine Übereinstimmung mit demjenigen von Gleichaltrigen und sie gilt als Sonderling.

Willows Zimmer beeindruckt durch mit Bücher vollgestopfte Regale und auf ihrem Schreibtisch steht neben dem Computer ein Mikroskop. Drei Obsessionen beschäftigen sie stark: Die Zahl Sieben, Krankheiten und Pflanzen. Oft sitzt sie im Einkaufszentrum und stellt den Vorübergehenden im Geheimen medizinische Diagnosen oder sie studiert ihr Gegenüber und verspürt den dringenden Wunsch, diesem den Blutdruck zu messen oder eine Creme gegen Psoriasis zu empfehlen. Immer wieder gibt sich auch Ratschläge, wie jenen an den Taxifahrer Jairo Hernandez, dem sie empfiehlt, nie jemanden wissen zu lassen, dass er glaubt, etwas nicht tun zu können. Das Mädchen selber sieht sich als Pflanzenrarität. Ihr Garten, den sie rund um das Elternhaus angelegt hat, gleicht mit Bambus, Zitrusbäumen, Stauden und Gemüse einem Dschungel – und das in einer Gegend, in der es zweihundert Tage im Jahr nicht regnet.

Eben hat Willow die Schule gewechselt und versucht, sich dort zu integrieren. Um eine ältere Schülerin namens Mai zu beeindrucken, beginnt sie sogar, Vietnamesisch zu lernen. Weil sich Willow bei einer Prüfung mehr Mühe als üblich gibt und alle Ergebnisse richtig sind, wird sie zur Abklärung zum schulischen Berater geschickt. Dieser Dell Duke soll herausfinden, wie Willow gemogelt hat. Duke ist selber ein Aussenseiter. Die ihm anvertrauten schwierigen Kinder klassiert er in selber definierte Kategorien, stellt aber sehr schnell fest, dass Willow in keines seiner Raster passt.

Als Dell Duke eines Nachmittags entgegen den Vorschriften mit Willow, Mai und deren jüngerem Bruder Quang-ha im Auto unterwegs ist und Willow nach Hause bringt, steht ein Polizeiauto vor dem Haus. Willows Eltern Roberta und Jimmy sind beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen und das zwölfjährige Mädchen steht zum zweiten Mal in seinem noch jungen Leben ohne Mutter und Vater da. Spontan lügt Mai und behauptet, ihre und Willows Familien seien seit Jahren eng befreundet und so kann das verwaiste Mädchen provisorisch bei Mais Familie einziehen.

Mai, Quang-ha und ihre Mutter Pattie Nguyen leben vom bescheidenen Einkommen aus einem Nagelstudio und ausserordentlich beengt in einer Garage. Trotzdem wird Willow sehr herzlich aufgenommen und nur Mais Bruder hat Vorbehalte. Die regelmässigen Kontrollen der Behörden verlangen Flexibilität von allen Beteiligten und kurzerhand zieht die zusammengewürfelte neue Familie in die Wohnung von Dell Duke ein, der sich im gleichen Wohnkomplex ein Zimmer nehmen muss.

Der Tod von Willows Eltern verändert nicht nur das Leben der Adoptivtochter. Willow möchte niemanden belasten und versucht, sich möglichst unsichtbar zu machen. Die Siebner-Reihe ist nicht mehr aktuell und die Ich-Erzählerin trennt ihr Leben in ein altes Ich und ein neues Ich. Doch nicht nur Willow macht grosse Veränderungen durch. Teilweise auch unbewusst ist sie mitverantwortlich für einen Einschnitt und Neubeginn im Leben und Verhalten ihrer Mitbewohner, insbesondere demjenigen von Dell Duke, der sich zu einem verantwortungsbewussten Kümmerer mausert.

„Endings are always the beginnings of something else“ - Irgendwann beginnt Willow wieder etwas Hoffnung zu schöpfen und vertraut darauf, dass sie wie ein Baum ist, der nach einem Feuer die Kraft findet, einen grünen Spross ans Licht zu schicken. Sie findet in der Steinwüste rund um ihren neuen Wohnort „Gardens of Glenwood“ eine Herausforderung, die sie zum Blühen bringen will und die dem aktuell sehr unpassenden Namen Ehre machen soll. „Fantasia“, „Del Sol“, „Vanilla Ice“, „Honey Bears“, „Strawberry Blondes“ und „Chianti Hybrids“ – verschiedene Samenpäckchen von Sonnenblumen markieren den Beginn von Willows neuem Lebensweg.

Eine sehr berührende Erzählung über Freundschaft, Zusammenhalt, Akzeptanz und die Tatsache, dass Familie nicht gleichbedeutend mit Blutsverwandtschaft sein muss. Und am Ende der Lektüre entlässt man Willow mit viel Zuversicht auf ihren zukünftigen Lebensweg.  



Holly Goldberg Sloan: 
Counting by 7s 
Dial Books, 2013

1. Mai 2014

Dominique Ghiggi: Baumschule – Kultivierung des Stadtdschungels

Als private Hobbygärtnerin habe ich wenig direkten Kontakt zu Baumschulen. Meine eigenen Berührungspunkte in der näheren Vergangenheit beschränken sich auf das regelmässige Vorbeiwalken an einer kleinen Baumschule im Nachbardorf, den noch nicht lange zurückliegenden Direktkauf von verschiedenen Eiben in einer Baumschule sowie das Buchgoogeln nach dem Stichwort „Baumschule“, das zum interessanten Buch "Exerzierplatz" von Siegfried Lenz geführt hat. Und schon im Vorwort der hier vorzustellenden Publikation lese ich die Bestätigung für meinen Eindruck. Denn dort führt Günther Vogt aus, dass im Zusammenhang von Verbindungen zwischen Mensch und Pflanzen Baumschulen tatsächlich oft vergessen gehen.

