20. September 2015

Barbara Frischmuth: Der unwiderstehliche Garten – Eine Beziehungsgeschichte

In ihrem vierten Gartenbuch zieht Barbara Frischmuth hortikulturelle Bilanz und berichtet von den Schwierigkeiten, sich vom grünen Flecken Beet für Beet abzunabeln. Während Jahrzehnten hat sie auf einer ehemaligen Hangwiese auf 800 Metern über Meer gegärtnert. Der Untergrund bestand zu Beginn aus viel Bauschutt, wenig darüber verteilter Erde und Gras. Den Mutterboden hatte der Bauführer ohne vorherige Rücksprache oder entsprechende Abmachungen verkauft. Der frühere Schulkollege konnte ja nicht ahnen, dass gerade eine Schriftstellerin einem Teil ihres Glücks in der Erde suchen (und finden) würde.

Diese Anfangsschwierigkeiten sind längst Schnee von gestern und andere Herausforderungen stehen an. Denn es lässt sich nicht verleugnen, dass mit dem Älterwerden immer mehr Tätigkeiten schwerer fallen und entsprechend mehr Zeit in Anspruch nehmen. Weniger Töpfe bepflanzen, einige Beete der Wiese zurückgeben – lautet das Credo. Doch was einfach tönt, ist in Tat und Wahrheit ein regelrechtes Dilemma. Welche Pflanze soll denn aufgegeben werden? Welcher Topf?

Und obwohl es eigentlich darum geht, die neue Gartensaison mit weniger Pflanzen in Angriff zu nehmen, werden beim winterlichen "Armchair Gardening" nichtsdestotrotz diametral andere Pläne geschmiedet. Das Verschieben von Grenzsteinen wird zufrieden als Gewinn von zusätzlicher Beetfläche registriert. Und auch die mehrfach erwähnten Besuche bei Sarastro in Orth im Innkreis lassen sich eigentlich nicht mit der vorstehend erwähnten Absicht vereinbaren. Immer wieder findet sich ein Plätzchen für immer wieder neue Pflanzenschätze.

Der Zwiespalt kommt auch in einigen der Kapitelüberschriften zum Ausdruck:
  • Warum ein schmerzender Rücken manchmal glücklicher macht als die Idee, es sich im Alter immer bequemer zu machen
  • Mach nur einen Plan
  • Die Ambivalenz der Gefühle
  • Von Mäusen, Lenzrosen und win-win-Situationen
Omnipräsent ist auch die grosse Leidenschaft der Autorin für Iris. Nicht nur die Blütenfarben lösen „muss-haben-Reflexe“ aus; ausgefallenene Pflanzennamen haben den gleichen Effekt. Daneben erfährt man von Barbara Frischmuths Vorliebe für vitaminreiches, frisches Grün wie Brennnessel, Giersch, Sauerampfer, Melde und Bärlauch, ihrem Pakt mit den Ameisen und der umfangreichen Sammlung von Etiketten sämtlicher Pflanzen, die im Garten ein langfristiges oder manchmals auch nur temporäres Daheim gefunden haben.

Thema in der illustrierten Beziehungsgeschichte sind auch Schmerzen in den Rippen und Knieprobleme. Und immer wieder setzt sich die Autorin detailreich mit Texten von bekannten Wissenschaftlern oder Schriftstellern wie Michael Pollan, Robert Harrison oder Charles Darwin (um nur einige zu nennen) auseinander.



Barbara Frischmuth: 
Der unwiderstehliche Garten 
Aufbau Verlag, 2015

10. September 2015

Andreas Austilat: Vom Winde gesät – Meine Frau, unser Garten und ich

Lässt sich die Vorliebe für Blumen der Ehefrau mit dem Hang zur landwirtschaftlichen Nutzung des Gartens durch den Mann vereinbaren? Andreas Austilat berichtet in dieser Kolumnensammlung aus dem Tagesspiegel in amüsantem Schreibstil über seine diesbezüglichen Erfahrungen.

Zum Zeitpunkt des Erwerbs des Reiheneinfamilienhauses vor etlichen Jahren war der Garten bereits komplett bepflanzt, und zwar im Stil der 1960er Jahre mit Forsythie, Konifere, Rosen und Rasen. Über die Grösse des Gartens habe ich keine Angaben entdeckt (oder diese überlesen). Ich liege aber wohl nicht falsch mit meiner Vermutung, dass die Parzelle einiges grösser ist, als zwei- oder dreihundert Quadratmeter, ist doch an einer Stelle die Rede davon, dass zwanzig Leute gleichzeitig auf dem Rasen herumspringen. Die bisherigen gärtnerischen Erfahrungen des Autors beschränkten sich jedenfalls dannzumal mehrheitlich auf das seinerzeitige gelegentliche Rasenmähen mit einem Spindelmäher als Kind.

