15. Oktober 2014

Carleen Brice: Orange Mint and Honey

Schon als achtjähriges Mädchen musste Shay für sich und die alleinerziehende, alkoholkranke Mutter Verantwortung übernehmen. In diesem Alter hat sie nämlich für die Schule erstmals erfolgreich die Unterschrift ihrer Mutter gefälscht und im gleichen Moment gewusst, dass sie sich nie mehr von ihrer Mutter herunterziehen lassen wird. Gleichzeitig hat sie gelernt, ihre Erwartungen tief zu halten, um sich Enttäuschungen zu ersparen und viele Dinge mit sich selber auszumachen. Ihre beste Zeit hatte sie als Neunjährige. Damals hatte sie zwar viele Aufgaben im Haushalt zu erledigen, aber ein verantwortungsbewusster Freund kümmerte sich um die Mutter.

Und so wie die Mutter trotz ihrer Sucht meistens eine sehr gepflegte Erscheinung war – jedenfalls, wenn man die Momente ausblendet, in denen ihre kleine Tochter Erbrochenes und anderes aufwischen musste – so hatte auch Shay das Vorspielen einer heilen Welt für die Umgebung perfektioniert. Freunde konnte sie nie einladen, da die Reaktionen ihrer Mutter unvorhersehbar waren und den Kontakt zu ihrer einzigen Freundin hat sie nach Schulabschluss abgebrochen.

Nun, mit fünfundzwanzig Jahren kehrt Shay wieder heim zu ihrer Mutter Nona. Die intelligente junge Frau hat sich jahrelang auf ihr auswärts absolviertes Studium konzentriert und der Kontakt zwischen den beiden Frauen beschränkte sich auf den unregelmässigen Austausch von Postkarten. Wegen Problemen in der Schule legt Shay auf Veranlassung ihres Mentors eine Semesterpause ein. Finanzielle Engpässe sowie die Vision ihrer Lieblingssängerin Nina Simone („go home!“) bewegen sie dazu, bei ihrer Mutter Unterschlupf zu suchen.

Shay, eigentlich LaShay Glory (wegen den „Morning Glories“ = Prunkwinden, die ihr Grossvater liebte), erkennt ihre völlig verändert erscheinende Mutter kaum wieder. Sie wohnt in einem gepflegten Haus, der Kühlschrank ist gefüllt und da ist Sunny, Shays dreijährige Halbschwester. Ist die Mutter wirklich trocken? Die emotional verkümmerte Shay, die sich in Stresssituationen ständig Haare ausreisst, misstraut den Zuständen und ist überzeugt, ihre Mutter spiele ihr etwas vor und trinke heimlich. Die junge Frau sperrt sich oft stundenlang in ihrem Zimmer ein, hört Musik und wird von ihren widersprüchlichen Gefühlen geplagt. Dazu gehört auch Eifersucht auf die kleine Halbschwester, die eine ganz andere Mutter erlebt als sie während ihrer eigenen Kindheit. Shay kann offensichtlich nicht verzeihen und trauert um ihre gestohlene Jugend. Derweilen versagt sie sich alle Freuden; teils aus Geldmangel, teils um sich selber zu bestrafen. Nonas Worte, dass sie (Shay) allen Grund und das Recht habe, wütend zu sein, aber auch das Recht, glücklich zu sein, prallen an ihr ab.

Die vierzigjährige Nona selber, die bereits mit fünfzehn Mutter von ihrem Wunschkind Shay wurde, hat gewissermassen eine Sucht durch eine andere ersetzt. Dank A.A. ist sie trocken, aber inzwischen völlig gartenverrückt. Sie pflegt einen üppigen, wilden und dennoch strukturierten Garten und legt grossen Wert auf eine gesunde Ernährung mit selber gezogenen Zucchinis, Tomaten und Jalapenos und schmückt ihr Daheim mit eigenen Schnittblumen. Ihr persönliches Problemlösungs-Rezept funktioniert so, dass sie die Ursache von Schwierigkeiten auf einen Zettel schreibt und diesen in kleine Stücke zerreisst. Die Schnipsel buddelt sie im Garten ein, wo sie sich zersetzen und die Erde anreichern. Und das Wichtigste: im nächsten Frühling hilft das Problem den Pflanzen beim Wachsen.

Während des länger als geplant dauernden Besuch kommen sich Shay und Nona näher und die Tochter beginnt sich zu verändern. Sie findet eine Stelle und einen Freund und sie nimmt wieder Kontakt mit ihrer ehemals besten Freundin auf. Langsam finden Mutter und Tochter zu einer besseren Beziehung,  das gegenseitige Vertrauen wächst und bildet einen guten Boden für die Zukunft. Shay lernt zu verzeihen und möchte ihre kleine Halbschwester aufwachsen sehen. Und sie muss schmerzlich erkennen, dass man im Leben oft nicht das bekommt, was man will und genau die Fehler macht, die man den Eltern vorwirft.

Die Liebe der Autorin Carleen Brice zum Gärtnern ist nicht nur in diesem traurig-schönen Buch ersichtlich, sondern auch in ihrem Blog "Pajama Gardener"




Carleen Brice: 
Orange Mint and Honey 
Random House, 2008