21. Juli 2013

Andreas Séché: Namiko und das Flüstern

Der für den Leser namenlose Ich-Erzähler sitzt traurig, wehmütig und gleichzeitig glücklich als 48jähriger auf seinem Sofa mit dem Namen „Herr Matthau“ und schreibt seine Erinnerungen an die intensive, aber zeitlich begrenzte Zeit mit Namiko nieder. Gleichzeitig denkt er nach über den Sinn von Koans, kleinen tückischen Texten, die einem das Leben schwer machen und zu deren Verstehen, das Bauchgefühl wichtiger ist, als das, was der Verstand meint.

Eine Japan-Reise – er, der deutsche Reporter, soll einen Artikel über die Gärten von Kyoto schreiben - hat vor knapp zwei Jahrzehnten sein Leben grundlegend verändert. Der Journalist und Buchliebhaber verliebte sich damals in die Studentin Namiko, die ihn schon bei der ersten Begegnung in einem Garten fasziniert und unweigerlich in ihren Bann gezogen hat. Das Kennenlernen beginnt mit der Übersetzung des Gartens und dem Erklären der Geheimnisse hinter den japanischen Schriftzeichen. Geheimnisse spielen überhaupt eine wichtige Rolle im Leben des Journalisten. Doch während solche in seiner früheren Beziehung mit Eva einen negativen Beigeschmack hatten und ein Synonym für Heimlichkeiten waren, bedeuteten Geheimnisse für Namiko, den anderen in etwas einzubeziehen, in dem man dem Gegenüber die Augen für Unbekanntes öffnet. Der Reporter lernte auf diese Weise Dinge und die Umwelt aus einer anderen Sichtweise zu betrachten und dass es bei Speisen nicht nur auf den Geschmack ankommt, sondern auch darauf, wie sich diese im Mund anfühlen.

Dem Erzähler bietet sich also unvermittelt die Möglichkeit, einen anderen als den scheinbar geplanten und vorgegebenen Lebensweg in Deutschland weiterzuverfolgen und damit steckt er gleichzeitig in einem Dilemma. Zukunftsängste kommen auf, Zweifel und Respekt vor dem Kulturwechsel, doch auch Gedanken an die als verschwendet empfundene Lebenszeit in der früheren Partnerschaft spielen eine Rolle. Was hält ihn eigentlich in Hamburg? Ist sein Job mit einem Chef, der Berichte über Prominente mehr schätzt als Texte mit Tiefgang nicht austauschbar? Wie soll er sich entscheiden?

Derweilen bekommt der Leser Einblick in die Unterschiede der japanischen und europäischen Kultur und lernt ebenfalls andere Denk- und Sichtweisen kennen. Wozu im Dunkeln Feuerzeug benützen, wenn man auch mit den Ohren sehen kann? Nur was man nicht kann, kann man lernen und ist Neues nicht immer Altes mit anders zusammengesetzten Zutaten? Ist es vielleicht tatsächlich so, dass ein Paar, das eine rege Kommunikation pflegt, Probleme hat? Und schliesslich kann ein Weg, der sich als Irrweg erweist, ja auch wieder verlassen werden.

In die berührende, melancholisch angehauchte Lektüre eingestreut sind immer wieder Andeutungen auf den folgenden Schicksalsschlag, der den Leser aber wie den Journalisten schliesslich doch völlig unvorbereitet trifft, letzteren aber den Wert des Gewesenen schätzen lernt.

Ausgezeichnet in den Sofagarten passt das traurig-schöne Buch wegen seinem ausgeprägten hortikulturellen Hintergrund, der dem Leser nebenbei auch noch die japanische Gartenkultur näher bringt. Namiko selber verbringt mehr Zeit in Gärten als mancher Gärtner und arbeitet als Touristenführerin in solchen. Der Ich-Erzähler wiederum wird vom Schwiegervater in die japanische Gartenkunst eingeführt und lernt das Setzen von Pflanzen, Schneiden von Bäumen, das wirkungsvolle Arrangieren von nicht-pflanzlichen Materialien wie Steinen und Laternen, das Verwenden von Sand als Symbol für Wasser und dass ein sprudelnder Bach, eine Metapher für den Lauf des Lebens ist – wohin fliesst er oder es?

