1. September 2017

Liz Fenwick: Ein Garten in Cornwall

Die Gärten von Boscawen wurden einst von Mitgliedern der Familie Tregan angelegt. Pflanzen aus dem Nahen Osten, Australien und Afrika haben hier eine neue Heimat gefunden. Weit herum als Wahrzeichen von Boscacwen galten die einst als Samen aus Down Under mitgebrachten in einem aussergewöhnlichen Blau leuchtenden Schmucklilien. Doch nachdem das Anwesen den Besitzer gewechselt hat, wurde die Umgebung vernachlässigt. Viele botanische Schätze sind inzwischen verwildert oder definitiv verschwunden und der versunkene Garten im italienischen Still ist völlig überwuchert. 

Die letzte Tregan ist die auf Boscawen aufgewachsene heute sechzigjährige Victoria, die sich  zu einem grossen Teil über ihren makellosen, attraktiven Körper definiert. Seit vier Jahrzehnten ist sie mit Charles verheiratet, den sie respektiert, aber nicht liebt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit meist deutlich jüngeren Männern betrügt. Ihre Leidenschaft und ihr Hauptinteresse gilt aber den Gärten rund um Boscawen, die sie unbedingt wieder in genau der Pracht blühen sehen will, wie es in ihrer Kindheit der Fall war. Als Frau durfte sie nicht als Schwimmerin an der Olympiade teilnehmen, nicht in Oxford studieren und Kinder waren ihr auch nicht vergönnt. Und natürlich durfte sie auch das seit vielen Jahren in Familienbesitz befindliche Boscawen nicht erben, so dass es nach dem frühen Tod ihres Bruders von deren Frau verkauft werden konnte. Charles hat ihr während der langen Ehe nicht nur einen angenehmen Lebensstandard geboten, sondern auch ihrem Wunsch entsprechend das Anwesen wieder zurückgekauft. 

Nun ist sie nach dem tödlichen Autounfall ihres Mannes plötzlich Witwe. Zwar bedrücken sie Schuldgefühle und sie vermisst Charles mehr als sie erwartet hat, doch sie beginnt sofort enthusiastisch Gartenpläne zu schmieden und freut sich, mit der Planung und Restaurierung endlich richtig loslegen zu können. Gemäss Ihren Vorstellungen muss der Garten wieder genau wie früher werden, weshalb sie schon einmal Hunderte Apfelbäume bestellt. Doch diese Aktion erscheint bereits genau so sinnlos, als die Pflanzen geliefert werden, wie sich ihre Zeichnungen schon während der Testamentseröffnung als potentielle Makulatur entpuppen. 

Victoria ist nämlich nicht wie von ihr erwartet als Alleinerbin eingesetzt. Sie muss sich mit Charles' unehelichen Tochter Demi auseinandersetzten, von der sie bis zu diesem Tag nichts gewusst hat und sie muss mit dieser Frau teilen, was in letzter Zeit nicht verspekuliert worden oder grosszügig an wohltätige Organisationen gegangen ist. Da die ihr zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nicht für die Alleinherrschaft geschweigen denn eine Auszahlung der Miterbin ausreichen, muss sich Victoria mit der unbekannten Miterbin einigen oder das Anwesen verkaufen. Schon einmal hat Victoria Boscawen verloren. Soll ihr dieses Schicksal nochmals widerfahren? In ihr sträubt sich alles gegen diese Möglichkeit. Doch wer ist überhaupt diese junge Frau, die Victorias Ziel im Weg steht, die von ihren Vorfahren angelegten Gärten wieder zum Blühen zu bringen? 

Demi ist recht klein, weshalb die ausgebildete Architektin oft unterschätzt oder schlichtweg übergangen wird. Ihre Körpergrösse ist aber im Moment ihr kleinstes Problem. Vor ein paar Wochen ist völlig unerwartet ihre Mutter gestorben und nun hat die Mitzwanzigerin auch noch den dringend benötigten Job im Anschluss an ihr Praktikum nicht ergattern können. Und nachdem ihr Freund Matt ihr Vertrauen wiederholt missbraucht hat, hat sie sich von diesem getrennt und hat nun kein Dach mehr über dem Kopf. In ihrer Not fährt sie nach Cornwall und sucht bei ihrem Grossvater Unterschlupf. 

Hier findet sie heraus, dass ihr Vater nicht, wie von ihrer Mutter gesagt, schon lange tot ist, sondern ganz in der Nähe lebt und sogar an der Beerdigung ihrer Mutter teilgenommen hat. Doch bevor sie sich an diesen Gedanken gewöhnen kann und bereit für ein Treffen ist, muss sie erfahren, dass er tödlich verunglückt ist. Mit dem Erbe ihres Vaters scheinen wenigstens ihre finanziellen Probleme gelöst. Doch gleichzeitig hat sie von ihrem Vater eine riesige Verantwortung aufgebürdet bekommen. 

Demi zieht nach Boscawen und findet rasch heraus, dass Charles’ Witwe eine sehr schwierige Frau ist. Dazu kommen immer wieder Flahsbacks, welche die junge Frau verunsichern. Wiederholt stösst sie auf Orte in der Umgebung, bei denen sie glaubt, diese zu kennen. Ihre Erinnerungen an die früheste Kindheit sind aber seit einer schweren Erkankung als kleines Mädchen wie ausgelöscht. Unterstützung in ihrer Entscheidungsfindung erhält sie vom australischen Gärtner Sam, der seinerseits ein Geheimnis um seine Herkunft zu machen scheint. 

Können sich die beiden unterschiedlichen Frauen zusammenraufen? Haben die vorgesehenen Umbaupläne eine Chance? Sams Apfelbaumkonzept findet Victorias Zustimmung. Doch mit dem Gedanken, die Hauptverantwortung für den geplanten Innenumbau der jungen Architektin Demi anzuvertrauen, will sie sich nicht anfreunden. 

Die Handlung des Romans ist weitgehend vorhersehbar. Als ärgerlich und dem Lesefluss abträglich empfand ich die durchgehend fehlenden, visuellen Abgrenzungen zwischen den einzelnen Erzählebenen, wenn zwischen der Sicht von Victoria und Demi gewechselt wird. 



Liz Fenwick: 
Ein Garten in Cornwall 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2016