20. Mai 2016

Carolee Snyder: Herbal Blessings

Den Grundstein für ihre erfolgreiche Kräutergärtnerei hat Callie Gardener Franklin einst mit dem Kauf von verschiedenen Sämereien und der ersten Aufzucht von Kräutern und anderen Pflanzen, die sie auf Märkten verkauft hat, gelegt. Später ergänzte sie ihr Sortiment um aus Kräutern hergestellte Produkte und wagte schliesslich den Sprung in die Selbständigkeit. Mit dem Gartenroman „Herbal Blessing“ begleitet die Leserin Callie durch ihr turbulentes viertes Jahr als Eigentümerin und Geschäftsführerin der „Joyful Heart Herb Farm“.

Auch nach ihrer Heirat und den vielen Einschränkungen, wie etwa permanenten peniblen Sicherheitskontrollen, die das Leben mit einem Multimillionär anscheinend mit sich bringen, betreibt Callie weiterhin mit viel Freude ihre Kräuterfarm. Hunderte Duftkissen muss sie verkaufen, um eine einzige Stromrechnung bezahlen zu können. Nichtsdestotrotz bedeutet der jungen Frau die mit ihrer beruflichen Selbständigkeit hart erarbeitete finanzielle Unabhängigkeit mindestens so viel wie ihrem Mann seine riesigen Industriebetriebe - auch wenn die erzielten Umsätze nicht vergleichbar sind.

Kaum hat sich Callie von dem Anschlag auf ihr Leben und der daraus resultierenden Fehlgeburt etwas erholt, ist sie das Ziel einer gemeinen Verleumdungskampagne und ihr Name und ihre Gärtnerei sorgen wochenlang für negative Schlagzeilen, worauf die Umsätze völlig einbrechen. Als Konsequenz muss die Unternehmerin ihre Kosten drastisch reduzieren und kann weniger Personal beschäftigen. Auch ihre Freundin Lou Ann macht eine schwere Zeit durch. Sie verheimlicht ihre schwere Krebserkrankung und minimiert durch ihren Entscheid gegen eine Operation und für eine experimentelle Chemo ihre Chancen auf Genesung.

Das vierte Jahr bringt aber nicht nur Tiefschläge, sondern auch hortikulturelle und private Höhepunkte, zu denen auch eine Reise nach Paris mit Besuchen von Rosengärten und Monets Giverny gehört. Wie in den Vorgängertiteln wird nach jedem Monat und Kapitel eine Pflanze thematisiert, und die Autorin vermittelt Hintergrundwissen über Herkunft, Geschichte sowie Hinweise zu Pflege. Zu den portraitierten Gewächsen gehören Wacholder, Ingwer und Stevia. Der Zuckerersatz mit gegenwärtig grosser Nachfrage wurde in Kalifornien vor dem zweiten Weltkrieg in grossen Mengen angebaut. Nicht wegen des gleichen Zwecks wie heutzutage. Dannzumal waren die weissen Blüten eine beliebte Zugabe in Sträussen mit langstieligen roten Rosen.

Das Buch „Herbal Blessings“ gibt detaillierte Einblicke in das Führen einer Kräutergärtnerei im Ablauf eines Jahres mit Säen, Pikieren, Wässern, Pflege, Schädlingsbekämpfung und Verkaufen. Neben diesen alltäglichen Tätigkeiten gehören regelmässige Vorträge und Präsentationen zu Callies Aufgaben; sei dies im Rahmen von Messen und Märkten oder anlässlich von speziellen Gärtnerei-Events wie „Name the Puppies Contest“, „Fairy Day“, „Rose Day“, „Garlic Festival“, "Lavender Daze“, „Herbal First Aid-Workshop“ oder der „National Herb Week“. Callie verabschiedet sich auf Initiative und mit Unterstützung einer engagierten Angestellten von ihrer „Zettelwirtschaft“ und verlässt sich vermehrt auf EDV-Programme und sie staunt über die Wirkung von Social Media.

Die Autorin packt für meinen Geschmack übertrieben viel „Action“ in diese Garten-Novellen. Wieso eigentlich? Erscheint ihr der Alltag, der vermutlich ihren eigenen weitgehend widerspiegelt, zu wenig unterhaltsam? Zu der doch recht unglaubwürdigen Ansammlung von Unglücksfällen gehören dieses Mal zwei (oder besser 1 ½ Entführungen), die bereits erwähnten Verleumdungen, Internet-Stalking, Eingriff in die Computer durch Dritte, Diebstähle und ein schwerer Terroranschlag.

Gemäss Angaben im Vowort zur Publikation ist dies die letzte Folge aus der Herbal-Serie, in der im Anhang unter anderem Rezepte für einen "Hummingbird Cake", "Ribbon Cookies", "Calendula Cookies", "Anise Hyssop Cookies" und "Lavender-Lime Blueberry Bars" zu finden sind.