Mit dieser inspirativen Buchempfehlung – einem Tipp aus der Leserschaft - verabschiede ich mich in die Sommerpause und wünsche allen Leserinnen und Lesern einen erspriesslichen (Lese-)Sommer!  



Andreas Séché: 
Namiko und das Flüstern 
Ars Vivendi Verlag, 2011

17. Juli 2013

Elizabeth Loupas: Die Blumenleserin

Edinburgh im Jahr 1560: Die siebzehnjährige Rinette von Granmuir lebt seit drei Jahren gegen ihren Willen am königlichen Hof. Sie vermisst das Landleben, das Meer und ganz besonders die Blumen aus ihrer Heimat. Nun liegt ihre Ziehmutter, die Königin Marie de Guise, im Sterben und vertraut ausgerechnet ihr eine Silberschatulle mit Briefen und Prophezeiungen an. Rinette soll diese deren Tochter Maria Stuart übergeben, und zwar genau an dem Tag, an dem diese wieder schottischen Boden betritt. In der Zwischenzeit soll die junge Frau die Schatulle samt Inhalt an einem geheimen von der Königin bestimmten Ort verstecken. Doch bevor Rinette ihr widerwillig gegebenes Versprechen einlösen kann, muss sie Hals über Kopf vom Hof fliehen, da nach dem Tod der Königin ein Streit zwischen verfeindeten Adeligen um Rinette und Granmuir entbrennt.

Erst ein Jahr später kehrt Rinette hochschwanger zusammen mit ihrem Mann Alexander Gordon an den Hof zurück, um die Dose endlich am von der Königin gewünschten Ort zu verstecken und schliesslich der achtzehnjährigen Regentin Marian Stuart zu übergeben. Doch noch am gleichen Tag, gerade als das Ehepaar eben die Schatulle versteckt hat, wird Rinettes Mann und Jugendliebe Alexander ermordet und sie selber stirbt beinahe bei der Geburt ihrer Tochter.

Jedermann scheint hinter der silbernen Dose her zu sein – die Protestanten, die Katholiken und die Hugenotten. Während sich Rinette nur ganz langsam erholt, versuchen verschiedene verfeindete Lager an die Schatulle heranzukommen und die junge Frau muss erfahren, dass ihr eigener Mann die Dose hinter ihrem Rücken zum Verkauf angeboten hat. Schliesslich schliesst Rinette mit der neuen Königin einen Pakt: sobald Maria Stuart ihr Alexanders Mörder präsentiert, übergibt sie im Gegenzug die silberne Schatulle. Ausserdem wird Rinette zu keiner von ihr ungewünschten Hochzeit gezwungen.

Mördersuche ist keine leichte Aufgabe für eine Hofdame, die ständig unter Beobachtung steht. Und wenn als einziger Anhaltspunkt ein Rubin aus der Mordwaffe dient, vereinfacht dies die Sache auch nicht. Wem gehört der Dolch mit dem fehlenden Rubin? Wer hatte einen Nutzen an Alexanders Tod? Und welche Rolle spielt Nicolas de Clerac, der ihr fast wie ein Schatten folgt?

In diesem fiktiven in Ich-Form erzählten Roman um die junge Maria Stuart sucht Rinette immer wieder Rat bei den Blumen und hält grosse Stücke auf ihre geliebten Anemonen. Während von Pflaumenbäumen Zuneigung, Treue und Loyalität ausgeht, erfährt sie von den Menschen Zurückweisung und gerät immer wieder in die Mühlen von geheimnisvollen und heimtückischen Intrigen. Und ausgerechnet in ihrer schwersten und bittersten Zeit versagt ihre Gabe der Blumenkommunikation.  



Elizabeth Loupas: 
Die Blumenleserin 
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2012

13. Juli 2013

Arthur Escroyne: Der Killer im Lorbeer

Rosemary ist die stolzeste Blume im Garten des 36. Earl von Sutherly, einem leidenschaftlichen Gärtner und guten Koch mit finanziellen Problemen, der seine Verlobte als Schwertlilie mit scharf gezähnten Blütenblättern sieht. Rose ist nämlich Detective und das Paar bewohnt die letzten drei (noch) nicht einsturzgefährdeten Zimmer einer Burg, eher Ruine, deren Eingangstor sich nach dem Erklimmen von ebenfalls nicht ganz ungefährlichen 106 Treppenstufen vor einem auftut.

