8. Dezember 2013

Elizabeth Gilbert: Das Wesen der Dinge und der Liebe

Als Kind hat sich Alma gewünscht, eine Pflanze zu sein. Denn ihr fast pausenlos ungeduldiger Vater ist nur im Umgang mit seinen grünen Lieblingen nachsichtig. Das intelligente Mädchen wächst inmitten von Gewächshäusern mit Schätzen aus aller Welt und unzähligen Büchern auf und bei Nachtessen sitzen häufig Koryphäen der unterschiedlichsten Fachgebiete neben ihr am Esstisch auf dem Familiensitz White Acre.

Almas Vater, Henry Whittaker, ist 1760 in Richmond in der Nähe von Kew auf die Welt gekommen und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Schon früh hat der Sohn eines sogenannten Apfelmagiers alles Wichtige rund um das Umpflanzen, Beschneiden und Pfropfen von Apfelbäumen gelernt und sich sein erstes Geld sehr erfolgreich durch Diebstahl verdient. Und zwar hat er in Kew Garden Samen und Ableger gestohlen, die Joseph Banks von seiner Weltumsegelung mitgebracht hat. Henry hat diese an Sammler, Botaniker und Professoren verkauft, denn der geizige Banks wollte auch auf Anfrage seine Beute mit niemandem teilen.

Henry wird erwischt, kommt aber mit einer relativ geringen Strafe davon. Joseph Banks verdonnert ihn nämlich zu einer Weltumseglung. Vier Jahre ist Henry auf einem Schiff unterwegs und konzentriert sich wann immer möglich darauf, sein botanisches Wissen zu erweitern. Später hält er sich in Peru auf, wo er die Kultur des Chinarindenbaums erforscht. Mit einunddreissig Jahren hat er den Grundstock für ein erfolgreiches Unternehmen gegründet und heiratet gegen den Willen von deren Familie die Holländerin Beatrix Devenders und zieht mit ihr und ein paar Tulpenzwiebeln und wichtigen Büchern nach Philadelphia.

Das Ehepaar residiert in einem prachtvollen Gebäude und Henry vermehrt kontinuierlich seinen Reichtum, unter anderem mit dem Export amerikanischer Pflanzen nach Europa, während Beatrix viel Freude an ihrem prächtigen Garten hat. In diese funktionierende Zweckehe hinein wird im Jahr 1800 Alma geboren und später wird ein wunderschönes Mädchen namens Prudence adoptiert.

Alma hat die botanischen Gene ihres Vaters geerbt und geht schon als kleines Mädchen nur von ihrem Pony begleitet in der Umgebung auf Pflanzenjagd, um Proben für ihr Herbarium zu sammeln. Im Alter von neun Jahren entdeckt sie ganz alleine, dass mit Beobachtung des Öffnen und Schliessens von Blüten die Tageszeit bestimmt werden kann. Im Vordergrund steht für die äusserlich wenig anziehend wirkende Alma aber nicht die Schönheit der Pflanzen, sondern die Ordnung des Systems. Und schon als Jugendliche verfasst sie fachlich kompetente Aufsätze über Lorbeer, Mimosen und Kamelien, die in der Monats-Zeitschrift „Botanica Americana“ veröffentlicht werden.

Als Alma zwanzig Jahre alt ist, stirbt ihre Mutter und die Tochter übernimmt deren Aufgaben als Herrin und Geschäftsführerin eines riesigen botanischen Unternehmens. Doch je älter sie wird, umso mehr fühlt sie sich gefangen auf White Acre, weil sämtliche vorhandenen Pflanzen von anderen Forschern entdeckt worden sind. Die Aufgabe eines Botanikers ist schliesslich, Pflanzen zu bestimmen - doch woher soll sie entsprechendes Material nehmen?

Alma korrespondiert mit Fachleuten aus aller Welt und entdeckt schliesslich die interessante Welt der gering bewerteten Moose, die sogar rund um ihr Zuhause ein riesiges Forschungsgebiet darstellen. Sie beobachtet den „Mooskrieg“ von White Acre, bei dem es Vorstösse und Rückzüge sowie konkurrierende Mooskolonien zu verzeichnen gibt. Und Sie beginnt als „Hüterin der Moose“ mit dem Verfassen eines Standwerks über Moose, die in ihrer Bedeutung – dies eine Parallele zu Almas eigenem Schicksal, die sich mit ihren teilweise bahnbrechenden Forschungsergebnissen in einer Männerdomäne bewegt – oft unterschätzt werden.

