2. Februar 2013

Monika Zybon-Biermann: Hexenbesen und andere Zwerge – Bonsais aus der Natur, die von allein klein bleiben

Beim Spazieren und Walken muss ich in letzter Zeit immer wieder mal aufpassen, dass ich nicht über Wurzeln oder meine Füsse stolpere, da ich vermehrt den Blick in Richtung Baumwipfel richte, um vielleicht einen Hexenbesen zu entdecken. Hexenbesen? Diese kleinwüchsigen Gehölze haben nichts mit Hokuspokus gemeinsam, sondern es handelt sich um Knospenmutationen, die diese Naturbonsais hervorbringen. Monika Zybon-Biermann hat sich für ihr im Eigenverlag produziertes Buch „Hexenbesen und andere Zwerge“ aufgemacht, die Faszination und die Beweggründe derer auszumachen, die nicht selten und oft ungesichert über dreissig Meter den Baumstamm heraufkraxeln, um an ihre grüne Beute zu kommen. Dieser interessante Buchtitel ist übrigens die erste nicht-wissenschaftliche Publikation zu diesem Thema.

Ein Hexenbesenjäger sucht in Kronenhöhe nicht nach Wucherungen, die durch Pilze oder Viren verursacht worden sind. In sein Beuteschema gehören andere Veränderungen, nämlich solche, die durch Mutationen dauerhaft bestehen bleiben. Und die Natur hat es so eingerichtet, dass sogar auf diesen kleinen Zwergen noch kleinere Knospenmutationen entstehen können. Besonders viele kleinwüchsige Schätze wachsen dort, wo es viele verschiedene Bäume gibt, etwa in Parks oder Baumschulen. Ein Jahreszuwachs von fünf Zentimetern gilt bereits nicht mehr als schwachwüchsig. Die Naturbonsais passen deshalb ihrer Wuchsform entsprechend gut in Steingärten und finden vielleicht in Zukunft im einen oder anderen Garten einen Platz in der Gestaltung als Buchsbaumersatz.

In ausführlichen Portraits stellt die Autorin Hexenbesensammler vor und der Leser bekommt Einblick in die spezielle Leidenschaft von Günther Eschrich, Werner Wüstemeyer, Uwe Horstmann, Jörg Kohout und der zu Jeddelohs. Nur wenige Menschen frönen diesem Hobby und man kennt sich untereinander. Oft wird die ganze Familie eingebunden und potentielle Jagdgebiete sind identisch mit den Urlaubsorten. Und Toleranz ist gefragt, wenn die frisch ergatterten Reiser den Lebensmitteln im Kühlschrank des Wohnmobils den Platz streitig machen.

Im Übrigen ist Erfindungsreichtum von Nutzen. So versucht einer der Sammler mit einer Spezialkonstruktion Marke Eigenbau, dem sogenannten Kofferraumgestänge, den in den Wipfeln entdeckten kleinen grünen Schätzen habhaft zu werden. Denn ist ein Objekt der Begierde gesichtet und in Griffnähe, ist die Beute noch längst nicht im trockenen. Oft bleiben die Reiser beim Herabwerfen zwischen den Ästen hängen oder es ist auch schon vorgekommen, dass ein zufällig vorbeilaufender Passant vom Grünzeug am Kopf getroffen worden ist. Und auch wenn ein Baum mit einem Hexenbesen, der einem früher in grosser Höhe ins Auge gestochen ist, plötzlich gefällt am Boden liegt, ist die Ernte nicht viel einfacher. Denn auch die Suche nach Naturbonsais im Gewirr von ineinander verhakten Ästen ist nicht weniger mühsam.

Im letzten Drittel des Buches wird in Pflanzenportraits auf die Pflege der Zwerge eingegangen und man erfährt Wissenswertes über Herkunft, Entdeckung und Namensgebung. Hexenbesen finden sich nur selten auf Laubbäumen. Die Mehrheit der Portraits handeln deshalb von Immergrünen wie Zeder, Nordmanntanne, Pinie, Zirbelkiefer (Arve), Fichte und Sicheltanne.

Die abenteuerliche Hexenbesenjagd ist eine Passion für Idealisten und keineswegs eine Goldgrube oder ein einfaches lukratives Geschäft, um schnell viel Geld zu verdienen. Nicht nur die Jagd nach Hexenbesen ist eine Herausforderung, auch die Vermehrung der Reiser ist schwierig und Misserfolge fast an der Tagesordnung. Eine Produktion ist nur in kleinen Mengen möglich, weil von kleinen Mutterpflanzen nur wenige Reiser abgeschnitten werden können.

Dieses erste populäre Buch über Hexenbesen hat die Autorin wie oben kurz erwähnt in eigener Initiative herausgebracht, was sich natürlich auch im Verhältnis von Preis und Ausstattung niederschlägt. Monika Zybon-Biermann zeichnet dabei nicht nur für die Texte sondern auch für die zahlreichen speziellen Illustrationen verantwortlich, die aus Kombinationen von mit Zeichnungen ergänzten Fotos bestehen. Teilweise hätte ich mir aussagekräftigere, manuell unbearbeitete „Nur-Fotos“ gewünscht, insbesondere bei den Pflanzenportraits.

Vermisst habe ich ein paar Worte zum Rechtlichen bei der Hexenbesenjagd. Aus den Berichten geht hervor, dass zu den Jagdgebieten insbesondere auch Gehölzsammlungen wie botanischen Gärten, Aboreten und Nationalparks gehören. Wird vor dem Entnehmen der Reiser oder ganzer Hexenbesen jeweils der Besitzer um Erlaubnis gefragt? Bei der Lektüre hatte ich eher den gegenteiligen Eindruck. Und für eine allfällige Nachauflage dieseses Buches im A4-Format würde ich einen strapazierfähigeren Buchumschlag (relativ dünner Karton) empfehlen.

Bisher habe ich mit meinem Blick in die Baumkronen keinen Erfolg verzeichnen bzw. keinen Hexenbesen entdecken können. Dafür habe ich kürzlich an einem Vortrag über Baumriesen in Europa ganz genau hingehört, als ein Hexenbesen auf einem in Rafz gefällten Baum erwähnt wurde. Und vielleicht lassen sich ja genauere Informationen zum im Buch erwähnten Mammutbaum mit Hexenbesen in Konstanz erfahren und ich kann diesen bei Gelegenheit mal bestaunen.  



Monika Zybon-Biermann: 
Hexenbesen und andere Zwerge – Bonsais aus der Natur, die von allein klein bleiben
Eigenverlag, 2011