In seinem Garten ist der Earl in seinem Element und er weiss, dass das Zusammenspiel von Pflanzen, Insekten, Klima und Menschen ein hochkomplexer Thriller ist. Also mindestens so kompliziert wie die Fälle, die seine Rosy zu lösen hat. Auf seinem Falkenhorst befinden sich ein kleines Topiary und Formentheater, eine Buckelwelt aus stufenförmig und rund geschnittenen Sträuchern, immergrüner Königslorbeer in Spiralform und ein Buchentor. Auch weniger Formelles gibt es zu bewundern, wie etwa ein Rosarium, Adonisröschen, kriechender Günsel, Tausendschön und gefleckter Aronstab.

Die Grundlage – Erde – musste vor Jahrhunderten mühsam heraufgeschafft werden, ehe überhaupt an die Anlage eines Gartens gedacht werde konnte, der inzwischen schon so manches Ungemach wie Kartoffelfäule sowie Junikäfer- und Heuschreckenplagen überstanden hat. Aktuell wütet ein noch zu identifizierende Killer im Lorbeer und macht dem passionierten Hobbygärtner das Leben schwer. Fassungslos schaut der gelernte Werbegrafiker auf die Katastrophe, die ein Parasit in seinem heissgeliebten Lorbeet anrichtet und sucht auf Anraten von Rosy Lösung für seine Probleme in „Dr. Merediaths Standardwerk“. In einem ersten verzweifelten Versuch probiert er, dem Feind mit Paraffinöl und Spülmittel sowie Brennnesseljauche beizukommen.

Derweilen ermittelt Rosy im Mord an der Studentin Gwendolyn Perrys, die tot in einem Buchsbaumlabyrinth aufgefunden worden ist. Das Mordopfer war kürzlich in einen tragischen Unfall verwickelt, als dessen Folge ein kleines Mädchen schwer verletzt wurde und für immer behindert bleiben wird. Auch der Earl, der die Leute in seiner Umgebung gerne mit Pflanzen vergleicht, wird als Zeuge befragt. Er beschreibt eine gesuchte von ihm gesehene Person, als „Moos“, nämlich jemanden, der unauffällig und erdnah ist und seine Verlobte ist begeistert angesichts der präzisen Angaben.

Innert vierundzwanzig Stunden ist die Hälfte des Lorbeers befallen. Die Polizistin rät zu schärferem Geschütz, während der verzweifelte Gärtner bereits mit dem Gedanken spielt, die Pflanzen aufzugeben. Da finden die beiden direkt vor ihrer Haustüre eine zweite Leiche. Während Rosie herausbekommt, dass das erste Opfer ein Verhältnis mit seinem Tutor hatte, entschliesst sich der Earl, ansonsten die Sanftheit in Person, sämtliche Skrupel beiseite zu schieben und den Lorbeer keinesfalls kampflos aufzugeben. Beide sind also hochmotiviert auf der Jagd nach ihrem eigenen Killer.

Nach der Lektüre bleiben für die Leserin verschiedene Fragen offen. Ist das Buch (teilweise) autobiografisch? Der Ich-Erzähler dieses Romans, der in zwei Ebenen erzählt wird, heisst gleich wie der Autor, übt den gleichen Beruf aus und ist ebenfalls ein leidenschaftlicher Gärtner. Das Buch soll aus dem Englischen übersetzt worden sein, es finden sich aber keine Hinweise zum englischen Titel. Na ja, vielleicht ist der gar (noch) nicht erschienen oder ich habe schlicht und einfach etwas verpasst bzw. überlesen. Lesenswert ist das Buch mit zwei überaus sympathischen und etwas schrulligen Hauptcharakteren auf alle Fälle und der hortikulturelle Hintergrund ist auch bemerkenswert.  



