6. Mai 2014

Holly Goldberg Sloan: Counting by 7s

Die zwölfjährige Willow lebt mit ihren Eltern ein zurückgezogenes Leben. Die drei genügen sich selber. Es werden keine Freundschaften gepflegt und Verwandte gibt es mit Ausnahme einer dementen Grossmutter auch nicht. Willow ist adoptiert, aber obwohl sie überaus intelligent ist, gilt sie nicht als gute Schülerin. Ihr Verhalten und ihre Interessen zeigen fast keine Übereinstimmung mit demjenigen von Gleichaltrigen und sie gilt als Sonderling.

Willows Zimmer beeindruckt durch mit Bücher vollgestopfte Regale und auf ihrem Schreibtisch steht neben dem Computer ein Mikroskop. Drei Obsessionen beschäftigen sie stark: Die Zahl Sieben, Krankheiten und Pflanzen. Oft sitzt sie im Einkaufszentrum und stellt den Vorübergehenden im Geheimen medizinische Diagnosen oder sie studiert ihr Gegenüber und verspürt den dringenden Wunsch, diesem den Blutdruck zu messen oder eine Creme gegen Psoriasis zu empfehlen. Immer wieder gibt sich auch Ratschläge, wie jenen an den Taxifahrer Jairo Hernandez, dem sie empfiehlt, nie jemanden wissen zu lassen, dass er glaubt, etwas nicht tun zu können. Das Mädchen selber sieht sich als Pflanzenrarität. Ihr Garten, den sie rund um das Elternhaus angelegt hat, gleicht mit Bambus, Zitrusbäumen, Stauden und Gemüse einem Dschungel – und das in einer Gegend, in der es zweihundert Tage im Jahr nicht regnet.

Eben hat Willow die Schule gewechselt und versucht, sich dort zu integrieren. Um eine ältere Schülerin namens Mai zu beeindrucken, beginnt sie sogar, Vietnamesisch zu lernen. Weil sich Willow bei einer Prüfung mehr Mühe als üblich gibt und alle Ergebnisse richtig sind, wird sie zur Abklärung zum schulischen Berater geschickt. Dieser Dell Duke soll herausfinden, wie Willow gemogelt hat. Duke ist selber ein Aussenseiter. Die ihm anvertrauten schwierigen Kinder klassiert er in selber definierte Kategorien, stellt aber sehr schnell fest, dass Willow in keines seiner Raster passt.

Als Dell Duke eines Nachmittags entgegen den Vorschriften mit Willow, Mai und deren jüngerem Bruder Quang-ha im Auto unterwegs ist und Willow nach Hause bringt, steht ein Polizeiauto vor dem Haus. Willows Eltern Roberta und Jimmy sind beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen und das zwölfjährige Mädchen steht zum zweiten Mal in seinem noch jungen Leben ohne Mutter und Vater da. Spontan lügt Mai und behauptet, ihre und Willows Familien seien seit Jahren eng befreundet und so kann das verwaiste Mädchen provisorisch bei Mais Familie einziehen.

Mai, Quang-ha und ihre Mutter Pattie Nguyen leben vom bescheidenen Einkommen aus einem Nagelstudio und ausserordentlich beengt in einer Garage. Trotzdem wird Willow sehr herzlich aufgenommen und nur Mais Bruder hat Vorbehalte. Die regelmässigen Kontrollen der Behörden verlangen Flexibilität von allen Beteiligten und kurzerhand zieht die zusammengewürfelte neue Familie in die Wohnung von Dell Duke ein, der sich im gleichen Wohnkomplex ein Zimmer nehmen muss.

Der Tod von Willows Eltern verändert nicht nur das Leben der Adoptivtochter. Willow möchte niemanden belasten und versucht, sich möglichst unsichtbar zu machen. Die Siebner-Reihe ist nicht mehr aktuell und die Ich-Erzählerin trennt ihr Leben in ein altes Ich und ein neues Ich. Doch nicht nur Willow macht grosse Veränderungen durch. Teilweise auch unbewusst ist sie mitverantwortlich für einen Einschnitt und Neubeginn im Leben und Verhalten ihrer Mitbewohner, insbesondere demjenigen von Dell Duke, der sich zu einem verantwortungsbewussten Kümmerer mausert.

„Endings are always the beginnings of something else“ - Irgendwann beginnt Willow wieder etwas Hoffnung zu schöpfen und vertraut darauf, dass sie wie ein Baum ist, der nach einem Feuer die Kraft findet, einen grünen Spross ans Licht zu schicken. Sie findet in der Steinwüste rund um ihren neuen Wohnort „Gardens of Glenwood“ eine Herausforderung, die sie zum Blühen bringen will und die dem aktuell sehr unpassenden Namen Ehre machen soll. „Fantasia“, „Del Sol“, „Vanilla Ice“, „Honey Bears“, „Strawberry Blondes“ und „Chianti Hybrids“ – verschiedene Samenpäckchen von Sonnenblumen markieren den Beginn von Willows neuem Lebensweg.

Eine sehr berührende Erzählung über Freundschaft, Zusammenhalt, Akzeptanz und die Tatsache, dass Familie nicht gleichbedeutend mit Blutsverwandtschaft sein muss. Und am Ende der Lektüre entlässt man Willow mit viel Zuversicht auf ihren zukünftigen Lebensweg.  



Holly Goldberg Sloan: 
Counting by 7s 
Dial Books, 2013

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