20. Januar 2017

Susanne Tietz: Seit wir uns trafen

Die knapp sechzehnjährige Siri besitzt zwar ein grosses Zeichentalent, hat aber seit Beginn ihrer Schulkarriere grosse Mühe mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Dazu kommt, dass sie den Hausaufgaben nur geringe Priorität einräumt und so hat sie sich jahrelang eher schlecht als recht durch die Schule gehangelt. Nun aber stellen ihre Eltern sie vor die Wahl zwischen einem Internat oder intensivem täglichen Nachhilfeunterricht. 

Vermeintliche Entspannung von dem Druck, der von allen Seiten auf sie einwirkt, sucht Siri einerseits im selbst verletzenden Ritzen, anderseits ist seit vielen Jahren eine verlassene Gärtnerei im sogenannten Alten Wald ihr geheimer Zufluchtsort. Hier, wo Baumriesen einen Rahmen bilden und Akeleien und Storchschnabelgewächse im Wind schaukeln, kann sie ihre Probleme für wenige Stunden verdrängen. Der Besitzer dieser alten Gärtnerei, der Gärtner Thomas, ist vor fast vier Jahren samt seinem Fahrrad genau an Siris zwölftem Geburtstag spurlos verschwunden. Der alte Mann und seine Katze Shasha waren ein wichtiger Fixpunkt im Leben des Mädchens, von dem weder seine ständig anderweitig beschäftigten Eltern noch sein älterer Bruder eine Ahnung hatten und haben. 

Das Mädchen kann immer noch nicht glauben, dass der Gärtner seinen Garten im Stich gelassen hat. Es konnte aber niemandem seine Sorgen anvertrauen und niemanden fragen. Und so hofft Siri noch heute bei jedem ihrer fast täglichen Besuche entgegen jeglicher Vernunft, dass Thomas wieder da ist und in einem der Gewächshäuser arbeitet oder am Umtopfen ist. So gut sie es vermag, kümmert sich Siri um die Gärtnerei und kämpft gegen die Wildnis, während sie dem Verfall der Gebäude wenig entgegensetzen kann. Hier kommt nie jemand vorbei, schon kleine Kinder werden ausdrücklich vor dem alten Wald gewarnt. 

Täglich macht Siri ihre Giessrunde und erledigt andere Gartenarbeiten wie Umtopfen von Schösslingen und Jäten. In ihrem versteckten Refugium hat sie ausserdem eine kleine Plantage aus Zitronen- und Orangenbäumen angelegt, die sie mehrheitlich selber aus Kernen gezogen und mit viel Mühe und etwas Glück über die beiden letzten Winter gebracht hat. Doch nun muss sie feststellen, dass jemand in ihr Idyll eingedrungen ist. Kleinigkeiten verraten, dass sie nicht mehr alleine ist und ein Unbekannter sich in der angrenzenden Wildnis versteckt. Wer treibt sich hier herum und warum? 

Siri beschliesst, eine Nacht in der Gärtnerei zu verbringen, um der Sache auf den Grund zu gehen und gleichzeitig über das Ultimatum ihrer Eltern nachzudenken. Wie sich herausstellt, ist sie als Detektiv nicht so erfolgreich wie als Gärtnerin. Sie schläft ein und wird ihrerseits von einer Gestalt mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze beobachtet. Sie zeichnet die Person aus der Erinnerung an die kurze Begegnung durchs Fenster, legt die Zeichnung hin und geht nach Hause. 

Eine Antwort findet sie bei ihrem nächsten Besuch in den Staub geritzt. Die Kapuzengestalt entpuppt sich als eine junge Frau, Shasha genannt, die wegen schwieriger Familienverhältnisse daheim abgehauen und untergetaucht ist. Damit tritt neben dem Nachhilfelehrer Johannes gleich noch eine weitere Person neu in Siris Leben. Die Sorgen werden damit vorerst nicht unbedingt kleiner. Und nun soll sich auch noch ein Wolf im alten Wald herumtreiben. 

Nichtsdestotrotz werden Shasha und Johannes sehr schnell sehr wichtig für Siri. Von Shasha, die bei einem Gärtner gearbeitet hat, wird sie beim Gärtnern unterstützt und dank der Hilfe beim Lernen und bei den Aufgaben durch Johannes, läuft es auch in der Schule etwas besser. In der kurzen Spanne, die dieses Jugendbuch umfasst, verändert sich das Leben verschiedener Beteiligter grundlegend und in Siris Familie, in der nie viel miteinander gesprochen worden ist, kommen plötzlich Familiengeheimnisse ans Tageslicht. 