So vergehen die Jahrzehnte, als plötzlich doch noch die Liebe Einzug in das Leben der „wandelnden Bibliothek“ Alma hält. Sie heiratet den hochbegabten Pflanzenmaler Ambose Pike. Doch die kurze Ehe entpuppt sich als Fiasko. Daneben sind das tragische Schicksal ihrer Freundin Retta und die schwierige (Nicht-)Beziehung zu ihrer Schwester Retta und immer wieder Almas unerfülltes Liebesleben Thema. Nach dem Tod ihres Vaters gestaltet die nicht mehr junge Alma ihr Leben komplett neu und macht sich auf nach Tahiti, wo sie zum ersten Mal Palmen rauschen hört und Holland wird eine weitere Station eines langen der Wissenschaft gewidmeten Lebens. So kommt sie doch noch in der Welt herum und kann dem Wesen der Dinge und der Liebe an verschiedenen Orten nachspüren, Antworten suchen und teilweise auch finden.

Für Gartenfreunde besonders interessant in diesem rund 700 Seiten umfassenden Roman sind der hortikulturelle Hintergrund und die botanischen Studien von Alma. Mein anfänglich grosses Interesse ist aber schon bald einmal deutlich abgeflaut, weil ich die Erzählung als eher langatmig empfand. Gegen Ende der umfangreichen Erzählung wurde es wieder interessanter, doch ganz allgemein hätte der Umfang gut und gerne um etliche Seiten gekürzt werden können.

Die Autorin Elizabeth Gilbert hat übrigens auch den Erfolgstitel „Eat Pray Love“ geschrieben, der mit Julia Roberts verfilmt worden ist. Ob das Buch „Das Wesen der Dinge und der Liebe“ wohl auch einmal auf die Leinwand gebracht werden wird?

Mit dieser Buchvorstellung verabschiede ich mich in die "Adventspause". Ende 2013 oder Anfang 2014 geht es weiter mit den längst verfassten und vorgebloggten Eindrücken zu den unter der Rubrik "Zuletzt gelesen ..." aufgeführten Büchern. Bis dahin wünsche ich allen Leserinnen und Lesern eine friedliche Vorweihnachtszeit und besinnliche Feiertage.



Elizabeth Gilbert: 
Das Wesen der Dinge und der Liebe 
Berlin Verlag, 2013

5. Dezember 2013

Caroline Vermalle: Und wenn es die Chance deines Lebens ist?

Der gutaussehende erfolgreiche 39jährige Jurist Frédéric Solis stellt Karriere und Geldverdienen über alles andere. Als aufstrebender Anwalt in einer renommierten Pariser Anwaltskanzlei ist er spezialisiert auf Scheidungen in der High Society. Wie ein dunkler Schatten liegt aber nach wie vor das spurlose Verschwinden seines Vaters kurz vor Weihnachten 1979 über seinem Leben. Nachwuchs in die Welt setzten möchte er deshalb unter keinen Umständen und schon als kleiner Junge hat er sich vorgenommen, niemals eigene Kinder zu haben. So hat er sich kürzlich auch ganz konsequent von seiner langjährigen Partnerin getrennt, als diese unbedingt eine Familie gründen wollte.

Frédérics ganze Leidenschaft gilt Gemälden mit poetischen Winterlandschaften von Impressionisten. Gerade hat er bei Sotheby’s ein kleines Bild von Sisley ersteigert, das sein Budget bei weitem übersteigt. In seiner Wohnung stapeln sich darum die Mahnungen, das Bankkonto ist überzogen und die Eigentumswohnung ist mit einer hohen Hypothek belastet. Da erhält er ein Schreiben von einem Notariat, bei dem er sich wegen einer Erbschaftsangelegenheit melden soll. Der Name des Erblassers ist Frédéric unbekannt, doch er rechnet trotzdem fest damit, eine stattliche Summe zu erben, die seine finanziellen Probleme löst und vielleicht sogar den Kauf weiterer Gemälde möglich macht.