Arthur Escroyne: 
Der Killer im Lorbeer 
Pendo Verlag, 2013

9. Juli 2013

Christiane Lind: Das Haus auf der Blumeninsel

Die Engländerin Laura ist ihrem Mann Fabian vor ein paar Jahren nach Deutschland gefolgt. Die junge Gartengestalterin liebte es, Gartenprojekte zu realisieren und hat sich einen anspruchsvollen Kundenstamm aufgebaut. Doch seit Fabian vor einem Jahr tödlich verunfallt ist, gleicht ihr Leben einem Trümmerhaufen und die junge Frau quält sich durch die Tage und lebt mit Schuldgefühlen. Ihre Schwester überzeugt sie schliesslich, ein paar Wochen auf Madeira zu entspannen, wo die Familie ein kleines Haus besitzt. Zunächst eher widerwillig stimmt Laura diesem Vorschlag zu.

Zur Einstimmung auf den geplanten Aufenthalt auf der Mittelmeerinsel blättert sie wieder einmal das alte Buch „Die Blumen Madeiras“ von Amelia Woolf , einer entfernten Verwandten durch. Es beeindruckt durch Blumenbilder in intensiven Farben und zarten Skizzen aus verschiedenen Perspektiven. Laura liebt dieses Buch seit Kindheitstagen und hat sich dank dieser Publikation für Blumen und Pflanzen zu interessieren begonnen, was schliesslich ihre Berufswahl beeinflusst hat. Plötzlich verspürt Laura Lust, mehr über diese verwandte Blumenmalerin herzauszufinden, von der sie fast nichts weiss. Vielleicht ist die Reise nach Madeira doch keine so schlechte Idee?

Kaum hat sich Laura im Häuschen auf Madeira eingerichtet, trifft Grace ein, eine entfernte Verwandte, die ebenfalls in dem Häuschen wohnen will und die Verfügbarkeit der Immobilie nicht über die Vermittlungsagentur abgeklärt hat. Die beiden Frauen kennen sich nur flüchtig von Familientreffen, doch Laura lädt die ältere Frau spontan ein, im zweiten Zimmer zu wohnen. Rasch kommen sich die unterschiedlichen Frauen näher und führen immer vertrautere Gespräche, in denen sie sich gegenseitig öffnen. Laura kann ihre Schuldgefühle offenbaren und spricht zum ersten Mal über den heftigen Streit, der Fabians Unfall vorausgegangen ist und Grace, die als kleines Mädchen von ihrer Mutter verlassen worden und unter der Fuchtel einer gefühllosen Grossmutter aufgewachsen ist, spricht über ihre Verliebtheit zu einem Architekten, die sie spontan nach Madeira hat fliehen lassen. Auch die gemeinsame Herkunft ist Thema der abendlichen Gespräche. Doch während Laura ein grosses Interesse an der gemeinsamen Familiengeschichte entwickelt, die sie vom eigenen Kummer ablenkt, möchte Grace die Vergangenheit ruhen lassen.

Gleichzeitig lernt Laura den Fotografen Matthew kennen, der auf der Insel Blumen fotografiert. In einer Neuausgabe von Amalia Woolfs Blumenmalereien sollen seine Fotografien den gemalten Bildern gegenübergestellt werden. Doch was hat es mit den Gerüchten auf sich, die besagen, dass Matthew seine spurlos verschwundene Frau umgebracht haben soll?

Der Roman "Das Haus auf der Blumeninsel" wird in verschiedenen zeitlichen Strängen erzählt und die Autorin baut geschickt Spannung auf, bis sich am Ende der Lektüre das Rätsel um die familiären Verwicklungen löst. Zum Inhalt gehört das erdrückende Leben hinter den mächtigen Mauern von Trystayns Manor, einem Herrenhaus in Cornwall mit einem einzigartigen Garten an exponierter Lage in der Nähe von Klippen, aber auch um Lügen, Intrigen und herzlosen zu keiner Liebe fähigen Frauen. Dem gegenüber stehen die Blumenmalerin Amalia, die das Blau der Jacaranda-Bäume, Gärten und Gewächshäuser liebte, erwartungs- und gefühlvolle Briefe an ihre ungeborene Tochter schrieb und trotz tragischer Verluste wunderbare Bilder malte und um Emma, die ihrerseits Aquarelle malte und ihrer Tochter Grace anstelle von Gute-Nacht-Geschichten von Orchideen und anderen exotischen Pflanzen vorschwärmte.

