8. April 2015

Herbert Frei-Schindler: Der Hanggarten eines passionierten Pflanzensammlers

Von (beinahe) Null auf fünfzig Arten und Sorten von Rosen in fünfzehn Jahren ist nur eine von verschiedenen beeindruckenden Erwähnungen, die sich in diesem Buch über einen Stadtzürcher Hanggarten nachlesen lassen. Neugierig auf den Inhalt machen nämlich schon Kapitelüberschriften wie „England in Hirslanden“, „Von Königinnen und Fussvolk“ und eben „Gärtnern in Steillage“. Die Innenseiten des Buchumschlags zeigen die skizzierten Höhenprofile Nord-Süd der West- und  der Ostseite, auf denen die wichtigsten strukturgebenden Gehölze eingezeichnet sind und vermitteln der ortsunkundigen Leserin einen ersten Eindruck von der Hanglage dieses Gartens.

Vor knapp zwanzig Jahren hat das Ehepaar Schindler damit begonnen, sich mit dem Garten, dessen Anlage auf das Jahr 1927 zurückdatiert, auseinanderzusetzen. Die Initiative lag zunächst bei der Frau. Der Autor zeigte dannzumal wenig Interesse an gärtnerischen Aktivitäten und schätzte die ihm als Hilfsgärtner zugedachten Tätigkeiten gar nicht. Schon bald gab es einen Wechsel in den Zuständigkeiten und damit einher ging der Beginn der intensiven Grundstückbepflanzung.

Die oben angedeutete Passion für Rosen schlich sich erst auf Umwegen ein, und zwar nicht durch ein wohlriechendes, blühendes Exemplar in situ, sondern durch das Betrachten des Fotos eines solchen in einem im Kew Garden Bookshop aufgelegten Buch. Überhaupt stammen etliche der unzähligen Pflanzenschätze aus Grossbritannien. Die Reisen dorthin werden ausgiebig zu Pflanzeneinkäufen genutzt und auf der Rückfahrt überquillt nicht nur der Kofferraum mit Grünzeug, jeder andere verfügbare Quadratzentimeter des Transportmittels (kein Kleinwagen) wird ausgenutzt. Das Ehepaar findet aber tatsächlich trotzdem noch Platz fürs Gepäck – davon kann man sich auf seiner Internet-Seite selber überzeugen.

Neben Kletterrosen, Persischen Rosen, Strauchrosen und historischen Rosen liegt das Augenmerk der Pflanzensammler auf interessanten Gehölzen und Stauden. Nicht immer lässt sich genau definieren, warum man eine bestimmte Pflanze nun unbedingt haben muss, aber neben „speziell“ ist „Klimasurfen“ ein wichtiges Stichwort. Der Begriff umschreibt hortikulturelle Versuche mit Pflanzen, die eigentlich nicht in hiesigen Breitengraden gedeihen, wegen der Klimaerwärmung die Winter zwar nicht verlässlich, aber doch immer öfter ohne grosse Verluste überstehen Und neben den Aspekten „rar“ oder zumindest „ungewöhnlich“ müssen Neuerwerbungen natürlich auch den hohen ästhetischen Ansprüchen genügen. Den Kaufentscheid des Historikers können aber auch geschichtliche Faktoren beeinflussen.

Dieses Buch aus der DVA-Gartenportrait-Reihe ist grosszügig mit Fotos illustriert, von denen die meisten vom Autor selber stammen, der seit Jahrzehnten fotografiert. Besonders schön ist die Gegenlicht-Aufnahme auf dem Titelbild, auf der die Rinde des Zimtahorns rot zu brennen scheint. Obwohl die wiederholten Erwähnungen von Pflanzeneinkaufstouren und Internetbestellungen einen fast unbeschränkten Platz vermuten lassen, ist dem nicht so. Die Wünsche sind nicht immer kompatibel mit den vorhandenen Unterbringungsmöglichkeiten und Neuanschaffungen verlangen oft gleichzeitig nach Opfern. Entweder müssen Funkien öfter ihre äussersten Blätter lassen, damit sie ihre Nachbarn nicht völlig be- und verdrängen, oder es muss erst eine Pflanze ausgegraben werden, damit eine andere die frische Lücke füllen kann. Asiatische Gehölze wie Ahorne und der japanische Schneeball werden mit einer besonderen Rückschnitt-Technik à la Prinzessin Greta Sturdza geformt, welche Durchblicke erlaubt.

Als eher ungewöhnlich zu bezeichnen ist die Tatsache, dass die Schindlers weitgehend auf Terrassierung und Mauern verzichten und auf die Stabilisierung des Hangs durch Pflanzen vertrauen. Warme Farbtöne werden nur zurückhaltend eingesetzt, der Schwerpunkt liegt auf kühlen und zarten Farben. Ein Hanggarten hat seine Vor- und Nachteile. Letztere sind hier gekonnt zu Gunsten von ersteren ausgenutzt worden und so haben, wie der Autor vermerkt, inzwischen Pflanzen aus vier Kontinenten in Zürich ein Zuhause gefunden.

Noch vor Abschluss meiner Lektüre hatte ich Gelegenheit, an der Buchvernissage mit kommentiertem Bildervortrag teilzunehmen. Der Autor plauderte kenntnisreich und launig über seinen beeindruckenden Garten, von Gartenreisen und seinen persönlichen Erfahrungen. Die Sofagärtnerin und ihre Kollegin hätten gerne noch länger zugehört. Ganz minim getrübt wurde mein Vergnügen allein dadurch, dass mir während der Veranstaltung zwei-, dreimal die anfängliche Bemerkung von wegen altem Haus, grossem Besucheraufmarsch und Statik in den Sinn gekommen ist.

Nach wie vor nicht definitiv in den Sinn gekommen ist mir hingegen, ob ich vor ein paar Jahren bei strömendem Regen anlässlich eines Tages der offenen Gartentür in diesem Garten war (kann bzw. könnte man den Besuch in einem solchen Garten vergessen?) Als Entschuldigung für diese Erinnerungslücke mag oder muss neben dem schlechten Wetter meine damalige junge Begleitung herhalten, die sich mehr auf die geplante Shoppingtour nach den erpressten beiden Gartenbesuchen (der zweite Besuch war in einem Blindengarten und das Wetter schon deutlich freundlicher) freute, als sie sich für Gärten interessierte...

Den Link zur Internetseite finden Sie hier.



Herbert Frei-Schindler: 
Der Hanggarten eines passionierten Pflanzensammlers 
Deutsche Verlags-Anstalt, 2015