Wie sich herausstellt, ist der Anwalt in Geldnöten zwar als Alleinerbe eingesetzt, aber der Nachlass besteht nur aus einer Schachtel, in der sich ein Zug- und ein Bootsticket sowie je eine Eintrittskarte für den Garten Monet in Giverny und das Musée d’Orsay in Paris und eine rätselhafte Schatzkarte im Zusammenhang mit einem verschwundenen impressionistischen Meisterwerk befinden. Die Fahrscheine sind alle für fixe Termine im Dezember ausgestellt und auf der Rückseite sind geheimnisvolle Verse notiert.

Frédéric beauftragt seine Assistentin Pétronille alle erhältlichen Informationen über den verstorbenen Fabrice Nile zusammenzutragen und macht sich mit den geerbten Tickets auf eine Spurensuche, die sich als schmerzliche Reise in seine persönliche Vergangenheit entpuppt. Der mysteriöse Nachlass scheint Auslöser für eine Katastrophe nach der anderen zu sein. Als Pétronille ein Fehler unterläuft, nutzt ihr strenger Arbeitgeber die Gelegenheit, ihr zu kündigen, da er sich ihre Arbeitskraft längst gar nicht mehr leisten kann. Deshalb erfährt er auch nichts von den von ihr festgestellten Verbindungen zwischen Fabrice Nile und seinem verschwundenen Vater, dessen Name sie aus dem Antrag für eine Reisepassverlängerung ihres Vorgesetzten kennt.

Ein gefühlvoll geschriebener Roman um verpasste Chancen, das „was-wäre-wenn“ und die weitreichenden Konsequenzen von einmal getroffenen Entscheidungen. Daneben spielt die die Rekonstruktion des bis in die 1970er Jahre überwucherten und verwilderten Gartens von Claude Monet in Giverny eine Rolle. Neben dem Erwecken desselben aus einem langen Dornröschenschlaf, machen die ständigen Erwähnungen von leckeren Windbeuteln immer wieder Lust aufs Naschen von Süssigkeiten.

Zum Schluss dieser Buchvorstellunge noch ein schöner Ausdruck von Caroline Vermalle, den sie Frédérics Vater und einem amerikanischen Gärtner bei einem Gespräch in Giverny in den Mund gelegt hat: Wenn einer gerne von anderen angelegte Gärten bewundert, hat er "ein grünes Auge". Von der gleichen Autorin erscheint übrigens nächstes Jahr ein Buch, das ebenfalls einen hortikulturellen Hintergrund vermuten lässt: „Eine Blume für die Königin“.  



Caroline Vermalle: 
Und wenn es die Chance deines Lebens ist? 
Lübbe Ehrenwirth/Bastei Lübbe Verlag, 2013

1. Dezember 2013

Daniel Zahno: Manhattan Rose

Auf dem Umweg über ein abgebrochenes Mathematikstudium hat der Blumen- und Musikliebhaber Luca aus Basel eine erfolgreiche Rosenzucht aufgebaut und sein kleinkindliches Interesse am Rosengarten der Grosseltern in ein einträgliches Geschäft verwandelt. In New York besucht er einen internationalen Kongress und nutzt die Gelegenheit, dem Peggy Rockefeller Rose Garden einen Besuch abzustatten. Derweilen er an Beeten mit Teehybriden, Büschelblühern und Hochstammrosen vorbeischlendert und den Farbenreichtum der Blüten auf sich wirken und die verschiedenen Düfte seine Nase kitzeln lässt, hängt er Tagträumen nach und malt sich aus, wie es wohl wäre, in diesem Rosenparadies arbeiten zu dürfen.

Doch nicht nur die floralen Schönheiten erwecken sein Interesse. Unter der Kuppel des Crystal Palace zieht eine deutschsprachige Unterhaltung seine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. Er lauscht unbemerkt dem Gespräch eines Paares und stellt sofort fest, dass es sich bei der hübschen jungen Frau um eine Schweizerin handeln muss.

Noch am selben Tag ergibt sich die Gelegenheit, die Frau persönlich kennenzulernen und Luca erfährt, dass diese Sofie heisst, aus Arth Goldau stammt, seit fünfzehn Jahren im Big Apple lebt und ihren Lebensunterhalt als Deutschlehrerin verdient. Luca gibt ihr die Nummer seines Hotelzimmers und wartet die letzten Tage seines New York-Aufenthaltes ungeduldig auf ein Zeichen der jungen Landsmännin, die er unbedingt näher kennen lernen möchte.