Die Autorin Carolee Snyder verschickt regelmässig ausführliche Newsletters mit Informationen rund um ihre eigene Herb Farm. Thema sind neben Neuigkeiten aus der Gärtnerei auch Gartenreisen und Rezepte. Falls die Gartenromane rund um Callie Gardener Franklin doch eine Fortsetzung erfahren sollten, wird dies auch auf diesem Weg zu erfahren sein.

Links zu den früheren Buchvorstellungen: "Herbal Beginnings", "Herbal Choices" und "Herbal Passions"



Carolee Snyder: 
Herbal Blessings – A Gardening Novel with Herbal Recipes 
Authorhouse, 2014

10. Mai 2016

Gabriele Diechler: Ein englischer Sommer

Die dreissigjährige Annett hat nach ihrem Rechtswissenschaftsstudium nicht auf eine sichere Juristenkarriere gesetzt, sondern eine Ausbildung als Mediatorin abgeschlossen und sich in Berlin selbständig gemacht. Als ihr Freund ihr endlich seine schon länger bekannten und unumstösslichen Pläne für ein Auslandsjahr eröffnet, soll sie sich begeistert anschliessen. Doch warum hat er sie nicht eingeweiht und stellt sie vor vollendete Tatsachen? Das Paar trennt sich noch am selben Abend. Damit ist ein schlechter Tag noch nicht zu Ende, denn Annett erfährt noch in der gleichen Nacht vom unerwarteten Tod ihrer geliebten Grossmutter Jetta.

Annett reist bereits am nächsten Tag nach Stow-on-the-Wold. In diesem englischen Städtchen in den Cotswolds hat Jetta seit Jahrzehnten ein gut gehendes kleines Hotel geführt. Neben der Organisiation der Beerdigung muss festgelegt werden, wie der Hotelbetrieb vorerst aufrecht erhalten werden kann. Die Hinterbliebenen wie auch die Angestellten gehen davon aus, dass Jettas Tochter (also Annetts Mutter) Anne das Hotel erbt und letztere leitet auch unmittelbar nach ihrer Ankunft in England erste Schritte ein, um das Haus samt Umschwung zu verkaufen.

Gemäss Testament erbt jedoch Annett das Hotel. In dieser überraschenden Tatsache widerspiegeln sich die schwierigen Familienverhältnisse. Jetta hatte ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Vater und auch die Beziehungen zwischen Jetta und ihrer Tochter Anne sowie jene zwischen Anne und Annett sind und waren schwierig, während sich Annett und Jetta immer sehr nahe gestanden sind. Anne fühlt sich übergangen, während Annett versucht, den Entscheid ihrer Grossmutter nachzuvollziehen. Gibt es allenfalls eine Möglichkeit, ihre Arbeit in Deutschland mit dem Hotelbetrieb in England zu kombinieren?

Jetta hat ihre Enkelin vor einiger Zeit gebeten, rasch möglichst nach England zu kommen, doch der Besuch hat nicht mehr stattgefunden. Beim Aufräumen findet Annett nun ein altes Tagebuch und stellt während der Lektüre fest, dass vieles, was sie über Jetta zu wissen glaubte, in Frage gestellt wird. Hat Jetta diese Zeilen je gelesen und wenn ja, warum hat sie nie darüber gesprochen?

In die Vorbereitungen zur Beerdigung mischt sich der bekannte Landschaftsarchitekt Edward Warrender ein, der unbedingt die Grabgestaltung übernehmen will. Wer ist dieser attraktive Mann, der schon als kleiner Junge den Duft von geschnittenem Gras und aufgeworfener Erde geliebt hat und welche Rolle hat er neben der gelungenen Umgestaltung des Innenhofs des Hotels in Jettas letzten Monaten gespielt?

Ein zweiter Erzählstrang führt immer wieder in die Vergangenheit. Die Autorin hat in diesem Roman die Problematik der gestohlenen Biografie der Kinder der Widerstandskämper im zweiten Weltkrieg und das Tabuthema Suizid eingearbeitet. Für Sofagärtnerinnen interessant ist der hortikulturelle Hintergrund rund um den Landschaftsarchitekten. Da gibt es etwa Probleme mit der Anordnung von Hecken im Rahmen eines Projekts, das Edward mit dem Gewinn einer europaweiten Ausschreibung für den Entwurf eines Labyrinths aus Buchsbaumhecken gewonnen hat, es werden Reportagen in Gartenzeitschriften erwartet, Rosen zurückgeschnitten und ein imposanter und Neid erweckender Dachgarten erwähnt.

Ein lesenswerter Roman mit zumeist sympathischen Charakteren, der Lust macht, das beschriebene Hotel selber zu entdecken, und trotz den ernsten Hintergrundthemen ein schöner Lesegenuss. Das Ende ist zwar wenig überraschend, aber durch die eingeschobenen Zeitsprünge wird die Spannung gehalten.