Die nicht chronologisch, sondern thematisch geordneten Kapitel geben erste Hinweise auf die geplanten, verworfenen und durchgeführten Veränderungen innerhalb von Zaun und Hecke:
  • Wie wir Gärtner wurden
  • Grenzen setzen
  • Mein Freund, der Baum
  • Exotische Träume
  • Ich wäre so gern ein Farmer
  • Eindringlinge, gewollt und ungewollt
  • Der Garten ist eine Baumstelle

Während der Lektüre stellt die Sofagärtnerin schnell fest, dass der Autor gewohnt ist, Sachverhalte zu hinterfragen und zu recherchieren. Wiederholt sind es Monokulturen, über die er sich schlau macht, und die Leserin detailliert an seinem Wissen teilhaben lässt. Einmal berichtet er diesbezüglich über Kiefern, ein andermal über Bananen. Haben Sie gewusst, dass fast alle in unseren Breitengraden verkauften Bananen zur Sorte "Cavendish" gehören und dass eine frühere Sorte, ebenfalls eine Monokultur, in den 1960er Jahren durch einen Pilz ausgerottet worden ist?

Weiter berichtet Andreas Austilat über die von Schneeglöckchen erzeugte Bodenwärme und darüber, weshalb unter Kiefern nur Maiglöckchen und Walderdbeeren wachsen. Dann sinniert er über Geheimnisse und Rätsel des Gartens - etwa jenes, warum das Tränende Herz in einem Jahr durch seine Blütenfülle den Neid von Besuchern weckt und im nächsten Jahr nur vor sich hin kümmert.

Während der Autor herausfindet, dass im Garten zwei verschiedene Sorten Liguster stehen, nämlich eine immergrüne und eine laubabwerfende, und auch Forsysthien völlig verschnitten, sprich mit der falschen Schnitttechnik oder Vernachlässigung verunstaltet werden können, liest man wiederholt über das grosse grüne Herz der Ehefrau für verstossene und ungeliebte Pflanzen, die niemand (kaufen) will und im Austilatschen Garten ein Asyl finden. In diesem Zusammenhang fällt im Buch auch der schöne Begriff „botanische Fremdenfeindlichekeit“. Denn der Ehemann mag keine Exoten oder sonst wie komplizierte Pflanzen im Garten, für die er seine Gewohnheiten anpassen muss. Ausser er kann mit schwerem Geschütz auffahren (Stichwort Kettensäge).



Andreas Austilat: 
Vom Winde gesät – Meine Frau, unser Garten und ich 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2015

1. September 2015

Bettina Plecher: Giftgrün

Ist die tödliche Verwechslung von Bärlauch und Herbstzeitlosen eines Hobbykochs der Grund für den Tod von Gabor Nader? Oder sind tatsächlich Zweifel angebracht und es könnte ein kalkulierter Mord dahinter stecken? Der charismatische, ehrgeizige Professor Nader ist erst kürzlich von Würzburg nach München gezogen und hat eine Stelle als leitender Oberarzt angetreten. Jeden Samstag hat er jemanden oder eine Gruppe aus der Klinik zu seinem „Jour fixe“ eingeladen und kulinarisch verwöhnt. Wer war sein letzter Gast?

Die fünfundzwanzigjährige Frieda May ist ihrem Doktorvater von Würzburg nach München gefolgt und tritt just an dem Tag, an dem Nader mit einer schweren Vergiftung in die Klinik eingewiesen wird, ihre erste richtige Stelle als Stationsärztin an. Einquartiert ist sie in der Wohnung von Quirin Quast, einem Doktor in Medizin und Chemie, spezialisiert auf klinische Toxologie. Nader und Quast haben in jungen Jahren zusammen geforscht und erfolgreich ihre Resultate in Fachzeitschriften publiziert. Doch während ersterer die Karriereleiter emporstieg, trägt letzterer seit Jahrzehnten belastende Schuldgefühle mit sich herum und ist zum Einzelgänger mutiert.

Frieda May, ein wenig verliebt in ihren Doktorvater, mag nicht an eine botanische Verwechslung glauben und beginnt in der Vergangenheit von Nader zu wühlen. Dabei tritt sie dem vierundvierzigjährigen Quast oft zu nahe und erfährt schliesslich von aus dem Ruder gelaufenen Selbst-Forschungsprojekten. Auch Quast kann sich keinen unglücklichen Zufall als Ursache von Naders Tod vorstellen und hat den Eindruck, der Verstorbene habe ihm Delirium den Auftrag erteilt, seinen „Fall“ aufzuklären. Wer also hatte ein Interesse daran, Nader zu vergiften? Und warum?

Ein unterhaltsamer Krimi mit Münchner Lokalkolorit, der Einblick in den Klinikalltag gibt und mit zwei Fällen aufwartet – einem Mord und einem Wissenschaftsbetrug.  



Bettina Plecher: 
Giftgrün 
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2013