Um sich vom nicht klingelnden Telefon abzulenken, begibt Luca sich auf einen Stadtrundgang, wo die unerwartete Entdeckung einer ganzen Reihe von Blumenläden den Rosenzüchter in seinen Bann zieht. Er nimmt die Chance wahr, sich ein Bild über die Rosentrends in den USA zu verschaffen. Der Geschmack der Amerikaner stimmt grösstenteils nicht mit seinem eigenen überein. Entsetzt muss er aber feststellen, dass einer seiner grössten Züchtererfolge, die „Merveille de Marseille“, in sämtlichen von ihm aufgesuchten Blumenläden ganz offensichtlich sehr erfolgreich zum Verkauf angeboten wird. Und zwar unter dem Namen „White Dream“ und obwohl diese weisse Schönheit mit kanariengelbem Schimmer nicht von der Schweiz in die USA exportiert wird, wodurch ihm und seinem Geschäftspartner die dafür fälligen Lizenzgebühren entgehen. Lucas Entdeckung lässt nur einen Schluss zu: der kolumbianische Blumenfarmer, der vor einiger Zeit seinen Betrieb besichtigt hatte, muss Pflanzen gestohlen und im grossen Stil weitervermehrt haben.

Mit seinem Geschäftspartner diskutiert er telefonisch den zufällig festgestellten Betrug und versucht, die Chancen und Risiken eines allfälligen juristischen Verfahrens abzuschätzen. Die beiden besetzen mit Bio-Rosen erfolgreich eine Nische in der Rosenwelt, in der nicht nur mit fairen Mitteln gekämpft wird. Doch sie können es sich nicht leisten, dass ihnen durch Piraterie grosse Umsatzeinnahmen entgehen. Lucas Stimmung hellt sich wieder ein wenig auf, als ihn kurz vor seinem Rückflug in die Schweiz endlich der lang ersehnte Anruf von Sofie erreicht.

Wenige intensive Stunden mit Sofie entschädigen den Blumenliebhaber für den geschäftlichen Ärger. Zurück in der Nordwestschweiz widmet sich der frisch verliebte Luca wieder seinen Rosen und bleibt über Skype und Email trotz trennendem Atlantik in intensiver Verbindung mit Sofie. Die beiden versuchen, sich so oft als möglich zu treffen, müssen aber feststellen, dass das Führen einer für beide Seiten befriedigenden Fernbeziehung ausserordentlich schwierig ist. Ermöglicht die Ausschreibung einer Kurator-Stelle im Peggy Rockefeller Rose Garden vielleicht neue Zukunftsperspektiven? Soll Luca sich dort mit einem Konzept bewerben, das eine nachhaltige Umstellung weg vom gewohnheitsmässigen Gebrauch von Chemie und Pflanzenschutzmitteln vorsieht, hin zu gesunden Pflanzen allein durch Licht, Luft, Wasser und gute Erde?

Der Rosenzüchter Luca lernt im Laufe der Lektüre hautnah die stacheligen Seiten seiner Lieblingspflanzen kennen und sein scheinbar leicht erzielter Erfolg weckt Neid und Missgunst. Der Roman ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Stadt New York und an Rosen, ohne zu verheimlichen, dass beide auch ihre Schattenseiten haben. Neben verschiedenen nützlichen Informationen, die der Leser sich für einen künftigen Besuch in der Metropole merken kann, bekommt er während der Lektüre nebenbei Einblick in den Rosenzüchteralltag und liest über die Wichtigkeit der richtigen Partnerwahl für den Zuchterfolg ebenso wie über die Geschichte der Rosen und das Tüfteln an Rosenrezepten. Die Spannung, die ich zu Beginn der Lektüre empfand, hat sich gegen Ende des Buches etwas abgeflacht und die Lösung der sich im Laufe der Erzählung auftuenden Probleme im Berufs- sowie im Privatleben erscheint mir zu schnell abgehandelt und etwas banal. Und ob sie tatsächlich anhält, bleibt wie andere gestreifte Ansätze (z.B. der Selbstmord des Kolumbianers) offen.



Daniel Zahno: 
Manhattan Rose 
weissbooks.w, 2013