Ein Roman, der einen mitleiden, aber auch mitfreuen lässt und in Gedanken in die Ferien auf die Blumeninsel Madeira und nach Cornwall schickt. Allerdings hatte ich zu Beginn der Lektüre etwas Mühe, mir die verschiedenen Frauen und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu merken. Eine Stammbaum oder kurze Erklärung wäre sehr hilfreich gewesen. Doch lesen Sie selber, was für Auswirkungen der Madeira-Aufenthalt auf Lauras Leben hat!



Christiane Lind: 
Das Haus auf der Blumeninsel 
Knaur Taschenbuch, 2013

5. Juli 2013

Elsemarie Maletzke (Hrsg.): Leidenschaftliche Gärtner

Unter dem Titel „Leidenschaftliche Gärtner“ hat Elsemarie Maletzke ein weiteres Potpourri an ausgewählten Gärtnergeschichten der Literatur veröffentlicht. Und zwar solche, die zumeist nicht bereits wiederholt in entsprechenden Anthologien aufgetaucht sind. Die Auszüge aus verschiedenen Büchern und einzelne Gedichte sind nach den folgenden Begriffen geordnet:

- Lieblingsgärten
- Leidenschaftliche Gärtner
- Passionsblumen
- Gärtner auf verlorenem Posten

Die Herausgeberin selber hat einen Beitrag mit dem Titel „Heiliger Rasen“ verfasst, der vom schweren Vergehen des Betretens von perfekt gepflegten und getrimmten universitären Grünflächen handelt. Sie verrät, wie die raffinierten temporären Streifen- und Schachbrettmuster – nichts anderes als ein Lichtspiel – zustande kommen, die man im Fernsehen täglich während irgendwelchen Fussballmatchs auf solchen Feldern bewundern kann. Der richtige Mäher (Spindelmäher) macht’s. Der köpft nämlich nicht nur taufrische Halme, sondern legt diese mit der Walze auch gleich in Fahrtrichtung um.

Weiter liest man über die Verpflanzungsaktionen von riesigen Bäumen des Fürst Pückler-Muskau und dessen Kassenbücher mit fast unzähligen Schadenersatzzahlungen für zerbrochene Fensterscheiben oder kaputte Hausfassaden. Ganz andere Sorgen beschäftigen Bill Bryson, ein mit einer Engländerin verheirateter Amerikaner, der lernen muss, wie ernst das Inselvolk Themen wie echter und falscher Mehltau oder den optimalen pH-Wert nimmt. Er selber bevorzugt eher unorthodoxe Methoden des Gärtnerns und erzählt von neuartigen Mutationseffekten, wie etwa einem früchtetragenden Zaunpfahl.

Eine Stadtgärtnerin mit einem Lebeblümchenpfad von ungefähr dreiviertel Meter Länge wiederum schwärmt davon, wie sie stundenlang in ihrem Garten herumlaufen kann und in diesem trotz minimaler Gesamtfläche ständig etwas Neues entdeckt. Besonders eindrücklich ist auch die Geschichte rund um einen unterirdischen Garten mit dem Namen „The Forestiere Underground Garden“ vor den Toren von Fresno, angelegt von einem armen Einwohner, dessen Land sich kurz nach dem Kauf als praktisch unfruchtbar erwiesen hat. In Tiefen von bis zu sieben Meter unter dem Boden hat Baldassare Forestiere (1879 – 1946) im Laufe von vierzig Jahren ein Labyrinth angelegt und brunnenartige Schächte gezogen, in denen Obstbäume stehen und gut gedeihen. Leider hat er aber Zeit seines Lebens nie Gelegenheit bekommen, sein imposantes Werk seiner Jugendliebe zu zeigen.