Publikationen aus Eigenverlagen sind häufig ein zweifelhaftes Lesevergnügen. Dieses Jugendbuch ist eine grosse Ausnahme. Die Geschichte ist gut durchdacht, durchaus plausibel und das Tüpfchen auf dem „i“ ist natürlich der omnipräsente hortikulturelle Hintergrund samt Verbindung zu «Walden» von Henry David Thoreau. 



Susanne Tietz: 
Seit wir uns trafen 
Eigenverlag, 2016

10. Januar 2017

Paula Almqvist: Und wer giesst bei dir?

Die Kolumnensammlungen von Paula Almqvist zählen inzwischen zu meinen Gartenlektürefavoriten. Ihre Beobachtungen sind immer treffend formuliert und aus einem Guss - kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Ob die Artikel so leicht verfasst worden sind, wie sie sich lesen? So oder so - hoffentlich dauert es bis zum Erscheinen des nächsten Bandes nicht wieder vier Jahre. Die Wartezeit habe ich mir aber immerhin damit verkürzt (jedenfalls in eine Richtung), dass ich erst jetzt dazu gekommen bin, das Büchlein zu lesen. Aber nun zum Inhalt, der in folgende Kapitel gegliedert ist: 

- Hier wächst ein Trend 
- Wenn Gärtner Fehler machen 
- Quer durch die Beete 
- Die Gartenfrau auf Reisen 
- Was die Idylle trübt 
- Gärten für alle Lebenslagen 

Die schreibende Gärtnerin zieht Vergleiche zwischen Facebook und Gabionen und grübelt über die Imparität in der Höhe der Anzahl von virtuellen, also bloggenden Gärtnern und Gärtnerinnen, und solchen, die nur im echten Leben in der Erde wühlen, und die Leserin erfährt auch gleich, welche Bloggerin die Autorin nicht unbedingt persönlich kennen lernen will. 

Ausserdem verrät sie, welches Objekte ihrer Begierde sind (nicht Schuhe) und denkt nach über Sinn oder eben Unsinn von Aussen-Wohnungen mit Sitzlandschaft sowie Aussendusche und Heizstrahlern anstelle des früheren Obstbaums. Vorgärten wiederum lassen den, der ausserhalb des Zauns vorbeigeht und sich etwas Zeit und Musse nimmt, herrlich Mutmassungen über die Bewohner und (Nicht-)Gärtner anstellen. 

An anderer Stelle liest frau über Schwärmerei und nicht erwiderte Liebe – natürlich nicht zu einem falschen Mann (hier geht’s ja ums Grüne), sondern zu falschen Pflanzen. Nichtsdestotrotz geht es hier um gescheiterte Beziehungen. Solchen, die einen geläutert zurück lassen, und solche, bei denen frau einfach nicht wahr haben will, dass es nie was werden wird. Das Gegenteil sind dann die gerufenen Pflanzengeister, die sich wie Kletten aufführen. 

Dass Gärtnern nicht nur gesund ist, sondern sehr schnell zu irgendwelchen Verletzungen führen kann, weiss jeder, der beispielsweise schon Rosen beschnitten hat. Zum Thema Unfall im Garten weiss die Autorin von Yuccas zu berichten, die ins Auge und ins Ohr gehen und von einem durch Jäten provozierten dreifachen Rippenbruch. Und haben Sie gewusst, dass die Einwanderung der Herkulesstaude auf ein Zarengeschenk anlässlich des Wiener Kongresses im Jahr 1815 zurückzuführen ist? 

Weiter geht es um botanische Volltrottel, Instant Gardening, Geheimtipps zur Umsiedelung von Maulwürfen, die schmale grüne Grenze zwischen Reha und Euthanasie, die Definition des grünen Daumens und um angeblich unverzichtbare Gartenwunderwaffen. Kennen oder verwenden Sie gar noch die einst vielgepriesene Gartenkralle? 

Einen literarischen Einblick in den Vorgarten der Autorin gibt es nicht, dafür verrät sie ihren Traum von dressierten Tieren, die Quecken, Disteln und Co. fressen. Gärtnern verbindet, doch kann die praktisch umgesetzte Antwort auf die Frage „Und wer giesst bei dir“ zu zwischenmenschlichen Konflikten führen. Dann etwa, wenn die blumengiessende Freundin die vordergründig kahlen Blumenkästen mit (ungeliebter) Heide aufpeppt (relativ schlimm) und gleichzeitig die ganze Erde auswechselt (Heide verlangt schliesslich nach saurer Erde) und dabei gleichzeitig Hunderte von Schneeglöckchenzwiebeln entsorgt (Supergau). 



Paula Almqvist: 
Und wer giesst bei dir? 
Schöffling und Co., 2016