Gabriele Diechler: 
Ein englischer Sommer 
Insel Verlag, 2015

1. Mai 2016

Katharine Swartz: The Lost Garden

Der erste Weltkrieg ist seit ein paar Tagen vorbei und die Familie Sanderson wartet ungeduldig auf die Heimkehr des Sohnes und Bruders. Doch ein Telegramm macht alle Vorfreude und Hoffnungen zunichte – Walter ist just in den letzten Kriegstagen gefallen. Die ganze Familie trauert und auch die Rückkehr des künftigen Schwiegersohnes kann den tiefen Schmerz nur bedingt mildern. Besonders hart trifft Eleanor den Verlust ihres geliebten Bruders und sie hadert mit der Tatsache, dass nicht Walter statt der Schwager in spe heimkommen durfte.

Die spontane Eleanor, die häufig handelt ohne erst nachzudenken, ist kaum den Kinderschuhen entwachsen. Während den Kriegsjahren hat sie sich keine grossen Gedanken über das Leben nach den Feindseligkeiten gemacht. Sie ist einfach davon ausgegangen, dass der Alltag bald wieder so unbeschwert sein werde wie früher. Doch gar nichts ist mehr wie zuvor. Fast jede Familie hat Tote zu beklagen und jene Männer, die den Krieg körperlich mehr oder weniger unversehrt überlebt haben, sind wie ihr Schwager seelisch für immer gezeichnet. Als nach Monaten der Trauer ein neuer Frühling ins Land zieht, schlägt Eleanors Vater vor, sie solle zusammen mit einem angeheuerten Gärtner einen Erinnerungsgarten für den verstorbenen Bruder anlegen.

Die junge Frau hat bis anhin keine hortikulturelle Erfahrung, doch sie findet nicht nur eine Aufgabe, sie freundet sich auch mit Jack, dem jungen Gärtner, an. Die Zeiten und die Ansichten über Sitte und Moral ändern sich, doch auch nach dem Krieg ist eine Freundschaft geschweige denn eine Heirat der Vikarstochter mit einem ungelernten Gärtner gänzlich undenkbar und indiskutabel. Da spielt es auch keine Rolle, wenn Eleanor halt allein bleiben sollte, weil praktisch eine ganze Generation an jungen Männern ausgelöscht worden ist.

Im zweiten Erzählstrang übernimmt die siebenunddreissijährige Marin von einem Tag auf den andern die Verantwortung für ihre fünfzehnjährige Halbschwester Rebecca. Erstere hat zuletzt in Boston gelebt und in der IT-Branche gearbeitet. Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Vaters und dessen zweiter Frau, kehrt sie nach England zurück, um sich um die elternlose Rebecca zu kümmern, die ihr völlig fremd ist. Marins eigene Mutter ist an Krebs gestorben, als sie selber acht Jahre alt war und sie wurde danach von ihrem Vater in ein Internat abgeschoben. Da sie ihm die erzwungene Distanz nie verziehen hat, hat sich der Kontakt schon seit vielen Jahren auf ein Minimum beschränkt. Insofern ist sein Tod keine grosse Änderung in Marins Leben. Doch ihr macht zu schaffen, dass die Unstimmigkeiten zwischen ihr und ihrem Vater nun definitiv nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind.

Auf Wunsch von Rebecca ziehen die beiden Halbschwestern ziemlich spontan nach Goswell in West Cumberland, wo sie zusammen im Bouwer House einen Neuanfang wagen wollen. Als sie den verwilderten Garten durchstreifen, entdecken sie eine verschlossene Türe, hinter die sich Marin mit Hilfe des Gärtners Joss Zugang verschaftt. Überreste eines Gebäudes mitten im verlorenen Garten geben ein Rätsel auf. Als Marin zusätzlich auf ein altes Foto stösst, das in eben diesem Gartenteil aufgenommen worden ist und eine junge Frau mit Schmetterling zusammen mit einem Gärtner zeigt, macht sie es sich zur Aufgabe herauszufinden, wer die beiden waren und was es mit dem Gebäude auf sich hatte. Unterstützung findet sie auch hier bei Joss, während sie sich revanchiert, indem sie für dessen kleines Gartenbauunternehmen eine Homepage gestaltet und und mit ihm zusammen einen Blog zu führen beginnt, in dem sie über die Entdeckung und Entwicklung des wiedergefundenen Gartens berichten.

In zwei Erzählsträngen führt Katharine Swartz durch diesen einfühlsamen und alles andere als oberflächlichen Roman. Zwar sind die Zeiten, in denen die Protagonisten leben und gärtnern verschieden, aber die Figuren sind nicht nur örtlich durch etliche Parallelen verbunden. Da sind etwa in beiden Geschichten ungleiche Schwestern sowie Gärtner mit Geheimnissen zu finden und schwere Verluste sind zu verarbeiten. Die Funktion des nicht mehr vorhandenen Gebäudes in der Mitte des verlorenen Gartens entpuppt sich als nette und nicht vorhersehbare Idee der Autorin. Und um das Lesevergnügen perfekt abzurunden, entsprach das Ende des ersten Erzählstrangs erfreulicherweise nicht meinen Erwartungen und Prognosen!



Katharine Swartz: 
The Lost Garden 
Lion Fiction, 2015