Philiippina Migeot ihrerseits schreibt über das Orchideenfieber. In diesem interessanten Text geht es auch um das spannende Buch „The Orchid Thief - A true Story of Beauty and Obsession“ von Susan Orlean, das leider nie auf Deutsch übersetzt worden, aber mit Nicolas Cage unter dem Titel „Adaption“ verfilmt worden ist. Dann geht es um Päonienfamilien, die auf Abstand bedacht sind und Gertrude Jekyll ärgert sich über die oft ungenauen Definitionen von Blütenfarben, während es im Abschnitt „Gartenpflege“ von Ralf Sotschek um Sprachbarrieren geht und die doch recht signifikanten Unterschiede von "No-Maintenance-Gärten" und "Low-Maintenance-Gärten". Ersterer hat zumindest den einen Vorteil, dass nur noch Staub gewischt werden muss…

Im Gerstenberg Verlag hat Elsemarie Maletzke in diesen Tagen übrigens bereits wieder ein weiteres Buch mit hortikulturellem Hintergrund herausgegeben: "Wenn ich in den Garten geh - Ein Lesespaziergang durch Gärten und Parks". Mehr darüber nach der baldigen Sommerpause.



Elsemarie Maletzke (Hrsg.): 
Leidenschaftliche Gärtner 
Insel Verlag, 2012

1. Juli 2013

Cordula Hamann: Gärten in Ostfriesland

Eine Gruppe von Frauen, die sich bei Seminaren und Fortbildungskursen der Landwirtschaftskammer kennengelernt hatte, begann vor einiger Zeit, ihre Gärten fürs Publikum zu öffnen. Jahre später entstand dank der Initiative eines engagierten Gartenarchitekten daraus die „Gartenroute Krummhörn“. Cordula Hamann ihrerseits stellt in dieser Publikation "Gärten in Ostfriesland" eine Auswahl dieser Gärten aus dem Nordwesten von Deutschland vor. Portraitiert werden beispielsweise ein Garten mit Deichanstoss, ein Landschaftspark und ein Hausgarten.

Das Inhaltsverzeichnis mit Kapiteln wie „Auf verschlungenen Wegen“, „Kostbarkeiten im Hochmoor“ oder „Zwischen Wall und Gefängnishof“ macht neugierig auf die folgenden Seiten, auf denen passionierte Gärtner Einblick in ihre vielfältigen Gärten geben. Da ist etwa das überaus beeindruckende gärtnerische Ergebnis samt Orchideen, Sonnentau, Moorlilie und einem Boot zur Teichreinigung. Erzielt wurde dieses innert weniger Jahre von einem Paar, das sich auf einer Gartenreise kennengelernt hat. Inspirationen holen sich die beiden aus der Lektüre von Gartenbüchern und häufigen Besuchen von Gärtnereien und anderen Gärten.

Eine andere Gärtnerin wirkt in einem Garten mit beneidenswerten Mauern „à la Walled Garden“ und erinnert sich an einen Bepflanzungstipp ihres verstorbenen Schwagers, dem bekannten Gärtner und Autor Jürgen Dahl. Obwohl die Qualität einzelner Fotos leider etwas enttäuschend ist, mag ein kleiner verwunschener Teich zu faszinieren, der unweigerlich Erinnerungen an das Märchen vom Froschkönig aufkommen lässt. Sogar die Kugeln liegen schon im Wasser bereit. Noch mehr Klinkermauern, bei deren Anblick die Sofagärtnerin wieder leicht neidisch wurde, gibt es im Garten mit Hochmooranstoss in der Nähe der Ostfriesischen Blumenstadt Wiesmoor zu bewundern. Die integrierten Lücken erlauben einen Blick aufs Moor, aber auch innerhalb der Mauern gibt es einiges zu entdecken, wie ein vollständig bemoostes Fahrrad sowie duftende Blumen allenthalben.

An einem anderen Ort baut die Gärtnerin nebenbei mit Grundschulschülern Gemüse an und hält im Winter ihre Gartenlektionen in der Schule ab, während im wildromantischen Familiengarten Zweige von Hartriegel und Weiden zum Weben verwendet werden. In Funnix wiederum ziehen verschiedene Skulpturen aus Cor-Ten Stahl die Aufmerksamkeit auf sich. Natürlich gehören auch Pflanzen wie Gräser, Stauden und Gehölze zum Inventar. Diese Gärtnerin praktiziert das Verfahren „Tarnen und Täuschen“ – will heissen,  Lücken in Beeten werden mit Pflanzen wie Alpenveilchen oder Astern in gut versteckten Töpfen kaschiert.  



Cordula Hamann: 
Gärten in Ostfriesland 
Edition Temmen, 2011