Nach Vorwort und Einleitung folgen geordnet in die folgenden Kapitel die einzelnen Essays:

- Kartografie des Waldes: Wildnis und Kultur
- Jäger und Sammler: Neugier und Ambition
- Werkstätte: Fabrikation und Ästhetik
- Sahel Vert: Migration und Refugium
- Better City: Städtebau und Zukunft

Nach dem ersten Durchblättern des grossformatigen Buches erwartete ich eine eher trockene Lektüre. Schnell habe ich dann aber festgestellt, dass es dem nicht so ist und auch der wissensdurstige Laiengärtner auf seine Kosten kommt. Der Leser erfährt beispielsweise, dass in Europa seit etwa fünfhundert Jahren Baumschulen existieren, während auf anderen Kontinenten die Baumproduktion und der Baumhandel schon viel länger praktiziert werden; in China etwa seit rund 4000 Jahren. Einen Aufschwung erfuhren die europäischen Baumschulen im 19. Jahrhundert parallel mit den Expeditionen und Einfuhren von Pflanzenentdeckungen durch die erfolgreichen Jäger des grünen Goldes. Thematisiert wird auch die aus heutiger Sicht zuweilen verwerflich erscheinende oft zügellose Sammeltätigkeit der Pflanzenjäger, die sich noch an keinerlei Naturschutzabkommen zu halten hatten.

Unterschiedliche Kundenbedürfnisse und Erwartungen prägen die Sortimente der Baumschulen. Während für die Strassenbepflanzung genormtes Grün gefragt ist, sollen Ziergehölze für Parks eindrucksvolle Silhouetten aufweisen. In einem der Essays wird detailliert die Bepflanzung der Masoala-Halle im Zoo Zürich geschildert – vom Inventar und Einkauf der Bäume im Ursprungsland über die Verladung der Gehölze in Container, die Verschiffung nach Rotterdam, die Akklimatisierung in Baumschulen in den Niederlanden und Belgien bis zum Weitertransport nach Zürich und der Einpflanzung am Bestimmungsort. Mit „Scent Seeker – Reisetagebuch eines Duftforschers“ ist der Bericht über die Suche nach Duftpflanzen auf und über den Baumwipfeln von Französisch Guyana überschrieben. Als Tranportmittel diente hier ein zeppelinartiger Heissluftballon mit Dieselmotor.

Ferner erhält der Leser Einblick in die Geschichte des Baumzuchtgebiets Boskoop in Holland. Der Name steht nämlich nicht nur für eine bekannte Apfelsorte, sondern in erster Linie für das dichteste Baumschulzentrum in Europa, wo seit fünfhundert Jahren junge Gehölze geschult werden und heutzutage viele der spezialisierten Familienbetriebe mit Nachfolgeproblemen kämpfen. Für viele Tätigkeiten stehen zwar inzwischen kraftsparende Maschinen zur Verfügung, aber  trotzdem ist die mehrfache Verpflanzung von Forstpflanzen nach wie vor mit viel Handarbeit verbunden.

Andere Artikel beschäftigen sich mit der Rhododendronmanie, der Waldnutzung, der Geschichte der Phaleonopsis von der teuren Orchideenrarität zur Massen- und Wegwerfpflanze und einem Bankschliessfach für Pflanzensamen in der Arktis sowie einem Relief der Urschweiz, dem ersten Geländemodell aufgrund Triangulation und barometrischen Höhenmessungen mit unterscheidbaren Nadel- und Laubbäumen. Die Vorteile und Probleme rund um die urbane Landwirtschaft werden an einem Beispiel in Tansania aufgezeigt - grüne Lungen in der Stadt verbessern die Luft, werden aber immer mehr an den Stadtrand verdrängt, weil das entsprechende Land für Immobilien benötigt wird - mit der Folge, dass sich die Luftqualität für die Einwohner verschlechtert.

Zwischen ehemaligen Industriegebieten und Baumschulen existieren diverse Gemeinsamkeiten. An beiden Orten wurde der Boden von Menschen über längere Zeit stark verändert und oft nicht nur verdichtet, sondern auch mit als Sonderabfall zu klassifizierenden Stoffen kontaminiert. Für (gesäuberte) städtische Brachen wird die Idee verfolgt, Baumschulen den Platz zur vorübergehenden Nutzung zur Verfügung zu stellen. Wenn die Areale später einem neuen Zweck zugeführt werden, kann ein Teil des Bedarfes an Bäumen aus direkter Nähe gedeckt werden.

Im Anhang der überaus informativen Lektüre finden sich Kurzportraits mit Fotos und wichtigen Eckdaten aus den Lebensläufen der Autoren und Akteure, die an dieser Publikation mitgewirkt haben. Verschiedene der teilweise recht dunkel gewählten Texthintergründe und die bei Legenden sehr klein gewählten Schriftarten sind dem Lesegenuss leider etwas abträglich. Das Buch ist übrigens auch in einer englischen Ausgabe erhältlich.



Dominique Ghiggi: 
Baumschule - Kultivierung des Stadtdschungels 
Lars Müller Publishers, 2010